Abseits und Abschaum

von Imran Ayata

 

Ich habe es satt. Schon ziemlich lange habe ich es richtig satt. Als Schiedsrichter werden wir wie Abschaum behandelt. Ich, Jonas Licht, weiß, wer allen das Recht gibt, uns herabzuwürdigen: Es ist der Fußball. Natürlich hört sich das zunächst sehr oberflächlich an. Deswegen will ich ein paar Worte mehr darüber verlieren, ohne bloß eine Liste der Schuldigen herunterzurattern. Fußball funktioniert als Summe der einzelnen Teile. Wir Schiedsrichter sind Teil dieses Systems. Wir tragen Mitschuld. Denn beim Fußball ist es wie im richtigen Leben: Niemand ist unschuldig. Was aber macht gerade den Schiedsrichter zum Hassobjekt, zur Zielscheibe und zum Opfer unkontrollierter Wut? Würde jemand sich diesen Fragen widmen, er könnte mit dieser Spurensuche Bibliotheken füllen. Was für ein altmodisches Bild! Ich hätte Festplatten sagen sollen.

Ja, ja, ich höre andere schon mich beschwichtigen: Herr Licht, scheren Sie bitte nicht alles über einen Kamm, es ist ja wohl ein Unterschied, ob Sie ein Spiel in der tiefen Provinz oder auf den großen Bühnen des Fußballs, in Busendorf oder in London pfeifen? Mag sein.

Mein Problem ist nur: Ich habe noch nie in London gepfiffen, und es sieht auch nicht so aus, als würde ich das eines Tages noch tun. Darum geht’s ja auch nicht. Ich neige selten zur Radikalität, aber heute geht es mir den ganzen Tag so, dass ich denke, ich sollte ohne mit der Wimper zu zucken auf alles pfeifen.

Vor ein paar Wochen habe ich ein Spiel bei einem Dorfverein geleitet. Es goss in Strömen. Trotzdem hatten etwa 50 Fans und Angehörige zu diesem A-Jugend-Spiel gefunden. Das ist die absolute Ausnahme. Die Zuschauer waren nicht gekommen, weil es sich um ein Spitzenspiel handelte und man Nationalspieler von morgen bestaunen konnte, sondern weil ein Klub aus einem Problembezirk aus der Großstadt zu Gast war, der auch noch einen deutsch-türkischen Vereinsnamen führte.

Sollten Sie sich fragen, warum ich nicht deutsch-türkischer Verein gesagt habe, will ich gern Licht ins Dunkle bringen. Es handelt sich einfach um einen Verein aus Deutschland. Eigentlich Normalität, dennoch ist eine Partie zwischen diesen beiden Klubs immer brisant. Deswegen habe ich vor dem Anpfiff beide Kapitäne zu mir in die Kabine gebeten.

„Männer, wir wissen um die Bedeutung der nächsten 90 Minuten. Bitte keine Provokationen und keine Unsportlichkeiten. Auf dem Platz zählt Fairness. Möge der Bessere gewinnen.“

Der Kapitän des Problembezirksvereins fiel mir ins Wort: „Alles klar, Schiri. Verlangen Sie aber nicht von uns, dass wir vor dem Anpfiff eine Erklärung zu Respekt und Toleranz vorlesen.“

Nein, das wäre wirklich keine gute Idee gewesen. Mir war klar, was die beiden Spielführer mir zu verstehen geben wollten. Ihre Mannschaften dümpelten im Tabellenmittelfeld, sportlich ging es nicht um viel.

Trotzdem war ich froh, dass Polizeibeamte anwesend waren. Ich sagte mir: Heute, Jonas Licht, darf dir kein Fehler unterlaufen, zumindest keiner, der spielentscheidend ist. Ansonsten kann es ungemütlich werden. Das wäre selbst bei einem Freundschaftsspiel so. Andererseits: Ein Freundschaftsspiel zwischen diesen beiden Vereinen ist so wahrscheinlich wie ein Bekenntnis des Papstes zur Homosexualität.

In der ersten Halbzeit gab es keine besonderen Vorkommnisse. „Scheiß Kanaken, haut ab in eure Heimat.“ – „Haltʼs Maul, du Nazi.“ – „Schiri, du Schwuchtel, du pfeifst für die Kanaken. Bist du selber einer?“ – „Schiri, du Schwuchtel, du pfeifst für die Nazis. Bist du selber einer?“ Solche Äußerungen fallen bei mir längst nicht mehr in die Kategorie „besondere Vorkommnisse“.

In der zweiten Halbzeit entschied ich nach einem klaren Foul im Strafraum auf Elfmeter für den Dorfverein. Mann, Mann, Mann, die Problembezirksjungs fühlten sich aber betrogen! Die hörten gar nicht mehr auf, sich zu beschweren. Sie jammerten und jammerten. Ich zückte drei Gelbe Karten, damit endlich Schicht im Schacht war. Offensichtlich ermutigt durch meine Entschlossenheit, begannen einige Zuschauer, wie aus dem Nichts die deutsche Nationalhymne zu singen.

Wieder hatte ich das Vergnügen mit dem Großstadtkapitän: „Schiri, was soll das jetzt? Wieso singen die unsere Hymne?“

„Wieso Ihre? Das ist doch die deutsche Hymne.“

„Sag ich doch! “

Da hatte er mich auf dem falschen Fuß erwischt. Der Kapitän lächelte zufrieden. Ich habe die Spieler auf dem Feld gebeten, sich kurz zu gedulden, bin rüber zu den Zuschauern, die immer noch sangen.

„Mir ist es grundsätzlich schnuppe, wann Sie die Nationalhymne singen, aber vielleicht sollten Sie es jetzt sein lassen, das provoziert doch nur.“

Wahnsinn! Sie hörten tatsächlich auf. Ich rannte zurück zum Elfmeterpunkt und gab den Strafstoß frei. Der Stürmer des Dorfvereins drosch den Ball mit Wucht ins Tor. Hätte er den Torwart getroffen, wäre der ebenfalls in den Maschen gelandet.

Schon wieder baute sich der Kapitän des Problembezirksvereins vor mir auf, gestikulierte wild und zeigte in Richtung Zuschauer. Da war er wieder, der Hitlergruß. Was sollte ich machen? Als Schiedsrichter regele ich eigentlich nur die Geschehnisse auf dem Platz, aber Nazikult wollte ich nicht durchgehen lassen. Also trabte ich wieder zu den Zuschauern, ermahnte sie freundlich und bat alle, von weiteren Provokationen abzusehen. Dann wollte ich mit den beiden Polizisten Rücksprache halten. Auf dem Weg zu ihnen, wurde ich von einer Coladose getroffen. Zum Glück war sie schon ausgetrunken. Ich bat die Polizeibeamten, die Situation genauer im Blick zu behalten. Genau das würden sie machen, den Hitlergruß aber hätten sie nicht gesehen. Ich bat sie, ein Auge darauf zu haben.

Wieder zurück auf dem Feld, Sie ahnen es schon, musste ich mich wieder mit dem Problembezirkscapitano auseinandersetzen. Mann, Mann, Mann, der hat als Spielführer die Rolle seines Lebens gefunden, dachte ich. Und er? Droht damit, das Spielfeld zu verlassen – mit der gesamten Mannschaft, versteht sich. Sofort bildete sich eine Traube seiner Mitspieler, die kollektiv „Jawohl!“ und „So ist es“ brüllten. Ich schickte alle weg, weil sich inzwischen auch die Spieler des Dorfvereins dazugesellen wollten.

„Wenn Sie gesund und sicher nach Hause kommen wollen, lassen Sie uns das Spiel zu Ende spielen, dann ist doch alles gut.“

Aber der Kapitän stelle eines klar: „Wir spielen nicht, während die C&A-Opfer den Hitlergruß machen. Was machen Sie sich Sorgen um unsere Gesundheit und Sicherheit? Azzlacks nehmen es mit jedem auf.“

Mann, Mann, Mann, der Junge war Kandidat für die Meisterschaft der Halbstarken. Sie hätten keine Angst vor den Nazis. Ihr ganzes Leben sei ein Kampf gegen Nazis. Und lauter solche Sprüche.

Das war für mich eine Spur zu viel Möchtegernrebell aus dem Ghetto, aber als Schiedsrichter beherrsche ich die Kunst des Ignorierens. Jedenfalls gelang es mir, ihn und seine Mannschaftskameraden zur Fortsetzung der Partie zu bewegen. Die Androhung von möglichen Konsequenzen durch Entscheidungen des Verbandes, etwa Geldstrafe, Punktabzug und Ähnliches hat sicherlich nicht geschadet. Das Spiel gewann an Härte, andauernd musste ich die Begegnung unterbrechen. Nicht genug damit. Ich sprach dem Problembezirksverein gleich zwei Elfmeter zu und zeigte dem Torwart des Dorfvereins die Rote Karte. Selbstverständlich hatten meine Entscheidungen nichts mit dem zuvor Geschehenen zu tun. Hitlergruß hin oder her – für einen Schiedsrichter verbietet es sich, Partei zu ergreifen. Dass ich ihren Torhüter des Platzes verwies, erwies sich als folgenschwer, denn drei Hitlergruß-Zuschauer stürmten auf den Platz und gingen auf die Spieler der Gastmannschaft los. Für mein Gefühl, dauerte es einen Tick zu lange, bis die beiden Polizeibeamten Herr der Lage wurden. Sie riefen Verstärkung. Mir blieb keine andere Wahl, als die Partie vorzeitig abzupfeifen. Später eskortierte die Polizei die Großstadtmannschaft und mich aus dem Kaff hinaus.

Sieht man von zwei Spielern des Problembezirksvereins ab, die bei der Zuschauerattacke verletzt worden waren, kamen wir unversehrt nach Hause. Als ich noch am selben Abend meinen Spielbericht verfasste, dämmerte mir, dass ich bei diesen beiden Mannschaften nicht so schnell wieder eingesetzt werden würde.

(…)

 

Auszug aus dem Roman „Ruhm und Ruin“ von Imran Ayata

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