Autorinnen im literarischen Ghetto

Von Gisela Elsner

Obwohl die ernstzunehmenden Schriftstellerinnen in der Bundesrepublik Deutschland nicht mehr offen diskriminiert werden, läßt sich ihre Situation nach wie vor nicht als beneidenswert bezeichnen. Es ist ihnen nämlich noch immer nicht gelungen, sich innerhalb des von Männern beherrschten Kulturbetriebs die Geltung zu verschaffen, die ihnen eigentlich zukommen müßte. Dies soll nicht heißen, daß sie etwa totgeschwiegen würden. Im Gegenteil: Niemand kann bestreiten, daß ihre Bücher bei der bürgerlichen Literaturkritik Beachtung finden. Doch könnte die Art und Weise, in der diese Bücher beachtet und rezensiert zu werden pflegen, nicht fragwürdiger sein. Wenn man in den Feuilletons die Rezensionen der Neuerscheinungen liest, die bundesdeutsche Autorinnen verfaßt haben, wird man den Verdacht nicht los, daß viele männliche Kritiker Frauen, die einer schriftstellerischen Tätigkeit nachgehen, noch immer nicht für ganz normal zu halten scheinen. Entsprechend werden die Bücher von weiblichen Autoren nur höchst selten nach den kritischen Normen und nach den ästhetischen Kriterien bewertet, die männlichen Autoren gegenüber geltend gemacht werden. Vielmehr räumt man ihnen, so als wäre es unmöglich, sie nach den herkömmlichen kritischen Normen und ästhetischen Kriterien zu qualifizieren, mit einer verletzenden Generosität, wie den Auslassungen von Schizophrenen oder Triebverbrechern, eine Sonderstellung innerhalb der Literatur ein.
Bei der Bewertung eines Buchs, das ein weiblicher Autor verfaßt hat, spielt nämlich weniger die Frage eine Rolle, ob dieses Buch literarische Qualitäten aufweist und inhaltlich von Bedeutung ist. Ungleich viel wichtiger erscheint es namhaften Kritikern, ob das besagte Buch als weiblich zu bezeichnen ist oder nicht. Denn, daß eine Frau es gewagt hat, einer schriftstellerischen Tätigkeit nachzugehen, statt sich mit der traditionellen Rolle der schicksalsergebenen Hausfrau, der frustrierten Gattin, der aufopfernden Mutter oder des willfährigen Sexualobjekts zufriedenzugeben, wird ihr von der bürgerlichen Literaturkritik nur verziehen, wenn sie sich in ihren Büchern darauf beschränkt, ausschließlich Themen zu behandeln, die von den männlichen Kritikern als weibliche Themen betrachtet werden. Allerdings erwartet man von einer Autorin nicht allein, daß sie sich damit begnügt, über Kindheit, Liebe, Schwangerschaft, Erziehungsfragen, häusliche Sorgen, Familien- und Ehealltag zu schreiben. Man erwartet von ihr auch, daß sie bei der Behandlung der von männlichen Kritikern als weiblich betrachteten Themen Eigenschaften an den Tag legt, die ebenfalls von männlichen Kritikern als weiblich betrachtet werden. Wenn sie beim Schreiben nicht nur eine an Hysterie grenzende Sensibilität, sondern auch Emotionalität, Inkonsequenz und Irrationalität zeigt, werden ihr nicht wenige männliche Kritiker, befriedigt, daß ihre Vorurteile wieder einmal bestätigt wurden, symbolisch auf die Schulter klopfen. Will sie sie indes in Entzücken versetzen, so muß sie darüber hinaus in ihrem Buch das von männlichen Kritikern als weiblich betrachtete Unvermögen, logisch zu denken, und das von männlichen Kritikern ebenfalls als weiblich betrachtete Unvermögen, größere Zusammenhänge zu erfassen, zum Ausdruck bringen. Einige jüngere schreibende Feministinnen wie Verena Stefan haben hiermit in der Bundesrepublik hohe Auflagen erzielen können. Autorinnen, die nicht daran denken, sich so dümmlich und engstirnig zu stellen, wie es bei schreibenden Frauen gern gesehen wird, haben es sehr viel schwerer, sich Gehör zu verschaffen. Daß eine Schriftstellerin in ihren Büchern anhand einer bestechenden Gesellschaftskritik größere Zusammenhänge plausibel macht, bringt ihr, weil dies von namhaften männlichen Kritikern als Männersache – wenn überhaupt als Sache der Literatur – betrachtet wird, zumeist nur Tadel ein. Denn groteskerweise hängt nun einmal die Bewertung der Bücher eines weiblichen Autors von der Beantwortung der Frage ab, ob man es diesen Büchern anmerken kann, daß sie von einer Frau verfaßt worden sind oder nicht. Wenn männliche Kritiker bei der Lektüre eines Buchs, das von einem weiblichen Autor verfaßt worden ist, den Eindruck gewinnen, daß dieses Buch ebenso ein männlicher Autor geschrieben haben könnte, lasten sie der Autorin diesen Sachverhalt als ein schriftstellerisches Defizit an. Läßt sie kein gutes Haar an Neofaschisten, Grundstückspekulanten, Menschenschindern oder Kriegsgewinnlern, wirft man ihr Mitleidslosigkeit und Gefühlskälte vor. Weil sie nicht bereit ist, zumindest schreibend der traditionellen Rolle der Frau gerecht zu werden, die Mißstände wortlos zu dulden und die Kritik den Männern zu überlassen hat, unterstellt man ihr, daß sie ihr wahres Gesicht verberge, daß sie kein ehrliches Spiel treibe. Auch zieht man sich dadurch aus der Affäre, daß man, wie es schon des öfteren in der Bundesrepublik geschehen ist, eine derartige Schriftstellerin als „femme fatale“, als „Bestie“ oder als eine „Amazone mit dem bösen Blick“ bezeichnet. Man verleiht ihr mit einem Wort monströse Züge und suggeriert damit jedermann, daß ihre Existenz einer Gefährdung der Mitwelt gleichzusetzen sei. Nicht ihr Buch steht vorrangig zur Debatte, sondern ihre Person. Während man aus ihr ein unheilbringendes Wesen macht, das es nur der Menschlichkeit der Kritiker zu verdanken hat, daß es nicht wie im Mittelalter verfolgt und verbrannt wird, ordnet man ihre Bücher trotzdem ohne großes Federlesen der sogenannten Frauenliteratur zu, obwohl darin weder Themen behandelt werden, die von männlichen Kritikern als weiblich betrachtet werden, noch bei der Behandlung der von männlichen Kritikern als männlich betrachteten Themen Eigenschaften zum Ausdruck kommen, die von männlichen Kritikern ebenfalls als weiblich betrachtet werden.
Zwar bestreiten es männliche Kritiker nicht nur, daß es einer Herabsetzung gleichzusetzen sei, wenn sie das Buch einer Autorin trotz seiner literarischen Qualität nicht der Literatur, sondern der sogenannten Frauenliteratur zuordnen. Sie behaupten auch, daß die Bezeichnung Frauenliteratur, die im übrigen in der Mitte der siebziger Jahre bedingt durch die Publikationen einiger schreibender Feministinnen in der Bundesrepublik wieder entdeckt und verwendet wurde, heutzutage nicht mehr die negative Bedeutung habe wie zu Courths-Mahlers Zeiten, da sie zur Kennzeichnung der Trivialliteratur diente, die schreibende Frauen für lesende Frauen verfaßten. Ja, sie versuchen die Autorinnen, die die Zuordnung ihrer Bücher zur sogenannten Frauenliteratur als beleidigend empfinden, dadurch zu beschwichtigen, daß sie ihnen beteuern, die Bezeichnung Frauenliteratur beinhalte kein Werturteil: sie würde nur verwendet, weil sie den Sachverhalt klarstelle, daß es sich dabei um Literatur handle, die von Frauen verfaßt worden sei. Trotzdem bleibt der diskriminierende Charakter eklatant, der der Bezeichnung Frauenliteratur innewohnt. Um den Sachverhalt zu klären, daß ein Buch von einem weiblichen Autor verfaßt worden ist, braucht man es nämlich nicht der sogenannten Frauenliteratur zuzuordnen. Schon der weibliche Vorname einer Autorin, der auf jeden Buchumschlag gedruckt zu werden pflegt, weist ganz und gar unmißverständlich darauf hin, daß dieses Buch von keinem Mann verfaßt worden ist. Die Bezeichnung Frauenliteratur, die nur von den schreibenden Feministinnen akzeptiert wird, dient folglich nicht der Klärung von Sachverhalten, sondern ihrer Verschleierung. Mit ihrer Hilfe gelingt es namhaften Kritikern und Kritikerinnen, Bücher, die miteinander sprachlich und inhaltlich nichts gemein haben, über einen Kamm zu scheren, nur weil sie von Frauen verfaßt worden sind. Eine solche Etikettierung der unterschiedlichsten Bücher aufgrund der gemeinsamen biologischen Merkmale ihrer Verfasserinnen läßt sich weißgott nicht als ehrenvoll bezeichnen. Allen gegenteiligen Beteuerungen namhafter Kritiker zum Trotz ist und bleibt sie so diskriminierend wie die Bestrebungen, Lyrik von Schwarzen als sogenannte Negerlyrik und Witze von Juden als Jüdischen Witz unter rassistischen Aspekten auf einen Nenner zu bringen.
Daß dies so ist, verrät zudem die Tatsache, daß die Kritiker, die Bücher aufgrund der gemeinsamen biologischen Merkmale ihrer weiblichen Verfasser der Frauenliteratur zuordnen, weit davon entfernt sind, mit den Büchern von männlichen Verfassern ebenso zu verfahren. Obwohl männliche Verfasser nicht anders als ihre weiblichen Kollegen allesamt gleiche biologische Merkmale aufzuweisen haben, kommt kein Kritiker auf den Gedanken, ihre Bücher einer sogenannten Männerliteratur zuzuordnen. Der Vorschlag, die Werke von Dante, Shakespeare und Goethe als Männerliteratur zu bezeichnen, weil ihre Verfasser mit einem Penis ausgestattet waren, dürfte bei männlichen Autoren und Kritikern Empörung oder Gelächter hervorrufen, während es von ihnen als ganz normal empfunden wird, daß die Bücher von Frauen als Frauenliteratur bezeichnet werden, weil ihre Verfasserinnen mit Brüsten und einer Scheide ausgestattet sind.
Selbstverständlich wäre niemandem damit gedient, wenn die Literaturkritik künftig die Bücher von männlichen Autoren einer sogenannten Männerliteratur zuordnen würde. Selbstverständlich wäre auch niemandem damit gedient, wenn die Kritiker bei der Bewertung eines Buchs, das ein männlicher Autor verfaßt hat, künftig die Frage aufwerfen würden, ob das besagte Buch als männlich zu betrachten sei oder nicht. Allerdings wäre es dem Niveau der bundesdeutschen Kritik dienlich, wenn sie davon abkäme, in literarischen Werken von Frauen vorrangig einen Niederschlag unabänderlicher biologischer Gegebenheiten zu sehen. Stattdessen fahren einflußreiche Kritiker unermüdlich fort, Autorinnen, deren Bücher auch inmitten einer männlich dominierten Produktion den Vergleich mit den Büchern ihrer männlichen Kollegen nicht zu scheuen brauchen, durch die Zuordnung zur Frauenliteratur in das Lager der schreibenden Feministinnen abzuschieben, die es verstehen, sich dadurch in den Vordergrund zu spielen, daß sie mit ihren exzessiven Selbstenthüllungen den Leser zum Voyeur eines seelischen Striptease machen.
Diese schreibenden Feministinnen, die voller Hingabe Selbstbespiegelung treiben, ohne sich um die Arbeitslosigkeit, den Mietwucher, die Inflation oder das Wettrüsten zu kümmern, genießen von seiten der bundesdeutschen Literaturkritik eine Schonung wie sie aussterbenden Indianerstämmen gewährt zu werden pflegt. Der gönnerhafte Beifall, den man ihnen zollt, und die Nachsicht, die selbst bösartige Kritiker ihren Schwächen gegenüber zeigen, lassen sich zweifellos darauf zurückführen, daß diese schreibenden Feministinnen ausschließlich mit ihrer Selbstfindung und der Vervollkommnung einer sogenannten neuen Weiblichkeit beschäftigt sind, die sich allerdings von der alten, von Männern geprägten Vorstellung von Weiblichkeit verblüffend wenig unterscheidet. Daß sie ihre Probleme als individuelle Probleme betrachten, die keine gesellschaftlichen Ursachen haben, trägt ihnen Wohlwollen ein. Man weiß, daß von ihnen keine anklägerische Bestandsaufnahme der herrschenden Mißstände zu erwarten ist. Auch hat es sich herumgesprochen, daß sie nicht den spätkapitalistischen Verhältnissen, sondern einzig und allein den Männern, die sie dämonisieren, ohne zu bemerken, daß die Mehrzahl von ihnen wie die Mehrzahl der Frauen ausgebeutet und unterdrückt wird, die Schuld für die allgemeine Misere zuschieben. Daß ihre bekenntnishaften Emanzipationsromane, die das gesamte männliche Geschlecht verdammen und im allgemeinen mit einer Scheidung und mit einer Solidarisierung mit Gleichgeschlechtlichen zu enden pflegen, zumeist autobiographisch sind, wird von männlichen Kritikern, die es genießen, Voyeure bei einem seelischen Striptease zu sein, als reizvoll empfunden. In einer eigenartigen Geringschätzung der Phantasie, die die Wirklichkeit in bezug auf Glaubwürdigkeit oft zu überrunden vermag, heben sie lobend hervor, daß diese Romane autobiographisch sind, als wäre dies ein literarischer Maßstab. Das Ziel vieler schreibender Feministinnen, nämlich die Zerstörung der Männergesellschaft durch eine weibliche Alternativkultur zu bewerkstelligen, erscheint zu wirklichkeitsfremd, als daß sich männliche Kritiker die Mühe machten, die Aussichtslosigkeit eines solchen Unterfangens auch nur am Rande zu erörtern. Obwohl viele bundesdeutsche Feministinnen das Schreiben eingestandenermaßen zunächst nur zur Selbsttherapie betrieben haben, lassen sie sich durch den Erfolg ihrer ersten Bücher nicht nur dazu verleiten, den Buchmarkt mit weiteren autobiographischen Bekenntnissen zu überschwemmen. Berauscht von der Resonanz, die ihre Bücher fanden, und von den Auflagenhöhen, die sie erzielten, entblöden sie sich nicht, neuerdings von einer weiblichen Ästhetik zu reden, ohne sich darum zu scheren, daß das ästhetische Verhältnis zur Welt bekanntlich nicht biologisch, sondern historisch bestimmt und durch die Interessen der jeweils herrschenden Klassen und Schichten bedingt ist.
Es versteht sich von selbst, daß die Bezeichnung: weibliche Ästhetik, obwohl sie von seiten der geschäftstüchtigen, schreibenden Feministinnen keineswegs genauer definiert worden ist, von der männlichen Literaturkritik begeistert übernommen wurde. Zwar herrscht nach wie vor Unklarheit darüber, worum es sich bei der sogenannten weiblichen Ästhetik handelt. Doch wird dieser Begriff neuerdings überall zur Debatte gestellt, wo von schreibenden Feministinnen oder von Schriftstellerinnen die Rede ist. Während schreibende bundesdeutsche Feministinnen die Diskussion über eine weibliche Ästhetik als einen Fortschritt betrachten, sträuben sich viele bundesdeutsche Schriftstellerinnen mit Händen und Füßen dagegen, daß man sie mit Hilfe dieses Begriffs in das Ghetto zu drängen versucht, in das sich die schreibenden Feministinnen in ihrem Männerhass freiwillig zurückgezogen haben.
Allerdings wäre es ein Fehler, wenn man den Einfluß der schreibenden Feministinnen überschätzen würde. Schon lange bevor, bedingt durch ihre Publikationen, die Bezeichnungen Frauenliteratur und weibliche Ästhetik in Mode kamen, wurden die Bücher von Autorinnen von der bürgerlichen Literaturkritik im wesentlichen unter den gleichen Gesichtspunkten bewertet wie in den letzten Jahren. Seit dem Bestehen der Bundesrepublik mühen sich einflußreiche Kritiker und Kritikerinnen, die Bücher weiblicher Verfasser von den Büchern männlicher Verfasser abzugrenzen, indem sie bei der Bewertung der ersteren die kritischen Normen und die ästhetischen Kriterien weitgehend außer Kraft setzen, die sie bei der Beurteilung der letzteren geltend machen oder mindestens geltend zu machen vorgeben. Während bei der Bewertung von Büchern, die männliche Verfasser geschrieben haben, kein Wort darüber verloren wird, daß sie von Männern geschrieben worden sind, legen namhafte Kritiker bei der Bewertung von Büchern, die weibliche Verfasser geschrieben haben, ihren ganzen Stolz darein, Wesenszüge und Denkweisen aufzuspüren, die schon ihre Väter, Großväter und Urgroßväter als weiblich betrachtet und mitleidig belächelt haben. So führt ein Kritiker, der die Gedichte von Ingeborg Bachmann positiv beurteilt, aber ihren Erzählungen und Romanen Geschwätzigkeit und Unklarheit anlastet, dies auf die Weiblichkeit der Autorin zurück und leistet damit dem unter bundesdeutschen Kritikern verbreiteten Vorurteil Vorschub, daß eine den Frauen seit altersher zugeschriebene Gefühlsbetontheit weibliche Verfasser zwar einerseits zu einer lyrischen Ausdruckskraft befähige, sie aber andererseits daran hindere, größere Zusammenhänge zu erfassen und darzustellen.
Doch nicht nur in den negativen Rezensionen der Bücher von weiblichen Verfassern kommt die bodenlose Unsachlichkeit nicht weniger bundesdeutscher Kritiker zum Ausdruck, denen es ganz offensichtlich gefällt, Frauen bis in alle Ewigkeit in den Fängen des sogenannten ewig Weiblichen zu sehen. Ebenso unsachlich sind die positiven Rezensionen der Bücher von weiblichen Verfassern. Hier werden Autorinnen, die man nicht verreißen kann, ohne sich eine Blöße zu geben, häufig wegen Vorzügen gelobt, die sich als menschliche, aber nicht als literarische Qualitäten betrachten lassen. So schreibt ein bundesdeutscher Starkritiker über Marie Luise Kaschnitz: „Die Dichtung der Marie Luise Kaschnitz zeichnet sich durch kammermusikalische Intimität aus. Die beiden Stichworte lauten: Erbarmen und Diskretion.“
Intimität, Erbarmen und Diskretion sind Bezeichnungen, die eines gemein haben: nämlich, daß sie für die Literaturgeschichte bedeutungslos sind. Deshalb ist es ohne Zweifel auf eine heuchlerische Weise herabsetzend, einer Schriftstellerin zuzugestehen, sie erreiche, indem sie dichte, das gleiche wie eine Bordellmutter, die in ihrem Etablissement für eine schummrige Beleuchtung sorgt: nämlich Intimität. Ohne Zweifel ist es ebenfalls auf eine heuchlerische Weise herabsetzend, als Stichwort zum Verständnis einer Schriftstellerin die Bezeichnung für eine Verhaltensweise zu nennen, durch die sich Bankiers, Aufsichtsräte, Konzernherrn und andere Repräsentanten der gehobenen Schichten von den Repräsentanten der unteren Schichten zu unterscheiden trachten: nämlich durch Diskretion. Trotzdem pflichtet eine Kritikerin voller Beflissenheit dem besagten Starkritiker bei. In einem Aufsatz über Marie Luise Kaschnitz hebt sie nicht allein die Diskretion dieser Autorin hervor. Sie schreibt obendrein über Marie Luise Kaschnitz: „Sie war, wie manche ihrer Laudatoren zu recht betonen, eine Dame.“
Daß ein solcher Satz unter der Hand die Bücher dieser Autorin entwertet, liegt auf der Hand. Indem man Marie Luise Kaschnitz eine Dame nennt, degradiert man ihre schriftstellerische Tätigkeit zur Freizeitgestaltung einer musisch begabten, gebildeten Frau, der gute Manieren wichtiger sind als treffende Formulierungen.
Andere Schriftstellerinnen werden nicht als Damen oder aber als Bestien oder als Amazonen mit dem bösen Blick bezeichnet. Dafür stempelt man sie zu Epigoninnen, die dazu verurteilt sind, ihr literarisches Dasein im Schatten eines berühmten männlichen Autors zu fristen. So wurde es von Anfang an als das Markenzeichen von Ilse Aichinger betrachtet, daß sie als Kafka-Epigonin galt. Weil ihr dieser Ruf anhaftet, findet es die bürgerliche Literaturkritik, die sich redlich abrackert und in Schweiß zu geraten pflegt, wenn es um die Deutung der dunklen Metaphern geht, mit deren Hilfe sich männliche Autoren den Rang von Dichtern erwerben, nicht der Mühe Wert, den Sinn der Metaphern von Ilse Aichinger zu ergründen. Vielmehr lautet eines der kritischen Urteile über diese Autorin: „Es gehört zum Wesen der Chiffre, daß sie mögliche Dechiffrierungen zuläßt. So könnte man denn auch Ilse Aichinger an dieser oder jener Stelle auf ein real Gemeintes festlegen. Aber dann täte man der Dichtung Gewalt an. Die Chiffre dieses Buches teilt jedem Wort eine Vielzahl von Dechiffrierungsmöglichkeiten mit und läßt es gerade dadurch im Bereich des Ungewissen.“
Daß man davon Abstand nimmt, die Aussage dieser Autorin zu entschlüsseln, verrät, daß die Literaturkritik sie wie viele andere Autorinnen nicht für originell genug hält, um etwas Gewichtiges zur Erklärung der Welt beizutragen. Ohnehin ist den Äußerungen nicht weniger bundesdeutscher Kritiker und Kritikerinnen zu entnehmen, daß sie weit davon entfernt sind, Originalität zu den Wesenszügen zu zählen, die sie als weiblich betrachten. Originalität, Objektivität, Sachlichkeit, die Fähigkeit, logisch zu denken, die Fähigkeit, größere Zusammenhänge zu erfassen, sowie die Souveränität, die durch Witz, Satire und Ironie zum Ausdruck kommt, werden ausschließlich für männliche Eigenschaften gehalten. Wenn schreibende Frauen solche Eigenschaften zeigen, werden sie, wie gesagt, als Monstren hingestellt. Den schreibenden Frauen, die nicht als Monstren hingestellt werden, trauen die männlichen Kritiker so wenig schriftstellerische Begabung zu, daß sie stets in Erstaunen geraten, wenn Autorinnen das primitivste schriftstellerische Handwerk beherrschen. So drückt in einem unlängst erschienenen Buch über die neue Literatur der Frauen ein Kritiker beispielsweise seine Verwunderung darüber aus, daß eine Schriftstellerin in ihrem Roman statt einer weiblichen Ich-Erzählerin einen männlichen Ich-Erzähler eingeführt hat. Während man es nämlich als selbstverständlich empfindet, daß in den Romanen männlicher Autoren oft genug weibliche Hauptfiguren auftreten, macht man viel Aufhebens darum, daß weibliche Autoren ebenfalls imstande sind, männliche Hauptfiguren glaubwürdig zu gestalten. Man fragt sich, wo es wohl herrühren könnte, daß es weiblichen Autoren gelingt, sich mit männlichen Hauptfiguren dermaßen zu identifizieren, daß sie genauso lebensnah wirken wie die weiblichen Hauptfiguren männlicher Autoren. So schreibt ein Kritiker beispielsweise über Gabriele Wohmann: „In der Fähigkeit dieser Schriftstellerin, die Gefühls- und Denkwelt eines so organisierten Mannes derart in sich aufzunehmen, daß sie seine Rolle fehlerfrei nachfühlen und in der Darstellung objektivieren kann, erweist sich Gabriele Wohmann als genuin weibliche Autorin: durch ihre Sensibilität für den kleiner gewordenen Unterschied.“
Es ist verblüffend, daß dieser Kritiker in seinem Bestreben, eine Autorin mit Hilfe ihres Buchs der Weiblichkeit zu überführen, deren Fähigkeit, unter die Haut eines Repräsentanten des anderen Geschlechts zu schlüpfen, als weiblich bezeichnet, obwohl es jedem, der in der Geschichte der Weltliteratur ein wenig bewandert ist, bekannt sein dürfte, daß es nicht etwa weibliche, sondern vorrangig männliche Autoren sind, die seit Jahrhunderten die Fähigkeit zeigen, unter die Haut der Repräsentanten des anderen Geschlechts zu schlüpfen. Während man es, wie gesagt, für selbstverständlich hält, daß männliche Autoren imstande sind, sich mit weiblichen Helden zu identifizieren, bereitet es der bürgerlichen Literaturkritik Kopfzerbrechen, daß weibliche Autoren dasselbe mit männlichen Helden tun. Man findet es auf jeden Fall angemessener, wenn Autorinnen es nicht riskieren, in ihren Romanen männliche Hauptfiguren handeln, reden und denken zu lassen. So lobt eine Kritikerin beispielsweise eine Autorin, weil sie sich hiervor hütet: „Annemarie Weber fühlt sich, könnte man sagen, verantwortlich für die Authentizität ihrer Figuren, und diese Verantwortung kann sie eher für ihre weiblichen als für ihre männlichen Protagonisten übernehmen.“ Eine andere Kritikerin betrachtet es nicht als verantwortungslos, wenn weibliche Autoren männliche Hauptfiguren in ihre Romane einführen. Sie sieht darin überraschenderweise nichts anderes als einen Akt der Emanzipation. Denn sie schreibt über Anna Seghers, deren Hauptfiguren oft Männer sind: „Sie identifizierte sich sehr häufig mit der geläufigen Identifikationsfigur, dem Mann. Hier schlug das Pendel in einer Richtung aus. Eine Frau hat die Gleichberechtigung gefunden, indem sie den Mann reden läßt, als wäre er ein Stück von ihr.“
Diese Interpretation, die es als einen Akt der Emanzipation feiert, daß eine Autorin es wagt, männliche Hauptfiguren darzustellen, verrät, wie reaktionär die bürgerliche Literaturkritik in der Bundesrepublik zumal bei der Beurteilung der von Frauen verfaßten Bücher ist. Nach wie vor wird bei den Büchern von Autorinnen nicht die literarische Qualität gelobt oder ein Mangel an literarischer Qualität getadelt. Wichtiger als literarische Qualitäten oder der Mangel an literarischen Qualitäten erscheint namhaften Kritikern und Kritikerinnen bei der Beurteilung der Bücher von weiblichen Autoren die Beantwortung der Frage, ob deren Verfasserinnen schreibend der dem weiblichen Geschlecht vom männlichen Geschlecht auferlegten Rolle der Frau gerecht geworden sind. Gelobt und getadelt werden Autorinnen vorrangig im Hinblick darauf, ob sie gegen die ungeschriebenen Gesetze, die in dem von Männern beherrschten Kulturbetrieb schreibenden Frauen gegenüber geltend gemacht werden, verstoßen haben oder nicht. So wird beispielsweise Ingeborg Drewitz, weil sie gegen das ungeschriebene Gesetz verstoßen hat, daß es weiblichen Autoren nahelegt, die Darstellung gesellschaftlicher Mißstände aus ihren Büchern auszuklammern, von einflußreichen Kritikern nicht als Schriftstellerin, sondern als Sozialreporterin bezeichnet. Umgekehrt werden die Gedichte von Hilde Domin positiv beurteilt, weil diese Autorin, obwohl sie von den Nationalsozialisten verfolgt wurde, nicht gegen das ungeschriebene Gesetz verstoßen hat, das Schriftstellerinnen verbietet, politische Gedichte zu verfassen. Eine Kritikerin schreibt über sie: „Ein politischer Mann durch und durch, ließ sie sich nicht auf Lyrik als politische Pflichtübung programmieren.“ Umgekehrt wird es Angelika Mechtel angelastet, daß sie allen ungeschriebenen Gesetzen zum Trotz die Politik aus ihren Büchern nicht ausgeklammert hat. Ein kritisches Urteil über sie lautet: „Der selbst auferlegte Zwang, didaktisch-politisch wirken zu wollen, beeinträchtigte die ästhetische Ausdruckskraft.“ Einer anderen Autorin wird geraten, den ungeschriebenen Gesetzen dadurch Rechnung zu tragen, daß sie ihre intellektuellen Fähigkeiten zugunsten einer als weiblich betrachteten Subjektivität vernachlässigt. Eine Kritikerin meint: „Aber in dem Augenblick, in dem Gerlind Reinshagen die nur intellektuell entwickelte Programmatik aufbricht und zur subjektiven Erfahrung Mut hat, wird sie frei zur Menschengestaltung … mitmenschliche Wärme schlägt wieder durch, Leidensfähigkeit und Lust am Leben werden wieder spürbar …“ Einer weiteren Autorin wird zugutegehalten, daß sie statt größerer Zusammenhänge, die Frauen den ungeschriebenen Gesetzen zufolge nicht zu erfassen versuchen sollen, Einzelbeobachtungen schildert: „Doch finden wir schon im ersten Buch … das Aufschnappen winziger Gesten, Worte, Blicke, denen ein Schlüsselsinn zukommt – ein Talent, das ebenso vornehmlich Frauen zugesprochen werden kann wie die damit verbundene Gabe, das Durchschaute nicht der kalten Ironie auszuliefern, sondern so zu benennen, daß noch irgendeine Form von Einverständnis erkennbar bleibt.“ Solche kritischen Urteile, die von schreibenden Frauen eine apolitische Haltung, ein Ignorieren der herrschenden Mißstände und eine Vernachlässigung ihrer intellektuellen Fähigkeiten zugunsten einer mitmenschlichen Wärme, einer Leidensfähigkeit und einem Einverständnis um jeden Preis fordern, demonstrieren, daß es im bundesdeutschen Kulturbetrieb ebensowenig Gleichberechtigung gibt wie in der bundesdeutschen Industrie. Mit den ungeschriebenen Gesetzen, die es schreibenden Frauen nahelegen, im Hinblick auf Politik und Gesellschaftskritik Abstinenz zu üben, die es schreibenden Frauen nahelegen, statt größerer Zusammenhänge lediglich winzige Beobachtungen zu schildern, die es schreibenden Frauen nahelegen, statt Widerspruch und Protest Einverständnis zu zeigen, versucht man, Autorinnen mundtot zu machen. Nicht wenige Schriftstellerinnen sind noch immer weit davon entfernt, gegen diese ungeschriebenen Gesetze zu verstoßen. Ohne sich offensichtlich dessen bewußt zu sein, daß sie, indem sie den Vorurteilen mancher Kritiker neue Nahrung geben, ihren Kolleginnen in den Rücken fallen, gebärden sie sich beim Schreiben so, als wären auch sie überzeugt davon, daß Subjektivität, Irrationalität, Inkonsequenz, mitmenschliche Wärme, Leidensfähigkeit und die Fähigkeit, mit allem Einverständnis zu zeigen, schriftstellerische Qualitäten seien.
Man belohnt sie dadurch für ihre Gefügigkeit, daß man sie als Exponentinnen der Frauenliteratur häufiger zu Worte kommen läßt als ihre Kolleginnen. Trotzdem spielen sie nicht anders als die Autorinnen, die man ebenfalls der Frauenliteratur zuordnet, obwohl in ihren Büchern außer ihrem weiblichen Vornamen nichts darauf hinweist, daß diese Bücher von Frauen verfaßt worden sind, die Rolle von Außenseitern, die immer dann hinzugezogen werden, wenn eine federführende Persönlichkeit die Liberalität und Fortschrittlichkeit des Kulturbetriebs demonstrieren will. Ansonsten reißt man sich nicht um sie. In den Inhaltsverzeichnissen von Anthologien und Lesebüchern sind nach wie vor sehr viel weniger weibliche Namen zu lesen als männliche. Bei literarischen Großveranstaltungen ist die Anzahl der weiblichen Teilnehmer sehr viel niedriger als die Anzahl der männlichen Teilnehmer. Auch bei Rundfunk- oder Fernsehdiskussionen kommen bei weitem nicht so viele weibliche Verfasser zu Wort wie männliche. Zumeist hat das Hinzuziehen von Frauen die Funktion eines Alibis. Sie werden hauptsächlich eingeladen, damit man den Veranstaltern nicht das Fehlen weiblicher Teilnehmer zum Vorwurf machen kann. Sowie die Tatsache, daß es in den USA ein Schwarzer bis zum Bürgermeister gebracht hat, von reaktionären Politikern als ein Beweis dafür bezeichnet wird, daß die schwarze Minderheit in Amerika nicht unterdrückt wird, dient die Tatsache, daß hin und wieder ein weiblicher Autor mit einem Literaturpreis ausgezeichnet wird, in dem von Männern dominierten Kulturbetrieb der Bundesrepublik als Beweis dafür, daß Schriftstellerinnen in diesem Land nicht diskriminiert werden. Viele deutsche Schriftstellerinnen sind diesbezüglich anderer Ansicht. Solange ihre Bücher einer sogenannten Frauenliteratur und nicht der Literatur zugeordnet werden, solange sie nicht nach den üblichen kritischen Normen und ästhetischen Kriterien, sondern im Hinblick auf das bewertet werden, was von Männern als weiblich betrachtet wird, fühlen sie sich aufgrund ihrer biologischen Merkmale in ein Ghetto gedrängt, wo sie nicht anerkannt, sondern lediglich geduldet werden.

Auszug aus „Im literarischen Ghetto. Kritische Schriften 2“ von Gisela Elsner, herausgegeben von Christine Künzel

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