Lesen macht einsam

Von Peter O. Chotjewitz

Mit den Jahren kam
Bücher bis zur Haustür
die Eigentorheit

Aus dem Band „Tief ausatmen“ von Peter O. Chotjewitz, mit Zeichnungen von Fritz Panzer herausgegeben von Cordula Güdemann und Jörg Sundermeier

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Die Pflicht

Von Erich Mühsam

Jüngst war der Tod bei mir zu Gast …
Unsichtbar stand er und hat still
und prüfend meinen Puls gefaßt,
als fragt er, ob ich folgen will.
Da ward mein Körper schwebend leicht,
und in mir ward es licht und rein.
Ich spürte: Wenn das Leben weicht,
muß Seligkeit und Süße sein.
Willkommner Tod, du schreckst mich nicht;
in deiner Obhut ist es gut,
wo Geist und Leib von aller Pflicht
von Kerkerqual und Ängsten ruht …
Von aller Pflicht? Stirbt denn mit mir
der Krieg, das Unrecht und die Not?
Des Armen Sucht, des Reichen Gier –
sind sie mit meinem Ende tot?
Ich schwur den Kampf. Darf ich ihn fliehn?
Noch leb ich – wohlig oder hart.
Kein Tod soll mich der Pflicht entziehn –
und meine Pflicht heißt: Gegenwart!

Aus dem Band “Das seid ihr Hunde wert! Ein Lesebuch” von Erich Mühsam, herausgegeben von Manja Präkels und Markus Liske

Tödliche Interpunktion

Von Giwi Margwelaschwili

Zwei Verliebte, das reimt sich.
Das ist mitunter
ein sehr glücklicher Vers
aus zwei oder mehreren Zeilen.
Das ist wie füreinander erdacht
und erschaffen. Das stimmt
in allen Teilen goldig zusammen.
Das läßt sich, einzeln genommen,
meistens auch gar nicht verstehen.
Das ist ein sehr geschlossner Text,
ohne Kommas innen und
ohne jeden Punkt.
Das geht auch nur zu Ende,
wenn einer den Schlußpunkt setzt.
Das stirbt
an Interpunktion.

Aus „Verfasser unser. Ein Lesebuch“ von Giwi Margwelaschwili (herausgegeben von Kristina Wengorz und Jörg Sundermeier)

Ich möchte Gott sein und Gebete hören

Von Erich Mühsam

 

Ich möchte Gott sein und Gebete hören,
Und meinen Schutz versagen können,
Und Menschenherzen zunichte brennen,
Und Seelenopfer begehren.
Und möchte Erde, Welt und All vernichten,
Und Trümmerhaufen über Trümmer schichten.
Dann müßte ein Neues entstehn –
Und das ließ‘ ich wieder vergehn.

 

Aus dem Band „Das seid ihr Hunde wert! Ein Lesebuch“ von Erich Mühsam, herausgegeben von Manja Präkels und Markus Liske

Die Hitlerpralinen

Von Sarah Schmidt

Schuld ist, wie an vielem anderen, meine Mutter. Entweder sie oder Mutter Natur, was aufs Gleiche hinausläuft. Jedenfalls hatte sie, als sie eines Morgens aufwachte, gewusst, dass sie es nicht länger ertragen konnte schwanger zu sein. Sie packte eine Tasche, kochte noch schnell das Mittagessen vor und setzte sich dann in eine rumpelnde Straßenbahn. Beim katholischen Kreiskrankenhaus stieg sie aus, klingelte am Kreißsaal und setzte ihren Plan in die Tat um.
Danach wurde sie in einem Zimmer mit zehn anderen Wöchnerinnen untergebracht. Dort empfing sie völlig überraschend die Glückwünsche der anderen Frauen.
Überraschend nicht etwa, weil ich ein hässliches Baby war, nein, die anderen Frauen waren neidisch, denn ich war das einzige Kind, das in diesem Krankenhaus an diesem Tag geboren wurde. Die anderen Frauen waren zu früh oder zu spät dran, so dass die überraschende Ehre ganz allein meiner verdutzten Mutter zukam. „Frau Schmidt, das haben sie aber prima hinbekommen. So ein niedliches, kleines Mädchen mit blonden Löckchen. Ihr fünftes Kind, sagen Sie? Donnerwetter und das auch noch ausgerechnet an Führers Geburtstag.“
Meine Mutter war noch von den vorausgegangen Schmerzen benebelt, so dass sie nicht gleich verstand. „Was für ein Führer?“ fragte sie.
„Na unser Adolf. Der hätte doch heute auch Geburtstag, genauso wie ihre kleine Tochter. Und dann ist es noch ihr fünftes Kind. Wenn die Russen nicht gekommen wären, hätten Sie jetzt das Mutterverdienstkreuz bekommen. Und ihre Tochter, die hätte vielleicht jedes Jahr zu ihrem Geburtstag eine Pralinenschachtel vom Führer persönlich geschickt bekommen.“
Es wurde noch ein wenig darüber spekuliert, ob er wohl auch Glückwunschkarten verschickt hätte, während meine Mutter sich erst übergab und danach so tat, als wäre sie wieder eingeschlafen.
Als Kind war ich immer ein bisschen enttäuscht, dass mir die Hitlerpralinen entgangen sind. Ob ich wohl schulfrei bekommen hätte, oder hätte die Klasse vor mir strammgestanden und meine Lehrerin mir vielleicht eine Urkunde überreicht? Obwohl ich insgeheim der Meinung war, dass sie mir zugestanden hätten, war ich überzeugt, dass ich diese Pralinen nie gegessen hätte. Schon weil die sicher ganz eklig gewesen wären und vielleicht auch vergiftet.
Wer weiß schon, ob Hitler nicht den Geburtstag nur für sich alleine haben wollte? Manchmal, wenn mir ganz elend zumute war, verschenkte ich die Hitlerpralinen in meiner Phantasie an besonders blöde andere Kinder, die dann schnell verschwanden. Fragen, das Aussehen der Schokobomben betreffend, stellte ich mir selbstverständlich auch. Sie wären sicher aus bitterer Herrenschokolade gewesen, klar, woraus auch sonst. Entscheiden, ob auf jeder Praline oder nur auf der Schachtel ein Hakenkreuz zu sehen gewesen wäre, konnte ich mich nicht.
Später, als junge, erwachsene Kreuzbergerin, konnte ich selten Geburtstag feiern, denn alle meine Freunde waren an diesem Tag auf Demos, für Fahrwachen eingeteilt oder verkloppten eben die Nazis, die des Führers Ehrentag feierten.
Doch irgendwann bestand ich darauf, dass mein Geburtstag gefeiert wurde. Das war die Zeit, in der ich oft von der Polizei besucht wurde. Selbstverständlich lebte auch in meinem Haus der Idiot, der immer wieder wegen Ruhestörung die Bullen rief. Kurze Zeit später standen sie vor meiner Tür. Und nicht wie bei anderen Ruhestörern der KOB ein Polizist allein oder Toto und Harry, nein, bei mir lief regelmäßig ein ganzer Trupp in Kampfmontur auf – wer an diesem Tag feierte, war automatisch extrem verdächtig, dem Adolf zu huldigen.
Ich machte die Tür auf, wurde bedrängt, was hier los sei und antwortete wahrheitsgemäß: „Wir feiern!“
„Was wird hier gefeiert?“
„Geburtstag.“
Der war damit dann meistens zu Ende, die Wohnung wurde geräumt, nur manchmal half es, wenn ich den Bullen verzweifelt meinen Personalausweis unter die Nase hielt und schrie. „Mein Geburtstag. Nicht Hitlers. Hier steht’s! 20. April. Das ist heute. Mein Geburtstag.“
Einmal fiel mein Geburtstag mit dem Berlin-Besuch des amerikanischen Präsidenten Reagan zusammen. In Kreuzberg erreichte damals der sogenannte Lappenkrieg seinen Höhepunkt. An unzähligen Häusern und Wohnungen hingen antiamerikanische Transparente aus den Fenstern, die die Politik der USA anklagten. Der Senat beschloss, dass diese Transparente dem Ansehen der Stadt und vor allem den deutsch-amerikanischen Beziehungen schadete und entblödete sich nicht die Polizei anzuweisen, ein jedes zu entfernen. Über Wochen gab es ein lustiges Hin und Her, denn kaum war ein Transparent entfernt, hingen aus den Nachbarwohnungen neue.
Mein Geburtstag wurde in diesem Jahr gefeiert, indem wir zu zehnt in der Küche saßen, mit roter Farbe alte Bettlaken besprühten und diese an der Hausfassade befestigten. Danach aßen wir Kuchen, tranken Sekt und waren laut. Die bald herbeieilenden Ordnungskräfte waren durch ihre Dauereinsätze verwirrt und müde und hatten an diesem Tag zudem noch die Aufgabe, Führerfeiern zu verhindern. In ihrer politischen Schulung hatten sie gelernt, dass nicht nur die Linken sondern auch die Rechten gegen die Politik der USA sind. Sie zählten eins und eins zusammen – Antiamerika-Transparent und eine offensichtliche Geburtstagsfeier – und vergaßen dabei vollkommen bis drei zu zählen, sonst hätte ihnen nämlich klar werden müssen, dass sie mitten in Kreuzberg 36 sicher nicht auf Nazis stoßen würden. Außerdem vergaßen sie zu klingeln und traten stattdessen gleich meine Wohnungstür ein.
Wieder ein Geburtstag, der mir versaut wurde und den ich gemeinsam mit meinen Freunden und unseren damals noch sehr kleinen Babys in kargen Zellen verbrachte. Zumindest aber war er originell.

Aus „Bad Dates“ von Sarah Schmidt

Bundesstraße Vier

Von Rudolf Lorenzen

»Fahnen«, sagte der Chef, »sind kein Artikel wie jeder andere. Darum sind wir Fahnenfabrikanten auch keine gewöhnlichen Industriellen. Wir sind empfindsam und feinnervig, wir handeln mit Gefühlen, wir haben Herz. Sehen Sie mich an.«
Hinter der Abzweigung Bordesholm meinte er: »Die Welt ist schön, Deutschland ist schön, rechts der Bordesholmer See, sehen Sie die Möwen, das sind Lachmöwen, links das Dosenmoor, da sollten Sie mal hin, wenn die Heide blüht.«
Rosi sah rechts auf den See, links auf das Moor, die Möwen lärmten, sie sah auf ihren Chef, der neben ihr im Wagen am Steuer saß. Er fuhr mit ihr erst nach Hamburg, am nächsten Tag würden sie weiterreisen – über Hannover, über Kassel nach Frankfurt. Dort tagte ein Kongreß der Werbemittelfabrikanten.
»In Hamburg«, erklärte der Chef, »besuchen wir den Segelclub Blau-Weiß, der braucht Tischbanner, dann fahren wir zu den Poseidon-Gummiwerken, die planen, ihre Wandergruppe mit Hängewimpeln auszustatten. Vielleicht können wir denen kurzerhand schon mal zwei, drei Entwürfe skizzieren? So ein bißchen genial, Sie verstehen? Sie haben das doch auf der Kunstschule gelernt, oder?«
Rosi blickte ihren Chef an. Karl-Egon Fromm, Fahnen-Fromm Kiel – seit hundertzwanzig Jahren, über dreihundert Arbeiter und Angestellte, im Studio zwei Designer mit zwanzig Zeichnerinnen.
Die Anstellung war für Rosi, gerade einundzwanzig geworden, ein guter Start. Nach drei Wochen schon durfte sie mit dem Chef auf Reisen, durfte mit ihm auf die Tagung in Frankfurt. Herr Fromm hatte ihr ein Lederkleid gekauft, beige und sehr kurz. »In Hamburg«, versprach er, »haben wir Zimmer im Europäischen Hof reserviert. Sie werden sich wundern, wie bekannt ist da bin. Abends essen wir bei Sellmer, die Aalsuppe wird Sie überraschen. Waren Sie schon mal in Hamburg? Aber natürlich doch. Auch schon mal auf einer Tagung?«
Rosi betrachtete ihren Chef, er trug eine flotte Reisemütze, er war noch nicht alt, vierzig oder etwas mehr, der Wagen war neu und schnell und schick, cognacfarben, ein Mercedes. Die Sonne schien, Kinder standen am Wege, Bauern arbeiteten auf Feldern, ein Mädchen winkte, Deutschland war ein Bilderbuch, ein Dorf hieß Brockenlande, die Bundesstraße hieß Nummer Vier, die Sonne schien, Rosi war jung, das Leben war schön, Rosi bewunderte ihren Chef, sie himmelte ihn an.
Er plauderte so freundlich, so leicht. »Wenn man jung ist, hat man viele Träume. Wünschen Sie sich etwas. Ich habe Verständnis für Träume. In unserem Beruf muß jeder etwas von einem Träumer haben.«
Rosi überlegte, dann sagte sie: »Ich möchte einmal in ein Autokino.« Herr Fromm lachte. »Abgemacht! In Frankfurt fahren wir ins Autokino Gravenbruch. Sie werden staunen, das Menü wird am Wagenfenster serviert, und auch der Wein. Ich werde Sie mal einen 53er Marcobrunner kosten lassen.«
Silke, dachte Rosi, ja, Silke ist nun schon ein halbes Jahr verheiratet. Und? Was ist sie nun? Hausfrau. Und was hat sie? Einen Bundesbahnmenschen, viel zu jung, kleines Gehalt, es reicht nicht hin und nicht her.
Vom Hotel werde ich sie anrufen, ich werde sagen: »Ich reise nach Frankfurt zu einer Tagung, bin nur eine Nacht in Hamburg, ich wohne im Europäischen Hof, nein, ich bin nicht allein, ich bin mit Herrn Fromm, abends essen wir bei Sellmer, schade, daß so wenig Zeit ist. Der neue Job? Ach, viel Freiheit, viel Reisen, ich habe mir ein Lederkleid gekauft, das ist praktisch für unterwegs.«
»Das ist eine typische Knicklandschaft«, erklärte der Chef, »zu Tausenden brüten die Vögel in den Knicks.« Hinter Lentföhrden ergänzte er: »Nachher kommen wir in die Hohe Geest, die stammt aus der älteren Steinzeit. Dann haben wir es nicht mehr weit bis Hamburg.«
Rosi kannte Hamburg, auf einer Klassenfahrt hatte sie mal in der Jugendherberge geschlafen. Auch im Hotel hatte sie schon gewohnt, sogar in einem Kurhotel. »Hamburg ist schön«, sagte sie, »ich war oft in Hamburg, meine Eltern hatten mir jede Reise erlaubt.«
»In Kassel«, plauderte der Chef weiter, »habe ich einen großen Kunden, einen Traditionsverband, da geht es um mehr als nur Tischbanner und Wimpel, da kriegen wir sicher einen Auftrag über hundert Fahnen und fünftausend gestickte Abzeichen für das Bundestreffen.«
Vor der Kreuzung nach Bad Bramstedt schwärmte er: »Sie hatten eine glückliche Kindheit, Fräulein Rosi, Sie werden auch eine glückliche Hand in Ihrer Karriere haben. Fahnen zu produzieren ist einer der schönsten Berufe, die es überhaupt gibt. Sie sind ein Mensch mit Glück.«
Hinter Quickborn hielt der Fabrikant an einer Raststätte. Lastwagen parkten an der Tankstelle. Fernfahrer aßen Schinkenbrote und tranken Kaffee aus großen Bechern. Eine Reisegesellschaft aus Kopenhagen tanzte auf der Gästeveranda. Die drei Musiker hatten die Dänen in Flensburg aufgetrieben, gleich engagiert und auf ihre Reise in den Urlaub mitgenommen. Nahe der deutschen Grenze hinter Padborg hatte für sie der Süden begonnen, von nun an wollten sie in all den Wochen ihrer Ferien nicht mehr ohne Musik sein.
Die drei Mann spielten: »War einst ein Mädchen weiß wie Schnee…«
»Bestellen Sie sich, was Sie wollen«, ermunterte der Chef seine Begleiterin, dann fragte er den Wirt nach dem Telefon. Rosi hätte gern ein Schinkenbrot gegessen, aber nur mit Herrn Fromm zusammen. Sie beschloß zu warten.
Erst nach einer ganzen Weile kam dieser wieder in die Gaststube, ging aber erst zu einer Gruppe von Fernfahrern. Einem der jüngeren gab er einen Geldschein, dann kehrte er an Rosis Tisch zurück. Der junge Mann begleitete ihn.
Der Fabrikant überlegte eine Rede, fand aber nicht die passenden Worte. Da kam ihm der Fernfahrer zuvor: »Bißchen laut die Dänen, finden Sie nicht, Fräulein? Aber doch lustig, was?« Die Musiker spielten nun einen Marsch, und die Reisegruppe formierte sich zur Polonaise. Der Schlagzeuger sang: »Gehn wir mal zu Hagenbeck, zu Hagenbeck, zu Hagenbeck, / Da ist ja’s Ende davon weg, / Bei Ha-gen-beck…« Gegen den Lärm hob der Lastwagenfahrer seine Stimme: »Wenn Sie noch bleiben wollen? Und tanzen wollen? Ich habe Zeit. Wir können aber auch gleich los.«
Der Chef wartete den Krach ab, auch den Applaus, dann sagte er leise, ohne Rosi anzusehen: »Das Leben ist ganz anders. Wenn man jung ist, hat man viele Träume, aber das Leben nachher ist ganz anders. In diesem Beruf weiß man heute nicht, was morgen ist. Es ist ein schöner Beruf, aber was morgen ist, weiß man nicht.«
Er drehte sich um, eilte zum Parkplatz und stieg in den Wagen.
»Das Abenteuer ging dann ja wohl schief.« Der junge Mann lachte. »Sicher ist seine Alte ganz plötzlich dahinter gekommen«, und nach einer Pause: »Oder war das Ihr Vater?« Ein Schinkenbrot, dachte Rosi, nur nicht an etwas anderes denken, oder Polonaise tanzen, nur nicht denken, Kaffee aus der Kumme, nur nicht denken…
Sie stand auf. »Bitte gehen wir«, sagte sie leise.
Vor der Kreuzung nach Bad Bramstedt erklärte der Fernfahrer, daß ihre Begegnung mit ihm reiner Zufall gewesen sei. »Ich mache sonst nie Pause bei Quickborn, da gibt es nicht einmal frische Brötchen, und der Kaffee ist kalt, die haben keine Kultur, Sie sollten mal das Schinkenbrot bei Bordesholm probieren, der Schinken kommt direkt vom Bauern.«
Nach einer Weile sagte er: »Sehen Sie die vielen Vögel in den Knicks? Ja, die norddeutsche Vogelwelt, die müßte man eigentlich mal gründlich studieren, aber unsereiner kommt ja nicht dazu, immer unterwegs. Reisen Sie auch gern?«
Rosi sah den Mann im Steuer an, er trug einen Overall und eine schmutzige Mütze. Auch ihr Vater trug eine solche Mütze, wenn er nachmittags nach Hause kam. »Ich bin aus Kiel«, erwiderte sie, »mein Vater arbeitet auf der Werft, zum Reisen hatten wir kein Geld. Nur einmal war ich mit der Schulklasse in Hamburg, da schliefen wir in der Jugendherberge.« Daß sie auch einmal in einem Hotel gewohnt hatte, verschwieg sie. Damals war sie von der Fürsorge verschickt worden, das Kinderheim war, bevor es langsam verfiel, einst ein Kurhaus gewesen.
»Ich nehme die Bundesstraße Vier gern.« Der Fahrer fing an zu plaudern. »Sie müssen hier mal vorbeikommen, wenn die Heide blüht, besonders da hinten im Dosenmoor. Lieber kurve ich natürlich im Ausland umher, aber Auslandsreisen sind in unserer Firma selten. Nun, auch Deutschland ist schön.«
Deutschland, dachte Rosi, Deutschland ist eng. Eng und häßlich.
Am Wege lümmelten sich Kinder und glotzten dümmlich den Autos nach, auf den Feldern standen faul Landarbeiter herum, ein Hausierer auf dem Fahrrad, die Koffer auf dem Gepäckständer schlampig verschnürt, schlingerte entgegen. Als er den Laster kommen sah, stieg er ab. Die Straße war eng. Rosi überlegte, was sie morgen den Kolleginnen erzählen sollte. Am besten, dachte sie, bleibe ich drei Tage zuhaus im Bett. Ein blöder Beruf, Fahnen machen, Tischbanner für Sangesbrüder und Sportveteranen.
Deutschland, ein Land voller Fahnen, voller alter Männer. In unsere Fahnen sticken wir die Träume der alten Männer.
»Die Straße ist zuweilen etwas schmal«, erklärte der Mann am Steuer, »wer sie nicht kennt, muß an manchen Stellen höllisch aufpassen.« Es fing an zu regnen. »In Kiel«, verriet er seiner Begleiterin, »bin ich oft. Eigentlich bin ich aus Rendsburg, meine Firma sitzt in Preetz, aber oft bin ich in Kiel. Da trinke ich abends mein Bier am Kuhberg bei Hansi im Kuscheleck. Vielleicht treffen wir uns da einmal? Ja, ich würde mich freuen, wenn wir uns da mal treffen.«
Am Bordesholmer See zeigte er rings in die Landschaft und fuhr fort: »Das da sind alles Lachmöwen, man erkennt sie an dem dunkelbraunen Kopf, man nennt sie auch Mohrenköpfe. Ich möchte mal wissen, wo sie herkommen, und wohin sie wieder wegfliegen. Oft komme ich hier vorbei und sehe keine einzige Möwe, nein, nicht eine einzige, dann frage ich mich: Wo sind sie alle hin? Ja, wo sind sie geblieben?«
Sie fuhren über die Eiderbrücke. Bei den ersten Häusern von Kiel fing Rosi an zu weinen. »Es lohnt nicht«, beruhigte sie der Fernfahrer, »Sie hatten eine schöne Reise heute früh, wenn auch nur bis Quickborn, ich dagegen hatte ich schöne Reise zurück mit Ihnen. Im Großen gesehen geht kein Glück verloren. Man muß es nur im Großen sehen.«
Er sang: »Es war ein Mädchen weiß wie Schnee, / Das einst spazieren ging am Bodensee…«
Rosi wischte sich die Tränen ab. »Daß mein Vater auf der Werft arbeitet«, sagte sie, »habe ich vorhin gelogen. Mein Vater ist Fabrikant, er stellt Fahnen her. Wir wollten nach Frankfurt zum Kongreß, aber mein Verlobter rief mich am Telefon zurück, wir müssen morgen nach Madrid, der Flug ist schon gebucht.«
Der Fernfahrer brach das Lied ab. »Ich sagte es Ihnen ja: Im Großen gesehen, geht kein Glück verloren.« Er wiederholte diesen Satz noch einmal, dann hielt er an und setzte das Fräulein an der Holstenstraße ab.
Rosi stieg aus, sie drehte sich nicht mehr um. Der junge Mann fuhr weiter, er sah ihr nicht hinterher.

Aus dem Buch „Kein Soll mehr und kein Haben“ von Rudolf Lorenzen

Mal wieder: Was ist deutsch?

Von Peter O. Chotjewitz

Ich schaffe es nicht zu behaupten: Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein. Gut, meine Mutter war mit Spreewasser getauft, aber mein Vater pflegte zu sagen: „Da, wo wir herkommen, war die Hälfte Polacken, die Hälfte Juden und der Rest waren Deutsche.“ Auf eine solche Herkunft kann man nicht stolz sein, zumal wir nicht mal einen Bar-Pianisten in der Familie hatten, geschweige denn einen Beethoven. Ein guter Deutscher wohnt seit tausend Jahren in Kyritz an der Knatter und ist stolz darauf, dass auch Goethe und Einstein gute Deutsche waren. Einstein nur halb, Goethe dafür doppelt.
Als ich fast 30 war, hing in meiner Wohnung an der Wand ein Manifest von Bazon Brock. Titel: „Bitte um glückliche Bomben auf die deutsche Pissoirlandschaft.“ Mein Vater schaute mich argwöhnisch an und sagte: „Der Judenjunge beschmutzt das eigene Nest.“ Irgendwie war er stolz darauf, dass er es geschafft hatte, ein Deutscher zu werden und das schon vor seiner Heirat mit einer Deutschen.
Für den so genannten kleinen Mann ist es immer wichtig, ein Vaterland zu haben, vor allem, wenn er aus dem Ausland kommt. Das Vaterland erinnert ihn daran, dass auch er eine Heimat hat, nicht nur die Ausländer.
Da ich ein Knabe war, vor dem Krieg, besuchte ich jährlich einmal die Großmutter hinterm Ofen hinten im Osten. Das letzte Mal, bei ihrer Beerdigung im November 1944, war ich zehn Jahre alt. Ich kam aus Berlin, und irgendwie, wenn ich mir dieses Kaff anschaute, wo meine Großmutter hauste, und dieses verlauste Haus, musste ich zugeben, dass mein Vater eine gute Wahl getroffen hatte. Wir hatten eine Dreieinhalbzimmerwohnung am Winterfeldtplatz mit Bad und Kachelöfen gehabt, bis wir, im Oktober 1943, ausgebombt wurden.
Das galt erst recht, als zurückgeschossen wurde, denn nun wurde zwar meines Vaters ursprüngliches Vaterland zerstört, aber sein neues vorerst nicht, und brav, wenngleich ohne großen Stolz, erfüllte er seine vaterländische Pflicht, sein altes Vaterland zu überfallen. Als Deutscher in Polen war er erheblich besser dran, denn als Pole in Deutschland. Ganz zu schweigen von den Juden in beiden Ländern.
Es gibt also bessere und schlechtere Vaterländer, aber gar kein Vaterland ist noch schlimmer. Der Patriot liebt seine Heimat, weil sie ihm Schutz bietet vor den Patrioten der anderen Nationen. Das zeigt uns, dass man sich vor fremden Patrioten in Acht nehmen muss.
Nun Worte zu den Substantiven Patriotismus und Nationalismus. Es sind Begriffe aus der politischen Zoologie. Die patriotische Horde verteidigt die Beute gegen fremde Hyänen, die nationalistische wildert in fremden Revieren. Nationalisten sind Patrioten, die sich einbilden, es ginge ihnen besser, wenn sie anderen Nationen etwas wegnehmen. Daran ist soviel richtig, dass auch die schwächeren Hyänen etwas mehr von der Beute abkriegen, wenn sie größer ist. Patrioten dagegen fressen nur ihrer eigenen Horde etwas weg.
Irgendwie verstehe ich die empfindsamen Intellektuellen, die lieber Patrioten wären als Nationalisten. Patria ist erbaulicher. Es klingt nach Sippschaft und Heimat. Natio ist nüchterner, meint nur den Geburtsort nicht den Charakter und klingt mehr wie Sippenhaft. An der Heimatfront kämpft man selber mit, zeigt also Gemeinsinn, die Nationalität dagegen ist etwas Passives. Deshalb neigen manche Menschen zum Nationalismus. Sie wollen was machen aus ihrer Nationalität.
Seine Nationalität kriegt man aufgebrummt, und wenn man die falsche hat, sehnt man sich nach der richtigen. Den meisten Menschen bleibt nichts weiter übrig, als stolz zu sein auf ihre Nationalität. Sie können froh sein, dass sie überhaupt eine haben.
An dieser Stelle wäre ein historischer Rückblick angebracht. Erst bekriegen sich die Sippen, dann die Stämme eines Volkes, dann die Völker, dann die Nationen. Sobald die Invasion aus dem Weltraum beginnt, werden alle Menschen irdische Patrioten. Dann kommt endlich auch der Inter-Nationalismus in Mode.
Momentan werden in Europa keine Kriege mehr geführt, nur noch Balkankriege. Der größte Teil der Welt gehört heute zum Balkan. Auch Bürgerkriege sind selten geworden und heißen Terrorismus. Wir haben unsere Kriege und Bürgerkriege auf die anderen Erdteile verteilt. Deshalb benötigen wir zur Zeit keine Nationalisten, nur Patrioten, die die Freiheit verteidigen. Überall wo wir sie bedrohen. Die Menschen in den anderen Erdteilen hingegen brauchen gerade heute den Nationalismus. Er ist ihre letzte Waffe gegen uns Europäer.
Das Problem mit dem Deutschtum sitzt tief. Auch die Gentechnologie ist vermutlich keine Lösung. Nehmen wir folgendes Szenario an: keine Zuwanderung mehr, keine natürliche Fortpflanzung. Ab sofort wird geklont, und in 100 Jahren leben nur noch richtige Deutsche zwischen Oder und Rhein. Nicht solche wie mein Vater und ich. Die Frage ist doch: Wie wird man überhaupt ein Deutscher? Das Bekenntnis zur deutschen Leitkultur ist mir zu wenig. Da kann ja jeder kommen und sagen: „Ich bekenne ein Deutscher zu sein!“ Worauf soll ich noch stolz sein, wenn es absolut kein Kunststück mehr ist, ein Deutscher zu sein?

Aus dem Band „Fast letzte Erzählungen 2“ von Peter O. Chotjewitz