Reinickendorf

Von Frédéric Valin

 

Seit kurzem wohne ich in Reinickendorf. In Alt-Wittenau. Gegenüber ist eine Tankstelle, die hat bis Mitternacht offen. Da geh ich jetzt hin um Zigaretten und Bier zu kaufen. Auf dem Weg zur Tür sehe ich versehentlich in den Spiegel: es schaut der Tod heraus. Ich habe drei Stunden geschlafen und bin danach elf Stunden umgezogen. Wo früher meine Arme waren: Schmerzen. Wo früher meine Beine waren: meine Arme. Mein Rücken fühlt sich an, als hätte man mich drei Tage lang ans Kreuz genagelt. Ich kann fast nichts mehr sehen, meine Augenringe sind tiefhöllenschwarz, sie absorbieren beinah vollständig das grelle Licht der drei im Zimmer aufgebauten Lampen.

Mit Grausen wende ich mich ab. Ich schleppe mich das endlose Treppenhaus hinunter, jeder Schritt ein inneres Fukushima. Ich stehe an der Straße gegenüber der Tankstelle und überlege ein Taxi zu rufen. Der Gedanke ans Bier trägt mich bis auf die andere Seite. So muss sich Jesus gefühlt haben, bloß ging der übers Wasser und ich rüber zum Alkohol, aber das sind Details. Vor mir das Licht, das helle Licht der Tankstelle. Ich gehe zum Kühlschrank, wuchte mit beiden Armen zwei Sixer aus dem Fach – das sind meine zwölf Apostel – und stell mich an die Kasse.

Die Kassiererin heißt Frau Pankow, sie ist um die 60 und voller Energie, voller Freude; aus ihr strahlt ein Gemüt so sonnig wie eine Supernova. Sie springt hinter dem Tresen herum, jongliert mit den Münzen der Kunden, und so schnell wie sie immer den Kopf bewegt, bin ich mir sicher, dass sie ihre Umwelt zweidimensional sieht. Wahrscheinlich war ich selbst bei meiner Geburt schon enttäuschter vom Leben als sie jetzt. Ich habe Leute in Berliner Clubs so tanzen sehen, aber das war morgens um fünf, und bei denen hat das Ausnüchtern dann so zwischen vier Monaten und zwei Jahrzehnten gedauert. Die kamen dann alle nach Reinickendorf, auf Bonnies Ranch, das ist hier ums Eck, die größte Nervenheilanstalt der Stadt.

Frau Pankow aber ist völlig klar. Unfassbarerweise scheint das, was sie da macht, für sie Spaß zu sein. Ein älterer Herr hat eine Dose Cola auf den Tresen gestellt, da sagt sie ihm grinsend vor Freude, dass er, wenn er eine Literflasche nehme, dank eines Aktionsangebotes billiger davonkäme. Sie hopst aufgeregt, als sie geendet hat: als müsste sie ein Ausrufezeichen tanzen. In dem Alter hat man doch in der Regel ein halb durchgerostetes Hüftgelenk, denke ich, da hüpft man nicht mehr, da sitzt man viel rum, um sich auf die Zeit im Rollstuhl vorzubereiten – aber nein: sie ist doppelt so alt wie ich, der ich demnächst dreißig werde, und doppelt so vital. Man müsste Konfetti dabei haben, um sie damit zu bewerfen. Oder einen Amboss.

Dann bin ich an der Reihe, ich stelle meine Sixpacks auf den Tresen und frage nach einem Bigpack rote Players. Da wird sie plötzlich ruhig; misstrauisch mustert sie mich. Sie hat ihre Augen zusammengekniffen, vielleicht, weil sie es nicht mehr gewohnt sind, dreißig Sekunden auf einem Punkt zu verharren. Oder vielleicht kennen wir uns irgendwoher, denke ich, und schaue ein bisschen freundlicher. Da sagt sie: „Kann ich mal Ihren Ausweis sehen?“ Meine letzten funktionierenden Gesichtsmuskeln zerfließen zu einem Fragzeichen. Ich sehe aus wie aus dem Sterbebett geschmissen und sie denkt ich wär noch keine achtzehn. Sie sieht mein Zögern und sagt jovial: „Machen Sie sich nix draus, ich musste meinen sogar mit 22 noch vorzeigen.“ Als sie mein Geburtsdatum sieht, lachen wir beide. Eigentlich wollte ich mit dem Rauchen aufhören, als ich hierhergezogen bin, aber mein Teint scheint noch ein paar Jahre ungesundes Leben zu brauchen. Andererseits hätte ich dann vielleicht Geld für eine Gesichtshaartransplantation.

Aber woher soll Frau Pankow es auch wissen: sie hat ja niemanden zum Üben. Es gibt keine jungen Leute in Reinickendorf. Frau Pankow ist da einem Phänomen aufgesessen, das man aus der Ethnologie kennt: es fällt Europäern beispielsweise sehr schwer, asiatische Gesichter auseinanderzuhalten, weil sie sich deren individuelle Merkmale nicht merken können. Das Gesicht verschwimmt förmlich vor den Augen, und die Zuordnung wird immer schematischer. Ob Japaner, Vietnamese, Burmese, oder Taiwanese: alles Chinesen. So geht es in Reinickendorf mit allen unterhalb der 35.

Es soll zwar junge Menschen in Reinickendorf geben, aber mit denen verhält es sich wie mit Meerjungfrauen, kostenlosen Parkplätzen im Prenzlauer Berg und den außereuropäischen Ausländern in Mitte: man hat bereits davon gehört, gesehen hat sie aber noch nie irgendwer. Das sind urbane Legenden. Hier ist man mit vierzig noch ein junger Hüpfer, und wenn man ein Loch in der Hose hat, sogar mit sechzig. Die ganze Infrastruktur ist auf Überalterung eingestellt: die Gehwege sind breiter als die Karl-Marx-Straße, damit auch ja zwei Rollatoren aneinander vorbeikommen. Und nie kommt einem auf diesen Straßen je einer entgegen. Man kann hier stundenlang über autobahnbreite Bürgersteige gehen, ohne auch nur einer Menschenseele zu begegnen. Reinickendorfer Trottoirs sind einsamer als die Sahara, aber immerhin wird hier im Winter gestreut.

Überhaupt geht es hier kaum lebhafter zu als auf einer Geriatrie nach dreitägigem Stromausfall. Zum Beispiel in den Supermärkten. Es gibt hier keine Menschen in den Supermärkten. Man kann um 18 Uhr in den Lidl ums Eck, und die Schlange ist kürzer als die vor dem Klo auf der Party einer Maschinenbauer-WG in Aachen. Es ist immer nur eine Kasse offen, und immer steht genau eine Person davor, die alt genug ist, sodass man nicht mehr genau weiß, ob es sich um Mann oder Frau handeln soll. Man sollte meinen, diese Personen seien in Eile, schließlich haben sie nicht mehr viel Zeit zu leben und eventuell noch was zu erledigen. Aber weit gefehlt: mit der Seelenruhe eines langjährigen Peter Maffay-Hörers, den selbst der nahende Tod niemals zur Eile antreiben könnte, kramt das Hutzelwesen durch seine unendlichen Kleingeldbestände, bis es genau die Münze gefunden hat, die genau jetzt, in diesem Moment, angemessen ist. Im Endeffekt kommt es auf das Gleiche raus: man will kurz in den Supermarkt, um Nudeln und ein bisschen Sahne zu kaufen, und kommt anderthalb Stunden später derart gestresst wieder raus, dass einem erst zu Hause auffällt: Scheiße, ich hab die Sahne vergessen.

Man muss hier, in Reinickendorf, einiges an Kulturschocks verdauen. Die Nachbarn zum Beispiel, die heißen alle ganz exotisch. Die haben Namen, die kenne ich sonst nur aus ZDF-Vorabendserien, mit viel zu vielen Konsonanten, sie heißen zum Beispiel Tripitz. Oder Jäger. Oder Demmler. Demmler! Sind wir hier in Bayern, oder was ist los?

Die Gewerbeeinheit im Erdgeschoss nennt sich Salon Cheri, da hab ich erstmal aufgeatmet, ein kleines Stück Neukölln in meinem Haus. Als ich vor acht Jahren in die Donaustraße zog, war da in jedem dritten Haus ein Puff. Die haben da auch immer so doppeldeutige Namen, mein Liebling ist das Etablissement Oder Ecke Oberland, das heißt Swingerparadies Zwiespalt. Da kam mir Salon Cheri als Name recht bieder vor, aber dann habe ich festgestellt: nachts ist da geschlossen. Es handelt sich tatsächlich um einen Friseurladen.

Und noch etwas: Es gibt keine Bioläden in Reinickendorf. Ich habe Bioläden noch nie getraut. Das erste Mal in einem Bioladen war ich in Berlin, in Kreuzberg, Manteuffel Ecke Reichenberger. Das Essen soll wahnwitzig gesund sein, stand vorne auf den Plakaten – und das musste da auch stehen. Denn die Gesichter der Belegschaft ließen einem das Blut gefrieren; sie waren grau, schuppig, mit vielen roten Flecken. Die Leute sahen eher danach aus, als würden sie in einem Diamantenbergwerk sieben Tage die Woche, 18 Stunden am Tag, die Latrinen reinigen und sich danach während der bisschen Nachtruhe schlaflos auf einem Atommülllager wälzen. Wer Komparsen für einen Zombiefilm sucht, in Bioläden wird man ohne weiteres fündig und spart sich dabei auch noch die Maske. Mich hätten sie nach dem Umzug sofort eingestellt, wahrscheinlich als Geschäftsführer.

Dass ich mich in Reinickendorf heimisch fühle, kann man so jetzt noch nicht sagen. Aber lang kann das nicht mehr dauern, denn dieser Bezirk ist ein einziger Flashback in die Jahre meiner Jugend. Vorgestern zum Beispiel fuhr ich hier mit dem Bus rum, da stieg eine elegante Frau zu, vielleicht Mitte 50, edel gekleidet, ein modischer Hut, hellbeiger Mantel, Wildlederhandschuhe, einen seltenen Kunstkatalog unter dem Arm. Sie setzte sich direkt neben mich; ich musterte sie ein wenig. Sie erinnerte mich sehr an die Mutter meiner Exfreundin. Sie schaute zurück, da sagte ich ihr: „Wissen Sie was, Sie erinnern mich an die Mutter meiner Exfreundin.“ Und sie sagte: „Ach was.“ Und ich sagte: „Ja. Die konnte mich nicht sehr gut leiden.“ Da mustert sie mich von Kopf bis Fuß, zuckt mit der Augenbraue und sagt: „Ja, kann ich mir vorstellen.“

Seit kurzem wohne ich in Reinickendorf, und ich weiß noch nicht, was ich von diesem Bezirk halte. Aber soviel ist klar: Er hält nicht sehr viel von mir.

 

 

Dieser Text ist eine Erstveröffentlichung.

 

 

 

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4 thoughts on “Reinickendorf

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