Eine Bilanz

Von Aras Ören

Tatsächlich? Ist es fünfzig Jahre her, dass unsereins in Deutschland ist? Man nannte uns Gastarbeiter, Fremdarbeiter, später Mitbürger oder Bürger mit Migrationshintergrund. Sind wir tatsächlich Bürger dieses Landes geworden? Sind wir willkommen? Sind wir akzeptiert?
Schon Ende der 60iger, Anfang der 70iger Jahre stieg die Zahl der aus der Türkei stammenden Menschen an die Millionengrenze. Heute haben wir es mit ungefähr drei Millionen Menschen zu tun, in der dritten und schon vierten Generation. Die ersten, die kamen, wollten nicht so recht ins Stadtbild passen. Sie waren existent und gleichzeitig nicht vorhanden. Sie existierten überall, in den Straßen und U-Bahnen, in den Discount-Märkten, in den Fabriken, an den Fließbändern, in den Tiefen der Zechen, in armen Vierteln, in abrissreifen Altbauten, in nassen Hinterhöfen, mit ihren Tirolerhüten, den Billiganzügen, bunten Krawatten und den riesigen batteriebetriebenen Radiorekordern in den Händen. Dennoch waren sie nicht vorhanden: Ihre unterschiedlichen Identitäten, ihre persönlichen Schicksale wurden nicht anerkannt. Sie waren eine fremde Masse, keine Individuen.
So lautete mein Befund als junger Schriftsteller, der die Erfahrungen teilte und sie zu seinem Thema machte. „Wir riefen Arbeitskräfte, aber es kamen Menschen”, so beschrieb ein älterer Schriftsteller, Max Frisch, die Situation und diese Formulierung war schnell in aller Munde. Wir waren damit zwar gemeint, aber adressiert war dieser Satz nicht an uns. Adressat war die in Deutschland damals allgemein herrschende Meinung und Haltung.
Und gewiss waren wir Fremde, gewiss kamen wir aus einem anderen Land, aus einer fremden, meist ländlichen Kultur. Wir kamen mit unserer Musik, mit unserer Sprache, mit unserer Küche, mit ethnischen Eigenarten und Konflikten, mit Lebensgewohnheiten und religiösem Glauben.
All das hatten wir in unserem Gepäck. Wir waren jung und gesund und voller Hoffnung. Aber hier existierten wir nur als Stückzahl und bürokratische Daten; als Gastarbeiter, als Türken, als Krummsäbel, als Kümmeltürken mit anonymen Gesichtern, als ein homogenes Gebilde. Merkwürdig eigentlich. Wir waren darüber enttäuscht, traurig, gedemütigt, sogar gebrochen. Vom ersten Tag an.
Unsere Träume hatten Risse, aber wir schwiegen. Unsere verwundeten Herzen bluteten, aber wir schwiegen. Wir sprachen schweigend! Das war eine bittere Sprache.
Fuhren wir in Urlaub in die Türkei, erzählten wir viel. Aber nur Gutes. Wenn wir klagten, dann nur über das Wetter. Dabei hatten wir, als wir kamen jede Menge Gefühle, unsere Seelen flogen hoch. Wir waren alles andere als eine abstrakte Arbeitskraft.
Was wir nicht wussten war, dass wir in Almanya, in diesem hochentwickelten Industrieland Klassenmenschen sein würden, ganz unten.
Dass allein schon die Entscheidung, hierher zu kommen, die radikalste Entscheidung in unserem Leben sein würde, war uns nicht bewusst.
Die klassische Frage eines jeden Menschen „Wer bin ich?” und „Woher komme ich?” war von Stund an falsch und ungültig. Für uns stellte sich nur noch die Frage „Wer und was soll und kann ich sein.”
Es mussten viele kummervolle Jahre vergehen, bis wir die Ursprungsfrage erneut stellen konnten.
Als junger Schriftsteller auf der Suche nach seinem poetischen Ausdruck, wurde ich Zeuge all dessen. Ich erlebte die größte Arbeitskräftewanderung des Industriezeitalters im letzten Jahrhundert. Und so war es meine Idee und Hoffnung, Deutschland eine Visitenkarte der Einwanderer zu übereichen und umgekehrt. Ich wollte beide mit Hilfe von Literatur miteinander bekannt machen. Und so entstand ein langes Poem, meine „Berlin-Trilogie.“
Der dritte Band enthält am Ende folgende Zeilen aus Emines Brief:

Als ich herkam, war ich fünf Jahre alt.
Seit zehn Jahren bin ich hier, meine Brüder
sind in Berlin geboren.
Wo ist jetzt die Fremde, wo die Heimat?
Die Fremde meines Vaters ist meine Heimat geworden.
Meine Heimat ist die Fremde meines Vaters.
Streichen sie bitte meinen Namen
im Pass meines Vaters.
Ich möchte einen eigenen Pass in der Tasche haben.
Wer mich danach fragt, dem will ich ehrlich sagen, wer ich bin.
Ohne Scham ohne Furcht
und fast noch ein bisschen stolz darauf.
Das Jahrhundert, in dem ich lebe,
hat mich so gemacht,
geboren 1963 in Kayseri,
Wohnort; Berlin Kreuzberg.
Emine

Und der Schriftsteller verfasst auch folgendes: „Ein türkischer Metzger in Kreuzberg ist kein Metzger in der Türkei. Er ist ein türkischer Kreuzberger Metzger.”
Tatsächlich ist es fünfzig Jahre her, dass wir hier sind. Und in den 50 Jahren sind viele von uns Citoyens geworden. Die kleine Emine ist jetzt vielleicht selbst schon Mutter oder Großmutter.
Schon lange sind wir nicht mehr gesichtslos, sind nicht nur anonyme Arbeitskräfte.
Wir sind keine homogene Gruppe mehr. Wir entsprechen schon lange nicht mehr dem Klischeebild der Öffentlichkeit und haben ihm auch nie entsprochen. Wir sind schon lange nicht mehr ein homogenes Gebilde an der untersten Schwelle der sozialen Pyramide. Es hat schon längst die soziale Differenzierung eingesetzt.
In jeder Schicht der deutschen Gesellschaft, gibt es Menschen mit Migrationswurzeln: im Bundestag, im Landtag, in Parteien, in den Medien, als Führungskräfte in der Wirtschaft, in der Kultur und im Fußball, und so weiter.
Auf den Straßen sieht man Frauen in Hotpants und mit Kopftuch. Wir haben uns in den letzten 50 Jahren verändert, wir waren und sind eine Bereicherung nicht nur im Straßenbild. Wir haben nicht nur zum Wohlstand Deutschlands beigetragen, wir haben die deutsche Demokratie gefestigt, in dem wir sie auf den Prüfstand stellten. Denn man misst die Qualität und die Feinheiten einer Demokratie am Umgang mit ihren Minderheiten: mit anders Denkenden, anders Gläubigen, anders Sprechenden, anders fühlenden Menschen.
All das haben wir für die Deutschen möglich gemacht. Es hat sich viel verändert in Deutschland. Was sich allerdings nicht geändert hat, ist die Integrationsdebatte in der Politik und in den Medien. Und das ist eine Schande. Immer, wenn es um knapper werdende Kassen geht, machen sich Demagogen daran, für die Volksseele, die um Sicherheit und Einkommen fürchtet, einen Buhmann zu finden.
Dann wird das Migrationsthema neu aufgelegt. Politiker stehen dann vor Kameras und reden über Integration und niemand weiß, was sie meinen könnten. Sogar die Bundeskanzlerin erklärt dann von einem Tag auf den anderen – einer Offenbarung gleich – dass „Multikulti” gescheitert sei.
So, so … ! Eine Bundeskanzlerin kann regieren, kann politische und wirtschaftliche Strippen ziehen, kann Wahlen gewinnen oder verlieren. Was sie aber nicht vermag, ist die soziale Entwicklung einer Gesellschaft zurückzudrehen und diese für nichtig zu erklären.
Wenn sie wie andere auch sagt, wer hier lebe, solle sich integrieren, so klingt das in vielen Ohren wie eine Drohung. Integration ist dann eine Keule, die andauernd auf unsere Köpfe einschlägt und kommt einer indirekten „Mundhalteparole” gleich. Man fordert von uns eine Passivität, die uns minderwertig macht, weil sie uns in die Unmündigkeit abdrängt und uns zu Objekten degradiert.
Und ist im Fernsehen die Rede von Integration, dann sind im Hintergrund stets dieselben Streifen zu sehen: Kopftuch tragende Frauen mit schweren Plastiktüten in den Händen, laufen wie im Schlaf durch die Straßen. Natürlich gibt es in Deutschland solche Bilder, aber Deutschland ist nicht homogen. Es gibt unterschiedliche Schichten, es gibt viele Facetten und Farben. Es gibt die feinen Damen von der Elbchaussee oder von der Düsseldorfer Kö und die Hartz-IV Empfängerin aus Berlin Neukölln und die perspektivlosen jungen Menschen verschiedenster Herkunft – auch aus Deutschland.
In einer Zeit, in der die Globalisierung unaufhörlich voran galoppiert, in der sich die Orte auf unseren Planeten immer mehr ähneln und sich gegenseitig beeinflussen, in der Konsum, Ideologien und Kulturen immer mehr gleichgeschaltet sind, ist eine solche eindimensionale Darstellung nicht zeitgemäß. Schon gar nicht in einem Land, das sich den Werten der Aufklärung verbunden fühlt, nach der jeder Mensch ein Individuum ist und ein Recht hat, sich frei zu entfalten und über eine menschliche Würde verfügt, die unantastbar ist. Egal ob bildungsnah oder -fern.
Solche eindimensionalen Bilder passen nicht zu einem Deutschland, das ich mir wünsche und in das ich einst mit viel Hoffnung aufbrach. Denn es sind Bilder der Diffamierung und Verunglimpfung, die mit Hilfe von Sprache, Lebensart und Glauben einen Sündenbock für schwindenden Wohlstand und weniger Sicherheit in einer globalisierten Welt benennen wollen.
Solche Bilder passen nicht zu meinem Deutschlandentwurf und ich hoffe, dass sie bald der Vergangenheit angehören. Ich bin immer noch zuversichtlich. Deutschland schafft sich selbst nicht ab. Aber Deutschland muss solch schiefe Bilder abschaffen.
Deutschland sollte stolz auf uns sein und wir sollten Deutschland danken.

Ich danke ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.
Berlin den 17. 7. 2011
Geschrieben für die Buchmesse RUHR.2011, die unter dem Motto „1001 Nachtschichten – 50 Jahre türkische Einwanderung“ eröffnet wurde.

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