Bundesstraße Vier

Von Rudolf Lorenzen

»Fahnen«, sagte der Chef, »sind kein Artikel wie jeder andere. Darum sind wir Fahnenfabrikanten auch keine gewöhnlichen Industriellen. Wir sind empfindsam und feinnervig, wir handeln mit Gefühlen, wir haben Herz. Sehen Sie mich an.«
Hinter der Abzweigung Bordesholm meinte er: »Die Welt ist schön, Deutschland ist schön, rechts der Bordesholmer See, sehen Sie die Möwen, das sind Lachmöwen, links das Dosenmoor, da sollten Sie mal hin, wenn die Heide blüht.«
Rosi sah rechts auf den See, links auf das Moor, die Möwen lärmten, sie sah auf ihren Chef, der neben ihr im Wagen am Steuer saß. Er fuhr mit ihr erst nach Hamburg, am nächsten Tag würden sie weiterreisen – über Hannover, über Kassel nach Frankfurt. Dort tagte ein Kongreß der Werbemittelfabrikanten.
»In Hamburg«, erklärte der Chef, »besuchen wir den Segelclub Blau-Weiß, der braucht Tischbanner, dann fahren wir zu den Poseidon-Gummiwerken, die planen, ihre Wandergruppe mit Hängewimpeln auszustatten. Vielleicht können wir denen kurzerhand schon mal zwei, drei Entwürfe skizzieren? So ein bißchen genial, Sie verstehen? Sie haben das doch auf der Kunstschule gelernt, oder?«
Rosi blickte ihren Chef an. Karl-Egon Fromm, Fahnen-Fromm Kiel – seit hundertzwanzig Jahren, über dreihundert Arbeiter und Angestellte, im Studio zwei Designer mit zwanzig Zeichnerinnen.
Die Anstellung war für Rosi, gerade einundzwanzig geworden, ein guter Start. Nach drei Wochen schon durfte sie mit dem Chef auf Reisen, durfte mit ihm auf die Tagung in Frankfurt. Herr Fromm hatte ihr ein Lederkleid gekauft, beige und sehr kurz. »In Hamburg«, versprach er, »haben wir Zimmer im Europäischen Hof reserviert. Sie werden sich wundern, wie bekannt ist da bin. Abends essen wir bei Sellmer, die Aalsuppe wird Sie überraschen. Waren Sie schon mal in Hamburg? Aber natürlich doch. Auch schon mal auf einer Tagung?«
Rosi betrachtete ihren Chef, er trug eine flotte Reisemütze, er war noch nicht alt, vierzig oder etwas mehr, der Wagen war neu und schnell und schick, cognacfarben, ein Mercedes. Die Sonne schien, Kinder standen am Wege, Bauern arbeiteten auf Feldern, ein Mädchen winkte, Deutschland war ein Bilderbuch, ein Dorf hieß Brockenlande, die Bundesstraße hieß Nummer Vier, die Sonne schien, Rosi war jung, das Leben war schön, Rosi bewunderte ihren Chef, sie himmelte ihn an.
Er plauderte so freundlich, so leicht. »Wenn man jung ist, hat man viele Träume. Wünschen Sie sich etwas. Ich habe Verständnis für Träume. In unserem Beruf muß jeder etwas von einem Träumer haben.«
Rosi überlegte, dann sagte sie: »Ich möchte einmal in ein Autokino.« Herr Fromm lachte. »Abgemacht! In Frankfurt fahren wir ins Autokino Gravenbruch. Sie werden staunen, das Menü wird am Wagenfenster serviert, und auch der Wein. Ich werde Sie mal einen 53er Marcobrunner kosten lassen.«
Silke, dachte Rosi, ja, Silke ist nun schon ein halbes Jahr verheiratet. Und? Was ist sie nun? Hausfrau. Und was hat sie? Einen Bundesbahnmenschen, viel zu jung, kleines Gehalt, es reicht nicht hin und nicht her.
Vom Hotel werde ich sie anrufen, ich werde sagen: »Ich reise nach Frankfurt zu einer Tagung, bin nur eine Nacht in Hamburg, ich wohne im Europäischen Hof, nein, ich bin nicht allein, ich bin mit Herrn Fromm, abends essen wir bei Sellmer, schade, daß so wenig Zeit ist. Der neue Job? Ach, viel Freiheit, viel Reisen, ich habe mir ein Lederkleid gekauft, das ist praktisch für unterwegs.«
»Das ist eine typische Knicklandschaft«, erklärte der Chef, »zu Tausenden brüten die Vögel in den Knicks.« Hinter Lentföhrden ergänzte er: »Nachher kommen wir in die Hohe Geest, die stammt aus der älteren Steinzeit. Dann haben wir es nicht mehr weit bis Hamburg.«
Rosi kannte Hamburg, auf einer Klassenfahrt hatte sie mal in der Jugendherberge geschlafen. Auch im Hotel hatte sie schon gewohnt, sogar in einem Kurhotel. »Hamburg ist schön«, sagte sie, »ich war oft in Hamburg, meine Eltern hatten mir jede Reise erlaubt.«
»In Kassel«, plauderte der Chef weiter, »habe ich einen großen Kunden, einen Traditionsverband, da geht es um mehr als nur Tischbanner und Wimpel, da kriegen wir sicher einen Auftrag über hundert Fahnen und fünftausend gestickte Abzeichen für das Bundestreffen.«
Vor der Kreuzung nach Bad Bramstedt schwärmte er: »Sie hatten eine glückliche Kindheit, Fräulein Rosi, Sie werden auch eine glückliche Hand in Ihrer Karriere haben. Fahnen zu produzieren ist einer der schönsten Berufe, die es überhaupt gibt. Sie sind ein Mensch mit Glück.«
Hinter Quickborn hielt der Fabrikant an einer Raststätte. Lastwagen parkten an der Tankstelle. Fernfahrer aßen Schinkenbrote und tranken Kaffee aus großen Bechern. Eine Reisegesellschaft aus Kopenhagen tanzte auf der Gästeveranda. Die drei Musiker hatten die Dänen in Flensburg aufgetrieben, gleich engagiert und auf ihre Reise in den Urlaub mitgenommen. Nahe der deutschen Grenze hinter Padborg hatte für sie der Süden begonnen, von nun an wollten sie in all den Wochen ihrer Ferien nicht mehr ohne Musik sein.
Die drei Mann spielten: »War einst ein Mädchen weiß wie Schnee…«
»Bestellen Sie sich, was Sie wollen«, ermunterte der Chef seine Begleiterin, dann fragte er den Wirt nach dem Telefon. Rosi hätte gern ein Schinkenbrot gegessen, aber nur mit Herrn Fromm zusammen. Sie beschloß zu warten.
Erst nach einer ganzen Weile kam dieser wieder in die Gaststube, ging aber erst zu einer Gruppe von Fernfahrern. Einem der jüngeren gab er einen Geldschein, dann kehrte er an Rosis Tisch zurück. Der junge Mann begleitete ihn.
Der Fabrikant überlegte eine Rede, fand aber nicht die passenden Worte. Da kam ihm der Fernfahrer zuvor: »Bißchen laut die Dänen, finden Sie nicht, Fräulein? Aber doch lustig, was?« Die Musiker spielten nun einen Marsch, und die Reisegruppe formierte sich zur Polonaise. Der Schlagzeuger sang: »Gehn wir mal zu Hagenbeck, zu Hagenbeck, zu Hagenbeck, / Da ist ja’s Ende davon weg, / Bei Ha-gen-beck…« Gegen den Lärm hob der Lastwagenfahrer seine Stimme: »Wenn Sie noch bleiben wollen? Und tanzen wollen? Ich habe Zeit. Wir können aber auch gleich los.«
Der Chef wartete den Krach ab, auch den Applaus, dann sagte er leise, ohne Rosi anzusehen: »Das Leben ist ganz anders. Wenn man jung ist, hat man viele Träume, aber das Leben nachher ist ganz anders. In diesem Beruf weiß man heute nicht, was morgen ist. Es ist ein schöner Beruf, aber was morgen ist, weiß man nicht.«
Er drehte sich um, eilte zum Parkplatz und stieg in den Wagen.
»Das Abenteuer ging dann ja wohl schief.« Der junge Mann lachte. »Sicher ist seine Alte ganz plötzlich dahinter gekommen«, und nach einer Pause: »Oder war das Ihr Vater?« Ein Schinkenbrot, dachte Rosi, nur nicht an etwas anderes denken, oder Polonaise tanzen, nur nicht denken, Kaffee aus der Kumme, nur nicht denken…
Sie stand auf. »Bitte gehen wir«, sagte sie leise.
Vor der Kreuzung nach Bad Bramstedt erklärte der Fernfahrer, daß ihre Begegnung mit ihm reiner Zufall gewesen sei. »Ich mache sonst nie Pause bei Quickborn, da gibt es nicht einmal frische Brötchen, und der Kaffee ist kalt, die haben keine Kultur, Sie sollten mal das Schinkenbrot bei Bordesholm probieren, der Schinken kommt direkt vom Bauern.«
Nach einer Weile sagte er: »Sehen Sie die vielen Vögel in den Knicks? Ja, die norddeutsche Vogelwelt, die müßte man eigentlich mal gründlich studieren, aber unsereiner kommt ja nicht dazu, immer unterwegs. Reisen Sie auch gern?«
Rosi sah den Mann im Steuer an, er trug einen Overall und eine schmutzige Mütze. Auch ihr Vater trug eine solche Mütze, wenn er nachmittags nach Hause kam. »Ich bin aus Kiel«, erwiderte sie, »mein Vater arbeitet auf der Werft, zum Reisen hatten wir kein Geld. Nur einmal war ich mit der Schulklasse in Hamburg, da schliefen wir in der Jugendherberge.« Daß sie auch einmal in einem Hotel gewohnt hatte, verschwieg sie. Damals war sie von der Fürsorge verschickt worden, das Kinderheim war, bevor es langsam verfiel, einst ein Kurhaus gewesen.
»Ich nehme die Bundesstraße Vier gern.« Der Fahrer fing an zu plaudern. »Sie müssen hier mal vorbeikommen, wenn die Heide blüht, besonders da hinten im Dosenmoor. Lieber kurve ich natürlich im Ausland umher, aber Auslandsreisen sind in unserer Firma selten. Nun, auch Deutschland ist schön.«
Deutschland, dachte Rosi, Deutschland ist eng. Eng und häßlich.
Am Wege lümmelten sich Kinder und glotzten dümmlich den Autos nach, auf den Feldern standen faul Landarbeiter herum, ein Hausierer auf dem Fahrrad, die Koffer auf dem Gepäckständer schlampig verschnürt, schlingerte entgegen. Als er den Laster kommen sah, stieg er ab. Die Straße war eng. Rosi überlegte, was sie morgen den Kolleginnen erzählen sollte. Am besten, dachte sie, bleibe ich drei Tage zuhaus im Bett. Ein blöder Beruf, Fahnen machen, Tischbanner für Sangesbrüder und Sportveteranen.
Deutschland, ein Land voller Fahnen, voller alter Männer. In unsere Fahnen sticken wir die Träume der alten Männer.
»Die Straße ist zuweilen etwas schmal«, erklärte der Mann am Steuer, »wer sie nicht kennt, muß an manchen Stellen höllisch aufpassen.« Es fing an zu regnen. »In Kiel«, verriet er seiner Begleiterin, »bin ich oft. Eigentlich bin ich aus Rendsburg, meine Firma sitzt in Preetz, aber oft bin ich in Kiel. Da trinke ich abends mein Bier am Kuhberg bei Hansi im Kuscheleck. Vielleicht treffen wir uns da einmal? Ja, ich würde mich freuen, wenn wir uns da mal treffen.«
Am Bordesholmer See zeigte er rings in die Landschaft und fuhr fort: »Das da sind alles Lachmöwen, man erkennt sie an dem dunkelbraunen Kopf, man nennt sie auch Mohrenköpfe. Ich möchte mal wissen, wo sie herkommen, und wohin sie wieder wegfliegen. Oft komme ich hier vorbei und sehe keine einzige Möwe, nein, nicht eine einzige, dann frage ich mich: Wo sind sie alle hin? Ja, wo sind sie geblieben?«
Sie fuhren über die Eiderbrücke. Bei den ersten Häusern von Kiel fing Rosi an zu weinen. »Es lohnt nicht«, beruhigte sie der Fernfahrer, »Sie hatten eine schöne Reise heute früh, wenn auch nur bis Quickborn, ich dagegen hatte ich schöne Reise zurück mit Ihnen. Im Großen gesehen geht kein Glück verloren. Man muß es nur im Großen sehen.«
Er sang: »Es war ein Mädchen weiß wie Schnee, / Das einst spazieren ging am Bodensee…«
Rosi wischte sich die Tränen ab. »Daß mein Vater auf der Werft arbeitet«, sagte sie, »habe ich vorhin gelogen. Mein Vater ist Fabrikant, er stellt Fahnen her. Wir wollten nach Frankfurt zum Kongreß, aber mein Verlobter rief mich am Telefon zurück, wir müssen morgen nach Madrid, der Flug ist schon gebucht.«
Der Fernfahrer brach das Lied ab. »Ich sagte es Ihnen ja: Im Großen gesehen, geht kein Glück verloren.« Er wiederholte diesen Satz noch einmal, dann hielt er an und setzte das Fräulein an der Holstenstraße ab.
Rosi stieg aus, sie drehte sich nicht mehr um. Der junge Mann fuhr weiter, er sah ihr nicht hinterher.

Aus dem Buch „Kein Soll mehr und kein Haben“ von Rudolf Lorenzen

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