Dein Haar hat Lieder, die ich liebe

Von Max Herrmann-Neiße

Dein Haar hat Lieder, die ich liebe,
und sanfte Abende am Meer –
O glückte mir die Welt! O bliebe
mein Tag nicht stets unselig leer!

So kann ich nichts, als matt verlegen
vertrösten oder wehe tun,
und von den wundersamsten Wegen
bleibt mir der Staub nur auf den Schuhn.

Und meine Träume sind wie Diebe,
und meine Freuden frieren sehr –
dein Haar hat Lieder, die ich liebe,
und sanfte Abende am Meer.

Aventino

Von Chaim Noll

 
Katzen überall
auf dem Forum
im Teatro di Marcello
in den Ruinen der Engelsburg

Und Menschen die sie füttern
mit Pasta von der letzten Mahlzeit
wie heute am Mazzini-Denkmal
wo jemand ein Dutzend um sich

auf der Marmorbank versammelt hatte
Römer stört es nicht wenn sich Katzen
auf den Dächern ihrer Autos sonnen
(obwohl Kratzer den „Wiederverkaufswert“ mindern)

Rom katzenhafte Stadt
liebt das Schnelle
Geschmeidige
Ruhe und Sprung

Piazzale Ugo La Malfa, Rom, 1992

Entnommen dem Band “Kolibri und Kampfflugzeug” von Chaim Noll.

Gebt mir Schnaps

Von Erich Mühsam

 

 

Gebt mir Schnaps, nach dem meine Seele lechzt!

Gebt mir Schnaps, nach dem meine Kehle krächzt!

Dass sich Friede an meine Schuhe binde!

Dass die verfluchte Qual endlich Ruhe finde! …

Wie es mir durch die Kehle gluckt!

Wie es mir in der Seele juckt!

Ich will kein Bier; – ich will keinen Wein!

Schnaps will ich! Schnaps will meine Pein! – –

Verliebter Igel, sauf! sauf! sauf! –

Morgen wacht alle Qual wieder auf …

Gebt mir Schnaps!

 

Aus dem Band “Das seid ihr Hunde wert! Ein Lesebuch” von Erich Mühsam, herausgegeben von Manja Präkels und Markus Liske

Nach dem Fest

Von Max Herrmann-Neiße

 

Nun ist das Fest gefeiert,
getrunken ist der Wein,
liegt wieder schwarz umschleiert
der Talisman im Schrein.

Erloschen ist das Lachen,
verwelkt der Blumenstrauß,
die stummen Stuben machen
das Haus zum Trauerhaus.

Kein Wunsch ist drin geblieben,
der Gutes mir erbat;
die mich mit Worten lieben,
vergaßen auf die Tat.

Was ich erwartet habe,
hat niemand mir beschert;
es war die schönste Gabe nicht,
was mein Herz begehrt.

Aus den Gefangenschaften
hat niemand mich befreit.
An jeder Wohltat haften
die Flüche dieser Zeit.

Da sich des Festes Schimmer
im Üblichen verlor,
ist alles wieder schlimmer,
als je zuvor.

 

Geschrieben 1936 im Londoner Exil

Du schläfst

Von Charlotte Grasnick

 

Du schläfst.
Ich sehe deinen Mund,
Lippen, die so rasch
entlassen und verschließen das Wort.
Der Aschenbecher, die halbleeren Gläser:
die nicht bis zur Neige getrunkene Nacht.

Zwischen uns
das unsichtbare Wundmal Zweifel.
Ich küsse deine ahnungslose Stirn,
bevor du erwachst,
denke,
wie du mich erreichtest
mit einer einfachen Drehung.

 

Aus dem Band „So nackt an dich gewendet. Gesammelte Gedichte“ von Charlotte Grasnick.

 

 

 

Dies ist der Erde Nacht

Von Erich Mühsam

 

Dies ist der Erde Nacht,
Und Regen fällt hernieder.
Ich habe meine Lieder
Und Taten nicht vollbracht.

Die Welt ist voll Verdruss.
Kein Stern scheint meinem Wege.
Wenn ich mich niederlege,
Erwartet mich kein Kuss.

Rings schlafen weit im Kreis
die Menschen frei von Qualen.
Die ersten Sonnenstrahlen
Erwecken Not und Schweiß.

Vielleicht zeigt mir ein Traum
Mein Glück und das der Erde.
Ob er je Wahrheit werde, –
Ich wag‘s zu hoffen kaum.

 

Aus dem Band “Das seid ihr Hunde wert! Ein Lesebuch” von Erich Mühsam, herausgegeben von Manja Präkels und Markus Liske

 

 

 

wir alle du auch

Von Christian Geissler

 

wir alle du auch

deinen kopf aufrichten
gegen das kraut der verwirrung dein wort
aussprechen damit
du behältst wie du heißt
deinen namen schreiben gegen
die niederzureißende wand dein ding
gegens unding

auch allein

 

Aus dem Band “Im Vorfeld einer Schußverletzung. Gedichte von Juli 77 bis März 80”, erschienen im Rotbuch Verlag, Berlin 1980.