C wie Charlottenburg

Von René Hamann

Es war ein dunstiger Tag im November, als ich mich nach Charlottenburg aufmachte. In diesem Stadtteil bin ich schon einmal gewesen, ich habe sogar schon einmal dort übernachtet, was allerdings lange her ist, das war bei meinem ersten Besuch in Berlin 1993. Wir teilten zu fünft eine uns fremde Wohnung. Irgendwo in Charlottenburg. Damals hatten wir ein Auto, einen weißen Mercedes, der es uns ermöglichte, des Nachts durchs Brandenburger Tor zu fahren. Gute, alte Zeiten. Lange vorbei. Heute musste ich mit der U-Bahn fahren. Mit der U2, um genau zu sein. Schönhauser Allee stieg ich ein.
Leider bin ich wohl vorher in herumliegende Hundefäkalien getreten, was mir erst Märkisches Museum auffiel. Zum Glück war der Wagon leer, ich stellte den betroffenen Schuh vorsorglich fest auf den Boden. Bis Gleisdreieck ging alles gut, dann stieg eine Schulklasse zu. Aufgekratzte Mädchen und Jungs, die sich verschwörerisch um den Ort der Schande herumdrapierten; mir gegenüber eine zufällige Reihe Rotjacken, direkt neben mir die Lehrerin. Nach drei Stationen begann die dem Schuh am nächsten platzierte Rotjacke, ein Mädchen mit furchterregend baumelnden Zöpfen, das erste Mal „Hier stinkt’s voll“ vor sich hin zu stammeln; noch hatte sie mich als Herd nicht ausgemacht. Auch schien sie eher von der unauffälligeren Sorte zu sein, die anderen jedenfalls reagierten nicht. Zum Glück stieg ein Strubbelhund mit Dame („Der heißt Max!“) zu, der für genügend Ablenkung sorgte. Ich beschloss, bei der nächsten Volksabstimmung gegen die Einführung von Schuluniformen zu stimmen und sah nervös dem Abgang der Schulklasse an der Deutschen Oper entgegen.
Ich stieg am Sophie-Charlotte-Platz aus und trottete verschämt einigen Seniorinnen hinterher. Als ich versuchte, den Schuh an Gras und Stein sauber zu machen, pfiff mir ein eisiger Wind um die Ohren; meine Mütze hatte ich offensichtlich in der Bahn vergessen. Ein wunderliches, kinderloses Pärchen blaffte mich an, weil ich bei Rot die meilenweit autofreie Straße zum Schloss überquerte. Das Schloss wartete mit absurden Eintrittspreisen auf; an dem See dahinter, nicht viel mehr als ein Karpfenteich, wurde ich von einem böse dreinschauenden Schwan verscheucht. Dann setzte Schneeregen ein. Charlottenburg meinte es nicht gut mit mir.

Auszug aus dem Buch „Das Alphabet der Stadt. Berliner Szenen“ von René Hamann

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