Tag der Arbeit

Von Karsten Krampitz

 

(Aus den verlorengegangenen Tagebuchseiten des Herrn Dr. G.. Wie von glaubhafter Seite, namhaften Historikern und Zeitzeugen, versichert wird, ist Herr G. tatsächlich für einen Tag der deutsche Kanzler gewesen. Sein Vorgänger hatte ihn testamentarisch eingesetzt.)

 

Berlin, 1. Mai, 9 Uhr. Wer hätte das gedacht? Ich bin Kanzler. Heute ist mein erster Tag. Für einen ehemaligen Schriftsteller nicht schlecht. – Nicht, dass ich mich um das Amt gerissen hätte, das nicht, weiß Gott. Ich hätte auch ablehnen können. Jeder hätte das verstanden, in dieser Lage, meine Frau war ohnehin dagegen. Aber einer muss es ja machen.
Erfolge werden von mir keine erwartet, geschweige denn Wunder. Meine Aufgabe ist es lediglich zu regieren. Regieren als Selbstzweck, das solange wie möglich. Rechenschaft muss ich keine ablegen – wem auch? Etwa der Opposition? Es gibt keine. Es gibt auch kein Parlament mehr, nur einen Kanzler: mich. Ein Kanzler, dessen Land sich gerade noch über zwei U-Bahn-Stationen erstreckt. Ich brauche also keine wegweisenden Programme, nur einen Stadtplan – und Zeit. Kommt Zeit, kommt Tat. Zuerst aber hat Krebs wiederzukommen, mein derzeit wichtigster Mann. Er wird mir den Aufschub besorgen, eine Atempause wenigstens. Ich kann nur hoffen, dass er Erfolg hat. Er hat alles dabei: neben der Vollmacht eine kurze Regierungserklärung, die ich vorhin diktiert habe. Und die Kabinettsliste.
Die Liste ist natürlich nur vorläufig, da kann sich noch einiges ändern. Unsere Personaldecke ist ja leider sehr dünn. Gewisse Ressorts werden aber sowieso nicht mehr besetzt, das Verkehrsministerium zum Beispiel. Warum auch? Die U-Bahn fährt nicht. – Egal. Krebs soll wiederkommen, und wir werden sehen …

9.30 Uhr. Eben habe ich die Sekretärin heimgeschickt. „Gehen Sie“, habe ich ihr gesagt. „Für Sie gibt es hier nichts zu tun. Meine Frau kümmert sich um alles Weitere.“ – Als hätte die nicht schon genug Sorgen. Den Kindern geht es soweit gut, denke ich. Der Arzt wird nachher kommen. – Einer der Besten in seinem Metier und vor allem nicht ganz billig. Aber Geld spielt keine Rolle. Mein Vater konnte sich so eine Kapazität nicht leisten! Ich entstamme ja einem eher bescheidenen Elternhaus, worüber ich heute im Übrigen sehr dankbar bin: Die Armut meiner Kindheit hat mein Leben bereichert, hat mich Demut gelehrt.
Zu Hause war immer die Rede von „Denen da oben…“! Oben, wo die Luft sehr dünn sein soll. Was das betrifft, in meinem Arbeitszimmer ist die Luft eher feucht und abgestanden. Sobald ich die Tür aber einen Spalt weit öffne, dringt Lärm ein. Kaum auszuhalten. Ich brauche Ruhe, will gar nicht wissen, was die da auf dem Gang treiben. Es interessiert mich nicht. Wer was will, soll gefälligst reinkommen. – Aber wie man sieht, bin ich beschäftigt. Gerade jetzt ist ein kühler Kopf gefragt. Meine Konzepte müssen gut durchdacht sein. Nur keine voreiligen Schritte.

10 Uhr. Langsam dürfte mein Kabinett eintreffen. Auf Pünktlichkeit lege ich größten Wert, da werde ich vom ersten Tag an hart durchgreifen. Nur weil die Herrschaften noch nicht vereidigt sind, heißt das nicht, dass man bei mir nach Belieben kommen und gehen darf!
Die erste Sitzung werde ich mit den Worten eröffnen: „Meine Herren, auf uns wartet ein Berg Arbeit!“
Meine Regierung steht vor großen Herausforderungen. Politik braucht Vision. Politik ohne Vision ist keine Politik. Politik ohne Vision ist Verwaltung. Wenn nicht einmal wir an die Zukunft glauben, meine Herren, wer dann?!
Als Kanzler kann ich natürlich nicht alles erledigen. Einige Problemfelder werde ich delegieren müssen, ohne jedoch den Überblick zu verlieren. Man soll mich ständig informieren. Ich will wissen, was passiert. Schließlich trage ich die Verantwortung! Und ich denke gar nicht daran, mich bereits am ersten Tag aufreiben zu lassen. Ich verlange unbedingte Unterstützung, Loyalität ohne Wenn und Aber – sonst stehe ich gar nicht erst zur Verfügung.
Ich muss nicht Kanzler sein, nicht um jeden Preis. Es wird einem ohnehin nicht gedankt. Wenn die Leute wüßten, unter welchen Bedingungen ich zu regieren habe, manche würden anders denken. Ganz anders! Ich hänge nicht an der Macht. Eines Tages werde ich mich zurückziehen aufs Land; das Leben genießen im Kreis der Familie. Keine Reden mehr, keine Parteitage. Endlich werde ich Zeit haben für Privates: ein gutes Buch lesen. – Oder auch schreiben, wer weiß? Memoiren eines Kanzlers. Ein Verleger wird sich finden, ich habe da mittlerweile so meine Kontakte.
Kann wohl endlich jemand den Lärm unterbinden? Was gibt es denn so Wichtiges?! Dieses ständige Gebrüll draußen. Muss man sich um alles kümmern? Wie dumm ich doch war, die Tür nicht abdichten zu lassen. Keinen ordentlichen Gedanken kann man fassen.
Fast noch unerträglicher ist die Luft. Etwas mehr Sauerstoff würde mir gut tun. Ich sollte wenigstens jetzt mit dem Rauchen aufhören. Am liebsten würde ich ja irgendwelche Fenster aufreißen – mich hinauslehnen und tief durchatmen. Nur gibt es keine Fenster hier, in keinem der Räume.

11 Uhr. Suche nach meinen Ministern, verlaufe mich im Labyrinth. Überall in den Gängen stehen die Türen offen. Endlos lang erscheint der Flur, als trete man auf der Stelle. Ein Schwindelgefühl erfaßt mich. Mein krankes Bein schmerzt. Wie im Fieber gehe ich durch Räume, in denen Stühle herumliegen und Papiere. Laut rufe ich meinen Staatssekretär. Keine Antwort. Weiter, denke ich. Ich muss weiter.
Irgendwas riecht hier – Rauch? Wo bin ich überhaupt? Was ist geschehen? Menschen stürmen an mir vorbei. Ich gehe beiseite, mache Platz. Die Masse aber drückt mich an die Wand. Wie armselig, wo wollen sie denn hin? Wir sind doch auf keinem Schiff, das untergeht. Niemand wird ertrinken.
Das darf doch nicht wahr sein?! „Heidi?“ Ich traue meinen Augen nicht. „Heidi?!“ Meine jüngste Tochter spielt hier mit ihrer Puppe auf dem Fußboden. Ja, ist das zu fassen? „Schätzchen, du macht dich doch ganz schmutzig. Schau mal dein Kleid. Wie siehst du überhaupt aus? Nun aber Marsch ins Zimmer!“
In der Liebe zum Kind, sage ich immer, steckt der Wunsch, nach dem Tod weiterzuleben. Was wir den Kindern antun, tun wir uns an.

12 Uhr. Noch immer irre ich durch die Gänge. Im hinteren Flur staut sich die Menge. Auf was warten die Leute? Die einen rufen verzweifelt, schlagen mit den Füßen gegen die Stahltür. Andere stehen nur da, starren mich an. Anscheinend wissen sie noch nicht, wer der neue Kanzler ist. Ich nutze die Gelegenheit und stelle mich einigen kurz vor. Ein persönliches Gespräch, so viel Zeit muss sein. An einem guten Verhältnis zu den Angestellten war und ist mir sehr gelegen, da mache ich keinen Unterschied zwischen Putzfrau und Regierungsrat. „Bleiben Sie“, sage ich. „Wir brauchen Jeden und Jede.“ Ich meine, wer auch immer hier den Flur saubermacht, nützt unserem Land mehr als ein Minister, der sein Amt vernachlässigt. Oder gar nicht erst antritt! Das wird Konsequenzen haben, schwerwiegende Konsequenzen!
Das Gleiche gilt für die Herrschaften im Konferenzzimmer. Ein Prosit der Gemütlichkeit! „Meine Herren, was gibt es denn zu feiern?“
Die Kerle grölen herum, schlagen Flaschen an den Hälsen auf, liegen einander in den Armen, auf und unter den Tischen. Das Mobiliar ist völlig ruiniert. Von Glasscherben zerschnitten, klafft das Futteral aus der Lederpolsterung. Die Spiegelwand ist eingeschlagen. „Der Mai ist gekommen!“ singt der Chor. Zwei Männer tanzen Walzer, während irgendwelche verwirrten Gestalten auf mich zu taumeln. Man klopft mir auf die Schulter, tätschelt meine Wange. „Jungchen“ nennt der Kerl mich, reicht mir ein Glas. „Zum Wohl! Und viel Erfolg im neuen Amt!“ Weg hier; ich will raus.
Der Rauch im Gang will noch immer nicht abziehen. Meine Augen brennen, ein Taschentuch halte ich mir vors Gesicht. Durch den Qualm sehe ich einen Soldaten. Der Mann sitzt auf dem Boden. Mit beiden Händen stützt er seinen Kopf. Die Haare sind verklebt vom Schorf. Der schmutzige Stirnverband droht aufzuweichen im Schweiß. Wieder rufe ich nach dem Staatssekretär. Keine Antwort. Nur der Mann vor mir regt sich.
Er will sich aufrichten, verliert aber das Gleichgewicht und sackt zusammen. Jetzt lacht er. Oder besser: er versucht zu lachen. Seine Oberlippe ist verbrannt, den nackten Kiefer kann man sehen. Ich beuge mich zu ihm, lege meine Hand auf seine Schulter, will ihm Trost und Mut zusprechen: „Kamerad, davon geht die Welt nicht unter!“

14 Uhr. Die Erde bebt wieder und wieder. Ein Donnern hat eingesetzt. Die Einschläge müssen ganz in unserer Nähe sein. Von der Decke bröckelt der Putz, in meinem Büro die Glühbirne flimmert schwach, bisweilen fällt das Licht ganz aus. Vielleicht sollte jemand kommen, den Generator reparieren. Wenigstens hat das Warten ein Ende, die ewige Lethargie, dieses untätige Herumsitzen und Hoffen. Ich bin es leid. Ich habe ja nicht nur auf mein Kabinett und den alten Krebs gewartet – der im Übrigen wieder zurück ist, allerdings ohne Erfolg.
Es war ein Fehler, Gesprächsbereitschaft anzudeuten. Meine Gegner werden das als Schwäche auslegen. Wer hätte gedacht, dass die Kritik an mir ein solches Maß annehmen würde. Ein unglaublicher Vorfall, den es in der Geschichte so noch nicht gegeben hat. Normalerweise werden dem neuen Kanzler 100 Tage zugestanden, in denen er sich profilieren kann. – Ich habe nicht einmal 24 Stunden!
Ob ich noch Termine habe, heute am 1. Mai? Eine Ansprache oder so etwas ist nicht vorgesehen, weder im Rundfunk noch sonstwo. Ich gebe auch keine Interviews. Wem auch? Es gibt doch keine Presse mehr, keine Journaille.

16.30 Uhr. Immer öfter hört man jetzt Granaten detonieren. Die Erde wird aufgewühlt, kein Stein bleibt auf dem anderen. Hinzu kommt hier unten der entsetzliche Gestank. Die sanitären Anlagen sind zerstört, die Rohre verstopft oder geplatzt. Überall riecht es nach Schweiß und Scheiße. Langsam wird die Luft knapp.
Schade eigentlich, für meine Memoiren hätte ich jetzt einen guten Titel: „Kanzler für einen Tag“. Geschrieben von einem, der es weit gebracht hat: vom Lyriker zum Redenschreiber, bis er eines Tages dann selbst seine erste Rede gehalten hat. Unter frenetischem Applaus versteht sich. In meiner Autobiographie würde sich der epochale Aufbruch einer ganzen Nation manifestieren! Freilich gab es nicht nur Erfolge. Es sind auch Fehler begangen worden. Wer wüsste das besser? Um jedoch auf all die Verleumdungen und Halbwahrheiten angemessen zu antworten, müsste man bei weitem mehr schreiben als ein Buch! Das aber überlasse ich den Historikern. Meine Ausführungen würden ganz lapidar mit den Worten ausklingen: „Leider war es mir nicht gelungen in der Außenpolitik neue Akzente zu setzen, insbesondere im Verhältnis zu Rußland.“

21 Uhr. Der Tag geht, es ist vorbei. Der Strom ist inzwischen ganz ausgefallen. Dunkel ist es geworden. Meine Frau und ich behelfen uns mit Kerzen und der Petroleumlampe. Vielleicht sind wir aber auch schon tot. Wer weiß? Der Lärm draußen hat jedenfalls nachgelassen. Himmlische Ruhe kündigt sich an. Nebenan im Konferenzzimmer ist es auch still geworden. Es gibt nichts mehr zu feiern, auch keinen Schnaps. Leere Flaschen liegen herum, dazwischen hier und da einige Männer, die sturzbetrunken vor sich hin röcheln.
Wie gelähmt fühle ich mich. Arme und Beine sind mir schwer geworden. Mein Kopf schmerzt und der Hals ist trocken. Will dauernd schlucken, kann aber nicht. Mir ist kalt, die Finger zittern. Wo ist mein Mantel? Ich brauche Luft. Ein letztes Mal noch. Ich muss raus, die Treppe hinauf. Wir werden uns gegenseitig stützen, meine Frau und ich. Ein paar Stufen nur. Wir müssen uns beeilen. Das Ende wird nicht auf uns warten.
„Unsere Kinder sind jetzt Engel“, sagt Magda. „Komm Joseph, wir folgen ihnen.“

 

Dieser Text ist eine Erstveröffentlichung.

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Leipzig

Von Ronald M. Schernikau

man denkt ja immer nicht daß es sie gibt mit ihren schönen roten haaren dem kleinen oberlippenbart der in unserem mund kitzelt, zur schule gehen sie noch und sind richtige männer, kraftsport machen sie und lassen sich ankucken. es gibt sie, es gibt sie wirklich, und wenn sie in unserem bett liegen fassen wir es nicht und sind stolz auf uns und küssen sie vorsichtig. dann gehen sie wieder, immer gehen sie wieder, mehrmalige versuche sich zu verabreden bleiben unklar, aber sie werden wiederkommen, denn es gibt sie, es gibt sie mehrmals, ich weiß es genau.

Undatiert (etwa 1987). Nachgelassenes Typoskript entnommen der Website schernikau.net mit freundlicher Genehmigung.

An Heinrich Mann

Von Max Herrmann-Neiße

London, 24. März 1938
Sehr verehrter, lieber Herr Heinrich Mann,

auch für Ihr nächstes Lebensjahr möchte ich Ihnen – zugleich im Namen meiner Frau – von ganzem Herzen alles Gute, Erfreuliche, Segensvolle wünschen, und ich wünschte mir nur selber, daß ich tatsächlich, praktisch, aus eigener Kraft etwas dazu beitragen könnte, Ihnen das neue Lebensjahr recht angenehm zu machen. Leider vermag ich immer wieder nur, Sie unserer steten dankbaren Zuneigung zu versichern und oft in getreuer, zärtlicher Ehrfurcht an Sie zu denken, in der stillen Hoffnung, daß Sie doch über die Fernen hin dieses unser liebevolles Gedenken und Wünschen ein wenig spüren. Der allgemeine Weltenzustand ist freilich grade hoffnungslos verfahren, und der Ausblick in die nächste Zukunft Europas scheint mir ziemlich trübe – Dennoch: dennoch bleibt in meinem Gefühl ein zwar unbegründetes, trotzdem seiner sicheres Zuvertraun, und uns allen zum Trost, dünkt mir, formten sich neulich in mir die folgenden Verse, die ich Ihnen, lieber, verehrter Herr Heinrich Mann, als ein kleines Geburtstagsangebind hier aufschreiben will.

Mir bleibt mein Lied, was auch geschieht,
mein Reich ist nicht von dieser Welt,
ich bin kein Märtyrer und Held,
ich lausche allem, was da klingt
und sich in mir sein Echo singt.
Ob jedes andre Glück mich flieht –
mir bleibt mein Lied.

Schutzengelhaft gibt es mir Kraft,
denn seine Melodie beschwört
das Böse, das den Frieden stört,
doch nicht in meinen Abend dringt,
den zärtlich die Musik beschwingt.
Ob sich der Himmel schwarz umzieht,
mir bleibt mein Lied.

Was lärmend schallt, ist bald verhallt,
mißtönende Vergangenheit,
die nur die eigne Schande schreit,
wenn maßvoll mit holdseligem Ton,
in fast jenseitiger Klarheit schon,
mein Lied auf seinem Abschiedspfad
den Sternen naht …

Sonnabend nachts, pünktlich um 12 Uhr, werden wir hier auf Ihr Wohl anstoßen und trinken. Vielleicht hören Sie ein leises Gläserklingen … Mit herzlichsten Grüßen
Ihre Leni und Max Herrmann (Neiße)

Entnommen dem Band „Briefe II“ von Max Herrmann-Neiße (herausgegeben von Klaus Völker und Michael Prinz)