Bürgers Alpdruck

Von Erich Mühsam

Was sinnst du, Bürger, bleich und welk?
Hält dich ein Spuk zum Narren?
Nachtschlafend hörst du im Gebälk
den Totenkäfer scharren.
Er wühlt und bohrt, gräbt und rumort,
und seine Beine tasten
um Säcke und um Kasten.

Horch, Bürger, horch! Der Käfer läuft.
Er kratzt ans Hauptbuch eilig.
Nichts, was du schwitzend aufgehäuft,
ist seinen Fühlern heilig.
Der Käfer rennt. Der Bürger flennt.
In bangen Angstgedanken
fühlt er die Erde wanken.

Ja, Bürger, ja – die Erde bebt.
Es wackelt deine Habe.
Was du geliebt, was du erstrebt,
das rasselt jetzt zu Grabe.
Aus Dur wird Moll, aus Haben Soll.
Erst fallen die Devisen,
dann fällst du selbst zu diesen.

Verzweifelt schießt die Bürgerwehr
das Volk zu Brei und Klumpen.
Ein Toter produziert nichts mehr,
und nichts langt nicht zum Pumpen.
Wo kein Kredit, da kein Profit.
Wo kein Profit, da enden
Weltlust und Dividenden.

Hörst, Bürger, du den Totenwurm?
Er fährt durch Holz und Steine,
und sein Geraschel weckt zum Sturm
des Leichenvolks Gebeine.
Ein Totentanz macht Schlußbilanz
und schickt dich in die Binsen
samt Kapital und Zinsen.

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Rede zum Tag der Arbeitslosen

Von Karsten Krampitz

Liebe Leute, Freunde und Freundinnen, liebe Mitläufer,

ich möchte daran erinnern, dass unsere schöne abendländische Kultur, nach heutigem bürgerlichem Verständnis, explizit asoziale Wurzeln hat: Eine größere Gruppe Arbeitsverweigerer – Frauen wie Männer – zog durchs Land; schnorrend und mit viel Spaß bei der Sache. Und einmal waren sie so besoffen, dass sie Jesus übers Wasser laufen sahen…
Jesus: Der hat noch viel weniger gearbeitet als alle anderen, hatte nicht einmal eine abgeschlossene Ausbildung. Soweit bekannt, hat er sich schon in sehr jungen Jahren geweigert, eines Tages den Zimmermannsbetrieb seines Vaters zu übernehmen – von Joseph also, der wahrscheinlich Kreuze für die Römer produziert hat (aber das sprengt jetzt hier den Rahmen).
Von Jesus jedenfalls – der Wein in Wasser verwandeln konnte – stammt der Satz: „Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung? Seht die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr als sie?“ (Mt 6, 25-26)

Liebe Gemeinde, ich möchte auf ein Gleichnis zu sprechen kommen, von den Arbeitern auf dem Weinberg. Wer jetzt die Bibel dabei hat, schlage bitte das Matthäus-Evangelium auf, Kapitel 20, Vers 1-16.
In dieser Geschichte wird das Reich Gottes mit einem Hausherrn verglichen, der am Morgen Leute einstellt, damit sie auf seinem Weinberg arbeiten. Er vereinbart mit ihnen einen Tagelohn von einem Silberstück. Im Verlaufe des Tages, eher am Nachmittag, stellt der Weinbergbesitzer noch weitere Arbeiter ein – solche, die für ihn nur eine Stunde malochen. Und jetzt kommt’s: Am Ende des Arbeitstages bezahlt der Chef zuerst die zuletzt Eingestellten, also jene die nur eine Stunde gearbeitet haben, mit einem Silberstück! Auch alle anderen erhalten diesen Lohn. Unter der Belegschaft sorgt derlei Geschäftsgebaren für große Aufregung! Die Arbeiter, die den ganzen Tag gearbeitet haben, beschweren sich beim Boss. Wir lesen ab Vers 12 über ihre Klage gegen die vermeintlichen Schmarotzer:
„Diese Letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, doch du hast sie uns gleichgestellt, die wir des Tages Last und Hitze getragen haben. Er antwortete aber und sagte zu einem von ihnen: Mein Freund, ich tu dir nicht Unrecht. Bist du nicht mit mir einig geworden über einen Silbergroschen? Nimm, was dein ist, und geh! Ich will aber diesem Letzten dasselbe geben wie dir.“ – Und darum geht es: Gerechtigkeit fragt nicht, wer schafft am meisten, wer bringt die größte Leistung. Gerechtigkeit heißt, dem Menschen gerecht sein; denn auch die Letzten, die auf dem Weinberg angefangen haben zu arbeiten, haben Familie; Grundbedürfnisse, auch sie haben ein Recht zu leben…
Und damit kommen wir zum Ende meiner Predigt. Liebe Freunde, liebe Mitläufer, der Herr sagt: „So werden die Letzten die Ersten sein und die Ersten die Letzten.“ (Mt 20, 16) – Wir haben Zeit!

Unveröffentlicht, gehalten auf der traditionellen Demonstration zum Tag der Arbeitslosen, Berlin, 2. Mai 2015