Paradies zwischen den Fronten. Zwölf Hektar machen Geschichte

Von Rudolf Lorenzen

Sommer 1971. Der Senat von Berlin und die Regierung der DDR vereinbaren – in Übereinstimmung mit den vier Besatzungsmächten – an ihren Grenzen kleine Randgebiete, „Exklaven“ und „Enklaven“, auszutauschen: Fünf Geländestreifen mit 15,6 Hektar sollen der DDR, drei etwas größere mit 17,1 Hektar dem Land West-Berlin zugeschlagen werden – alles unbewohnte Grundstücke. In den Rahmen dieser Gebietskorrektur fällt auch ein „Korridor“ von 1 km Länge zwischen dem Zehlendorfer Ortsteil Kohlhasenbrück und West-Berlins Exklave Steinstücken. Nach fünfundzwanzig Jahren Isolierung bekommt diese kleine Gemeinde nun endlich ihren freien unkontrollierten Zugang.
4. Juni 1972. Der Vertrag tritt in Kraft. Sofort beginnt der Senat mit dem Ausbau dieser Passage, keine 13 Wochen dauert die Arbeit. Bevor der Sommer zuende geht, wird die Straße dem Verkehr übergeben.
Ein Besuch der sonderbaren Gemeinde Steinstücken kurz vor ihrem „Anschluß“.
In den Gärten blühen Tigerlilien und Rittersporn. Hinter Gestrüpp schlafen spitzgieblige einstöckige Häuser, die buntbemalten Fensterläden sind geschlossen. Eine alte Frau, in Decken gewickelt, träumt zwischen Gemüsebeeten, von Katzen umspielt.
Es ist Mittag.
Die Bernhard-Beyer-Straße ist ausgestorben. An der Nebenstelle des Bezirksamts Zehlendorf fordert ein Aushang die Einwohner auf, die Kinder von den Absperrketten fernzuhalten. Die Höchstgeschwindigkeit von 20 km/h darf im Ort nicht überschritten werden. Die Säuglingsfürsorge fällt in diesem Monat aus. In Zehlendorf ist Kurkonzert.
Die Seitenwege, die Wege rings um das Dorf, die Verbindungen von Haus zu Haus haben die Bewohner selbst gebaut. Eines Tages vor elf Jahren nahm man ihnen die Randstraßen fort: Die Steinstraße, die Teltower, die Rote-Kreuz-Straße. Stacheldraht wurde bis an den Privatbesitz vorgeschoben, da blieb nur die Selbsthilfe. Jeder gab ein Stück eigenen Bodens ab, gemeinsam legte man Pfade zwischen den Gärten an – jeweils vier Meter breit, in einer Gesamtlänge von 500 Metern.
Wir sind in der Exklave Steinstücken, sind in dem mittlerweile berühmt gewordenen Ort, der, abgetrennt von West-Berlin, 25 Jahre lang sein separates Leben führte mit eigener Gesetzlichkeit und Moral, eigenem Mit- und Gegeneinander, eigenen Gefahren und die Gewöhnung an die Gefahren, mit insularer Politik zwischen den Fronten von Ost und West – ein kleiner Fleck, insgesamt 12 ha 67 ar groß, voller Gärten und Wiesen, Beeten, Hecken und Bäumen, an der engsten Stelle 200 Meter, an der ausgedehntesten 600 Meter breit: In unruhigen Tagen Krisenherd der Weltgeschichte, in ruhigen Tagen Idylle inmitten paradiesischer Abgeschiedenheit.
1947 wurde das Dorf Steinstücken zum „Fall Steinstücken“. Die dem US-Sektor zugeordnete Exklave sollte an den Bezirk Potsdam abgetreten werden, schon gab die Sowjetische Zone Raucher- und Seifenkarten aus, worauf sich die Gegenseite beeilte, die Sonderzuteilungen der Westsektoren zu streichen. Die Bewohner protestierten, doch der Zehlendorfer Bürgermeister verweigerte sich ihnen, das Berliner Stadtparlament erklärte sich als nicht zuständig, und die US-Militärregierung überhörte den Appell.
Vier Jahre lavierte sich der Ort so durch, dann bereitete die frisch etablierte Deutsche Demokratische Republik dem „unnatürlichen Zustand“ ein gewaltsames Ende.
Es ist ein Tag im Oktober 1951. Über Steinstücken liegt eine unheimliche Stille, die Bewohner bleiben in ihren Häusern. Auf der Dorfwiese lagern zwischen Geschützen und Munitionskästen Soldaten der Roten Armee. Am Orensteinweg klebt an der Wand noch eine westliche Zigarettenreklame, daneben hängt schon die „Bekanntmachung des Rates der Stadt Potsdam“. Westberliner Gesetze verlieren ihre Gültigkeit. Die Mark (Ost) wird Zahlungsmittel. Zuteilungen für Kohlen gibt es in der Grundschule, Straße 34 in Potsdam.
Plötzlich ist auch die Telefonverbindung mit dem Westen unterbrochen, und dem Landbriefträger aus Kohlhasenbrück wird die Zustellung der Post verweigert. Beauftragte der Landesregierung Brandenburg kommen und verkünden dem Dorf die Befreiung. Doch die Bewohner lehnen es demonstrativ ab, bei der Aufklärungsversammlung zu erscheinen.
Obgleich es ein milder Oktober ist, tragen die patrouillierenden Volkspolizisten bereits die Winteruniform. Am Rande des Kiefernwaldes steht ein Lastwagen mit Anhänger: ein Fliegender HO-Laden, mit roten Spruchbändern geschmückt, bietet Schnaps und Kartoffeln an. Aus den Sowjetquartieren am S-Bahnhof Griebnitzsee hört man leise russische Volksmusik.
US-Stadtkommandant Mathewson bezeichnet den Überfall auf die Exklave als Willkürakt, als Verletzung des „44er Abkommens der Europäischen Beratungskommission“, doch wird es noch zehn Jahre dauern, bis sich die USA wieder an ihre Rechte erinnern werden.
Sechs Tage dauert die Besetzung, dann ziehen die Soldaten nach einem unerklärlichen Befehl der Sowjetischen Kontrollkommission ab. In West-Berlin jubelt der Regierende Bürgermeister Ernst Reuter: „… wieder ein Sieg des Mutes und der Entschlossenheit gegen den Kommunismus!“
Doch der Jubel ist kurz. Gleich am nächsten Tag sind die Volkspolizisten wieder da, umstellen die drei Mann des frisch aus Zehlendorf eingetroffenen Landpostens der Berliner Polizei, verhaften einen Reporter und einen Fotografen.
Ein kurzer Zwischenfall, andere werden folgen.
In den Jahren danach wird Steinstücken nicht zur Ruhe kommen: Blockaden, Belagerungen und Hausdurchsuchungen lösen einander ab. Die einzige Zufahrt, fest in den Händen der DDR, wird mal mit Baumstämmen, dann wieder mit Eisenschienen und Feldsteinen gesperrt. Versorgungsgüter können nur mit Fahrrädern und Handkarren transportiert werden.
Der Landposten der Zehlendorfer Polizei darf nicht mehr bis zum Waldrand patrouillieren.
Die Volkspolizei fordert Passierscheine, Handwerkern wird der Zugang verweigert, nun auch dem einzigen Milchhändler.
Wieder wird ein Briefträger festgenommen.

„Wir sind nicht viele. Doch berühmt.
Willy Brandt braucht einen Passierschein.
Die Pappeln sind spitz. Die Schranke
sieht aus wie eine Kanone.
Im März brennt der Mond schon.

Im Juni liegt Schnee.
Zu Ostern lassen wir einen Luftballon steigen.
Sie brauchen Mut, mein Herr.
Kommen Sie bald. Bei Sonnenschein
spielen wir mit den Igeln.

Der Schriftsteller Rolf Haufs zieht in den Sechziger Jahren nach Steinstücken um, er mietet sich bei Professor Johann Niemeyer ein und schreibt „Das Dorf S.“:

Die Grube habe ich vor zwei Jahren ausgehoben.
Man kriegt keine Handwerker …
Sehen Sie mal nach drüben.
Auf der anderen Straßenseite
Büsche.

Sehen Sie mal genau hin.
Die beobachten uns. Daran gewöhnt man sich …
Ich hacke Holz und höre Schüsse.
Eine Übung, sagt Herr Faßbender,
daran gewöhnt man sich.“

Die Existenz Steinstückens ist eine Frage der Versorgung. Sie war es in den bösesten Tagen des Kalten Krieges, sie bleibt es in den Zeiten leichter Entspannung. Man arrangiert sich.
Am 22. September 1961 landet General Lucius Clay, Berater des US-Präsidenten Kennedy in Berlin-Fragen, auf der Wiese mitten in der Exklave. Jubel. Blumensträuße. Wein. Das kleine Dorf und der Kontinent Amerika stoßen mit den Gläsern an.
Ein halbes Jahr später werden aus den USA eine Fernsehtruhe und ein Radio mit Stereo-Plattenspieler eingeflogen. Die Geräte gehören allen und werden im Gemeindesaal angeschlossen.
Der vierte Donnerstag im November 1962. Thanksgiving Day. Der US-Kommandant der Sektorenstadt schenkt jedem Steinstückener einen Truthahn – 183 Portionen gefüllte Pute. Zum Nachtisch Kürbiskuchen.
Nun kommt auch wieder einmal täglich der Postbote. Zwischen halb zehn und halb zwölf. Bei Telefonstörungen genießt die Exklave Vorrang. Eine Gemeindeschwester leistet Erste Hilfe. Sie betreut Säuglinge und macht den Botenweg zur Zehlendorfer Apotheke.
Ein Schäferhund erkrankt. Der Amtsarzt findet sich ein und bringt, obgleich ein Verdacht auf Tollwut nicht besteht, den Hund ins Tierheim Lankwitz. Alle vier Wochen kommt der Pfarrer und hält eine Andacht für die Betagten, denen der Kirchgang zur nächsten Gemeinde zu weit ist. Wer stirbt, findet seinen Weg zum Alten Friedhof Wannsee.
Aber immer noch kommen Strom, Gas und Wasser aus der DDR.
Wer in Steinstücken lebt, darf ungehindert die Grenze passieren. Unter den West-Berlinern dagegen ist nur denen der Zugang gestattet, die in der Exklave ihren Zweitwohnsitz angemeldet haben. Es sind in erste Linie Verwandte, als dann die Männer der Feuerwehr, Ärzte und Tierärzte, Handwerker, Postangestellte und Lieferanten. Jede Familie im Dorf beherbergt zur Scheinmiete bis zu zwei Dutzend Untermieter.
So zeigt die Statistik ein merkwürdiges Bild: 192 Personen wohnen tatsächlich hier, doch das Meldeamt in Zehlendorf registriert etwa 2 000 Steinstücken-Bewohner.
Doch selbst derlei geringfügige Befugnisse konnten sich plötzlich und willkürlich ändern.
Wir gehen die Bernhard-Beyer-Straße hinunter, biegen links ein und kommen zum einzigen Ladengeschäft des Ortes, einer Gemischtwarenhandlung wie aus alten dörflichen Zeiten. Dort steht ein Kühlschrank mit einem Fassungsvermögen von zweihundert Litern.
Einst machte er Geschichte, gelangte durch Schlagzeilen wochenlang zu Ruhm. Sein Vorgänger, ein altes Modell, hatte von einem auf den anderen Tag versagt. Wieder einmal war gerade den Handwerkern der Zugang verwehrt, die Tiefkühlware verdarb, die Butter wurde ranzig, Kleinkinder blieben ohne Frischmilch.
Besonders die unversorgten Babys wurden von den Medien hochgespielt und erregten die Öffentlichkeit. Da entschloß sich das Bezirksamt Zehlendorf, diesem Scharmützel des Kalten Kriegs ein Ende zu bereiten: Es schenkte der Gemeinde einen neuen, eben diesen, den heutigen 200-Liter-Kühlschrank.

„Danger.
Rain and wind. Green green trees.
Scheinwerfer. Zäune.
Danger.

You are leaving American sector
Wir fahren über einen Waldweg. Hasen laufen quer … Telefonmasten laufen mit. Die Kabel hängen durch.
Porzellanköpfe.

Hinter den Bäumen, Büschen, hinter hundhohem Gras
Bahngeleise.
Fünfzehn Minuten also.
Der Koffer wurde nicht kontrolliert.“

Durch den Wald von Potsdam führt – 1,2 Kilometer lang – die Zufahrt von der Dorotheenstraße in Kohlhasenbrück nach Steinstücken – mal mehr, mal weniger blockiert. An dieser Stelle blieb einmal ein Krankentransport in einem Schlagloch stecken, an einer anderen nahm man wieder einmal einen Briefträger fest. Hier stoppte man einen Milchmann, dort eine Feuerwehr. Da hinten an der Schranke stand oftmals der Bürgermeister der Nachbargemeinde und winkte hinüber – hilflos.
Und heute noch ist jedes Loch und jede Sperre im Slalomverkehr eine Erinnerung.
Juni 1971. Längst ist der Wald zur breiten Schneise abgeholzt. Sichtfeld. Schußfeld. Nun ist inmitten die Behelfszufahrt ihrem Ende nahe. In einem Jahr wird sie von der neuen Straße ersetzt sein – gemäß dem „Berlin Abkommen für die Neuordnung der Exklaven und Enklaven“.
Im Rahmen des Gebietsaustauschs erhält West-Berlin diesen Korridor zwischen Kohlhasenbrück und Steinstücken. Sieben Meter breit wird die Fahrbahn, hinzu kommen Geh- und Radweg, unbefestigte Rasenkante und eine Randstreifenmulde für die Entwässerung – alles zusammen in einer Breite von 20 Metern.
Die Pläne liegen in der Schublade von Herrn Rothkegel, dem Bürgermeister des CDU-regierten Bezirks Zehlendorf. In seinen Kalender notiert er sich: „28. September 1972 Feierliche Eröffnung“.
Wird er es schaffen?
Wir betreten die Baustelle. Sechs Tage in der Woche wird gearbeitet. Schnell. Denn auch bei Verzögerungen darf der Winter nicht über das Projekt hereinbrechen.
Zur Gewährleistung der Baufreiheit stellt die DDR vorübergehend Randstreifen zur Verfügung – auf beiden Seiten je zehn Meter. Nur ein paar rote Fähnchen kennzeichnen die Grenze zwischen der DDR und dem neu gewonnenen West-Territorium.
Doch eine echte Entspannung ist es nicht. Gleich dahinter steht schon die neue Mauer aus Beton-Fertigteilen. Sie ist für eine lange Zukunft gebaut. Wohl für immer. Etwas entfernt ist Stacheldraht gelagert und wartet auf seine spätere Verlegung zwischen Straße und Mauer.
Keine zwanzig Mann beschäftigt die Baustelle. Handarbeit tritt in den Hintergrund, Maschinen übernehmen das meiste: Planierraupen, Rüttelwalzen, Radlader. Sand muß von weither angefahren werden, denn durch die Rodung der DDR-Bautrupps für Sicht- und Schußfeld der Kollegen von der Grenztruppe ist der Boden verunreinigt und für eine so neue, so schöne Trasse unbrauchbar.
Auf halber Strecke wird ein Brunnen angelegt. Der Wasserdruck vom Königssee war zu schwach und reichte nicht für die ständige Bewässerung der gewalzten Strecke aus. Nun pumpt ein Dieselaggregat der Baustelle eigenes Wasser herauf.
Da! Plötzlich ist die Mauer unterbrochen! Dreißig Meter lang klafft die Lücke. Hier kreuzt der alte, eben noch benutzte Behelfsweg den neuen, bald freigegebenen festen Straßenverlauf. Volkspolizisten haben sich zur verstärkten Einheit versammelt und sich zu beiden Seiten der Lücke postiert.
Sie beobachten uns. Sie verfolgen uns. Nicht für einen Moment setzen sie ihre Feldstecher ab.
995 Meter lang wird das Projekt, 3,5 Millionen DM soll es kosten. Hinzu kommen 1,3 Millionen für den Leitungsbau. Das ist erst einmal die Kalkulation. Von späterer Teuerung wird nicht gesprochen. Denn auch die Versorgung mit Strom und Wasser wird künftig der Westen übernehmen.
Schon immer klagten die Einwohner über schwankende Stromspannung zwischen 110 und 140 Volt. Stärkere als 60-Watt-Glühlampen konnte man nicht verwenden, und auch der Fernseher flimmerte und flimmerte. Die Dörfler klagten über den niedrigen Wasserdruck des Potsdamer Wasserwerks. Die Badewanne zu füllen, dauerte knapp eine Stunde, und in Trockenzeiten spülten nur noch die Toiletten im Erdgeschoß.
Doch als Schikane ist dies der DDR nicht anzulasten. Ganz Babelsberg ringsum leidet an diesem Versorgungsmangel. Ja, zuweilen erlaubten sich die Behörden jenseits, das „ausländische“ Steinstücken vorrangig zu bedienen. Da fuhren drüben entlang der Mauer längst schon die Wagen mit dem Wasser, das in den Häusern des Exklave immer noch weiter aus dem Hahn floß.
Alles soll von nun an besser werden, auch wenn die neuen Herren bislang noch nicht an eine Kanalisation denken. Zu teuer würde ein derartiges Projekt für eine so kleine Gemeinde, und überdies finden sich ja auch ringsum in den Nachbarorten des sogenannten Zonenrandgebiets Sickergruben.

„Der Hubschrauber kommt über den Wald.
Er sucht nach dem Dorf S.
Er sucht nach einer Wiese.

Hühner rennen mit vorgestreckten Hälsen.
Der Hubschrauber steht in einer blauen Benzinwolke über S.
Das Gras duckt sich.
Eine Leiter wird heruntergelassen.
Soldaten klettern heraus.
Sie werden Schokolade verteilen.

Jetzt laden sie DANGER aus. Zelte. Zeltstangen. Kessel.
Eine Fahne.
Stars and Stripes. Rauch und Wolken über S.“

Es ist Herbst 1961. In der Bernhard-Beyer-Straße Nr.10 hinter dem Haus der Bezirksamts-Nebenstelle auf einer Terrasse zwischen Liegestühlen, Gartenmöbeln und Berlin-Souvenirs residiert die US-Besatzungsmacht – repräsentiert von drei GIs.
Am 23. September flogen sie mit dem Helikopter der Army ein.
Sie haben Zelte bei sich, Luftmatratzen und leichte Waffen – ein kleines Kommando, umgeben mit einem Hauch von „Geheimer Mission“. Top secret.
Und doch kennt ringsum jeder Zivilist den militärischen Alltagsablauf, die dienstlichen Patrouillen, die außerdienstlichen Spaziergänge, jede Ankunft, jeden Abflug, die Ablösung der Posten an zwei festgelegten Tagen der Woche – jeweils zwischen zehn und fünfzehn Uhr.
Das nun ist das Ende der „Offenen Gemeinde Steinstücken“.
Denn der neue militärische Schutz bringt den Bürgern auch Beschränkungen: Noch am Abend zuvor tranken sie in Babelsberg ihr Bier, nun versperrt ihnen Stacheldraht derlei Ausflüge. Für die DDR nämlich ist die US-Besetzung eine Provokation, eine „unerhörte Verletzung des Luftraums“.
Zuerst kommen die Spanischen Reiter, sie werden bis auf einen halben Meter an die Häuserzeilen vorgeschoben. Die Bürgersteige werden DDR-Territorium. Dann folgen die Beobachtungstürme. Scheinwerfer werden installiert, der Kahlschlag erweitert, der Stacheldraht verdichtet.
Zwischenfälle lassen nicht auf sich warten: Volkspolizisten werfen Steine auf das feindliche Flugfeld, die Amerikaner antworten mit Tränengas- und Rauchgranaten. Einem Sergeanten reicht die lasche Reaktion nicht aus, er betrinkt sich, schießt den DDR-Grenzern vier Lampen aus und wird dafür mit einer Strafe von 150 Dollar belegt.
Zeitweilig verstärkt die Army ihr Platoon von drei auf zwanzig Infanteristen. Vorübergehend landen auch Pioniere und bauen das Airfield zur Airbase aus. Das US-Operationsgebiet wird zur Gefahr für die Zivilbevölkerung, es soll abgeriegelt werden, Kinder müssen von der Wiese verschwinden, die Steinstückener schimpfen: „Wir haben hier schon genug Draht! Und jetzt noch dieses Gitter für die Wiese der Amerikaner!“
Das läßt sich die Militärregierung nicht gern sagen und spendet – in direkter Nachbarschaft des eigenen Biwaks – dem Dorf einen Kinderspielplatz mit Rutsche und Röhren, mit Bänken für die Mütter und, als sinnvolle Attraktion, einen Kinder-Hubschrauber als Klettergerüst.
Später wird sich in der Erinnerung amerikanischer Reservisten „Steinstukken“ zum „little paradise“ verklären. Einer von ihnen, Honoré M. Catadul, schreibt über seine Dienstzeit ein Buch: „A Study In Cold War Politicals“.
9. Dezember 1964. Um Steinstücken beginnt der Mauerbau. Ein Arbeitstrupp von zwanzig Mann – die Bewachung nicht gerechnet – beginnt, die Betonplatten zu stapeln. Nach neun Tagen steht erst einmal der Rohbau, nach weiteren vier Monaten das fertige Werk – 230 m lang, 3,50 m hoch, 0,5 m breit.
Nun endlich, dreieinhalb Jahre nach West-Berlin, hat auch die kleine Exklave ihre Mauer!
Steinstücken wird in der Folgezeit zum Symbol der Kalten-Kriegs-Politik. 1967 fliegt der Regierende Bürgermeister Klaus Schütz mit dem Helikopter ein, Jahre später wagt er den Landweg, begleitet vom US-Stadtkommandanten, Major-General Copp, und von Zehlendorfs Bezirksbürgermeister Rothkegel. Die CDU ist längst schon da, Heinrich Lummer hatte hier zuvor schon seinen zweiten dörflichen Wohnsitz angemeldet.
Heute im August 1972, wenige Wochen vor dem „Anschluß“, suchen wir im westlichen Ortsteil lange nach dem ehemaligen Militärstützpunkt. Nur eine wildwuchernde Wiese finden wir und als Erinnerung an die einstige Funktion einen einsamen Windsack am Rande des Landefelds. Aber nebenan bespielen die Kinder weiter ihr Reich mit Rutschen und Röhren, mit Sandkasten und Klettergerät. Und auch der Kinder-Hubschrauber steht noch da und mahnt daran, daß diese besonders kalten Episoden im Kalten Krieg nicht vergessen werden.

„Die Bahngeleise zerschneiden S. in zwei Hälften.
Auf beiden Seiten Häuser.
Zäune …
Eine Straße. Eine Telefonzelle.

Die Straße macht eine Kurve.
Kein Durchgang.
Verboten.
Warnung vor dem Hunde.“

Wild- und Zaunwärter für die Parforce-Jagden der brandenburgischen Kurfürsten und ersten preußischen Könige wohnten einst hier in den Wäldern. Später kamen Kolonisten hinzu. Danach baute auf dem Gelände einer alten Försterei ein gehobenes Bürgertum seine kleinen Backsteinvillen.
Mit der Eingemeindung von Zehlendorf als zehnten Bezirk im neu etablierten Groß-Berlin wurde am 1. Oktober 1920 auch die Siedlung Steinstücken kommunalpolitisch ein Teil der Reichshauptstadt, träumte sich jedoch – von der hektischen Metropole durch Wälder abgetrennt – weiterhin durch die kommenden Jahrzehnte, bis 1947 die wechselvolle Geschichte den Ort heraushob aus der Reihe fast namenloser Gemeinden.
Auf 49 Grundstücken, sechs davon unbebaut, stehen heute 48 Wohnhäuser und 3 Ruinen. In 65 Haushalten wohnen 192 Einwohner, davon 42 Rentner und 60 Kinder, die in Zehlendorf zur Schule gehen.
Durchschnittlich einmal im Jahr meldet Steinstücken eine Geburt. Mehr Katzen als Hunde leben im Dorf. Das einzige Pferd dient weniger der Landwirtschaft als der Pädagogik: Es ist das Spielpferd einer kinderreichen Familie. 80 Prozent der Einwohner besitzen einen Telefonanschluß, so ist die einzige Telefonzelle fast überflüssig. Der Notrufmelder ist eh außer Betrieb. Wer zur Post will, muß sich ohnehin auf den Weg zur Königstraße in Kohlhasenbrück machen.
Alle Erwerbspersonen haben ihre Arbeit in West-Berlin, ein Gewerbe im Ort rentiert sich für niemanden. Neben dem Besitzer des Gemischtwarenladens gibt es als Selbständigen nur noch einen Zwischenmeister der Damenoberbekleidungs-Branche – es sei denn, man rechnet seinen Nachbarn hinzu, der als Hobby eine Champignonzucht betreibt.
Das Auto wäre eigentlich für jeden unerläßlich, und doch bleibt einer Minderheit nur das Fahrrad, bleibt das Trampen oder der Fußmarsch zur nächsten Bus-Haltestelle in Kohlhasenbrück.
Die Alten vereinsamen. Frau Scheller ist 90, die nächstjüngeren Steinstückener sind zwei Witwen von 89 und 86 Jahren. Der älteste männliche Einwohner ist der Professor Johannes Niemeyer mit 84.
Ihnen allen wird nach dem „Anschluß“ im Spätherbst 1972 die BVG mit der verlängerten Linie des 18er Bus eine neue Verbindung nach West-Berlin offerieren. Die nur sechs Meter breite Sackgasse wird an ihrem Ortsende zum 25-Meter-Wendeplatz erweitert, groß genug für den zweistöckigen Bus, der zu Steinstückens Rush Hour dem Schul- und Berufsverkehr dienen, dazwischen aber in weiten Abständen – höchstens stündlich – zumindest den wenigen Restbewohnern das Gefühl der Einsamkeit nehmen soll.
Damit wird im Herbst der private Unternehmer des Schulbus-Dienstes arbeitslos. Seit fünf Jahren versieht er seine Aufgabe mit einem feuerroten Kleinbus täglich fünfmal hin und fünfmal zurück. Seine erste Tour beginnt um 7 Uhr früh, er fährt die Kinder zunächst zur vier Kilometer entfernten Conrad-Schule in Wannsee, dann weiter zur Dreilinden-Oberschule und am Ende zu den öffentlichen Haltestellen für die Bus-Anschlüsse. Bei plötzlicher Unpäßlichkeit eines Schülers während des Unterrichts legt er eine Extratour ein.
Am 19. September 1958 etablierte das Bezirksamt Zehlendorf in der Exklave eine hauptamtlich besetzte Nebenstelle. Der Amtsstellenleiter besaß weitreichende Befugnisse, die Ordnungs- und Verwaltungsfragen zu regeln. Der erste Amtsträger, Herr Reichow, wurde sieben Jahre später abgelöst, zu viel Reibereien hatte er mit den DDR-Grenzposten. Sein Nachfolger, Herr Grützmacher, verstand sich besser mit der Volkspolizei und scheute sich auch nicht vor gelegentlichen Verhandlungen mit dem Regimentskommandeur.
Denn nicht nachgeordnet ist dieser Posten, er fordert in Krisenzeiten manche einsame Entscheidung, manches interne Ost-West-Gespräch, das nicht immer unbedingt auf das Berlin-Festland dringen mußte.
Nun residiert im sechsten Jahr Frau Ursula Bohlmann in dieser Dépendance des Bezirks Zehlendorf. Die Amtsstube in der Bernhard-Beyer-Straße Nr. 10 ist nicht immer besetzt, doch stört das niemanden, denn Frau Bohlmann wohnt privat ein paar Häuser weiter.
Die Polizei in Steinstücken gehört schon zur Legende. 1951 noch logierte die Ordnungsmacht des Innensenats an der Bernhard-Beyer-Straße Nr. 6 in zwei Zimmern mit Telefon, Schreibtisch, Stuhl und Couch. Seit zwanzig Jahren ist der Posten verwaist. Nachdem die DDR einem ablösenden Wachtmeister die Durchfahrt sperrte, stoppt seitdem der West-Berliner Streifendienst seinen Funkwagen in Kohlhasenbrück und begnügt sich mit einem Alarmdienst hinter sicherer Grenze.
In alter Krisenzeit wurde eine Siedlerwehr gegründet, um den Feuerwehrschutz zu versehen. Schnell geschult an Hydrant, Behelfswagen mit Schlauch und Standrohr, waren die Männer den Eingeschlossenen nicht nur eine moralische Stütze, sie halfen auch beherzt beim einzigen großen Sturm vor Jahren.
Heute ist Rettung kein Problem mehr. Frau Bohlmann unterhält eine Direktleitung nach Wannsee. Den „112-Ruf“ kann sie umgehen.
„Ich lege den Hörer auf, gehe zur Grenze, keine acht Minuten, und melde dem DDR-Posten die angeforderte Hilfe. Und während dieser sich meine Geschichte noch anhört, hebt sich drüben schon der Schlagbaum für Krankenwagen oder Feuerwehr.“

„In Kohlhasenbrück an der Grenze nach S.
ein Fahrradständer, überdacht.
Mülltonnen.
Abfälle neben den Mülltonnen.

Ein Sandweg, ansteigend, an seinem Ende
eine Schranke, rot und weiß, geschlossen.
Dreh dich nicht um der Tod steht hinter dir.

Zwei Fahnen.
Die eine schwarz-rot-gold mit dem Emblem.
Die andere rot.

Der Soldat setzt sein Fernglas ab.
Ein Neuer, ruft er.
Kann passieren, sagt der andere.
In Ordnung, sagen beide.“

Otto und Anna Lorenz sind nicht mehr. Vor Jahren ging ihr Bild durch die Presse als Steinstückener Diamant-Hochzeitspaar. 84 und 81 Jahre alt.
Die beiden standen am Schlagbaum, von jenseits lächelte der Bezirksbürgermeister herüber. Blumen. Geschenke. Nun ruhen sie nebeneinander auf dem Waldfriedhof in Zehlendorf.
Auch Herr A. hatte einst einen kurzen Ruhm. Das war 1970. Seine Ehe mit einer Jugoslawin wurde weithin bekannt, aber herübernehmen in sein Steinstückener Heim durfte Herr A. seine junge Frau nicht. Sie hatte einen Ausländerpaß und hätte in West-Berlin fünf Jahre auf die Einbürgerung warten müssen. Da wurde es den Eheleuten zu dumm. So sind sie fort.
Andere sind zugezogen. Sie suchten die Ruhe vor dem Lärm und den Gefahren der Großstadt, vor Kriminalität und verschmutzten Straßen, wollten unbelästigt bleiben von unliebsamen Freunden und Verwandten.
„Schon ’53 sind wir weg von Zehlendorf. Jeden Sonntag der Sonntagsbesuch. Das hielten wir einfach nicht mehr aus.“ Und wenn nun die Straße offen ist? „Dann ist unser Haus zu.“
„Das hier war ein Paradies. Nun kommt jeder rein.“ Aber stört nicht die Mauer? „Eine Mauer hat auch etwas Gutes, da kann keiner verloren gehen.“
„Wegen dieser neuen Straße hat uns keiner gefragt. Wir haben ja alles, was wir brauchen. Aber mit der Ruhe ist es nun aus!“
Die einen oder anderen Dorfbewohner erkennen zwar die Vorteile der neuen Regelung, trennen sich aber ungern von der liebgewordenen Abgeschiedenheit der vergangenen Jahrzehnte. Sie fürchten eine Flut von West-Berlinern, die nun wochentags hier herumkrauchen werden. Sie fürchten aber auch drohende Bauarbeiten für die neuen Versorgungsleitungen, fürchten vor allem den Einzug der Kriminalität. Parkende Autos wird man wieder abschließen, Haus- und Wohnungstüren wieder verriegeln müssen.
„Und wieder hört man die Äxte! Eben noch fällten sie für ihre Sicht- und Schußfelder die Bäume drüben, jetzt schlagen sie sie hier für so eine Avus.“
Von Neubauten blieb die Exklave so gut wie verschont. 1956 versuchte man sich an einem größeren Projekt, einem Altersheim der Inneren Mission. Es blieb unvollendet, steht nun leer und verwahrlost im Wege herum.
1968 wagte sich ein Fuhrunternehmer als Bauherr an die Errichtung eines ersten – und auch einzigen – Objekts des Sozialen Wohnungsbaus. Die Kreditgesellschaft hatte ihm die Mittel für vier Wohnungen bewilligt, doch dem Architekten Alfred Zschach war es nicht vergönnt, seine Arbeit aus der Nähe zu verfolgen, sein Bauleiter mußte im Ort seinen zweiten Wohnsitz nehmen. Die Kosten stiegen und stiegen.
Nach diesem Fiasko verloren weitere Kreditgeber die Lust an einem Steinstückener Bauboom.
Den Bewohnern hier reichen ihre kleinen einstöckigen Giebelhäuser – teils mit edelweißgeschmückten Fensterläden. Die ersten dieser Eigenheime stammen aus der Jahrhundertwende, die späteren aus den Zwanziger und Dreißiger Jahren. Kleine Villen sind es, damals schon für die Isolation geplant, für eine kleine bescheidene Weltflucht.
Die spätere Grenze war noch eine Dreingabe.
Zusätzlich in sich geteilt ist der Ort durch den Bahndamm der Reichsbahn-Güterstrecke Berlin-Belzig. Das Überschreiten der Geleise, ohne in Konflikt mit dem DDR-Territorium zu geraten, führte zu immer neuen Ärgernissen. 1965 endlich fand der West-Berliner Senat in seinem Haushalt die Mittel zum Bau einer Fußgängerbrücke – 32 Meter lang, 21 Tonnen schwer, Kosten: 120 000 DM.
Doch eine innigere Dorfgemeinschaft schuf die Brücke kaum. Der linke Ortsteil blieb weiterhin die reichere, der rechte die ärmere Gegend.
Fünf Jahre ist es her, seit sich die Steinstückener fast geschlossen zusammenfanden. Es war der 13. November 1967 – zum Ball der Freiwilligen Feuerwehr. Gefeiert wurde die Wiedereröffnung der einzigen Gaststätte. Es gab Freibier. Doch bald schon wurden dem alten Wirts-Ehepaar die Anstrengungen zu viel. Sie machten den Zapfhahn zu und schlossen das bescheidene Restaurant. Doch erscheint den Dörflern der Verlust nicht allzu groß. Wer von ihnen geht abends noch aus dem Haus? Man bleibt in seiner Wohnung, auf seinem Grundstück, in seinem Garten, hinter seinem Zaun.

„Der Mann ist mittelgroß. Trägt eine braune Jacke.
Ungefähr fünfzig Jahre alt. Brillenträger.
Scheinwerfer werden eingeschaltet …
Das müssen wir allein abmachen …

Die Leute von S. hören keinen Lautsprecher mehr.
Irgendwo muß der Mann doch stecken.
In welchem Keller?
In welcher Scheune?

Die Frau hinterm Ladentisch sagt
Negerküsse sind unser großes Geschäft …
Von mir erfährt keiner was.
Das haben schon viele gesagt.“

An vieles aus der Vergangenheit erinnert sich heute niemand mehr gern: Wie viele DDR-Bürger wählten für ihre Flucht diese Exklave? Wie viele mußten zurück – doch wohl eher gewaltsam als freiwillig? In welchem Garten verhaftete am 6. August 1958 der VoPo-Unteroffizier Manfred Anlauf den republikflüchtigen Bürger Lothar Kratzsch?
Wer im Ort hatte sich bei derlei Aktionen strafbar gemacht? Wer wollte wem etwas nachsagen?
Hier gab es andere Gesetze. Von draußen ließ sich gut reden, im Notfall war niemand zur Stelle. Jeder mußte alles mit sich allein abmachen.
Dennoch ermittelte in diesem Fall die West-Berliner Justiz wegen unterlassener Hilfeleistung. Der eine soll dem Verfolgten den Unterschlupf, der andere ihm sogar ein Glas Wasser verweigert haben. Von einem dritten fielen die harten Worte: „Verschwinden Sie!“ Zwanzig Zeugen wurden geladen, jeder wurde gezwungen, gegen jeden auszusagen, ein Nachbar gegen den anderen. Es kam nichts dabei heraus. Übrig blieb nur in der Presse die Schlagzeile: „West-Berlin terrorisiert Steinstücken“.
Dann natürlich die Haftstrafen: Für den einen 2 Jahre und 8 Monate in Leipzig, für den anderen – nach dessen Flucht in den Westen – 10 Monate in Moabit.
„Seht euch dieses Schwein an!“ Wer denunzierte wen? Wer nannte wen einen Denunzianten? Es wurde viel schmutzige Wäsche im Dorf gewaschen. Sich aber Polizeibefugnisse anzumaßen und dem Nachbarn zu verbieten, im Laden Bier zu kaufen, ging doch wohl zu weit!
Das hier war immer eine Kolonie der „Rechtschaffenden“.
Drei Kunststudenten, bei Professor Niemeyer zur Miete, trugen das Abzeichen der Ostermarschierer. Es war das aufrührerische Jahr 1965. Da wurde in dieser Gemeinde der biederen Bürger derlei Protest gleich zur Provokation, ja zur Verschwörung gegen Frieden und Freiheit.
Ein US-Student floh nach einem Verkehrsunfall aus West-Berlin in die scheinbar sichere Exklave. Military Police und deutsche Polizei konnten ihn nicht verfolgen. Wohl aber die Steinstückener. In diesen Zeiten waren Studenten die „verlausten Affen“.
Zeitungen und Fernsehen spielten immer wieder mal die eine, mal die andere Affäre hoch. Nein, man wollte nicht die von allen Seiten belagerte Festung sein.

„An dem Haus hinter dem Haus ist eine Treppe.
Die Tür am Ende der Treppe ist verschlossen.
An der Tür hängt ein Schild.
Johannes Niemeyer ist in den Dahlien.

Johannes Niemeyer geht durch den Garten.
Johannes Niemeyer hat einen Strohhut auf.
Sooft er sich wendet, sieht er
auf Begrenzungen …
Das Leben macht Mühe.“

Es sind Verse von Rolf Haufs aus seinen Gedichtbanden „Das Dorf S. und andere Geschichten“, „Straße nach Kohlhasenbrück“, sowie aus weiteren Büchern.
Rolf Haufs, Schriftsteller, Jahrgang 1935, kam von Rheydt nach Berlin, zog sich als dann für einige Zeit nach Steinstücken zurück. Der Professor vermietete ihm gleich nebenan ein kleines Haus, das heute verfallen ist. Hier lebte er mit der Bevölkerung in Frieden, aber auch mit ihren Intrigen, kehrte dann in die Stadt zurück und quartierte sich in Kreuzberg ein.
Johannes Niemeyer, Professor der Architektur und Malerei, Jahrgang 1888, lebt weiter in Steinstücken – nun schon seit 43 Jahren. Studenten wohnen bei ihm, wenn sie ihm das Holz hacken, ermäßigt er ihnen die Miete.
In den Zwanziger Jahren gehörte er zur Avantgarde, er baute Landhäuser und Villen, er malte Landschaften – immer wieder Wald, Wasser und Blumen. Und immer wieder malt Johannes Niemeyer seinen Garten, die Dahlien, die Lupinen, die überwucherten Wege, malt das Ende seines Gartens an der Grenze …
In eine neue Zukunft blickt der Ort, doch vieles wird beim alten bleiben. Wenn auch nicht mehr als „Exklave“ abgeschnitten, so bleibt er doch abgelegen, sicher noch für lange Zeit, auch wenn diese neue, diese schöne neue Straße ihn mit dem Festland Berlin verbunden haben wird.
Am Ende wird Steinstücken weiterleben wie hinter den Wäldern.

Auszug aus dem Buch „Paradies zwischen den Fronten“ von Rudolf Lorenzen

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One thought on “Paradies zwischen den Fronten. Zwölf Hektar machen Geschichte

  1. Herr Hund

    Endlosscrollen, so viele Worte. Und kein Absatz, kein Bild, wo man sich kurz ausruhen und ein mitgebrachtes Salamibrötchen essen könnte.
    Es muss wohl sein, denn RL interessiert mich doch sehr. Ich suche jetzt nur noch die Zeit dafür………..

    Freundlichst
    Ihr Herr Hund

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