Die Fischer und der Mond

Von Giwi Margwelaschwili

 

Hirten begruben die Sonne im kahlen Wald.
Ein Fischer
zog in härenem Netz den Mond aus dem frierenden Weiher.

Langsam zogen Fischer – es waren Gedichtweltpersonen – auf einem wild schwankenden Kahn den bleichen Mond aus dem Weiher. Gespenstisch schimmerte die große Kugel in ihren dunklen Netzen.
»Verfluchte Arbeit!« schnaufte da einer beim Rudern. »Ich frag’ euch, Leute, ist das ein Mond? Kann nicht mal allein aufsteigen in der Nacht, ohne irgendwo hängen zu bleiben. Das Luder! Vor zwei Wochen war’s wohl, da haben sie ihn aus den Bäumen rütteln müssen. Sonst wäre er überhaupt nicht aufgegangen. Aber warum, frag’ ich euch, fällt das Scheusal immer nur in unseren Teich, so daß wir es herausholen müssen? Verdammt! Manchmal denk’ ich, es wär am besten, die Scheibe einfach absacken zu lassen. Nicht für immer vielleicht, aber für einen Tag oder zwei. Dann hätten wir unsere Ruhe und könnten mal endlich nach Herzenslust fischen.«
»Was redest du, Mann!« sagte ein anderer Fischer im Kahn. »Den Mond im Stich lassen? Das wäre ja der größte Frevel der Gedichtwelt. So was würden die Realpersonen, welche uns lesen, sicher niemals billigen.«
»Ach die!« meinte der erste zornig. »Denen sind wir doch bloß ein Lesevergnügen. Wenn die sehen, wie wir Fischer uns mit dem Mond abrackern müssen, äußern sie nur ästhetisches Entzücken. ›Das ist ja blendend geschrieben!‹ sagen sie und ›Einfach phantastisch! Welch ein Gedicht!‹ und so was. Aber auch mal daran zu denken, wie wir hier schuften müssen, fällt ihnen nicht ein.«
»Hört auf zu schwatzen!« sagte da der dritte. »Sonst nimmt euch der Mond noch mit in die Höh’ wie Jakobus voriges Jahr. Erinnert ihr euch? Der hatte die Kugel schon fast am Ufer, wo sie ihre eigene Geschwindigkeit draufkriegt und von selber hochgeht. Na, und da fuhr er mit, weil er sich nicht zeitig abhängte, und niemand hat den seither wiedergesehen.«
Die Fischer schwiegen.
Hinter ihnen aber kam schon triefend und weiß der Mond aus den Wellen. Unsicher schwankte er zuerst in der Luft und stieg dann, aus den Netzen entlassen, noch ein Schlaftrunkener, zu den Sternen der Gedichtwelt empor.

 

Zu Georg Trakls »Ruh und Schweigen«. Aus dem Band “Verfasser unser. Ein Lesebuch” von Giwi Margwelaschwili

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s