Im Paradies

Von Egon Neuhaus

Der Bunker stand wie für 1.000 Jahre hingegossen. War er doch ein Bauwerk aus dem Reich, das 1.000 Jahre halten sollte. Ein großer würfelförmiger Betonklotz, dessen einzige Zierde ein die beiden Eingänge überdachender Vorbau war. Das ganze sah aus wie ein Mausoleum. An der Außenwand des Bunkers hatte ein Witzbold mit roter Fußbodenfarbe das schöne Wort „Paradies“ hingeschrieben.
Der Raum, den ich bezog, war 12 Quadratmeter groß. Seine Einrichtung bestand aus einem Strohsack, der auf dem Betonboden lag und einem zerbeulten Wehrmachtsblechspind. Trotzdem fühlte ich mich überglücklich. War ich doch im doppelten Sinne des Wortes aufgestiegen. Vom herumstreunenden Penner zum Bauhilfsarbeiter der Firma Reppel und dazu noch von einem Tiefbunker in einen Hochbunker. Nun war ich wieder wer und hatte eine richtige Postadresse. Wer außerhalb der Deusenerstraße wußte schon, daß die Nr. 68 ein scheußlicher Luftschutzbunker war. In die meterdicken Außenwände waren schmale Fenster gesprengt worden. Nur die zwei unteren Stockwerke waren zum Wohnen hergerichtet, die zwei oberen waren in vergammeltem Zustand. Dort gab es kein Wasser, kein Licht und keine Fenster. Es gab dort nur die schmalen Schlitze der einstigen Entlüftungsanlage. Zudem jede Menge Unrat, der wahrscheinlich aus halb Deusen stammte.
Zur Arbeit hatte ich einen weiten Weg. Die erste Baustelle, auf der ich mich rumtummeln durfte, war ausgerechnet das Justizgebäude der Stadt Dortmund. Es war in seinen oberen Teilen von Bomben beschädigt worden. Zu dieser Zeit mußten wir noch Steine und Mörtel, in der Maurersprache Speis, auf der Schulter über Leitern hochtragen. Baumaschinen gab es nicht, die waren von Hitlers Lieblingsminister Albert Speer, dem Spezialist für Bewaffnung und Munition, nach Frankreich transportiert worden, um dort den Atlantikwall zu errichten. Dort standen sie noch herum. Die Maurer aber schrien immer „Speis–Speis–Steine–Steine!“ In der Mittagspause machten sie uns klar, daß ein guter Handlanger mit 40 Jahren kaputt sein müßte. Die schlauen Maurer mußten das irgendwann mal mit Lot und Wasserwaage ausgerechnet haben. Ich begann zu rechnen und stellte fest, das ich nur noch wenige Jahre Zeit hatte, um ein kaputter Handlanger zu werden.
Von meiner ersten Löhnung kaufte ich ein eisernes Bettgestell – bei einem Schrotthändler, der dafür exakt nach Gewicht vier Mark und 50 Pfennig verlangte. Die Decke und die Wände strich ich mit blaßblau getöntem Kalk. Dafür mußte ich lediglich ein Tütchen Pulverfarbe kaufen und ein Päckchen Tapetenkleister, damit man sich an die Wände auch anlehnen konnte, ohne das der Anstrich abfärbte. Für die Decke konnte ich den Tapetenkleister sparen, wer lehnt sich schon an eine Zimmerdecke? Den Kalk für den Anstrich brachte ich von der Baustelle mit. Der Anstrich war auch schon deshalb notwendig, weil sich an den Wänden so ein dunkelrotes, gesprenkeltes Muster von plattgedrückten Wanzen gebildet hatte. Langsam wurde es wohnlich in meiner Betonzelle. Von jeder Löhnung investierte ich nun ein paar Mark in „Schöner Wohnen“.
Außerhalb von Dortmund-Deusen ging das Leben und Sterben weiter. Der Alt-Nazi-Freund Fritz Thyssen verlor durch einen Spruchkammerspruch 20 Prozent seines sagenhaften Vermögens. Der Mann war immerhin einer derer, die Hitler schon in seiner Frühzeit finanzierten, von Hitler selbst gerne Kampfzeit genannt. Zeitweilig war Thyssen auch Parteigenosse. Desweiteren hatte die Sowjetunion am 2. Oktober 1948 in der UNO vorgeschlagen, die Atomwaffen zu vernichten und eine internationale Kontrollkommission zu bilden. Am 18. Oktober 1948 starb Walther von Brauchitsch, jener Generalfeldmarschall, dessen Tagesbefehl vom 25. Juni 1940 ich jahrelang in meinem Soldbuch herumgeschleppt hatte, weil es genau der Tag meines 18. Geburtstags war. Die meisten Generäle sterben einen für sie typischen Tod, sie sterben im Bett an Altersschwäche. Am 20. Oktober 1948 lehnte die USA-hörige UNO den Antrag der Sowjetunion zur Zerstörung der Atomwaffen ab.
Die Zeit verging nun viel schneller als im Knast. Wir flickten teilzerbombte Häuser wieder zusammen, zogen Sozialwohnungen für Vertriebene und Villen für die Besserverdienenden hoch. Reichlich Überstunden fielen an. Die Jüngeren mußten oft nach sechs Uhr noch dableiben und Zwischendecken betonieren. Ich war fast immer dabei, ob ich wollte oder nicht. Wenn der Polier die Leute aussuchte, gab es schon mal ein Drama. Da flehte zum Beispiel ein älterer Kollege: „Meister nehmen mich – ich haben sieben Kinder!“ Der war aus Oberschlesien und schon etwas wackelig auf den Beinen. Der Polier wollte jedoch seine Decken fertigkriegen und brauchte Leute, die noch ranklotzen konnten. Er nahm keine Rücksicht auf die angeblichen sieben Kinder und schickte ihn mit seinen wackeligen Beinen nach Hause. Überstunden waren deshalb beliebt, weil es durch Regen, Schnee und Frost viel Ausfall gab. Schlechtwettergeld gab es noch nicht. Der Normalstundenlohn für Handlanger war eine Mark und 20 Pfennig.
Im Februar, wir schrieben inzwischen das Jahr 1949, stand in der Zeitung, daß die württembergische Entnazifizierungsbehörde das Urteil von acht Jahren Arbeitslager gegen Hitlers großen Finanzzauberer Hjalmar Schacht wieder aufgehoben hatte. Der Mann war immerhin der Erfinder des Mefo-Wechsels, einem Schwindel-Geld, das der Aufrüstung diente. Ich rechnete damit, daß bald alle Generäle und Wehrwirtschaftsführer wieder in Freiheit sein würden und daß die Gesellschaft auf dem besten Weg zu einem Halbfaschismus ohne Hitler und Hakenkreuz sei. Davon, wie sich dieses Restdeutschland mit seinen dubiosen Spruchkammerurteilen entwickeln würde, hing doch auch meine persönliche Zukunft ab. Und ein Stückchen Zukunft glaubte ich noch vor mir zu haben. Allerdings war ich bereits fest entschlossen, keine Familie mit Kindersegen zu gründen, von dem unser Klassenlehrer Simbach nur so hätte schwärmen können. Längst hatte ich begriffen, daß sich in einer Gesellschaft mit Eigentum und Erbrecht nicht nur Wohlhabenheit und Reichtum vererbt, sondern auch Armut und Elend.
Anfang März stand in der Zeitung, daß zum ersten Mal ein Nonstopflug um die Erde geklappt hatte, einem US B-50-Bomber war das Kunststück gelungen. Am 25. März war der Preußen-Prinz August Wilhelm, Prinz Auwi genannt, gestorben. Er war NSDAP-Mitglied und fühlte sich in der „Arbeiterpartei“ eines Adolf Hitler sauwohl. Sein Beruf war, laut Todesanzeige, Oberst a la suite a.D. Er hatte viel dazu beigetragen, daß sich weitere Blaublütige und konservative Militärs in Hitlers Arbeiterpartei wohlfühlten wie die Sau auf dem Misthaufen.
Wenn ich mit einigen meiner Kollegen von der Firma Reppel nach Hause fuhr, kamen wir uns wie Parias vor. Wir setzten uns nie in der Straßenbahn, sondern blieben hinten stehen. Da war das Gedränge immer sehr dicht und unsere vom Mörtel bekleckerten Hosen fielen kaum auf. Wir zogen uns bei der Arbeit nicht um, denn wir hatten noch keinen Bauwagen. Und unsere Sonntagnachmittagsausgehhosen wollten wir nicht dem Zementstaub aussetzen. Wir hatten auch noch keine transportablen Scheißhäuschen, und wenn einer dringend mußte, schiß er in eine der vielen Bauruinen, die der Krieg hinterlassen hatte.
Wenn wir auf unserer täglichen Fahrt durch die Mallinkrodtstraße und durch die Westfaliastraße nach Hause fuhren, sah rechts und links alles nach Arbeit aus. Industrieanlagen, Bahnanlagen, Hafenanlagen und am Horizont die Fördertürme. Kohlenpott pur. Dort, wo die Straßenbahn nach Dortmund-Huckarde abbog, mußten wir aussteigen. Dann latschten wir nur noch über einen Feldweg und kamen direkt bei unserem Bunker an. Eines morgens klebten an seiner Betonwand zwei Plakate, die einen gewissen Konrad Adenauer zeigten. Die kratzten wir sofort wieder ab. Von dem wollten wir uns unser Paradies nicht verschandeln lassen.
Die Arbeiterparteien waren unter ihren alten Namen SPD und KPD zur ersten Bundestagswahl angetreten. Das konnten die Bürgerlichen mit ihren ramponierten Namen nicht. Hatten sie doch 1933 allesamt Hitlers Ermächtigungsgesetz zugestimmt, damit er die Arbeiterorganisationen zerschlagen und die Konzentrationslager errichten konnte. In die dann Kommunisten und Sozialdemokraten eingeliefert wurden.
Da war die FDP um den Theodor Heuss. Die nannte sich in der Weimarer Zeit Deutsche Demokratische Partei. Sie erhielt 1919 beachtliche 18,5% und schrumpfte bis 1932 auf lächerliche 0,95% zusammen, obwohl sie sich 1930 mit dem agrarfaschistischen Jungdeutschen Orden zusammenschloß. Ihre Mitglieder und Wähler waren in Scharen zu Adolf Hitler übergelaufen. Die Katholikenparteien verfielen auf einen Trick und nahmen das Jesuskindlein in ihr Firmenschild auf. Sie nannten sich Christlich Demokratische Union. In Bayern sogar Christlich-Soziale Union. Schon zur Weimarer Zeit war der Vorläufer, die Bayerische Volkspartei, reaktionärer gewesen als das Zentrum in den übrigen Ländern. Beide Unions-Parteien, die bis 1933 rein katholisch waren und nur dem Papst gehorchen wollten, nahmen auch konservative Evangelische in ihren Reihen auf.
Die neuen Bürgerlichen schmierten den Wählern viel sozialen Honig ums Maul. Fast hatte es den Anschein, als wollten sie die KPD links überholen. Selbst da wo Deutschland traditionell am dunkelsten war. Im oberbayrischen Wahlkreis Weilheim kandidierte ein Exoberleutnant Strauß für die CSU. Der sagte überall: „Wer noch einmal ein Gewehr in die Hand nehmen will, dem soll die Hand abfaulen!“ Er spielte sich als Vertreter der Frontgeneration auf und viele, die vom Schießen die Schnauze voll hatten, wählten diesen Franz Josef Strauß in den Bundestag.
Nachdem sich in Bonn eine konservative Regierung gebildet hatte, machte in Dortmund die Firma Reppel Pleite. Es war ein sogenannter gesunder Konkurs. Die Villa und den neuen Mercedes hatte Reppel auf den Namen seiner Frau übertragen lassen und so aus der Konkursmasse gerettet. Meine Kollegen und ich konnten unsere letzte Löhnung in den Schornstein schreiben. Beiträge für die Krankenkasse und die Rentenversicherung hatte Reppel schon zwei Monate lang nicht mehr bezahlt. Auch die Pacht für den Bunker in Deusen schon längere Zeit nicht.
Einige zogen aus dem Bunker aus. Die meisten aber blieben. Ich auch. Wir bekamen alle einen neuen Mietvertrag mit der Bundesvermögensstelle. So nannte sich die Behörde, die Hitlers Konkursmasse verwaltete. Die Miete war erstaunlich niedrig – wir konnten uns ausrechnen, was der Reppel am Paradies so nebenbei noch verdient hatte. Doch der saß nun in einer neu gebauten Villa, an der ich mitgeschuftet hatte. Die Leute, die nun in unser Paradies einzogen, waren sozial schwach, einige zogen illegal ein.
Lange brauchte ich nicht wegen einer neuen Arbeit herumzulaufen. Ich stand besser da, da ich seßhaft war und ordentliche Papiere besaß, nicht nur einen Entlassungsschein aus dem Knast. Die Firma, bei der ich landete, war mit Regulierungsarbeiten an der Emscher beschäftigt. Wieder machte ich den Handlanger. Nur brauchte ich jetzt nichts mehr auf der Schulter zu tragen und hoch oben auf Gerüsten herumzuturnen.
Die Arbeit verlief so: Pflasterer standen mit Gummistiefelhosen in der Emscher und legten das Flußbett mit flachen Bruchsteinen aus. Diese Steine, die gar nicht so leicht waren, mußte ich mit noch einem Kollegen über einen Schienenstrang auf flachen Loren den im Flußbett stehenden Pflasterern zuführen. Mein Kollege war auch so eine halbe Portion. Er war sogar noch spinnewippiger als ich. Die meiste Zeit war er unterwegs, um für die Pflasterer Brot, Wurst und Bier zu holen. Da er immer die Hälfte vergaß, mußte er mehrmals laufen. Trudelte er bei mir an der Aufladestelle ein, mußte er sich erst mal auf eine Lore setzen und von seinen Strapazen ausruhen. Wenn er dann endlich mit anfaßte, suchte er sich die kleineren Steine aus. Die waren ja unterschiedlich groß.
An den Stiefelhosen der Pflasterer schwammen unaufhörlich braune, wurstförmige Stücke vorbei. Das war die Scheiße aus Dortmund. In geringerer Anzahl schwammen gefüllte und zugeknotete Pariser vorbei. Die schwammen höher als die Scheiße. Die Emscher war eigentlich ein Abwasserkanal.
Im Paradies sah ich mir die Neuen an, die nach der Pleite der Firma Reppel eingezogen waren. Das war eine bunte Gesellschaft. Darunter eine schwergewichtige Witwe aus Pommern mit fünf Töchtern. Davon drei im knackigen Alter und ein Küken, das noch zu jung war. Bei der Ältesten, die verheiratet war, ging schon der Lack ab. Sie war schon fast so breit wie die Mama und hatte zwei Kinder von unbekannten Vätern. Unter den Männern befanden sich zwei Vollalkoholiker. Von denen der eine Pocken-Ede und der andere Stotter-Willi genannt wurden. Die hatten sich in einem der kleinen Räume illegal einquartiert und pißten da fleißig in ihre Strohsäcke. Das konnte man bis auf den Flur riechen. Dann gab es noch den Fred Schienemann, „der Lange“ genannt. Er war fast zwei Meter hoch, hatte breite Schultern und Pranken wie Sandschaufeln. Wo die hinschlugen, da wuchs kein Gras mehr.
Nur eine kleiner Teil der Paradies-Bewohner verkaufte ihre Arbeitskraft an Unternehmer. Die meisten waren selbständige Goldgräber. Sie buddelten auf den Kippen nach Schrott und Kohlen. Das Gelände um Deusen herum war mit Kippen vollgepflastert. Da kippten zwei Zechen ihren Abraum hin, die Stadt ihren täglichen Hausmüll, und dann war da noch ein Gelände, auf das jahrelang der Trümmerschutt gekippt worden war. Kurz, Deusen war der Müllschlucker von Dortmund und Umgebung. Von den Goldgräbern profitierten die Schrotthändler und der dicke Wilhelm in seiner Kneipe. Bei dem verflüssigten die Goldgräber ihre Tagesausbeute. Bei guter Laune sangen sie: „Heidewitzka Herr Kapitän!“ Sie feierten die Feste nicht nach dem Kalender, sondern nach der Tageskasse, die immer so gut gefüllt war wie ihr Durst groß.
Die Kneipe vom dicken Wilhelm war nicht weit vom Paradies entfernt. Nur gute 50 Meter. Der Dicke hatte einen langen Bleistift zum Anschreiben. Die Deusener ließen viel anschreiben, auch die Goldgräber. Beim dicken Wilhelm wurde auch viel palavert. Einige sprachen nur über Bier und Borussia. Das politische Tagesgespräch war ein bis dahin in Deusen unbekannter Martin Niemöller. Er war Präsident der Evangelischen Kirche von Hessen und Nassau und bei Hitler war er im KZ. Der kritisierte nun die Regierungsbildung in Bonn und die damit verbundene Spaltung Deutschlands. Außerdem kritisierte er die überproportionale Ämterbesetzung durch Katholiken in Bonner Regierungsstellen.
Vor Weihnachten bekam ich wieder mal einen Schlag ins Genick. Ich flog aus der Firma. Es war im Baugewerbe üblich, die Leute vor den Feiertagen auf die Straße zu werfen, alle bis auf einen kleine Stamm. Unabhängig von der Witterung. Es ging den Unternehmern darum, das Geld für die bezahlten Feiertage zu sparen. Sie unterstützten die Christen-Parteien mit ihrem Geld, doch wenn es um die Bezahlung christlicher Feiertage ging, hörte die Liebe zu Christus auf. Ich ging zum Arbeitsamt, dort drückten sie mir eine Stempelkarte in die Hand. Dienstags und Freitags mußte man sich zur Kontrolle melden. Man bekam jedesmal einen Stempel in die Karte gedrückt, damit sie ihrem Namen Stempelkarte gerecht wurde. Freitags gab es Geld. Das reichte zwar für Bratkartoffeln, doch nicht mehr für ein Bier beim dicken Wilhelm. Der aber wollte auch leben und die Arbeiter in der Dortmunder Union-Brauerei ebenso.
In meiner blaßblauen Bude lag ich auf dem Bett. Lange starrte ich gegen die Decke und dachte darüber nach, wie ich mein mageres Stempelgeld aufbessern könnte. Die Kippen in der Nähe gingen mir durch den Kopf. Was lag da näher, als dort mein Glück zu versuchen? Zunächst trieb es mich auf die Kohlenkippe. Denn ich brauchte Heizmaterial. Mit meinem blaßblauen Anstrich hatte ich zudem einen kalten Farbton gewählt. Ob es viel wärmer geworden wäre, hätte ich mich für Pfingstrosenrosa entschieden?
Bei einem Schrotthändler suchte ich mir am nächsten Morgen eine Goldgräberausrüstung zusammen. Eine kräftige Hacke und ein Damenfahrrad für den Transport. Alle Goldgräber benutzten Damenräder. Die waren praktischer, da man prallgefüllte Säcke in den Rahmen legen konnte. Wir mußten die Räder natürlich schieben. Doch lieber eine gute Ausbeute schieben, als mit ein paar Brocken auf dem Gepäckträger in die Pedale treten zu können. Am Nachmittag fuhr ich zur Kippe, dorthin, wo die Zechen aus großen Spezialwaggons den Abraum die 40 Meter hohe Böschung hinunterkippten. Zwischen dem Steingeröll waren dicke Kohlenbrocken, die beim Herunterkollern manchmal auseinanderfielen. Schon an meinem ersten Tag schob ich drei Zentner Kohlen nach Hause. Zunächst für den eigenen Bedarf.
Die frühere Zentralheizung war gleich nach dem Krieg demontiert worden. Die Bauarbeiter der Firma Reppel hatten Löcher in die harten Betondecken gestemmt und ihre Ofenrohre in die unbewohnten oberen Stockwerke geleitet. Einen Ofenabzug gab es nicht. Aus den oberen Stockwerken, die Räucherkammern glichen, quoll der Qualm durch die einstigen Entlüftungsschächte der Außenwände. Das war die einfachste Lösung. Es sah im Winter sehr komisch aus, wenn in der Deusenerstraße der Qualm aus den Schornsteinen qualmte, er beim Bunker jedoch aus den dicken Seitenwänden hervorquoll. Im Paradies war alles noch komischer als anderswo. Aber auch die Paradiesvögel, wie wir spöttisch genannt wurden, brauchten im Winter einen warmen Ofen.
In den nächsten Tagen fuhr ich zu einer anderen Kippe, um Buntmetalle auszubuddeln. Dort hatte die Stadt jahrelang den Bombenschutt aufgeschüttet und manchmal wurde noch zugekippt. Auf dieser Kippe herrschte ein emsiges Treiben. Frauen zogen noch ganzgebliebene Ziegelsteine aus dem Schutt und schlugen mit einem Handbeil den Mörtel ab. Eine mühselige Arbeit. Die Frauen hatten dicke Schwielen in ihren rechte Händen, die linken, in denen sie ihre Steine hielten, waren rauh wie grobes Sandpapier. Abends kamen Kleinunternehmer mit Lastwagen und kauften ihnen die geputzten Steine ab. Sie zahlten je nach Qualität zwei bis drei Pfennig pro Stein. Es waren meistens Frauen mit Kindern und geringer Wohlfahrtsunterstützung, die sich so ein kümmerliches Zubrot verdienten. Manche hatten die Kindern dabei. Die trugen die Steine zusammen und stapelten die geputzten auf, damit sie schneller gezählt werden konnten. Schon im Vorschulalter lernten sie des Lebens Härte gründlich kennen.
Die Männer buddelten sich tief in den Schuttberg hinein. Sie drangen in die Schichten vor, die schon im Krieg aufgekippt worden waren, als noch niemand Buntmetall sammelte. Die Männer standen an den Fronten und sollten Geschichte machen und zu Hause gab es immer mehr Trümmer. Jetzt waren tolle Geschichten in Umlauf. Goldgräbergeschichten. Glückspilze sollten bereits Kassetten mit Gold- und Silbermünzen gefunden haben. Geschichten, die beim Weitererzählen immer märchenhafter wurden. Ich fand kein Gold und kein Silber, nur unedle Metalle wie Kupfer, Messing, Blei, Zink und eine größere Menge Eisen. Außerdem eine Schreibtischgarnitur für zwei Tintenfässer aus Marmor. Dafür fehlte mir aber der Schreibtisch, und für den Schreibtisch der Platz. Daher schmiß ich den bürgerlichen Krempel wieder weg. Die Buddelei der Männer war von Vorteil für die Frauen, denn sie legten immer wieder Ziegelsteine frei, die dann gleich von den Kindern weggeschleppt wurden. Fast alle Goldgräber buddelten in kleinen Gruppen, so, wie sie auch zusammen saufen gingen.

Auszug aus dem autobiographischen Roman „Spinnewipp“ von Egon Neuhaus

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