An Heinrich Mann

Von Max Herrmann-Neiße

London, 24. März 1938
Sehr verehrter, lieber Herr Heinrich Mann,

auch für Ihr nächstes Lebensjahr möchte ich Ihnen – zugleich im Namen meiner Frau – von ganzem Herzen alles Gute, Erfreuliche, Segensvolle wünschen, und ich wünschte mir nur selber, daß ich tatsächlich, praktisch, aus eigener Kraft etwas dazu beitragen könnte, Ihnen das neue Lebensjahr recht angenehm zu machen. Leider vermag ich immer wieder nur, Sie unserer steten dankbaren Zuneigung zu versichern und oft in getreuer, zärtlicher Ehrfurcht an Sie zu denken, in der stillen Hoffnung, daß Sie doch über die Fernen hin dieses unser liebevolles Gedenken und Wünschen ein wenig spüren. Der allgemeine Weltenzustand ist freilich grade hoffnungslos verfahren, und der Ausblick in die nächste Zukunft Europas scheint mir ziemlich trübe – Dennoch: dennoch bleibt in meinem Gefühl ein zwar unbegründetes, trotzdem seiner sicheres Zuvertraun, und uns allen zum Trost, dünkt mir, formten sich neulich in mir die folgenden Verse, die ich Ihnen, lieber, verehrter Herr Heinrich Mann, als ein kleines Geburtstagsangebind hier aufschreiben will.

Mir bleibt mein Lied, was auch geschieht,
mein Reich ist nicht von dieser Welt,
ich bin kein Märtyrer und Held,
ich lausche allem, was da klingt
und sich in mir sein Echo singt.
Ob jedes andre Glück mich flieht –
mir bleibt mein Lied.

Schutzengelhaft gibt es mir Kraft,
denn seine Melodie beschwört
das Böse, das den Frieden stört,
doch nicht in meinen Abend dringt,
den zärtlich die Musik beschwingt.
Ob sich der Himmel schwarz umzieht,
mir bleibt mein Lied.

Was lärmend schallt, ist bald verhallt,
mißtönende Vergangenheit,
die nur die eigne Schande schreit,
wenn maßvoll mit holdseligem Ton,
in fast jenseitiger Klarheit schon,
mein Lied auf seinem Abschiedspfad
den Sternen naht …

Sonnabend nachts, pünktlich um 12 Uhr, werden wir hier auf Ihr Wohl anstoßen und trinken. Vielleicht hören Sie ein leises Gläserklingen … Mit herzlichsten Grüßen
Ihre Leni und Max Herrmann (Neiße)

Entnommen dem Band „Briefe II“ von Max Herrmann-Neiße (herausgegeben von Klaus Völker und Michael Prinz)

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s