Die Hitlerpralinen

Von Sarah Schmidt

Schuld ist, wie an vielem anderen, meine Mutter. Entweder sie oder Mutter Natur, was aufs Gleiche hinausläuft. Jedenfalls hatte sie, als sie eines Morgens aufwachte, gewusst, dass sie es nicht länger ertragen konnte schwanger zu sein. Sie packte eine Tasche, kochte noch schnell das Mittagessen vor und setzte sich dann in eine rumpelnde Straßenbahn. Beim katholischen Kreiskrankenhaus stieg sie aus, klingelte am Kreißsaal und setzte ihren Plan in die Tat um.
Danach wurde sie in einem Zimmer mit zehn anderen Wöchnerinnen untergebracht. Dort empfing sie völlig überraschend die Glückwünsche der anderen Frauen.
Überraschend nicht etwa, weil ich ein hässliches Baby war, nein, die anderen Frauen waren neidisch, denn ich war das einzige Kind, das in diesem Krankenhaus an diesem Tag geboren wurde. Die anderen Frauen waren zu früh oder zu spät dran, so dass die überraschende Ehre ganz allein meiner verdutzten Mutter zukam. „Frau Schmidt, das haben sie aber prima hinbekommen. So ein niedliches, kleines Mädchen mit blonden Löckchen. Ihr fünftes Kind, sagen Sie? Donnerwetter und das auch noch ausgerechnet an Führers Geburtstag.“
Meine Mutter war noch von den vorausgegangen Schmerzen benebelt, so dass sie nicht gleich verstand. „Was für ein Führer?“ fragte sie.
„Na unser Adolf. Der hätte doch heute auch Geburtstag, genauso wie ihre kleine Tochter. Und dann ist es noch ihr fünftes Kind. Wenn die Russen nicht gekommen wären, hätten Sie jetzt das Mutterverdienstkreuz bekommen. Und ihre Tochter, die hätte vielleicht jedes Jahr zu ihrem Geburtstag eine Pralinenschachtel vom Führer persönlich geschickt bekommen.“
Es wurde noch ein wenig darüber spekuliert, ob er wohl auch Glückwunschkarten verschickt hätte, während meine Mutter sich erst übergab und danach so tat, als wäre sie wieder eingeschlafen.
Als Kind war ich immer ein bisschen enttäuscht, dass mir die Hitlerpralinen entgangen sind. Ob ich wohl schulfrei bekommen hätte, oder hätte die Klasse vor mir strammgestanden und meine Lehrerin mir vielleicht eine Urkunde überreicht? Obwohl ich insgeheim der Meinung war, dass sie mir zugestanden hätten, war ich überzeugt, dass ich diese Pralinen nie gegessen hätte. Schon weil die sicher ganz eklig gewesen wären und vielleicht auch vergiftet.
Wer weiß schon, ob Hitler nicht den Geburtstag nur für sich alleine haben wollte? Manchmal, wenn mir ganz elend zumute war, verschenkte ich die Hitlerpralinen in meiner Phantasie an besonders blöde andere Kinder, die dann schnell verschwanden. Fragen, das Aussehen der Schokobomben betreffend, stellte ich mir selbstverständlich auch. Sie wären sicher aus bitterer Herrenschokolade gewesen, klar, woraus auch sonst. Entscheiden, ob auf jeder Praline oder nur auf der Schachtel ein Hakenkreuz zu sehen gewesen wäre, konnte ich mich nicht.
Später, als junge, erwachsene Kreuzbergerin, konnte ich selten Geburtstag feiern, denn alle meine Freunde waren an diesem Tag auf Demos, für Fahrwachen eingeteilt oder verkloppten eben die Nazis, die des Führers Ehrentag feierten.
Doch irgendwann bestand ich darauf, dass mein Geburtstag gefeiert wurde. Das war die Zeit, in der ich oft von der Polizei besucht wurde. Selbstverständlich lebte auch in meinem Haus der Idiot, der immer wieder wegen Ruhestörung die Bullen rief. Kurze Zeit später standen sie vor meiner Tür. Und nicht wie bei anderen Ruhestörern der KOB ein Polizist allein oder Toto und Harry, nein, bei mir lief regelmäßig ein ganzer Trupp in Kampfmontur auf – wer an diesem Tag feierte, war automatisch extrem verdächtig, dem Adolf zu huldigen.
Ich machte die Tür auf, wurde bedrängt, was hier los sei und antwortete wahrheitsgemäß: „Wir feiern!“
„Was wird hier gefeiert?“
„Geburtstag.“
Der war damit dann meistens zu Ende, die Wohnung wurde geräumt, nur manchmal half es, wenn ich den Bullen verzweifelt meinen Personalausweis unter die Nase hielt und schrie. „Mein Geburtstag. Nicht Hitlers. Hier steht’s! 20. April. Das ist heute. Mein Geburtstag.“
Einmal fiel mein Geburtstag mit dem Berlin-Besuch des amerikanischen Präsidenten Reagan zusammen. In Kreuzberg erreichte damals der sogenannte Lappenkrieg seinen Höhepunkt. An unzähligen Häusern und Wohnungen hingen antiamerikanische Transparente aus den Fenstern, die die Politik der USA anklagten. Der Senat beschloss, dass diese Transparente dem Ansehen der Stadt und vor allem den deutsch-amerikanischen Beziehungen schadete und entblödete sich nicht die Polizei anzuweisen, ein jedes zu entfernen. Über Wochen gab es ein lustiges Hin und Her, denn kaum war ein Transparent entfernt, hingen aus den Nachbarwohnungen neue.
Mein Geburtstag wurde in diesem Jahr gefeiert, indem wir zu zehnt in der Küche saßen, mit roter Farbe alte Bettlaken besprühten und diese an der Hausfassade befestigten. Danach aßen wir Kuchen, tranken Sekt und waren laut. Die bald herbeieilenden Ordnungskräfte waren durch ihre Dauereinsätze verwirrt und müde und hatten an diesem Tag zudem noch die Aufgabe, Führerfeiern zu verhindern. In ihrer politischen Schulung hatten sie gelernt, dass nicht nur die Linken sondern auch die Rechten gegen die Politik der USA sind. Sie zählten eins und eins zusammen – Antiamerika-Transparent und eine offensichtliche Geburtstagsfeier – und vergaßen dabei vollkommen bis drei zu zählen, sonst hätte ihnen nämlich klar werden müssen, dass sie mitten in Kreuzberg 36 sicher nicht auf Nazis stoßen würden. Außerdem vergaßen sie zu klingeln und traten stattdessen gleich meine Wohnungstür ein.
Wieder ein Geburtstag, der mir versaut wurde und den ich gemeinsam mit meinen Freunden und unseren damals noch sehr kleinen Babys in kargen Zellen verbrachte. Zumindest aber war er originell.

Aus „Bad Dates“ von Sarah Schmidt

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