Manche Helden sind flügge (Kalendergeschichte)

(Die »Kalendergeschichten des rheinischen Widerstandsforschers« handeln von Individuen, selten kleinen Menschengruppen, die aufgestanden sind, um Ungerechtigkeiten und Zerstörungen zu verhindern. Oft auch, um Gefahren abzuwehren. Es sind Menschen, von deren Taten selten gesprochen wird. Manchmal berichten Schriftsteller davon, aber in den Geschichtsbüchern ist von Helden und Herrscherinnen, von großen Verbrechern oder Abenteurern zu lesen. In diesen Kalendergeschichten wird deshalb erzählt, wie Menschen den schlimmen Verhältnissen, die sie erleben müssen, trotzen.)

Am Rhein und an der Elbe wollten die deutschen Energiekonzerne und die Regierung in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts eine Perlenkette von Atomkraftwerken bauen. Über fünfzig sollten es werden. Das misslang, weil viele Menschen befürchteten, dass ein Reaktorunglück völlig unkalkulierbare Folgen für sie hätte. Weil sie die mörderische Energie der Atomspaltung, wie sie in Hiroshima und Nagasaki auf Menschen losgelassen worden war, nicht vergessen konnten, wehrten sie sich zu Zehntausenden gegen den Bau der technischen Monster und riskierten dabei oft ihre Freiheit und ihre Gesundheit. Dank ihres Widerstands konnte nur ein kleiner Teil der geplanten Reaktoren gebaut werden.

Ganz anders in Frankreich. Dort glaubten die Menschen den beschwichtigenden Versicherungen ihrer Ingenieure und Regierungen, dass sie jeden denkbaren Unfall in einem Atomkraftwerk sicher beherrschen könnten. So wurden ohne Widerstand der Bevölkerung über fünfzig Reaktoren errichtet. Das erste große Unglück mit einem explodierten Reaktor 1986 in Tschernobyl bewirkte da noch keine Änderung, weil es in der Sowjetunion geschah. Erst das massenmörderische Unglück in der japanischen Atomanlage in Fukushima zeigte aller Welt unmissverständlich, welche Gefahren in der Kernspaltung lauern. Auch in Frankreich ist eine Umweltschutzbewegung tätig, die Misstrauen gegen die von allen Regierungen gepriesene Sicherheit ihrer Atomkraftwerke sät.

Im Sommer 2012 startete einer der kühnen Aktivisten von Greenpeace namens Jean mit einem auf den Rücken geschnallten motorgetriebenen Propeller und einem Flugschirm in der Nähe des ostfranzösischen AKW Bugey, überflog in geringer Höhe das Werk und warf eine Rauchbombe auf eine der Reaktorkuppeln. Zweimal umkreiste er den Meiler und landete dann unbemerkt zwischen zwei Reaktorblöcken mitten in der angeblichen Hochsicherheitszone der Anlage. Ganze zehn Minuten wanderte er dort ungehindert umher, bis er auf Arbeiter traf, die ihn schließlich von der herbeigerufenen Polizei festnehmen ließen.

Das mutige Unternehmen wurde von einem unbemannten ferngesteuerten Fluggerät der Greenpeacer gefilmt, und dadurch wurde der Beweis dokumentiert, dass die französischen Atomkraftwerke gegen einen Angriff aus der Luft, entgegen den amtlichen Versicherungen, völlig ungeschützt sind.

 

Diese Geschichte wurde zuerst in der Jungen Welt vom 25.6.2016 veröffentlicht. Weitere dieser Geschichten finden sich im Band »Kalendergeschichten des rheinischen Widerstandsforschers«, der zum 85. Geburtstag von Erasmus Schöfer am 4. Juni im Berliner Verbrecher Verlag erschienen ist.

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