Über das Warten auf einen thematischen Kurswechsel

Von Giwi Margwelschwili

Wir sitzen im Bordell der argentinischen Buchweltbezirksstadt Morón. Pistolen knallen und Kugeln zwitschern von draußen durch unser kleines Zimmer.
„Keine Angst!“ sage ich zu André, der käseweiß dasitzt. „Das sind Buchweltkugeln, und die tun uns Realpersonen ja nichts. Prost!“
Er nickt. Wir nehmen einen kräftigen Schluck Mate. Vor dem schmalen Fenster sind bald Christian, bald Eduardo zu sehen. Beide reiten Sturm auf das Bordell. Dabei feuern sie wie wild. Manchmal kommen ihre wutverzerrten Fratzen beängstigend nah vor das Fenster.
Ein Glück, dass die Brüder nur Buchpersonen sind, denke ich, und Morón nichts anderes als eine Buchweltbezirksstadt.„Keine Angst!“ wiederhole ich. „Die können diesen Puff nicht stürmen. Unten hängt ein reales Schloss vor der Tür, und auf dem Dach weht die Fahne der Buchweltverwaltung.“
Wir nehmen noch ein Schluck Mate. Dann öffnet sich die Tür und Juliana Burgos kommt herein. Sie lächelt und bringt neues Wasser.
„Ein nettes Buchpersönchen, was?“ sage ich, als sie wieder gegangen ist. „Man kann verstehen, dass die Brüder so wild nach ihr sind.“
„Warum brachten sie sie hierher?“ wundert sich André. „Das ist doch ein Freudenhaus für die Buchpersonen des Ortes und…“
„Um sie loszuwerden.“ erkläre ich ihm. „Juliana Burgos ist die große Liebe beider Brüder. Eigentlich ist sie die Frau von Christian, dem älteren. Aber Eduardo verliebte sich auch in sie, und dann teilten sie sich die Dame. So ging es eine Weile. Doch dann prügelten sich die Brüder wegen ihr. Und um noch größeren Ärger zu vermeiden, verkauften sie Juliana an diesen Puff.“
„Das ist ja entsetzlich!“ ruft André aus.
„Diese Geschichte geht noch weiter. Nach einer kurzen Buchweltzeit holen die Brüder Juliana hier heraus, und die fatale ménage à trois beginnt von neuem. Es spitzt sich zu – und die Brüder beseitigen den Grund ihres Zwistes mit dem Messer, und verscharren die Burgos am Rand ihrer Buchbezirksgeschichte. Dies schlimme Schicksal hat die Arme unausgesetzt zu erleiden, denn Buchweltbezirksgeschichten drehen sich im Kreis, sie werden von ihren Lesern immer wieder neu entfacht.“
„Ach so!“ murmelt André betroffen.
„Jetzt verstehst du, warum wir hier sitzen.“ fahre ich fort. „Wir sind hier, damit das Buchweltmädchen Juliana überlebt. Dafür war es nötig, dass wir das Bordell dicht machten, als die Brüder sie abgegeben hatten.“
André nickt. Die Kugeln zwitschern noch immer durch den Raum.
„Die wollen Juliana zurück“, brumme ich, „aber das erlauben wir nicht mehr. Dieser Puff bleibt zu.“
„Schön!“ sagt André. „So retten wir sie. Und die Brüder? Werden die uns etwa ewig belagern?“
„Nee!“ Ich grinse. „Dies ist eine Buchweltbezirksgeschichte von Dieben. Da hapert’s nicht an saftigen Themen. Die Brüder werden sehr bald ein neues Buchweltmenschenschicksal für sich finden. Bis dahin hältst du hier Wache. Zu tun gibt s nicht viel. Du gibst acht, dass Juliana sich nicht am Fenster zeigt. Jemand von der Buchweltverwaltung muss hier sein, bis die Brüder sich beruhigen und ihre Geschichte einen anderen thematischen Kurs einschlägt.“
„Und was wird aus ihr?“
„Die Buchweltverwaltung steckt sie in eine friedlichere Geschichte“, sage ich. „Das ist jedoch nur möglich, wenn diese hier thematisch auseinander bricht, wenn also die beiden Brüder ein neues thematisches Leben anfangen.“
„Schade für die Brüder“, murmelt André. „Sie lieben sie doch immerhin.“
„Nein!“ sage ich. „ Jetzt erst beginnt ihre Liebe zu Juliana.“
„Wie meinst du das?“ André ist überrascht.
„Die Liebe zu Juliana ist in diesen Buchpersonen thematisch eingezeichnet“, erkläre ich. „Die werden sie nicht los. Doch ohne Juliana wird sie sich mit den Jahren bestimmt ein wenig veredeln. Sie wird sich in eine ideale Erinnerung verwandeln, mit der sie leben werden und die vielleicht ihre Rohheit etwas glättet.“
Ich sehe auf die Uhr. Es wird Zeit, dass ich gehe.
„Wie kommst du hier raus?“ fragt André. „Die schießen doch immer noch.“
„Wie gesagt, als Realpersonen sind wir stich-, hieb- und kugelfest“, sage ich. „Aber hier! Nimm noch das!“
„Ein Buch?“
„Es sind Erzählungen des Jorge Louis Borges“, erkläre ich. „Die Geschichte von der armen Juliana findest du hier auch.“
„Na denn“, ruft André und erhebt seine Teetasse. „Ein Vivat auf die Buchweltverwaltung!“
Wir trinken, und die Salven der zwei Buchweltpersonen zerbersten wie Ehrensalven im Bordellzimmer.

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