Mal wieder: Was ist deutsch?

Von Peter O. Chotjewitz

Ich schaffe es nicht zu behaupten: Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein. Gut, meine Mutter war mit Spreewasser getauft, aber mein Vater pflegte zu sagen: „Da, wo wir herkommen, war die Hälfte Polacken, die Hälfte Juden und der Rest waren Deutsche.“ Auf eine solche Herkunft kann man nicht stolz sein, zumal wir nicht mal einen Bar-Pianisten in der Familie hatten, geschweige denn einen Beethoven. Ein guter Deutscher wohnt seit tausend Jahren in Kyritz an der Knatter und ist stolz darauf, dass auch Goethe und Einstein gute Deutsche waren. Einstein nur halb, Goethe dafür doppelt.
Als ich fast 30 war, hing in meiner Wohnung an der Wand ein Manifest von Bazon Brock. Titel: „Bitte um glückliche Bomben auf die deutsche Pissoirlandschaft.“ Mein Vater schaute mich argwöhnisch an und sagte: „Der Judenjunge beschmutzt das eigene Nest.“ Irgendwie war er stolz darauf, dass er es geschafft hatte, ein Deutscher zu werden und das schon vor seiner Heirat mit einer Deutschen.
Für den so genannten kleinen Mann ist es immer wichtig, ein Vaterland zu haben, vor allem, wenn er aus dem Ausland kommt. Das Vaterland erinnert ihn daran, dass auch er eine Heimat hat, nicht nur die Ausländer.
Da ich ein Knabe war, vor dem Krieg, besuchte ich jährlich einmal die Großmutter hinterm Ofen hinten im Osten. Das letzte Mal, bei ihrer Beerdigung im November 1944, war ich zehn Jahre alt. Ich kam aus Berlin, und irgendwie, wenn ich mir dieses Kaff anschaute, wo meine Großmutter hauste, und dieses verlauste Haus, musste ich zugeben, dass mein Vater eine gute Wahl getroffen hatte. Wir hatten eine Dreieinhalbzimmerwohnung am Winterfeldtplatz mit Bad und Kachelöfen gehabt, bis wir, im Oktober 1943, ausgebombt wurden.
Das galt erst recht, als zurückgeschossen wurde, denn nun wurde zwar meines Vaters ursprüngliches Vaterland zerstört, aber sein neues vorerst nicht, und brav, wenngleich ohne großen Stolz, erfüllte er seine vaterländische Pflicht, sein altes Vaterland zu überfallen. Als Deutscher in Polen war er erheblich besser dran, denn als Pole in Deutschland. Ganz zu schweigen von den Juden in beiden Ländern.
Es gibt also bessere und schlechtere Vaterländer, aber gar kein Vaterland ist noch schlimmer. Der Patriot liebt seine Heimat, weil sie ihm Schutz bietet vor den Patrioten der anderen Nationen. Das zeigt uns, dass man sich vor fremden Patrioten in Acht nehmen muss.
Nun Worte zu den Substantiven Patriotismus und Nationalismus. Es sind Begriffe aus der politischen Zoologie. Die patriotische Horde verteidigt die Beute gegen fremde Hyänen, die nationalistische wildert in fremden Revieren. Nationalisten sind Patrioten, die sich einbilden, es ginge ihnen besser, wenn sie anderen Nationen etwas wegnehmen. Daran ist soviel richtig, dass auch die schwächeren Hyänen etwas mehr von der Beute abkriegen, wenn sie größer ist. Patrioten dagegen fressen nur ihrer eigenen Horde etwas weg.
Irgendwie verstehe ich die empfindsamen Intellektuellen, die lieber Patrioten wären als Nationalisten. Patria ist erbaulicher. Es klingt nach Sippschaft und Heimat. Natio ist nüchterner, meint nur den Geburtsort nicht den Charakter und klingt mehr wie Sippenhaft. An der Heimatfront kämpft man selber mit, zeigt also Gemeinsinn, die Nationalität dagegen ist etwas Passives. Deshalb neigen manche Menschen zum Nationalismus. Sie wollen was machen aus ihrer Nationalität.
Seine Nationalität kriegt man aufgebrummt, und wenn man die falsche hat, sehnt man sich nach der richtigen. Den meisten Menschen bleibt nichts weiter übrig, als stolz zu sein auf ihre Nationalität. Sie können froh sein, dass sie überhaupt eine haben.
An dieser Stelle wäre ein historischer Rückblick angebracht. Erst bekriegen sich die Sippen, dann die Stämme eines Volkes, dann die Völker, dann die Nationen. Sobald die Invasion aus dem Weltraum beginnt, werden alle Menschen irdische Patrioten. Dann kommt endlich auch der Inter-Nationalismus in Mode.
Momentan werden in Europa keine Kriege mehr geführt, nur noch Balkankriege. Der größte Teil der Welt gehört heute zum Balkan. Auch Bürgerkriege sind selten geworden und heißen Terrorismus. Wir haben unsere Kriege und Bürgerkriege auf die anderen Erdteile verteilt. Deshalb benötigen wir zur Zeit keine Nationalisten, nur Patrioten, die die Freiheit verteidigen. Überall wo wir sie bedrohen. Die Menschen in den anderen Erdteilen hingegen brauchen gerade heute den Nationalismus. Er ist ihre letzte Waffe gegen uns Europäer.
Das Problem mit dem Deutschtum sitzt tief. Auch die Gentechnologie ist vermutlich keine Lösung. Nehmen wir folgendes Szenario an: keine Zuwanderung mehr, keine natürliche Fortpflanzung. Ab sofort wird geklont, und in 100 Jahren leben nur noch richtige Deutsche zwischen Oder und Rhein. Nicht solche wie mein Vater und ich. Die Frage ist doch: Wie wird man überhaupt ein Deutscher? Das Bekenntnis zur deutschen Leitkultur ist mir zu wenig. Da kann ja jeder kommen und sagen: „Ich bekenne ein Deutscher zu sein!“ Worauf soll ich noch stolz sein, wenn es absolut kein Kunststück mehr ist, ein Deutscher zu sein?

Aus dem Band „Fast letzte Erzählungen 2“ von Peter O. Chotjewitz

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