Die achtziger Jahre versprachen uns Endlichkeit – Ich müsste tot sein

Ich weiß genau: Ich sollte tot sein. Das war mein Schicksal. Das wusste ich zehn Jahe lang, von 1980 bis 1990, es ist mir versprochen worden. Dennoch kann ich diesen Text schreiben. Und ich kann sagen, wer mir das Versprechen gegeben hat. Das war die Welt.

Die nämlich geriet spätestens am 22. Oktober 1983 aus den Fugen, nicht nur für Konservative. Die an diesem Tage stattfindende Friedensdemonstration im Bonner Hofgarten mobilisierte Menschenmassen ungeahnten Ausmaßes, knapp eine halbe Million Menschen protestierten allein dort gegen Atomwaffen und Aufrüstung. Der ehemalige sozialdemokratische Bundeskanzler Willy Brandt rief auf der Tribüne: »Wir brauchen in Deutschland nicht mehr Mittel zur Massenvernichtung, wir brauchen weniger.« Und Tausende applaudierten.

Sein Satz war nicht der originellste Beitrag zum Thema, doch er hatte immense Wirkung. Schließlich hatte Brandts Nachfolger und Parteifreund, Helmut Schmidt, erst wenige Jahre ­zuvor gemeinsam mit dem britischen Premierminister James Callaghan den damaligen US-Präsidenten Jimmy Carter dazu gedrängt, die sogenannte Nachrüstung von Mittelstreckenraketen in Westeuropa zu forcieren – um der vermeintlichen nuklearen Übermacht der Sowjetunion ein großes Waffenarsenal entgegensetzen zu können. Auch der nächste Kanzler, Helmut Kohl, stand zu diesen Plänen. Doch an diesem kühlen Herbsttag waren plötzlich in ganz Deutschland über eine Million Menschen auf der Straße, um gegen die Atomwaffen zu demonstrieren. Jahre später berichtete Wolfgang Schäuble, noch immer empört, welch großen Einfluss dieser Massenauflauf auf die Politik hatte. Weitere Nachrüstungs­pläne wurden erstmal auf Eis gelegt.

Dennoch wussten alle Menschen, dass die Sprengkraft der Atomwaffen, über die die damals fünf Atommächte bereits verfügten, allemal hinreichen würde, um die Oberfläche der Erde gleich mehrmals hintereinander zu zerstören. Und alle wussten, wie leicht es passieren kann: Filme wie »Terminator« (1984) oder »War Games« (1983) spielten mit der Idee, dass die Computer eines Tages selbst die Macht übernehmen – und die Menschheit mithilfe der Atomwaffen ausrotten. Atomkriegs­filme wie »The Day After« (1983) oder »Threads« (1984), und der kitschige Zeichentrickfilm »When the Wind Blows« (1986) waren große Publikumserfolge und ließen eine gesellschaftliche Diskussion darüber entstehen, was nach einem Atomkrieg sein werde.

Ich war damals gerade in der Pubertät. In meiner erzkonservativ geführten Schule wurde eine Ausstellung gezeigt, die mir vor Augen führte, was passierte, sollte eine sowjetische Atomrakete auf dem Flughafen in der Nachbarschaft einschlagen, auf dem die britische Rheinarmee ihre Jagdbomber stationiert hatte. Ich hätte, so wusste ich schon mit 15, Verbrennungen dritten Grades zu erleiden, der Lichtblitz würde mich, sollte ich nicht rechtzeitig irgendwo Deckung finden, blenden, wenn nicht verbrennen, der nachfolgende Fallout brächte mir die Strahlenkrankheit, und sollte ich selbst diesem sicheren Tod entgehen, so wäre es spätestens der nukleare Winter, der mich schließlich dahinsiechen ließe. Das wusste ich. Und ich wusste dank der vielen Nachrichtensendungen und den Berichten in den Zeitungen und Zeitschriften auch, dass eine sowjetische Attacke auf diesen verhältnismäßig unbedeutenden Militärflughafen nicht unwahrscheinlich war.

»Believe me when I say to you / I hope the Russians love their children too«, sang Sting, dieser Distinktionsdarsteller für Kulturlose, so voller Inbrunst, dass ich es auch hoffte. Doch was half es? Es musste nur ein verrückter US-Präsident mit dem roten Knopf spielen, ein russischer General die Kontrolle verlieren oder ein selbstständig denkender Computer die Macht übernehmen und schon wären wir alle – meine Eltern, der Bruder, die Nachbarn, meine Freunde, meine Geliebten (die nichts von meiner Liebe ahnten) – alle, alle wären futschikato. Verdunstet, verbrannt, vom Krebs zerfressen und schließlich im ewigen Winter verhungert.

Alle, gleich welche politischen Ansichten sie pflegten, beschäftigten sich daher mit dem Atomtod, alle dachten über Hiroshima nach. Und natürlich waren »der Russe« und »der Ami«, je nach politischer Vorliebe, eh schon bald »so weit«. Der Nachbar überlegte, sich einen Bunker in den Garten oder in den Keller zu bauen und sich Konservenbüchsen in Hülle und Fülle zuzulegen. Vielleicht wäre nach ein paar Monaten ja doch alles wieder irgendwie fein. Hoffnung stirbt auch hier zuletzt.

Wir Kinder aber wussten, dass wir tot sein würden, mit Mitte zwanzig oder Anfang dreißig, denn schließlich waren da nicht nur die oben beschriebenen Gefahren, nein, da waren ja auch noch die Gefahren durch das Material an sich: Raketen rosten, Sprengköpfe zerfallen, und es gab nicht mal genug Salzminen, in denen der atomare Abfall, den die zivile Nutzung mit sich brachte, gelagert werden konnte.
Wir waren also Leichen auf Urlaub. Man weiß im Alter von 13 oder 14 Jahren nicht ganz genau, was es heißt, sein Leben zu verlieren, doch weiß man schon, dass es keine Freude ist. Und wenn man die Mischung aus Gleichgültigkeit und Panik betrachtete, die die Erwachsenen umtrieb, wurde einem nicht wohler zumute. Dass ein »Gleichgewicht der Abschreckung« auf Dauer nicht halten würde, das war uns ebenfalls klar. Dennoch überdeckt der Alltag viele Fragen, man musste ja auch verliebt sein und Hausaufgaben machen, man lebte mit der Todesdrohung, lebte allerdings kaum danach. Doch dann bekamen wir es Ende April 1986 nochmal knüppeldicke.

In Block 4 des Atomkraftwerks Tschernobyl nahe der ukrainischen Stadt Prypjat kam es zum sogenannten Super-GAU, der super war, da es ja bereits im Westen wie im Osten schon lauter größtanzunehmende Atomunfälle gegeben hatte. Nun aber explodierte der Reaktor des Lenin-Kraftwerks und setzte Unmengen von Schadstoffen frei. Zwar war die Medienpolitik der Sow­jetunion wie immer sehr uninformativ, doch bald hatten es alle verstanden – von Osten her näherte sich nicht etwa »der Russe«, von dem die alten Landseropas noch immer fabulierten, wenn sie genug Schnaps getrunken hatten, sondern eine Wolke voller radioaktiver Stoffe, die auf ganz Europa herabregneten.

Nun konnten wir das Wort Halbwertszeit konkret kennenlernen, lernten von Gemüsesorten, die nicht mehr genießbar waren, da sich Schadstoffe in ihnen ansammelten, und von Pilzen, die vielleicht nie wieder genießbar seien, da sie geradezu als Schadstoffmagnet funktionierten. Aber, das lernten wir auch, war es damit getan? War es nicht vielmehr so, dass die ­Katastrophe von Tschernobyl noch lange nachwirken würde, dass wir alle mit einem wesentlich gestiegenen Krebsrisiko zu kämpfen hätten und dass zudem die Sowjets vielleicht nun doch böse agierten, da sie einen nicht geringen Teil der eigenen Bevölkerung verseucht hatten und sich um ihren Abschreckungsausgleich sorgen mussten.

Schließlich hörten wir in all den Jahren noch vom sauren Regen, vom ­bösartigen Borkenkäfer, von Umweltschändern und Rheinverseuchern, von Verklappung und ungenießbarem Grundwasser, von krebserregenden ­Lebensmitteln und von der völligen Verwüstung Afrikas, der der Hungertod von Millionen folgen würde.

Das Interessante ist: Vieles von dem, vor dem da gewarnt und gemahnt wurde, ist tatsächlich eingetreten, vieles jedoch auch nicht. Doch selbst wenn Afrika weiter verwüstet wird, selbst wenn die Flüsse weiterhin verdreckt sind, selbst wenn die Ressource Wasser peu à peu verlorengeht – heute hat man andere Sorgen. Aus der Angst vor dem Tod, der 1983 eine Million Deutsche auf die Straße brachte, die eine grüne Partei erstarken und die Biomärkte expandieren ließ, ist eine Angst um das Ich geworden, das ja eigentlich gar nicht mehr hier sein dürfte. Dieses aber gilt es zu retten mitsamt seinem bisschen Geld, das viele nicht angespart haben, da sie eh dachten, bald ist alles passé. Daher expandieren die Fitnessstudios (und die Biomärkte), daher werden die Grünen gewählt (von Mittelschichtlern), daher tragen die Flüchtlinge an allem die Schuld, was jetzt nicht mehr alte Bundesrepublik ist.

Denn die Angst vor dem Tod ist die Angst um sich selbst, selbst wenn man um seine Familie fürchtet, fürchtet man vor allem das Alleinesein. Insofern half die Todesangst der achtziger Jahre sehr dabei, die Gesellschaft in eine Ansammlung von selbstsüchtigen Einzelkämpfern zu verwandeln, denen ihr eigener Arsch wichtiger ist als ihr Kopf. Und die Atomkraftwerke, die Atomraketen, die Umweltkatastrophen? Wer weiß, vielleicht lösen sie ihr Versprechen ja doch noch – verspätet – ein.

Der Text erschien erstmals in der Wochenzeitung Jungle World vom 25.08.2016.

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