Bolz, Hörisch, Kittler und Winkels tanzen Pogo – erst im Ratinger Hof, dann deutschlandweit

Von Enno Stahl

Am Anfang dessen, worüber ich hier berichten möchte, steht eine kleine Anekdote. Es geht um Pogo, aber auch um Diskurse. Denn diese Geschichte hat – gewissermaßen diskurskritisch gesehen – weitreichende Folgen für die BRD der 1980er-Jahre gehabt, Folgen, die bis heute währen. Die Anekdote ist kurz und schnell erzählt: Also machen wir eine Zeitreise zurück an den Anfang der 1980er-Jahre, in den legendären Ratinger Hof in Düsseldorf …
Es ist ein völlig karger Raum, darin Punks, die damals natürlich nicht so aussehen wie Punks heute aussehen, sondern viel sauberer, ja, geradezu gesittet. Viele von ihnen trinken noch nicht einmal Bier!
Über der Tanzfläche hängen zwei Fernseher, in denen das normale Fernsehprogramm läuft, nur mit abgestelltem Ton, und die Punks tanzen zu The Clash, den Ramones, UK Subs, den Sex Pistols und vielem anderen, es läuft in voller Lautstärke. Mittendrin Norbert Bolz, Medien- und Kommunikationstheoretiker, Jochen Hörisch und Friedrich Kittler, beides Literatur- und Medienwissenschaftler, sowie Hubert Winkels, damals noch wissenschaftlich unterwegs.
Diese vier Herren hatten sich bei einer wissenschaftlichen Tagung (dem »Fugen«-Kongress) in Düsseldorf getroffen, abends dann Unterhaltungsprogramm, also Ratinger Hof. Da standen sie nun, die mehr oder weniger jungen Theoretiker und sahen der pogenden Masse zu, äußerten vielleicht das ein oder andere Bonmot über die Ikonografie des Punk und seine medialen Bilder, bis Energie und Dynamik sie so sehr mitrissen, dass sie sich in die Menge stürzten und mitmischten.
Das ist schon die ganze Geschichte, verbürgt durch zwei der Beteiligten.
Eigentlich wäre daran nichts bedeutend oder amüsant, handelte es sich bei den Betreffenden nicht um drei heutzutage gewichtige Denker und einen der einflussreichsten Literaturkritiker der Republik.
Meine These ist die: Was damals rein körperlich-sportiv begann, setzte sich später auf einer ganz anderen Ebene, der öffentlichen und wissenschaftlichen Rede, deutschlandweit fort – der Diskurspogo.
Sie alle haben maßgebliche Spuren hinterlassen, haben sich eingefräst in die bislang von 68ern besetzten Domänen, haben dabei mitgewirkt, die Weichen umzustellen. Jeder für sich, aber doch in recht ähnlicher Weise auf dem jeweiligen Gebiet. Diesen vier Autoren ist gemein, dass sie von poststrukturalistischen Positionen aus das herrschende Meinungskartell attackierten. Dabei bedienten sie sich einer Methodik, mittels derer auch Punk sich als soziales Zeichen von der Hippiekultur absetzte: der Scheinaffirmation. Für unsere Diskurstheoretiker diente als Angriffsziel: der Glaube an das Buch und die Lesekultur, die Humanwissenschaften und überhaupt die Herrschaft des Geistes – allem voran aber war das die Kritische Theorie und ihre politische Korrektheit.
Als Mittel diente Desillusionierung– nichts mehr ist etwas wert oder zumindest nicht das, was es scheint. Dahinter stand natürlich der Versuch, Deutungshoheit zu erlangen, also die Meinungsführerschaft über die Diskursstammtische der Geistesrepublik. Und das heißt nichts anderes als: Pfründe, Lehrstühle, Ruhm, Geld, die magische Verwandlung von symbolischem in ökonomisches Kapital.
Das ist weder illegitim noch unüblich: Es sind die sozialen Kämpfe, die von Generation zu Generation aufbranden und aufbranden müssen. Für die beständig waltende Dialektik der Geschichte ist der vorliegende Fall jedoch ein Musterbeispiel, an dem man neben den Dramaturgien der Aufmerksamkeitsökonomie auch die spezifischen Theoriedispositionen der 1980er- und 1990er-Jahre studieren kann. Wodurch man – und was will man mehr – wieder ein bisschen besser verstehen kann, wieso wir heute so denken, wie wir es tun.
Ein frühes Beispiel für den »Vatermord« dieser Vier bietet ein Sammelband, der sie alle zusammenführte: »Das schnelle Altern der neuesten Literatur« (1985), herausgegeben von Jochen Hörisch und Hubert Winkels. Der Titel basiert zwar auf einem Adorno- Wort, propagiert jedoch nichts weniger als den Tod der Kunstform Literatur als solcher. Das Individuum, die Geschichte und die Kunst, alle angestammten Motive der Literatur seien, so Hörisch im Vorwort, ausgelaugt und erledigt, mehr noch: »Wie das Lexikon der Themen und Motive, so sind Syntax und Semantik aller möglichen Stile und Schreibweisen virtuell erschöpft.« Und Winkels sekundiert: »Literatur als Sozialisationsagent der bürgerlichen Gesellschaft hat ausgedient.« Starke Worte. Bilder-, Zeichen- und Denkstrukturensturm. Was der Band letztlich enthält, ist aber weitgehend übliche Literaturwissenschaft, Bolz’ Auslassungen über den experimentellen Charakter von Hans Magnus Enzensbergers und Alexanders Kluges literarischem Wirken, Kittlers geradezu klassische Handke-Analyse sowie ein paar Essays von belletristischen Autoren wie Peter Glaser. Das Buch ist ein Buch ist ein Buch. Oder etwa nicht?
Nähern wir uns zunächst Norbert Bolz. Er arbeitete in seiner Dissertation über Adorno und war Assistent des Religionsphilosophen Jacob Taubes. Nach dessen Tod war BolzDozent an der Freien Universität Berlin, ab 1992 Professor für Kommunikationstheorie in Essen, seit 2002 wieder in Berlin. Wissenschaftlich wird Bolz von niemandem ernst genommen. Dafür bringt Bolz es mit seinen schlagkräftigen Thesen immer wieder ins Fernsehen. So war er etwa im »Philosophischen Quartett« zu bewundern – der Sendung, in der die beiden Hardcore-Asthmatiker Safranski und Sloterdijk regelmäßig ihre Gäste an die Wand schwafelten, manchmal auch umgekehrt (etwa wenn Maxim Biller zu Besuch war). Beim ehrwürdigen Volker Panzer war Bolz ebenso gern gesehener Gast wie bei Sandra Maischberger, der er einmal die korrekte Harke des Patriarchats zeigte. Wie wurde er zu einem so gefragten Interviewpartner?
Ganz einfach: Bolz ist der Mann fürs Grobe. Keine Halbheiten, immer klare Sätze. Über den engen wissenschaftlichen Kreis hinaus bekannt wurde er mit seinem Buch »Am Ende der Gutenberg-Galaxis« (1993). Darin geht es nicht nur um das Ende des Lesekosmos, nein, im Grunde geht es um das Ende der Welt, so wie wir sie kennen. In der Zukunft, wie Norbert Bolz sie imaginiert, existieren keine Schrift, keine Liebe, sondern nur mehr »Telerelationen«. Das menschliche Verhalten unterliegt In- und Outputvarianten, ist als »Reduktionsreihe« darstellbar: »Freiheit ist Wahlfreiheit, Wahlfreiheit zeigt sich als Steuerungsproblem, Steuerung ist Entscheidung, und Entscheidung läßt sich als Berechnung automatisieren.«
Bolz bezieht sich bei seinen Sozialidyllen auf Niklas Luhmann. Bei Bolz wie bei Luhmann gibt es keinen Zweifel im System – Aus-X-folgt-Y- (und nicht Z-) Sätze reihen sich aneinander: »Wahrnehmen ist eine Art Scanning, das nicht Weltdinge präsentiert, sondern Beziehungen prüft.« Die Techno-Apotheosen des Norbert Bolz mussten den armen Humanisten wirklich übel aufstoßen, das ist klar.
Da aber auch Jahre später noch nichts von dem, was er menetekelnd an die Wand geschrieben hatte, wahr wurde, musste Bolz sich was anderes überlegen: also wieder grobe Umkehr. Die 68er sagen: »Ware ist schlecht, Verkaufen das Allerletzte!«. Folglich preist Bolz die Warenwelt mit allem, was er hat. Aber den Konsumterror einfach nur abzufeiern, wäre zu wenig, es muss schon etwas Weltbewegendes sein, eine echte Zäsur, ein historischer Einschnitt, also erscheint »Das konsumistische Manifest« (2002). Bolz als Marx und Engels des Konsumismus.
Das Buch stammte zum größten Teil nicht von ihm. Wie schon in »Ende der Gutenberg-Galaxis« (das im »Manifest« in textidentischen Passagen immer mal wieder aufscheint) zeigt sich Bolz mehr als Theorie-DJ, der Zitate von Marx, Benjamin, Luhmann, Castells und vielen, vielen anderen mixt. Ihnen entlehnt er massenweise »Einwürfe « und »Wendungen«, »unüberbietbare« oder auch nur »schöne«, »berühmte« oder »richtige« »Sätze« und »Bonmots«, denn was unüberbietbar, schön, berühmt und richtig ist, weiß Bolz ganz genau.
Auch weiß er stets, was die erwähnten Geistesriesen genau »meinten«, denn er schreibt etwa: »das meinte Marx, als er sagte … «. Man ist geneigt, ein »eigentlich« hinzuzufügen: Was die Geistesgrößen »eigentlich« meinten, es erklärt uns Norbert Bolz. Dabei ist einigermaßen überraschend: Im Zuge seiner prinzipiellen Umwertung aller Werte, die Bolz durchzieht, weil er sie durchziehen muss, koste es, was es wolle, singt er dem Kapitalismus ein feins Liedchen. Der Kapitalismus wundert sich und reibt sich die Augen, denn Folgendes wusste er selbst noch nicht: Erst der Kapitalismus, so Bolz, schaffe eine zivilisierte Welt, er sei der einzige Grund, weswegen wir alle uns nicht an die Gurgel gingen. Ethische Begründungen für soziales Verhalten gebe es nicht mehr, sondern allein ökonomische – »es ist intelligent, nett zu sein.«
Wenn es schlecht läuft und niemand mehr zu einem nett ist, hat man halt Pech gehabt. Dann bleibt einem nur blanker Neid. Der Neid derer, die nichts haben, auf jene, die gesegnet sind mit all den Luxusgütern der modernen Welt. Wut, Hass, Attacke auf Symbole dieses sozialen Unterschieds werden nicht ausbleiben, denn: »Die wachsende Entbehrlichkeit vieler Menschen macht diesen Umschlag immer wahrscheinlicher; die Überflüssigen werden ausgeschlossen.« Norbert Bolz verrät uns nicht, wohin die Überflüssigen transportiert werden, was genau für sie vorgesehen ist. Widerstand jedenfalls ist zwecklos, das Allerschlimmste sind für Bolz die »Konformisten des Anderseins«, die es immer noch nicht begriffen haben: »Die hässlichen Zwerge verkleiden sich als Kapitalismuskritiker.«
Sie mögen das Geld nicht, das Bolz richtig prima findet, er hat es ja. Deshalb feiert er das Geld, bezeichnet es als den »kulturellen Wert«, behauptet sogar, Geld stifte Frieden. Und töte die bösen Leidenschaften ab. All jene, die kein Geld haben, es nie hatten und nie haben werden, wird diese Nachricht sicher freuen. Denn Hunger und Armut sind Leiden und entfachen tatsächlich Leidenschaften, auf die man gerne verzichtete. Bolz ist das egal, für ihn gehört der Mensch eher abgeschafft, Geld allein reicht! Der einzige Sinn des Menschen ist, dass er zahlt. Sonst bräuchten Bolz, Luhmann und die anderen Maschinen den Menschen gar nicht mehr …
Jochen Hörisch ist ein ganz anderer Fall. Der ist ein wirklicher Professor. Auch er beschäftigt sich mit Geld. Geld und Literatur, und das wird manchen Traditionsgermanisten provozieren: Das Sublime wird auf den schnöden Mammon gebracht. Doch wer kann etwas dagegen sagen: »Das Medium Sprache hat seine Vorherrschaft an das Medium Geld abgegeben.« Da braucht man sich ja nur umzuschauen: Geld fließt überall. Die Sprache ist erledigt. Dass Hörisch meint, die Welt sei ohne Geld überhaupt nicht mehr lesbar, ist natürlich ein starkes Stück. Schlimmer: Er betrachtet es als die vordringliche Aufgabe der Literatur, »mehr als nur einen Sinn im Geld zu entdecken.« Ja, darf man das denn? Ist die ganze, schöne Literatur nur dazu da, ein bisschen mehr Sinn ins Geldausgeben zu legen?
Da sind wir ja beinahe wieder bei Bolz. Diese Sicht liegt aber wohl darin begründet, dass Hörisch früher selbst mitgewirkt hat an jener Entmystifizierung des Literaturbegriffs. Die Literatur ist erschöpft, sie muss sich schlafen legen. Vielleicht fallen ihr dann wieder ein paar originelle Bilder ein. Die problem- und themengeschichtlichen Durchgänge Jochen Hörischs sind weniger problematisch, der Punk lugt eher in seinen Merkur-Artikeln hervor, in denen er dann ein bisschen mehr provoziert und etwa eine Apotheose des Fernsehens liefert, es sei »erzliberal« Nicht nur das, nicht Nietzsche, nicht Heidegger seien die Bezwinger und Überwinder der Metaphysik, das Fernsehen war’s!
Oder aber er überzieht die Politiker mit Anerkennung und Lob – die können ihr Glück gar nicht fassen. Sie begreifen dabei gar nicht, wie viel Spaß es macht, einfach nur das Gegenteil zu behaupten von dem, was alle anderen behaupten, ganz egal, ob das sinnvoll ist oder nicht. So lässt Hörisch sogar die Lyrik Albert Ostermaiers hochleben! Hörisch ist eben einfach immer für eine Überraschung gut: Da will die damalige Merkur-Redaktion, also Kurt Scheel und Karl-Heinz Bohrer, ein antikommunistisches, pro-kapitalistisches Sonderheftin den Meinungskrieg werfen, und was macht Hörisch? Er dringt ganz naiv und diktiert vom gesunden Menschenverstand in die heiligen Gefilde der Wirtschaftswissenschaftler ein und weist mit spitzem Finger auf die ein oder andere Aporie des angeblich so freien Marktes! Kapitalismuskritik im Merkur! Bohrer müssen sich die Fußnägel aufgerollt haben, doch einfach rausschmeißen kann er einen so wichtigen Beiträger wie Hörisch nicht. Ganz lustig. Ich sage doch: Pogo.
Der 2011 verstorbene Friedrich Kittler hatte seine Punkherkunft noch besser versteckt als Hörisch, das muss man sagen. Sein Klassiker »Aufschreibesysteme« (1985) hat Hand und Fuß, doch höre ich bisweilen Rock ’n’ Roll aus dem Text heraus. Allein schon, dass er seinen zwei Großkapiteln statt einer literarischen Widmung mathematische Formeln voranstellte. Wollte er seine Leser provozieren?
Kittler machte keinen Hehl daraus, dass er das gesamte Humansystem der Wissenschaft für eine ziemliche Laberbude hält – ausgehend vom »Faust« zeichnet er die europäische Denkgeschichte als unendliche Bibliothek, in der die Bücherwürmer nagen, Staub, Alter, Langeweile, das ganze Programm. Es passiert dabei wenig:´»Die Gelehrtenrepublik ist und bleibt endlose Zirkulation, ein Aufschreibesystem ohne Produzenten und Konsumenten, das Wörter einfach umwälzt.«
Es entspricht Hörischs Meinung, dass Literatur nicht wirklich viel Neues zu bieten hat. Nichtsdestotrotz widmet sich Kittler sehr genau der Ausdifferenzierung dieser jeweiligen »Aufschreibesysteme« – und das ist durchaus auch ein sehr medientheoretisches Verständnis von Literatur und literarischer Kommunikation. Das Aufschreibesystem von 1800 ist dadurch charakterisiert, dass in ihm Dichtung zugleich Mittel und Ziel des Verstehens ist. Das heißt, Dichtung ist Verstehen, versucht zu verstehen und erlaubt gleichzeitig qua Lektüre Verstehen. (…) Das Schreiben der Dichter im Aufschreibesystem von 1800 ist reine »Distribution von Diskursen«, die zu einem groß angelegten System miteinander verschaltet werden, also »eine Kultur, die Lesen und Schreiben automatisiert und koppelt.«
Dass Kittler seine Diskursmodelle mit quasi kybernetischen Beschreibungen versieht, ist kein Zufall, denn tatsächlich bringt er bewusst und erstmalig den Bereich der Technik in den kulturwissenschaftlichen Kontext ein. Da aber niemand der anderen Germanisten auch nur den Hauch einer Ahnung davon hat, können sie schwerlich etwas dagegen tun. So darf Kittler, nachdem er in »1900«, dem zweiten Kapitel seines Hauptwerks, gezeigt hat, wie die Literatur von technischen Medien und psychophysischen Sprachvivisektionen abgelöst wird und zergeht, ungestraft über den Einfluss von Turingmaschinen, Typewritern und Computern auf die heilige Dichtung räsonieren.
Verlassen wir das System Wissenschaft und kommen zu Hubert Winkels. Er hatte anfangs ebenfalls mit dem akademischen Bereich geliebäugelt, dann aber die Laufbahn des freien Autors beschritten.
Als solcher war er einer der Jungen Wilden der Literatur, jener Strömung, mit der Kiepenheuer & Witsch Mitte der 1980er-Jahre schon einmal versuchte hatte, eine »Popliteratur« zu implementieren. Leider fehlte zu dieser Zeit der griffige Schlüsselbegriff, oder sollte ich sagen: Schlüsselreiz?
Diese literarische Mode brach deshalb schnell in sich zusammen, und Winkels wechselte ins Kritikerfach, das heißt: Kritiker war er ohnehin schon, als Chefredakteur des Überblick, der Düsseldorfer Stadtzeitung, hatte er regelmäßig Kritiken geschrieben. Statt also selbst die neue Literatur zu entwickeln, stellte Winkels sich zunehmend in ihren Dienst: als Moderator der SWR-Bestenliste im Fernsehen, als Kritiker für die Zeit, als Redakteur des DLF-Büchermarkts und als essayistischer Buchautor. Er wurde so zu einem der aktuellen Großkritiker in der Marcel-Reich-Ranicki-Nachfolge – neben Denis Scheck, Iris Radisch, Uwe Wittstock oder Ijoma Mangold.
Zunächst allerdings gab er sich durchaus stürmend und drängend. Im erwähnten Vorwort zum Band »Das schnelle Altern der neuesten Literatur« heißt es etwa: »Das Buch hält den Sinn nicht mehr, und es entkommt ihm nicht. ›Das Buch‹ ist abgeschafft. Es wird nur noch Bücher geben – diese oder jene Texte zum schnellen Verzehr, schnelle Texte, kurzlebige. Die Literatur zerfällt in Literaturen. Eine Institution löst sich auf in Konsumgüter.«
Ich weiß nicht, ob er das heute auch noch so sehen würde. Vielleicht. Gerade als Kritiker erlebt man die Literatur als nimmer endende Abfolge von Veröffentlichungen. Doch in der Debatte um Volker Weidermanns Literaturgeschichte »Lichtjahre« (2006),die er vor einigen Jahren mit auslöste, argumentierte Winkels wieder für eine längere Haltwertzeit von Dichtung.
Schon in den Achtzigern verhinderte seine Zustandsanalyse nicht, dass er sich für einzelne dieser vielen Bücher einsetzte, speziell für eine Literatur, die sich gegen den hehren Kulturanspruch von einst wandte. An ihr demonstrierte er, wie das Erzählen mit veränderten Prämissen – aus seiner Sicht – eben doch noch funktionierte, etwa in Joachim Lottmanns »Mai, Juni, Juli« (1987), in dem ein ironisches Spiel mit der Autorenfunktion getrieben wird. Winkels schrieb dazu: Da es keine echten Begründungen für literarisches Erzählen mehr gäbe, blieben dem Schriftsteller »nichts als die nominellen Ruinen einer einst funktionell bestimmten Profession«.
An Lottmann, Goetz u. a. frönte Winkels aber auch erkennbar seiner Lust am sekundären Hippie-Bashing, indem er genüsslich die gezielt gesetzten Inkorrektheiten seiner literarischen Gewährsmänner herausstellte – sie gleichwohl auch kontextualisierte, also erklärte, wieso diese Autoren plötzlich das Wort »Neger« gebrauchten und Behindertenwitze rissen. Er stellte klar, dass es dabei nicht um neorechte Gesinnungen ginge, sondern um eine spitzfindige »Minimal Art der reaktionären Enttabuisierung.« Darin dokumentiere sich die allgefällige Verfügbarkeit jeder Position, der »beliebige Austausch alles Sagbaren [… ], Reaktion und Rassismus als Mode – nach ›Bolschewikenschick‹ und schwarzer-Stern-Romantik ein Angebot auf dem Markt der Meinungs- und Einstellungsmuster.« Winkels’ Text über Lottmann ist ein Musterbeispiel dafür, wie man die Literaturkritik dazu benutzen kann, eigene kulturelle Überzeugungen zu transportieren. Trotz seines grundlegenden Einverständnisses mit den semiotischen Spielen der Autoren Lottmann, Goetz und Meinecke scheint darin doch ein leiser Zweifel aufzuscheinen. Zu Recht.
Wenn diese Signifying-Prozeduren Ende der 1980er-Jahre vielleicht noch subversiv wirkten, muss man heute in diesem Punkt anderer Meinung sein. Das zeigt sich gerade ganz aktuell. Denn solche »dirty talks« stehen am Anfang einer heftigen Liebesaffäre mit rechten und pseudorechten Positionen, die inzwischen immer mehr hoffähig gemacht werden, und bei denen rechts und pseudorechts immer weniger unterscheidbar werden, ja zusammenfallen.
Nichts für ungut, Jochen Hörisch. Nichts für ungut, Friedrich Kittler. Erst recht nichts für ungut, Hubert Winkels, den ich kenne und schätze. Für seine Punkvergangenheit muss sich niemand schämen.
Auch weil hier – analog – das Churchill-Wort über die Sozialisten gilt.
Aber alles für ungut, Norbert Bolz. Wer Menschen nur noch als Zahl und Bezahlfunktionen betrachtet, wer die »Feminisierung der Öffentlichkeit« bejammert, aufgrund derer man keinen ordentlichen Krieg mehr führen könne, dazu noch auf das traditionelle Rollenbild pocht, den muss man bekämpfen. Das ist kein Punk, das war es nie.

Dieser Text ist dem Band „Diskurspogo – Über Literatur und Gesellschaft“ von Enno Stahl entnommen, dort finden sich auch alle notwendigen Fussnoten zu den Zitaten, der Text ist hier somit leicht gekürzt wiedergegeben.

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One thought on “Bolz, Hörisch, Kittler und Winkels tanzen Pogo – erst im Ratinger Hof, dann deutschlandweit

  1. Ronny Elser

    „Da aber niemand der anderen Germanisten auch nur den Hauch einer Ahnung davon hat, können sie schwerlich etwas dagegen tun. So darf Kittler, nachdem er in »1900«, dem zweiten Kapitel seines Hauptwerks, gezeigt hat, wie die Literatur von technischen Medien und psychophysischen Sprachvivisektionen abgelöst wird und zergeht, ungestraft über den Einfluss von Turingmaschinen, Typewritern und Computern auf die heilige Dichtung räsonieren.“ Wahr ist mit Sicherheit, dass Kittler einer der wenigen war, der annähernd fundiert über (neue) Medien sprechen konnte. Dass er dies ungestraft tat, stimmt nur, sofern man die Sanktionen auf der Ebene des Diskurses sucht. Ganz machtpolitisch hat ihm der Apparat für die Unverfrorenheit über Literatur aus technischer Perspektive zu sprechen, mithin anti-geisteswissenschaftliche Wissenschaft des Geistes zu betreiben, die Rechnung präsentiert, schließlich waren die „Aufschreibesysteme“ auch Qualifikationsarbeit. Die Abfolge von Gutachten und Gegengutachten ist erst anlässlich von Kittlers Tod veröffentlicht worden und zeigt, dass Punk eben auch wirklich Punk sein muss, um wirksam zu sein. Er muss zumindest riskieren, aus der Ordnung verstoßen zu werden. Nur dann gelingt auch die Apotheose, auf die die anderen genannten Herren wohl noch länger werden warten müssen.

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