Russen wie wir

Von Markus Liske

Eigentlich bin ich ein Russe. Also nicht wirklich, aber mein Vater war Russe – allerdings auch nicht wirklich. Heute würde man wohl sagen, er war Ukraine-Deutscher. Doch als er geboren wurde, hieß das noch Sowjetbürger. Und Sowjetbürger hieß Russe, wenigstens in Deutschland und bis 1990.

Mag sein, er war kein vollwertiger Sowjetbürger, schließlich war er erst sieben Jahre alt, als er 1944 nach Deutschland umziehen musste, seine Eltern dagegen – die waren richtige Sowjetbürger. Mein Großvater hatte sogar in St. Petersburg studiert, das damals schon beziehungsweise noch Leningrad hieß. Und meine Großmutter, die war so sehr Sowjetbürgerin, dass sie 1935, als Stalin ihre zehn baptistischen Geschwister ins sonnige Sibirien verbringen ließ, lieber schnell ihrem Glauben abschwor und den jungen Lehrer heiratete, der eben aus Leningrad zurückgekehrt war.

Man kann die beiden also mit Fug und Recht als Russen bezeichnen. Wenngleich sie zu den wenigen Russen gehörten, die heimlich Hitler-Reden im Radio verfolgten, wie mir mein Vater erzählte. Aber abgesehen davon waren sie ziemlich typische Russen. Sie sprachen ja damals nicht mal Deutsch. Meine Großeltern konnten es zwar, auch wenn es bei ihnen „Deitsch“ hieß, mein Vater jedoch sprach ausschließlich Russisch und verweigerte sich der deutschen Sprache lange Zeit so erfolgreich, dass er noch heute manchmal unter Wortfindungsstörungen leidet.

Im Auffanglager bei Bremen, in das man sie 1944 brachte, fand er deshalb auch nicht so richtig Anschluss. Zum Glück beschäftigten die Bauern drumherum russische Zwangsarbeiter. Von denen lernte mein Vater natürlich auch kein Deutsch, aber Schach und eine Reihe toller Kartentricks, die er bis heute beherrscht. Die deutsche Sprache wurde ihm erst nach der Kapitulation eingeprügelt – von meiner russischen Großmutter und das so erfolgreich, dass er danach kein Russisch mehr konnte. Meine Großmutter wollte nämlich keine Russin mehr sein. „Die Russen sind dumm und faul und lassen alles verkommen“, lautete ihr Mantra, nur selten unterbrochen von meinem Großvater, der dann so was krächzte, wie: „Was du immer redest, Alice!“

Nicht, dass mein Großvater zu dieser Zeit noch Russe sein wollte, aber Deutscher wollte er, glaube ich, auch nicht sein. Mir schien er einfach nicht sein zu wollen. Zwar hatte er im Krieg nur einen Finger verloren und in der Kriegsgefangenschaft einen halben Magen, aber etwas weniger offensichtliches musste wohl auch kaputt gegangen sein. Seinen Lehrerberuf jedenfalls wollte er nie wieder ausüben und verabschiedete sich schon bald in eine Bettlägrigkeit, der er noch viele Jahre eisern treu bleiben sollte. Nur manchmal, wenn meine Großmutter in der Küche gegen die faulen Russen zeterte, grollte aus dem Schlafzimmer sein heiseres „Was du immer redest, Alice!“.

Als schließlich auch meine Großmutter verstorben war, fanden wir hinter einem Schrank im oberen Stockwerk ihre stattliche Sammlung von Vertriebenenzeitungen. Ich habe meine Großmutter nie wirklich durchschaut. Vielleicht ist es nicht möglich einen Menschen zu durchschauen, der selbst der Bettlägrigkeit des eigenen Gatten so gründlich misstraut. Andererseits war auch mein Großvater völlig undurchschaubar. Im Gegensatz zu seiner Frau sprach er nie über seine Herkunft, nie über Politik und schon gar nie über den Krieg. „Ein undurchsichtiges Volk, diese Russen“, dachte ich mir manchmal, obwohl das einzig wirklich Russische in ihrem Haus das Essen war. Und das wusste ich nicht.

Wie jedes Kind, sah ich Omas Art zu kochen als das bessere, das ursprüngliche Kochen an, mit dem die modischen Küchenexperimente meiner Mutter natürlich nicht mithalten konnten. Und da ich ja ein deutsches Kind war, waren die Piroggen, der Plow, der Rote-Beete-Salat und die saure Mehlsuppe von Oma natürlich deutsches – oder besser: deitsches – Kulturgut. Das Russische in unserer Familie fand für mich hauptsächlich in den Geschichten meines Vaters statt. Besonders liebte ich seine Erzählung vom Wolf. Der war mal eine ganze Nacht lang knurrend und geifernd um das Plumsklo herumgesprungen, auf dem mein fünfjähriger Vater in sibirischer Kälte um sein Leben zitterte. Jedenfalls war das die Ursprungsversion der Geschichte. In späteren Varianten wurden es erst mehrere Wölfe und dann ein ganzes Rudel, das von meinem Vater mit der Klobürste in die Flucht geschlagen wurde. Auch dies ein Hinweis auf die undurchsichtige Fremdartigkeit der Russen: Klobürsten auf Plumsklos! Aber entscheidend war natürlich der Wolf. Niemand außer mir hatte einen Vater, der schon mal mit einem Wolf gekämpft hatte. Wölfe waren unglaublich russisch.

Noch russischer waren nur die zehn Geschwister meiner Großmutter von denen immerhin drei Schwestern ab Mitte der Siebziger aus dem fernen Sibirien nach Bremen zogen. Tatsächlich kamen sie aus Kasachstan und Tadschikistan, aber dass es solche Länder gab, wusste man damals noch nicht. Genau wie meine Großmutter liefen sie den ganzen Tag in Plastik-Kittelschürzen herum, hatten zwar anfangs noch nicht Großmutters lilane Haare, dafür jedoch durchgängig goldene Zähne, die ich ein bisschen bedrohlich fand. Auch waren sie nicht so mürrisch wie meine Großeltern, sondern polternd und lustig. Besonders laut lachten sie, wenn sie von ihren erfrorenen Männern oder verhungerten Kinder drüben in Sibirien sprachen. Anschließend wurde geweint. Und nicht etwa mit stillen Tränchen, sondern laut heulend und mit ausladender russischer Gestik. Dann gab es Frischkäse-Piroggen, Oma schimpfte in der Küche über „diese Russen“ und Opa krächzte aus dem Schlafzimmer: „Was du immer redest, Alice!“ Das war meine Kindheit als Russe.

Leider zogen wir dann um und sahen die Familie fortan einzig an Weihnachten oder bei den Beerdigungen die nun jährlich anstanden. Am Ende lebte nur noch meine mürrische Großmutter, und weil niemand mehr „Was du immer redest!“ rief, schimpfte sie auch nicht mehr auf die Russen. Nur einmal, an Weihnachten 1989 war es, sie trug gerade den Nachtisch auf während der Kanzler aus dem Fernseher von der „Stunde der Deutschen“ sprach, hörte ich sie hinter mir murmeln: „Jetzt kommen die faulen Russen und machen alles kaputt!“ Da war ich ziemlich irritiert, hatte ich doch inzwischen lernen müssen, dass wir weder Russen noch Russland-Deutsche waren, sondern Ukraine-, Kasachstan- oder Tadjikistan-Deutsche, womit Russland für mich immer weiter nach Osten gerückt war, raus in die kalte sibirische Nacht. Die Vorstellung, ich hätte nun durch die Löcher in der Berliner Mauer direkten Zugang zu diesem Land, verwirrte mich so sehr, dass ich meine leckeren Piroggen zur Hälfte stehen ließ, nicht ahnend, dass ich den kommenden zwanzig Jahren keine mehr bekommen würde. Denn meine Großmutter starb wenig später, und meine geliebte Juschi kommt zwar aus diesem Land hinter der Mauer und hat hübsche slawische Wangenknochen, aber auch sie kann keine Piroggen machen, nur brandenburgischen Schichtkohl.

Russisch jedoch kann sie, was uns vor ein paar Jahren Jahren auf die Idee brachte, gemeinsam mit meinem Vater seine russische, also ukrainische, Heimat zu besuchen. Wir fuhren mit dem Zug, über Lemberg, das Lwow hieß, als es russisch war, und Lviv heißt, seit es ukrainisch ist. Dort auf dem Marktplatz bekam ich endlich wieder Frischkäse-Piroggen, und meine tapfer dolmetschende Juschi musste schnell feststellen, dass sie als Russin hier nicht sonderlich willkommen war, auch wenn ihre Familie ja eigentlich nur aus Polen stammte, zudem aus einem Polen, das seinerzeit deutsch gewesen war. Erst ein Russisch-Ukrainisch-Wörterbuch half ihr aus der Patsche.

Von Lemberg aus fuhren wir hinaus in die wolhynische Steppe, zu deutschen Dörfern in denen heute Ukrainer leben, die eigentlich umgesiedelte Russen sind. Die Dörfer bestanden aus winzigen weiß getünchten Katen und jedes Dorf gab es zweimal, einmal als ukrainisches und einmal als deutsches, also russisches. Letzteres war stets gut daran zu erkennen, dass die Häuschen hier in Reih und Glied standen. Außerdem befand sich in diesem Teil meist das Mahnmal für die Tschernobyl-Toten, weil im anderen Teil ja schon das Mahnmal für die Toten des „Großen, vaterländischen Krieges“ stand. Drumherum war Leere. Ein leeres, flaches Land unter einem leeren, grauen Himmel. Augenscheinlich hatte meine Großmutter nicht gelogen, als sie sagte, die Russen würden alles kaputtmachen, denn weder fanden wir die fruchtbaren Landschaften, von denen sie erzählt hatte, noch die großen mehrstöckigen Bauernhöfe, an die sich auch mein Vater zu erinnern glaubte. Die Russen hatten all das verschwinden lassen. Die großen Badeseen aus den Geschichten meines Vaters waren von ihnen zu Tümpeln geschrumpft worden, die dunklen Wolfswälder abgeholzt und die Hügel abgetragen. Ja, selbst den immer blauen Himmel hatten sie grau angemalt. Der Zerstörungstrieb der Russen war wohl stärker gewesen als ihre Faulheit.

Trotzdem fanden wir einige der Orte wieder. Großmutters Geburtsort „Neidarf“, also Neudorf, hieß nun Solodyri. Meines Vaters Geburtsort Ivanovich hieß Ivanovyci. Nur Nemyryntzi, wo er die ersten Kindheitsjahre verbrachte, hatte seinen Namen behalten. Und als wir dort am Ortsschild standen, winkte ein alter Mann von seinem Kutschbock herüber und fragte, ob wir Touristen seien. Juschi verneinte, denn schließlich hatte mein Vater hier ja schon mal gelebt. Der Alte humpelte durch die Felder auf uns zu, und als er erfuhr, dass wir aus Deutschland kamen, lachte er laut und klärte uns auf, dass heute der Jahrestag jenes Tages sei, an dem seinerzeit die Wehrmacht in Nemyryntzi einrückte. Noch lauter lachte er, als er unseren Namen erfuhr, denn mein Großvater war tatsächlich sein Lehrer gewesen, und auch an dessen kleinen Sohn, der mein Vater war, konnte er sich erinnern. Er lachte, als er mit uns über das alte Schulgelände lief, brüllte geradezu vor Lachen, als er uns die Schulmauer zeigte, an der sie damals von der Wehrmacht zu Selektion und Erschießung aufgestellt wurden und sein goldenes Gebiss funkelte prächtig dazu. Am Ende erfuhren wir noch, dass mein Großvater nach vollzogener Säuberung mit den Soldaten mitgegangen sei, um in der nahen Kreisstadt Bürgermeister zu werden.

Der Alte lachte immer noch, als er mit seiner Kutsche nach Hause zuckelte. Um dort dann laut zu heulen und Piroggen zu essen, nehme ich an.

Wir fuhren weiter nach Ruzhyn, wo mein stiller Großvater, wie wir nun wussten, nicht mehr Lehrer sondern Bürgermeister gewesen war. Auf der Suche nach dem Haus, in dem sie gelebt hatten, lernten wir einen freundlichen Juden kennen, was früher nicht erwähnenswert gewesen wäre, denn von den 5000 Einwohner – so erzählte er – seien seinerzeit mehr als die Hälfte Juden gewesen. Bevor mein Großvater hier Bürgermeister wurde. Heute lebten wieder fünf Juden in der Stadt, er könne uns gerne zu den Massengräbern in den Wäldern führen, wenn wir Lust hätten. Hatten wir nicht.

Auf dem Rückweg fiel meinem Vater noch eine Geschichte ein, eine, die er all die Jahre vergessen hatte. Es war die Geschichte eines kleinen jüdischen Jungen, der noch eine Zeit lang in den Wäldern gehaust hatte und von den deutschen und ukrainischen Kinder mit Essensresten versorgt wurde, bis ihn eines Tages ein Soldat vor den Augen meines Vaters erschoss. Auch eine Wolfsgeschichte, aber eine deutsche. Eine zu der man weder lachen noch heulen kann, und Piroggen gibt es dazu auch keine. Die bekamen wir erst an unserem letzten Abend wieder, als wir in der ukrainischen Hauptstadt Kiew zu Füßen eines gewaltigen sowjetischen Mutter-Heimat-Denkmals noch mal russisch essen gingen. Eine Balalaika-Band spielte Katjuscha, und eine Reisegruppe von rotchinesischen Geschäftsleuten, die jetzt nur noch chinesische Geschäftsleute waren, BOSS-Anzüge trugen und mit Sony-Camcordern fuchtelten, sang lautstark mit. Und als wir am Ende alle mit ein paar Flaschen Wodka zusammenrückten, da beschloss ich Russisch zu lernen. Oder Ukrainisch. Oder gleich Chinesisch. Bald. Oder irgendwann.

 

Der Text erschien erstmals in der taz vom 4.11.2016

 

 

 

 

 

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