Zerfallen mit mir und der Welt, mehr als je

Von Max Herrmann-Neiße

An Friedrich Grieger
Berlin, 2. April 1920

Lieber Fritz Grieger,
haben Sie schönsten Dank für Ihren Brief! Gradeso, wie Sie mir’s berichteten, dachte ich mir, daß es in Neisse zugeht. Schade! Solange es dort so militärisch ist, hab’ ich natürlich keine Lust hinzukommen. Überhaupt kriege ich immer mehr Angst vor einem Aufenthalt in Neisse, ich weiß eigentlich nicht, wieso, aber die Erinnerungsbilder daran nehmen in letzter Zeit stets einen so trostlosen Schein an. Dabei möchte ich eigentlich, nun der Frühling da ist, irgendwo in die Natur fahren und einmal ein bißchen für mich allein sein und da aus dem geplanten Drama was wirklich Ausgearbeitetes machen – aber wohin soll ich nur? Äußerlich gut aufgehoben müßte ich da auch sein, weil mir vor einem Logis bei Fremden graut – und auch dieser Wunsch ist eigentlich zwiespältig, denn andrerseits fühl ich mich hier in meiner Wohnung endlich ein bißchen heimisch und geborgen, wir haben jetzt umgeräumt, das Schlafzimmer als Wohnzimmer genommen und umgekehrt, ja, wenn ich mir nur meine Stube so mitwohin nehmen könnte, so ist alles mit einer Reise etc. sehr ungewiß. – Als der Putsch begann (der Kapp-Putsch, Anm. d. Red.), war ich in Magdeburg, wo ich mit gutem Erfolge vorlas, auch schon aus dem neuen Roman, und ich ein paar freundliche Menschen kennenlernte, die mich mit rührender Betulichkeit aufnahmen. Mit dem letzten Zuge kam ich dann noch nach Berlin zurück, wo Leni sich gottlob wieder besser befand – nur ein Husten ist noch bis heutigen Tages geblieben. Was ich innerlich hier während der Tage der Militärwillkür gelitten habe, können Sie sich denken. Das Äußerliche war dagegen ein Pappenstiel: ich war 12 Tage ohne jede Beleuchtung und Garkochmöglichkeit, ging immer abends zu Fuß bis hinein ins Romanische Café, was eigne Beleuchtung hatte, und kehrte dann in der Nacht durch die stockdunklen Strassen wieder zurück. Und gerade auf diesen Wanderungen durch die unsichre Dunkelheit wurden mir viel Verse. – Nun bin ich wieder viel in Theatern, und warte meinerseits auf den günstigen Moment für die Inangriffnahme meines neuen Dramas. Über den neuen Roman und Versband hab’ ich noch keinen Bescheid vom Verlag, ebenso über den Einakter nicht. Der Vertrag mit dem Intimen Theater Nürnberg wegen „Albine und Aujust“ ist unterzeichnet, aber sie geben es erst in der Winterspielzeit und haben laut Vertrag bis 30. April 1921 damit Zeit. Bis dahin kann sich vieles ändern und ich längst vermodert sein. Von „Cajetan Schaltermann“ laufen die Korrekturen noch, das dauert also auch noch eine Weile. Vom Novellenbändchen sind die ersten Korrekturen jetzt erledigt. Aber Wien ist ja nicht so eilig. – Übrigens kann das schon stimmen, daß die Graber sich irrte und es sich um eine Äußerung der „Schlesischen Zeitung“ handelt, aber auch die kam mir nicht zu Gesicht, und ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie ermitteln könnten, welche Nummer das war, daß ich sie mir beschaffen kann. – Schade, daß Sie die Osterferien nicht herkommen konnten! Gern wäre ich wieder mal mit Ihnen oder Hauke zusammen, der läßt garnichts mehr hören, ach, ich brauchte sehr so einen Menschen hier, wie Sie oder Hauke. Ich bin nämlich wieder mal innerlich sehr herunter und zerfallen mit mir und der Welt, mehr als je. Hauke sprach doch mal davon, mit seiner Mutter ganz hierher überzusiedeln, wird daraus nichts mehr? Ich möchte mal für ein paar Wochen so eine Art Abseitsgehäus für mich haben, wo mir irgendwie die Traulichkeit des Notwendigen gewährleistet ist und ich in Ruhe mein Drama herauskristallisieren kann. Schade, daß die mir lieb sind in Neisse sitzen müssen, ich habe jetzt so ein Grauen vor Neisse wie vor etwas Muffigem, und nur die Wege rings um es und die blühenden Bäume und Berge bauen ihre Lockungen in meine Träume. Ach, hier ist ja nicht in den Frühling hinauszukommen, und ich fühl ihn doch so stark als draußen vorhanden, das ist eine Qual. Voriges Jahr noch klagte ich die Fron bei Fischer an, mich um meinen Frühling zu bringen, und was mich heuer um den Frühling bringt, das trifft mich noch schlimmer, weil es nicht zu fassen ist, ich weiß eigentlich garnicht, was es ist, aber ich kann halt nicht hinaus, und vielleicht bin ich es selber. Die Natur und ich, wir sind da auf eine hundsföttische Weise auseinander gekommen und brauchen einander doch so blutnotwendig, das heißt ich brauche sie! Wissen Sie nicht einen Ort, wo wir Ihre großen Ferien zusammen verbringen könnten? Wann sind sie dieses Jahr? Zunächst aber wünsche ich Ihnen von Herzen den schönsten Erfolg fürs Examen, damit Sie dann bald aus Neisse rauskommen, und recht ungestörte Ostertage in Sonne und Freiheit, und grüße Sie herzlichst als
Ihr Max Herrmann

Auch Leni läßt grüßen. Und grüßen Sie bitte Fritz Hauke!

Entnommen dem Band “Briefe 1” von Max Hermann-Neiße, herausgegeben von Klaus Völker und Michael Prinz

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