Virtuelles Theater

Hollywoodstars schweben alleine durchs Weltall, und die alten Kinogeister haben sich in digitale Pokémon verwandelt. Wie Filme auf die Einsamkeit des Menschen vor dem Display reagieren.

Von Philipp Stadelmaier

Auf den ersten Blick sind es ganz typische Paris-Fotos. Schnappschüsse in Schwarz-weiß von öffentlichen Plätzen der Stadt, vor allem von Parks wie dem Jardin du Luxembourg oder dem Buttes-Chaumont. Leute stehen herum, sitzen, laufen, mal alleine, mal in Gruppen. Aber was zunächst gewöhnlich erscheint, ist auf den zweiten Blick eher unheimlich: Jeder starrt wie gebannt auf sein Smartphone, als würde er irgendetwas suchen. Als würden die Handys die Menschen durch ein geheimes Territorium lotsen, das mit der sichtbaren Welt nichts mehr zu tun hat, als würde ein unsichtbares Kraftfeld ihre Bewegungen choreografieren.

Die Fotos entstanden diesen Sommer. Da war der deutsche Fotograf Thomas Dworzak, der in Paris lebt, gerade von einer längeren Reise zurückgekehrt. Er war von dem seltsamen Verhalten in seiner Umgebung so verblüfft, dass er sofort zu fotografieren begann. Das von Dworzak dokumentierte Phänomen, das nicht nur in Paris zu beobachten war und sich wie ein digitales Virus in der ganzen Welt ausgebreitet hat, ist das Smartphone-Spiel Pokémon Go. Darin werden digitale Monsterfiguren per GPS-Navigation überall auf der Welt an bestimmte Orte projiziert. Findet man eines, so taucht es wie ein Phantom im Bild der Handykamera auf: ein digital animiertes Monster, welches das Bild der wirklichen Welt überlagert und vom Spieler „gefangen“ werden kann. An besonders populären Orten gibt es besonders außergewöhnliche Monster zu finden, sodass eine Stadt wie Paris nicht nur viele Sehenswürdigkeiten, sondern auch exquisite Pokémon zu bieten hat.

Das Faszinierende an Dworzaks Fotografien ist nun, dass sie von einer großen Vereinsamung und Vereinzelung zeugen. Da geht die eine Gruppe einen Weg entlang, während eine andere herumsitzt, ohne dass sie miteinander irgendetwas zu tun zu haben scheinen, ebenso wenig wie die Mitglieder jeder einzelnen Gruppe untereinander. Auf anderen Aufnahmen sind nur wenige Personen zu sehen, vereinzelt, verstreut. Und dann sind da jene zwei Männer, die sich auf einem Parkweg direkt gegenüberstehen – und sich dennoch nicht einmal zu bemerken scheinen. Denn all diese Menschen schauen nur auf ihre Smartphones, auf der Suche nach Monstern, und hören auf, für die anderen zu existieren.

Dworzaks Bilder zeigen eine Welt, in der sich jedes Band zwischen den Menschen vaporisiert hat, in dem Moment, in dem sie alle in derselben digitalen Sphäre angekommen sind und denselben Pokémon nachjagen. Man könnte einwenden, dass durch Spiele wie Pokémon und alle möglichen sozialen Medien heute viel mehr kommuniziert wird als früher, was auch richtig ist. Aber Dvorzaks Fotos positionieren sich jenseits der digitalen Sphäre und betrachten diese von außen. Sie zeigen, anders als einige Screenshots des Spiels, die der Fotograf auch gemacht hat, nicht das Spiel selbst, sondern seinen Effekt auf die Körper der Spieler. Auf diese Weise dokumentiert er die Art, wie die Produktion, die Verteilung und der Konsum von Bildern unser Verhalten grundlegend verändert hat: Jeder scheint ganz in sich selbst versunken zu sein, gebeugt über den eigenen Bildschirm. Während Dworzak diese Vereinzelung in einer Welt der personalisierten Medien fotografisch dokumentiert, gab es in den vergangenen Jahren auch viele Filme, die das fürs Kino geleistet haben. Gerade eine globale Bildproduktionsmaschine wie Hollywood kann natürlich kaum anders, als früher oder später auf solche globalen Entwicklungen zu reagieren. So gab es zuletzt vermehrt Filme, die ihre Hauptfiguren vollkommen isolierten. Sandra Bullock sauste in „Gravity“ die meiste Zeit allein im All herum, und Tom Hanks war in „Captain Philips“ auf hoher See ebenso auf sich allein gestellt wie Robert Redford in „All is Lost“, einer einzigen One-Man-Show im Überleben. Auch in den Weltraumabenteuern „Interstellar“ und „Der Marsianer“ ging es äußerst einsam zu: Jessica Chastain, die in beiden Filmen mitspielt, ist nie zur gleichen Zeit am gleichen Ort wie die anderen Stars, Matthew McConaughey und Matt Damon, die jeweils in einem anderen Teil des Weltraums gestrandet waren. Die Stars teilen sich zwar einen Film, aber nie dasselbe Bild. Um unsere Gegenwart zu beschreiben, ist der Weltraum der rechte Ort: Jeder lebt in seiner eigenen Welt, ist um Welten vom anderen getrennt.

Die Parks, die Statuen und die alten Gemäuer, welche die Pokémon-Spieler bei Dworzak durchstreifen, erinnern aber nicht nur an aktuelle Blockbuster, sondern vor allem an einen viel älteren Film: „Letztes Jahr in Marienbad“(1961) von Alain Resnais. Ein rätselhafter Film in Schwarzweiß, in dem die Figuren durch das Labyrinth eines prunkvollen Palastes und eines Parks wandeln. Ohne dass sie wissen, wer sie sind, was sie miteinander verbindet, und ob sie sich von früher kennen oder nicht. In „Interstellar“ und „Der Marsianer“ wird die Distanz zwischen den Getrennten meist irgendwie überbrückt: durch die Liebe zwischen Vater und Tochter, durch das Vertrauen in Technik und Fortschritt. Wenn die Figuren aber bei Resnais vereinzelt wirken, dann verbinden sie einzig die Geister von früher, die ihre entrückten Bewegungen bestimmen und sie führen wie Spielfiguren in einem merkwürdigen Spiel.

Auch Dowrzaks Spieler wirken wie Spielfiguren, gesteuert von außen, ohne Verbindung untereinander, gelenkt von Geistern, den Pokémon, die in der Realität unsichtbar sind, präsent nur auf dem Handy. In Dworzaks Fotografien sind die Pokémon omnipräsent, obwohl sie unsichtbar bleiben. Neben diesen digitalen Geistern gibt es aber auch hier die Geister des Vergangenen, die schon den Film von Resnais heimgesucht haben.

Die Geister der wirklichen, der historischen Welt, die durch das nostalgische Schwarz-Weiß seiner Aufnahmen evoziert werden. Bei seinen Recherchen hat Dworzak festgestellt, dass viele der sogenannten Poké-Stops an historischen Orten liegen: an einem Holocaust Memorial, auf einem Soldatenfriedhof oder vor dem Pariser Club Bataclan, der durch die Anschläge vom 13. November 2015 traurige Berühmtheit erlangte.

Die Geister der wirklichen Toten scheinen also Konkurrenz bekommen zu haben von diesen anderen Geistern, den Pokémon, die sie überlagern, von ihnen ablenken, mit ihnen konkurrieren. Die Pokémon-Geister enthüllen zwar mancherorts die Geister der Opfer der Geschichte bis in die Gegenwart. Aber indem die bunten Fabelwesen vor ihnen aufpoppen und Faxen machen, verbannen sie diese auch zurück ins Dunkel. Während bei Resnais die Vergangenheit nicht mehr entschlüsselt werden konnte, wirkt bei Dworzak die äußere Welt und ihre Geschichte eher wie eine verlassene Ruine. Als sei sie nur noch Kulisse für ein virtuelles Theater, das die Pokémon-Spieler meist achtlos durchwandern, ohne noch auf ihre Geister zu achten.

Wenn Dworzak eine Welt zeigt, in der jeder seinen eigenen Geistern hinterherzujagen scheint, dann kann die Empathie nicht mehr nur allein den Geistern der wirklichen Toten gehören. Es gibt heute einfach zu viele fantastische, digitale Geister. Mal sind die Spieler fasziniert von ihrem Pokémon-Fund, mal von der schockhaften Erkenntnis wirklicher vergangener Gräuel, und wenn das Mitleid mit den Geistern der wirklichen Toten auch sicher nicht verschwunden ist, so hat es sich doch entscheidend relativiert. Dworzaks Bilder lassen von einem Remake von „Letztes Jahr in Marienbad“ träumen, in dem ein Kampf zwischen „wirklichen“ und digitalen Geistern um die Aufmerksamkeit der Lebenden stattfindet. Um deutlich zu machen, dass die „Augmented Reality“, die erweiterte digitale Realität, immer auch die Sphäre einer verringerten Realität ist, in der wir uns heute alle bewegen.

Der Text erschien zuerst in der Süddeutschen Zeitung.

 

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