Nein, vielen Dank!

Von Benjamin Stein

Wenn sich Autoren treffen, um darüber zu diskutieren, wie sie sich ihr Schreiben in der nahen Zukunft vorstellen, möchte man annehmen, es ginge um Formfragen, um Genrewahl, Sprache – kurz: um das Wie? Denke ich dieser Tage übers Schreiben nach, dringe ich bis zum Wie gar nicht vor, denn ich komme an der Sinnfrage nicht vorbei: Schreiben im Jahr 2020? Ja, wozu denn?

Es ist, wie es sich anhört: Ich bin verdrossen. Und wenn es um mich und ums Schreiben geht, bedeutet das schon was. Seit ich 10 war, wollte ich Schriftsteller sein und natürlich rund um die Uhr und ganz und gar und ohne Kompromisse. Ich muss mir meinen Verdruss also ein wenig genauer ansehen. Warum kommt mir die Vorstellung, einen weiteren Roman zu schreiben, so unnütz vor, so wenig »lohnend«?

In der Art, wie ich die Frage stelle, steckt schon viel von der Antwort. Was bedeutet im Zusammenhang mit Literatur »lohnend«? Und warum rede ich geradezu automatisch von einem weiteren Roman?

»Lohnend«, das hatte für mich im Hinblick auf Literatur nie etwas mit kommerziellem Erfolg zu tun. Wenn ich mir etwas von meiner künstlerischen Arbeit gewünscht habe, dann dies: dass sie für einige Menschen wirklich etwas bedeutet. Es gibt Bücher, die mich verändert, die mir die Augen geöffnet haben. Solche Bücher wollte ich schreiben. Pathetisch, aber weniger wollte ich nie. Ich dachte tatsächlich, genau dafür sei Literatur da.

Schaue ich mich heute um, scheint die Literatur vor allem für den Betrieb da zu sein. Dabei handelt es sich um ein Kommerzding aus der Unterhaltungsbranche. Aus den meisten von Unternehmerpersönlichkeiten geführten Verlagen sind als Profit Center innerhalb von Konzerngebilden geführte »Marken« geworden. Verkaufszahlen, Long- und Shortlisten und sonstwas für Rankings sollen uns bekümmern, denn nur vom Verkauf leben schließlich jene, die uns die Gnade erweisen, unsere Bücher zu drucken oder zu besprechen. So groß ist die Flut der Novitäten, dass schon von Glück reden kann, wer sechs Wochen nach Erscheinen noch in den Regalen der Buchhandlungen behalten wird. Damit ein Buch überhaupt diese Chance erhält, bemerkt zu werden, muss das Gesamtpaket passen. Das Genre zuerst. Gedichte oder Erzählungen gehen nicht. Ein Roman muss es sein, mindestens 300 Seiten, flüssig erzählt, ohne spürbaren Verlust auf Hörbuchlänge kürzbar und natürlich bestens zu verfilmen. Dann bitteschön soll der Autor noch Leib und Seele dran geben. Am besten schreibt man in seinem ganzen Autorenleben nur ein einziges Buch: die total authentische, streamlined verthrillert witzige true story, die mit dem eigenen Leben und Leiden durch und durch beglaubigt ist. Interviews, Fotos, Lächeln hier und performen dort. Wer nicht ein großer Entertainer ist und mehrere Sprachen fließend spricht beim Springen durch den Feuerreifen, der kann gleich zu Hause bleiben. Von wegen Kanon und Ewigkeit und Reden über die letzten Dinge! Den Zirkus mitmachen oder nicht wahrgenommen werden – das, will uns der Betrieb weismachen, seien die einzigen Optionen.

»Nein, vielen Dank!« So sagt es Cyrano de Bergerac im gleichnamigen Theaterstück von Edmond Rostand. Das lohnt zu lesen:

»Wie soll ich’s halten künftig? / Mir einen mächtigen Patron entdecken / Und als gemeines Schlinggewächs dem Schaft, / An dem ich aufwärts will, die Rinde lecken? / […] / Niemals! Soll ich als lust’ger Zeitvertreiber / Nach großem Ruhm in kleinem Kreise spähn […] / Für meine Verse dem Verleger, / Der sie mir druckt, bezahlen runde Summen? / […] Vor jedem Literatenklatsch erblassen / Und eifrig forschen: Werd ich anerkannt? / Hat der und jener lobend mich genannt? / Niemals! Stets rechnen, stets Besorgnis zeigen, / Lieber Besuche machen als Gedichte, / Bittschriften schreiben, Hintertreppen steigen? / Nein, niemals, niemals, niemals! – Doch im Lichte / Der Freiheit schwärmen, durch die Wälder laufen, / Mit fester Stimme, klarem Falkenblick, / Den Schlapphut übermütig im Genick, / Und je nach Laune reimen oder raufen! / Nur singen, wenn Gesang im Herzen wohnt, / Nicht achtend Geld und Ruhm, mit flottem Schwunge / Arbeiten an der Reise nach dem Mond […]«

Wie beruhigend! Seit 1897, als Rostand dies schrieb, hat sich wenig geändert. Es geht uns Schreibenden nicht besser und nicht schlechter als vor 120 Jahren. Wenn ich das Buch nicht als Ware betrachte und mich vom Betrieb nicht zum »content provider« in Selbstvermarktungs-Ich-AG machen lasse, dann könnte es gehen. Warum nicht zurückkehren zur Lyrik, mit der ich einmal angefangen habe? Warum nicht versuchen, die short story zu meistern, einfach nur der Herausforderung wegen? Oder irgendwas in Prosa machen, das zwischen den Genrewelten balanciert, ohne Rücksicht auf die Frage, ob ein Vertreter das verticken kann. Das könnte ein Heilmittel sein gegen den Verdruss. So könnte ich tatsächlich auch 2020 noch – oder wieder – schreiben.

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