Scheinrealismus und literarische Analyse. Deutschsprachige Literatur in Auseinandersetzung mit der Kapitalismus-Krise

von Enno Stahl

Wie sieht unsere Welt heute aus? Chaotisch, überkomplex, dennoch wird sie durch Machtverhältnisse konstitutiert, auch wenn diese kaum zu durchschauen sind. Die globalen Wirtschaftsverflechtungen sind unentwirrbar, ein unvorstellbarer Kabelsalat, alles hängt voneinander ab, nichts ist mehr greifbar, alles scheint wild strudelnd in einem Orkus aus „Alternativlosigkeit“ zu entschwinden. Die Krise ist allgegenwärtig, die Krise ist zum Dauerzustand geworden, die Krise ist den Herrschenden von Nutzen, denn „souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet“ (Carl Schmitt).
Die Menschen begehren kaum dagegen auf, die große Mehrheit fügt sich in ihr Los als Marktteilnehmer, für ihre Disziplinierung sorgt sie selbst aus freien Stücken, eine neue Ökonomie hat sie durch scheinbare Partizipation zum Bestandteil ihrer Beherrschung werden lassen. In der kybernetisch-organisierten Gesellschaft „dient die Offenheit der Kontrolle, welche die Aufrechterhaltung der Prinzipien des Systems sichern soll“ (Hans-Christian Dany, Morgen werde ich Idiot. Kybernetik und Kontrollgesellschaft, Hamburg: Nautilus 2013, S. 54.). Selbst die allfälligen Protestbekundungen sind dem System längst als willkommene Möglichkeiten der Selbstoptimierung eingeschrieben. Es ist, als habe der altgediente „Entfremdungsbegriff“ eine neue Aktualität gewonnen, als dass er nun auf einen anderen Aggregatzustand inneren Gespaltenseins zu münzen sei.
Essenziell hat sich am Funktionsmodus der Entfremdung allerdings nicht viel geändert, auch heute noch kann man die Beschreibung Henri Lefebvres von 1957 gut nachvollziehen:
„Das Individuum erscheint angesichts der enormen Gewalt des Staates als winziges Körnchen, als Schatten. Es wird für sich selbst irrealer Schein; doch zugleich heiligt die politische Fiktion in einem absoluten Widerspruch den Privatmenschen, den egoistischen Einzelnen, den Träger persönlicher Interessen als höchste Realität.“ (Henri Lefebrve, Kritik des Alltagslebens, Kronberg/Ts.: Athenäum 1977, S. 98.) Auf diese Weise mystifiziere die bürgerliche Demokratie das Individuum, „indem sie ihm gleichzeitig einen Platz in der Sklaverei und in der Gemeinschaft, in der Realität und in der Fiktion zuweist.“ ( Ebd.)
Welche Rolle spielt hier nun die Literatur? Bzw. welche kann sie spielen, denn ist sie nicht zwangsläufig Bestandteil dieser Entfremdungsmechanismen, mithin Ursache und Wirkung zugleich? Lohnt es sich dann überhaupt noch, über die gesellschaftliche Funktion von Literatur zu reflektieren? Täte sie nicht besser daran, sich mit rein poetologischen Problemen zu befassen?
Ich denke nein. Ich denke, wenn Literatur sich nicht explizit in der Gesellschaft verankert, im doppelten Sinne, aus ihr kommend und in ihr wirkend, wenn sie nicht ihren Anteil überprüft am Immer-so-Weiterlaufen der Dinge, was ja nach Benjamin die eigentliche Katastrophe ist, wenn Literatur diese kritische Selbstbefragung ignoriert, ablehnt oder mit Blick auf die Vorrangigkeit innerästhetischer Revision hin verneint, hört sie auf Literatur zu sein. Dann wäre sie nur ein willfähriger Part des störungsfreien Regelkreislaufs, Sparte höhere Unterhaltung. Das desavouierte sie vor allen Gütekriterien ihrer Tradition und bedeutete die Preisgabe ihrer Essenz.
Für weite Teile (nicht nur) der deutschen Gegenwartsliteraten scheint das zu gelten. Dabei spielt das mangelnde Interesse der Lehrinstitute, Verwerter und Vermittler von Literatur an vehement kritischen Texten gewiss eine Rolle, das allein darf aber nicht als Entschuldigung gelten.
Fakt ist, nur sehr wenige nehmen momentan die Aufgabe an, sich literarisch gegen die globalen Zumutungen zur Wehr zu setzen. Viele weichen einer Auseinandersetzung schon dadurch aus, dass sie sich thematisch wie formal manisch auf die Vergangenheit fixieren, auf das Erinnern, das Hervorholen des Verdrängten, Vergessenen, Verloreren, als sei das die einzige Qualität, die einzige Kompetenz der Literatur, die Rückschau. „Passatistisch“ nannte das einst F.T. Marinetti, warum richtet das Gros der Autoren nur selten den Blick analytisch auf ihre soziale Gegenwart oder auf die Zukunft, um realistische Utopien oder Dystopien zu entwerfen?
Das ist umso erstaunlicher in einer Phase, die aus kontinuierlicher Gegenwart zu bestehen scheint, einem beständigen Recycling von Gegenwart, warum überlässt die Literatur Computer- und Telekommunikationsunternehmen den (fingierten) Anspruch, die Jetztzeit zu deuten und zu gestalten, die Zukunft visionär zu entwerfen, statt ihre eigenen „soft skills“ dagegen zu stellen?
Manche sagen, das sei die besondere Eigenschaft der Literatur, die Wiederentdeckung der Langsamkeit, einen Keil zu treiben in den hektischen Fortgang der Zeit. Aber ist das nicht ein ziemlich konservatives Feature? Wäre es nicht viel eher geraten, das Tempo der Zeit aufzunehmen oder gar zu übersteigern? Noch mehr Beschleunigung, noch mehr Tumult, um darin die verborgene Stagnation aufscheinen zu lassen, in Wahrheit ist die Gesellschaft nicht im Taumel, der verstetigte Wechsel ist nur Tünche, er verdeckt eine grassierende Stabilität sozialer, ökonomischer und ethischer Unbeweglichkeit. Die Visionen des Kapitalismus sind keine Visionen, sondern Verkaufsargumente. Die Beschleunigung neo-liberalen Wirtschaftens ist keine Geschwindigkeit, sondern Ideologie, sie verschleiert das Fortbestehen rückwärts gewandter Produktionsverhältnisse.
Reizniveau und Risikoschutz sind Optionen der Kontrollgesellschaft, um das reibungslose Funktionieren der Individuen sicherzustellen.
Sollte die Literatur nicht über all das hinweg gehen? Sollte die Literatur nicht die Verhältnisse zum Tanzen bringen „nicht vom Prozeß sich abwenden, sondern unaufhaltsam weitergehen, den Prozeß beschleunigen´“ (Deleuze/Guattari)?
Schon formal werden die meisten aktuellen Erzählwerke dem nicht gerecht, hier herrschen Blockade und Retroperspektive, linear durcherzählte Romane, vielleicht hier und da noch mit foreshadowings oder Rückblenden, aber stets einer homogenisierenden Totalität verpflichtet. Kaum jemand greift das Repertoire der historischen Avantgarde auf: harte Montage, Brüche, Realpartikel, innere Monologe, Multiperspektivik, die Aufgabe klassischer Narrative. Das sind keine Instrumente, um postmoderner Intertextualität zu frönen, sondern blanke Erfordernisse einer adäquaten Wirklichkeitsdarstellung. Unsere Gegenwart, unsere psychische Identität, politisch-mediale Ereignisse – sie sind nicht mehr linear, sondern zutiefst disparat, eruptiv und fragmentarisch. Das muss sich niederschlagen in Stil und Aufbau des literarischen Werkes, Atemlosigkeit, Dissonanzen, Schizophrenie, fortgeschrittene Formen und Erzählweisen, mittels derer allein eine kritisch-dekonstruierende Bestandsaufnahme und Bewertung unser Realität möglich wird.
Wir finden solche Formen besonders bei amerikanischen Autoren, David Foster Wallace, William Gaddis oder Mark Z. Danielewski. Hierzulande wären unter anderen Rainald Goetz, Reinhard Jirgl und einige der hier anwesenden Autoren zu nennen.
Häufig ist heute vom Realismus der deutschen Erzählliteratur die Rede, der Realismus sei vorherrschende Methode, formal wie inhaltlich. Gemeint ist damit vermutlich, dass zeitgenössische Werke sich heute für gewöhnlich an einer Romankonvention orientieren, die im 19. Jahrhundert ihre künstlerische Hochzeit erlebte, im letzten Jahrhundert dagegen zu einem literarischen Massenphänomen gerann. Doch kann das angesichts einer vollends veränderten, digital und medial segmentierten, wahrnehmungszerlöcherten Welt der richtige Bezugspunkt sein, um „realistische“ Aussagen über unsere Wirklichkeit zu treffen?
Sicher nicht. Ein aktueller Realismus muss sich komplexerer Gefüge bedienen, als die Mainstream-Literatur des vergangenen Jahrtausends sie liefert. Die meisten Betriebsautoren heute haben sich eingerichtet in einem „guten Handwerk“ amerikanischer Schreibschul-Tradition, ohne um eine eigene, wahrhaft jetztzeitige Form zu ringen oder Vorgaben zu zerstören, um daraus eigene Muster zu schaffen. Das aber war immer Privileg und Aufgabe der neuen Kunst.
Im Grunde ist es wenig verblüffend, dass ausgerechnet die „Ich“-Perspektive epidemisch grassiert: Wenn man nur „ich“ sagt, schreibt man aus der Optik des vereinzelten Individuums in der globalisierten Warengesellschaft, das in den Prozessen steht, und kann nur schwer hinter die Mechanismen dieser Strukturen blicken. Gerade die jüngere deutsche Erfolgsliteratur tendiert stark zu einem ungebrochen identifikatorischen Erzählen, sie entwickelt Stimmtöne, die den Leser amüsieren, einlullen und in den heimischen Fauteuil bugsieren möchten, hinter der wahren Härte der Realität hinkt sie erbarmungswürdig hinterher.
Nun könnte man einwenden, eigentlich machen die deutschen Autoren alles richtig, sie beschreiben halt die relativ friedvolle Situation in unserem Land.
Das aber wäre blauäugig, denn Auflösungserscheinungen gibt es hier genug, sie werden mühsam kaschiert, verewigte Wirtschaftskrise mit struktureller Arbeitslosigkeit, gerade auch von Jugendlichen (verdeckt von geschönten Statistiken und einem immensen Anteil von Arbeitsarmut), wachsende soziale Ungleichheit, Ausgrenzung ganzer Bevölkerungsteile, Perspektivlosigkeit, Salafismus, Rechtsradikalismus, das Bedrohungsszenario ist groß.
Dass solche Themen ausgespart bleiben, nährt den Verdacht, dass diese Autoren allein Sprachrohr jener Schicht sind, der sie selbst entstammen, welche die Widersprüche nicht am eigenen Leib erfährt. Das wäre schlimm genug, denn wenigstens die Literatur sollte sich eine Offenheit für alle sozialen Milieus bewahren, wenn es der Gesellschaft daran schon gebricht.
Doch selbst die Realität der bürgerlichen Kreise ist eine andere, als die deutsche Gegenwartsliteratur uns glauben machen will. Denn die Mittelschicht nimmt ja die Gefährdungen durchaus zur Kenntnis, sie wird zunehmend von Abstiegsängsten geplagt, die literarisch jedoch nur selten einen Niederschlag finden. Auch hier also entfernt sich die künstlerische Gestaltung von den Vorgaben der sozialen Wirklichkeit. Es geht ihr nicht um Aufdeckung, Sichtbarmachung, sondern allenthalben um ästhetische Seelsorge.
Diese unbestreitbare Kluft zwischen der gesellschaftlichen Realität und ihrer Darstellung in weiten Teilen der deutschen Literatur erweist, dass wir es hier mit einem Scheinrealismus zu tun haben, mit einem Realismus, der keiner ist, der die tatsächlichen Verwerfungen vielmehr bewusst ausblendet und damit den politisch Herrschenden bei ihrer Verdunkelungsarbeit assistiert [Hilfe leistet].
Zuletzt entstehen vereinzelt Bücher, die sich sozialen Fragen und ökonomischen Wandlungsprozessen zu widmen scheinen, zumindest andere Milieus in den Blick nehmen.
Bei näherer Beschäftigung erweist sich, dass soziale Realität hier oft nur abgebildet hier wird oder noch schlimmer: als bloßes Setting für einen Plot herhalten muss – beobachtbar zum Beispiel bei Kristof Magnussons „Krisenroman“, Das war ich nicht, dem hochgelobten 3000 EUR von Thomas Melle oder Clemens Meyers Coming-of-Age-Saga Als wir träumten.
Ein Thema anreißen, indem man es in eine Story verpackt (um die es dann eigentlich geht, zumeist eine mehr oder weniger verrückte Liebe) – das ist TATORT-Denken (Unlängst sehr schön selbstdekuvrierend von einem dieser Drehbuchautoren-Duos erläutert, die kundtaten, dass „sie kein klassisches Sozialdrama erzählen“ wollten, „sondern auf spannende Weise illustrieren, wie sich Kinderarmut (…) manifestiert.“, vgl.: So kommt Spannung in den Tatort, Mira Nagar im Interview mit Eva und Volker A. Zahn, online: http://www.shz.de/schleswig-holstein/kultur/so-kommt-die-spannung-in-den-kiel-tatort-id9307486.html, Zugriff: 10.4.2015); aber keine kritische Leistung.
Hier kommt zum Tragen, was Peter Hacks einst formulierte: „… der Zweck der Kunst ist nicht Nachricht über die Wirklichkeit. Der Zweck der Kunst ist Nachricht über eine Haltung, die man der Wirklichkeit gegenüber einnehmen kann.“ (Peter Hacks, Interview, in: Ders., Essais, Reclam: Leipzig 1984, S. 33.) Aus dieser Haltung heraus erfolgt die literarische Darstellung, die somit eine (vom Autor interpretierte/analysierte) Version der gesellschaftlichen Realität anbietet und so überhaupt erst kritisches Potenzial entfalten kann. Um eine blanke Abbildung der Wirklichkeit kann es heute also nicht mehr gehen, weder wirkungs- noch produktionsästhetisch. Diese schwierige, weil doppelt entfremdete Realität, in ihrem Sein wie in ihrem medialen Konterfei, muss hinterfragt und in einem heuristischen Prozess der Literatur als Material zugänglich gemacht werden.
Ein solcher – wie ich es genannt habe – „analytischer Realismus“ muss daher überhaupt nicht in landläufigem Sinne „realistisch“ sein und Wirklichkeit detailgetreu widerspiegeln, sondern kann als Groteske, als Sci-Fi-Fabel, ja als Fantasy-Text o.ä. auftreten, wenn nur Problemstellung und Positionierung der jetzigen Gesellschaft entnommen sind – ein gutes Beispiel dafür sind die futuristischen Romane Dietmar Daths.
Natürlich kann der scheinbar ungestaltete Alltag zum Sujet werden, mehr als in der Literatur dringen inzwischen vermehrt geradezu naturalistische Darstellungsweisen in internationale und auch deutsche Filme ein. Das ist insofern fruchtbar, als dass das Alltagsleben, die Entzweiung der Menschen mit ihrer Situation, die Kritik an den Verhältnissen bereits in sich birgt ( Henri Lefebvre, a.a.O, „So führt die Kritik des Alltagslebens zur Kritik des politischen Lebens, weil das Alltagsleben diese Kritik bereits enthält und ausbildet: es ist nämlich diese Kritik.“, S. 100.).
Wie ihre Autorinnen und Autoren sind auch literarische Figuren soziale Charaktere, kontextabhängig, gesellschaftlich geprägt. Diese ihre spezifische Sozialisation muss sich zeigen – und ihre Entfremdung. Wenn Lefebvres Formel noch zutreffen sollte, das Individuum ein irrealer Schein, was folgt daraus für die Romanfiguren, was für die ewigen Themen Liebe, Freundschaft, Identität?
Das könnte zum Beispiel bedeuten, dass man auch zu viel Sorgfalt in die individuelle Ausgestaltung der Figurenphysiognomie legen kann – Marcel Proust war schon, und Originalität heute ist ein Fetisch der warenproduzierenden Industrie, der vorrangig in Konsumpräferenzen seinen Ausdruck findet (siehe Popliteratur). Mitunter können durchaus beschränkte, „funktionelle Charaktere“ in ihrem Zusammenspiel eine gesellschaftliche Wahrheit besser aufscheinen lassen, ohne selbst als besonders prägnante Persönlichkeiten in Erscheinung zu treten.
Dies ist das Argument des Tänzers in Kleists „Marionettentheater“-Aufsatz: „Jede Bewegung, sagte er, hätte einen Schwerpunct, es wäre genug, diesen, in dem Inneren der Figuren, zu regieren; die Glieder, welche nichts als Pendel wären, folgten, ohne irgendein Zuthun, auf eine mechanische Weise von selbst.“ (Heinrich von Kleist, Ueber das Marionettentheater, in: Berliner Abendblätter, 1. Jg. [12.-15. Dezember 1810], Verlag Julius Hitzig, hier zitiert nach dem Reprint VMA Verlag, Wiesbaden 1980, S. 248.)
Auf dieselbe Weise kann der Autor die Figuren anhand ihrer gesellschaftlichen Bedingtheit bewegen, alles, was sie tun, denken und fühlen, resultiert daraus von alleine, schließlich hängen wir alle an irgendwelchen Fäden!
Sprachlich muss man, wenn man etwas dem Zeitrhythmus Entsprechendes schaffen will, weg von den Harmonien, die wohl gesetzten Bildern und Klangfarben hinter sich lassen, und übergehen zum Amorphen, Zerfallenen, den Synkopen.
Bestimmte Paraphrasen, metaphorischer Schmuck und Adjektivkonglomerate, sind überflüssig – viele Gegenstände besitzen in ihrer bloßen Benennung bereits ausreichend Realitätsgehalt. „Detaillismus“ ist eher an Stellen gefragt, wo er tatsächlich etwas Latentes zutage fördert. Selbstverständlich ist das kein Votum gegen Wortmächtigkeit und Formulierungsfreude, aber der realistischen Sprache tut Entschlackung gut. Und natürlich Tempo, Beschleunigung, eine Gehetztheit des Stils, womöglich bis zum Zerbrechen der Syntax an bestimmten Reiz- und Kulminationspunkten, wie schon im Expressionismus, doch nun unter den anderen Bedingungen eines sehr klaren Kalküls.
Der so konzipierte „analytische Realismus“ entspräche meines Erachtens den heutigen Bedingungen, er wäre zugleich ein „akzelerierter Realismus“, der es mit Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft zugleich aufnimmt, dieser sprunghaften, verstörenden Synchronizität aus kulturellen Großtaten und mittelalterlich anmutendem Terror, aus persönlicher Freiheit und totaler Überwachung, Entgrenzung, Entsublimierung, Ereignis- und Gefühlsformatierung.
Zu den Stoffen muss ich hier nicht viel sagen, denn die sind überall, sie liegen im wahrsten Sinne des Wortes in der Luft und buchstäblich auf der Straße. Um sie zu finden und zu verstehen, sie richtig ein- und anzuordnen, muss man natürlich raus aus dem stickigen Käfig des literarischen Betriebs, den Messen, Literaturfestivals, Dichterhäusern und Preislesungen, dazu muss man arbeiten, recherchieren, Archive konsultieren, sich selbst ein Bild machen, und Menschen treffen, immer wieder Menschen.

Der vorliegende Text ist die gekürzte Fassung eines gleichnamingen Textes aus dem Von Ingar Solty und Enno Stahl herausgegebenen Buch „Richtige Literatur im Falschen? Schriftsteller – Kapitalismus – Kritik“ in dem u.a. Ann Cotten, Annett Gröschner, Joachim Helfer, Thomas Meinecke, Norbert Niemann, Monika Rinck, Kathrin Röggla, Stefan Schmitzer, Erasmus Schöfer, Ingo Schulze, Michael Wildenhain und Raul Zelik über realistische Literatur diskutieren.

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