Untertöne für Untertanen

Von Manja Präkels

Isolieren, denunzieren, abschieben – die geplante Kasernierung von Flüchtlingen untergräbt deren Grundrechte. Die CSU erhofft sich freilich genau davon den Sieg bei der Landtagswahl in Bayern.

Es ist ein Vorhaben von höchster Priorität. Im Herbst sollen die ersten von Union und SPD im Koalitionsvertrag vereinbarten sogenannten Anker-Zentren eröffnet werden. AnkER steht für „Ankunft, Entscheidung, Rückführung“. Da klingt die „strategische Topmanagement-Beratung auf höchstem Niveau“ des Beratungsunternehmens McKinsey durch, die auch vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) in Anspruch genommen wird. Was es bedeutet: Bis zu 1.500 Geflüchtete pro Zentrum sollen für die gesamte Dauer ihrer Antragsprüfung kaserniert werden. Erst mit positivem Asylbescheid erfolgt die Verteilung auf Städte und Gemeinden. Wer keinen erhält, wird direkt abgeschoben. Diese schnelle und vor allem der Wahrnehmung der Zivilgesellschaft entzogene Abschiebung ist das Hauptziel der neuen hochgesicherten Lagerhaft, die sich „Bleibepflicht“ nennt. Außerdem sollen hier alle zuständigen Behörden unter einem Dach arbeiten und so die Verfahren beschleunigen. Je nach „Bleibeperspektive“ sind dennoch Aufenthalte von bis zu 24 Monaten möglich.

Wer wissen möchte, wie es in den Anker-Zentren aussehen wird, dem sei ein Besuch in der „Aufnahmeeinrichtung Oberfranken“ (AEO) in Bamberg oder im „Transitzentrum“ Machning/Ingolstadt empfohlen. Beide funktionieren bereits weitgehend nach demselben Prinzip. Die Zustände dort sind aus Perspektive der Flüchtlinge als verheerend zu bezeichnen. Sie sind mit verschärfter Residenzpflicht hinter Stacheldraht isoliert, von Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und Bildungsmöglichkeiten ausgeschlossen. Türen können nicht abgeschlossen werden, die Zimmer werden regelmäßig von Security-Mitarbeitern durchsucht, und um der gesetzlichen Schulpflicht für Kinder genüge zu tun, gibt es reduzierte Unterrichtseinheiten direkt im Lager.

Schon in der letzten Großen Koalition hatte die CSU auf gesicherte Massenunterkünfte als Generallösung gesetzt. Damals scheiterte sie noch am Widerstand der SPD. Nun, da die Anker-Zentren auf Bundesebene Regierungswille sind, ist Widerstand in den Ländern gefragt. Und tatsächlich artikuliert sich hier und dort vorsichtiger Unmut. So wundern sich etwa Mitarbeiter der Saarländischen Aufnahmestelle im Städtchen Lebach laut über die Ankündigung ihres Ministerpräsident Tobias Hans (CDU), in der Pilotphase mitzuwirken. Selbst als 2015 bis zu 5.000 Geflüchtete in Zelten campieren mussten, hätte man sich stets auf die Akzeptanz der Menschen vor Ort verlassen können. Es gibt dort weder Zäune, noch Kontrollen. Kein Bedarf an systemischer Veränderung. 600 Kilometer weiter östlich hält Sachsens Integrationsministerin Petra Köpping (SPD) die Pläne ihrer Landesregierung gar für eine Gefährdung der Inneren Sicherheit. Man müsse darauf achten, Bundes- oder Landespolizisten „in solchen selbst geschaffenen Gefährdungspunkten nicht zu verheizen.“ Ähnlich sieht es Mecklenburg-Vorpommerns Innenminister Lorenz Caffier (CDU): Die Kapazität von 1.000 bis 1.500 Flüchtlingen sei „zu hoch, da es bei dieser Größe viel Konfliktpotenzial geben könnte“. In solchen Kritiken schwingt stets ein hässlicher Unterton mit. Schließlich ist auch die AfD der Ansicht, dass die neuen Massenunterkünfte „den Frieden in der Region gefährden“ könnten und plädiert deshalb dafür, sie ins Ausland oder wenigstens in unmittelbare Grenzlage zu verlegen.

Und weil weiterhin die Devise gilt, die AfD sei nur zu besiegen, indem man ihre Themen übernimmt, traut sich kaum ein Landespolitiker neben Sicherheitsaspekten auch den „massiven Eingriff in die Grund- und Menschenrechte“ zu kritisieren, den die Landesflüchtlingsräte in den Anker-Zentren sehen.

Nur aus der CSU gibt es keine Untertöne mehr. Begeistert von der eigenen Regierungspotenz pöbelt man in zünftiger Offenheit fröhlich vor sich hin. Etwa am Beispiel Ellwangen, wo sich Migranten mit einem jungen Mann aus Togo solidarisierten und kurzfristig dessen Verhaftung verhinderten. Der 23jährige sollte nach der Dublin-Verordnung, also ohne inhaltliche Prüfung seines Asylantrages, nach Italien überstellt werden. Dort leben nach Angaben der „Ärzte ohne Grenzen“ bereits jetzt Tausende wohnungslose Geflüchtete unter unmenschlichen Bedingungen am Rande der Gesellschaft. „Unser Protest war bestimmt, aber zu jedem Zeitpunkt friedlich“, erklärten die ungehorsamen Mitbewohner anschließend. Für Bundesinnen- und Heimatminister Horst Seehofer war es dennoch ein „Schlag ins Gesicht der rechtstreuen Bevölkerung“. Dass diese prompt zurückschlug, indem sie dem Anwalt des jungen Togoers Morddrohungen schickte, wurde indes von CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt übertönt, der eine veritable Verschwörung herbeifantasierte: „Die Anti-Abschiebe-Industrie nutzt die Mittel des Rechtsstaates, um ihn durch eine bewusst herbeigeführte Überlastung von innen heraus zu bekämpfen.“ Tatsächlich ist wohl eher das Gegenteil der Fall, denn viele Negativbescheide des BAMF scheinen weniger der Rechtslage als politischem Druck zu folgen. Anders ist kaum zu erklären, dass 2017 rund 44 Prozent der Verfahren gegen BAMF-Bescheide zugunsten der Asylbewerber ausgingen. Wie hoch wohl die Fehlerquote in den neuen Anker-Zentren sein wird? Wir werden es vielleicht nie erfahren. Schließlich soll die Isolation der Asylbewerber auch die Rechtsberatung erschweren, während gleichzeitig die zivilgesellschaftlichen Akteure der einst von Angela Merkel ausgerufenen Willkommenskultur mit immer neuen Abschreckungsmaßnahmen traktiert werden. Wie im Fall einer Gießener Gruppe von Flüchtlingspaten, die nun vom Job-Center für den Unterhalt ihrer Schützlinge zur Kasse gebeten werden.

Mit den Anker-Zentren soll solch solidarisches Handeln von vorneherein unterbunden werden. Unklar ist aber noch, wer die Lager sichern und kontrollieren soll. Seehofer sieht diese Aufgabe bei der Bundespolizei. Deren Gewerkschaften sind gar nicht begeistert von der Idee. „Mit uns nicht“, erklärte beispielsweise Jörg Radek, Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP), die ein zehnseitiges Schreiben zum Thema an die Bundestagsfraktionen von CDU, SPD, Linken und Grünen verschickte. Unter anderem heißt es darin, die Anker-Zentren seien mit dem deutschen Recht unvereinbar. Eine „Haft ohne richterlichen Vorbehalt“ würde gegen Artikel 104 des Grundgesetzes verstoßen. Auch bringe die „Internierung oder Freiheitsentziehung“ letztlich keine schnelleren Asyl-Entscheidungen. Davon abgesehen wolle man nicht zur „Lager-Polizei“ werden, so Radek.

Seehofer dürften solche Einwände einerlei sein. Er hat mit dem Thema Ankerzentren vor allem eines klargestellt: Wer CSU wählt, wählt Abschiebung. Das freut den deutschen Untertan: Dem jüngsten »ARD-Deutschlandttrend« zufolge hat der CSU-Vorsitzende bei der Zufriedenheit der Wählerschaft im Vergleich zum März zwölf Prozentpunkte hinzugewonnen und liegt nun bei satten 47 Prozent. Angst machen, Stimmen fischen, denunzieren. Rechts von der CSU die Wand. Die nächste Wahl steht an.

 

Zuerst erschienen in der Wochenzeitung Jungle World, Ausgabe 20/2018

 

 

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Im schönsten Wiesengrunde

von Manja Präkels

„Hitler kaputt.“- im Mai 1945 hatte die Rote Armee die Schlacht um Berlin für sich entschieden. Neunundvierzig Jahre später, im Sommer 1994, verließen die letzten Soldaten der Westgruppe der Truppen Ostdeutschland, vielfältige Erinnerungen an Freund- und Feindschaften hinterlassend.

 

Anfrage an den Sender Jerewan: Stimmt es, dass der Kapitalismus am Abgrund steht?

Antwort: Im Prinzip ja, aber wir sind bereits einen Schritt weiter.

 

Als Victor Ivanovich Nikitin, gemeinsam mit dem Alexandrov-Ensemble beim Friedenskonzert im August 1948 am Berliner Gendarmenmarkt Im schönsten Wiesengrunde anstimmte, weinte die zerstörte Stadt. „Unter jedem Dach ein Ach“ hieß es damals. Und dort, an diesem Sommertag im Schutt mag mancher still für sich gedacht haben, dass es nun endgültig vorbei sei, mit dem Krieg. Für den Moment war „der Russe“ kein Feind mehr, sondern dieser großartige Sänger, der sich die Mühe machte, den Deutschen ein Lied vorzusingen, in ihrer Sprache. Das Konzert wurde im Radio übertragen und erreichte so Millionen Ohren. Meine Großmutter heulte, wenn sie nur daran dachte. Aber zum Heulen war ihr eigentlich immer zumute, wenn sie vom Krieg und seinen Folgen sprach.

An einem sonnigen Nachmittag war es auch, sie saß auf ihrer blauen Plüschcouch und strickte an einem Westover, dass sie mir von ihrer Freundin erzählte: „Die sind jede Nacht über sie drüber.“ Irgendwann sei die Freundin auf der Flucht zurückgeblieben. „Zum Sterben“, erklärte meine Oma, ohne dass ich danach gefragt hätte. „Mich haben sie verschont, ich hatte ja das Kind dabei. Die waren sehr kinderlieb.“ Ich war zwölf und verstand diese Geschichte als eines unserer vielen, kleinen Geheimnisse. Später, als sie meiner Schweigsamkeit gewiss war, erzählte sie mir von einem jungen Soldaten: „Ein Russe, noch grün hinter den Ohren.“ Sie saß mit dem dreijährigen Jungen, der Mama zu ihr sagte, aber nicht ihr Sohn, sondern eine der vielen Kriegswaisen war, in einem Berliner Keller, versuchte Nahrung aufzutreiben, zu überleben und herauszufinden, wo ihre Familie geblieben war, ob und wo die Eltern und Geschwister noch lebten. „Da war eine Eckkneipe. Gab’s immer Freitag was zum Essen.“ Meine Oma hatte einen Verehrer unter den dort Beschäftigten. „Hinter der Theke war so eine Luke, da ging’s steil runter zu die Fässer.“ Sie lockten den Jungen mit Zigaretten. „Dann haben die ihn da runtergeschmissen und am nächsten Tag gab es Kaninchenfleisch.“ Die Oma strickte, heulte und ihre Tränen tropften auf die Wolle. Ich schwieg verwirrt und ging erst mal an die frische Luft.

In meiner Kindheit gab es jede Menge Russen. Riesige Waldareale waren abgesperrt und nicht nur Pilzsammler fluchten über die Zäune, Mauern und Verbote. Die militärische Nutzung großer Teile der Fläche hat in Brandenburg Tradition, was es nicht besser macht, im Gegenteil. Kasernenkomplexe und Truppenübungsplätze auf märkischem Sand, daran gewöhnt sich kein Bauer und wenn, dann nur, weil er davon profitiert. Der Unterschied zwischen der offiziellen DDR-Lesart und dem tatsächlichen Verhältnis zu den kasernierten „Russen“ konnte kaum größer sein. Nur wir Kinder bewunderten die Soldaten in ihren Parade-Uniformen, dem mehrstimmigen Gesang, ihren glänzenden Instrumenten und Waffen. Zum Tag der Befreiung gab es schulfrei, wir konnten die Zeremonie verfolgen und den Tag im Mai unter freiem Himmel verbringen, statt drinnen, beim Matheunterricht. Bei jedem Salutschuß freuten wir uns diebisch auf die anschließende Suche nach den leeren Patronenhülsen.

Am 7. Oktober 1974, ich befand mich schon im Anflug auf die Erde, meine Mutter kämpfte mit den ersten Wehen, war die Verfassung der DDR um Artikel 6, Absatz 2 ergänzt worden:

„Die Deutsche Demokratische Republik ist für immer und unwiderruflich mit der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken verbündet. Das enge und brüderliche Bündnis mit ihr garantiert dem Volk der Deutschen Demokratischen Republik das weitere Voranschreiten auf dem Wege des Sozialismus und des Friedens.“

„Freundschaft!“, riefen die tiefen Stimmen der FDJ’ler beim Fahnenappell. Wir Pioniere piepsten: „Immer bereit!“ Das klang erhebend, so aus sechshundert Kehlen, doch es bedeutete nichts. Die deutsch-sowjetische Freundschaft in ein Gesetz zu gießen, hieß letztlich, sie aufzugeben. Das galt für beide Seiten.

Die Lehrerin versuchte uns zu überzeugen, dass die DDR genauso ein Land wäre wie unseres, nur ein bisschen Probleme mit Berlin-West hätte sie und eine schwierige Grammatik, dennoch sei das immer noch besser als zum Beispiel Ungarn, wo von Grammatik überhaupt nicht die Rede sein könne. Jedoch blieben all diese Versuche des sowjetischen Bildungssystems, uns das sozialistische Brudervolk in seiner ganzen natürlichen Attraktivität, mit seinen zwar zahlreichen, aber wenig störenden Schwächen zu zeigen, ohne großen Erfolg.

Das erzählt der ukrainische Dichter Sergij Zhadan, Jahrgang 1974, der, wie viele Kinder im Vielvölkerstaat Deutsch als Fremdsprache lernte, so, wie wir in Russisch unterrichtet wurden.

 „Wie heißt du?“, spielten wir die Dialoge im Deutschunterricht nach.

„Ich heiße Hans“.

„Was ist dein Hobby?“

„Mein Hobby ist Sport. Und wie heißt du?“

„Ich heiße Marta“, antwortete die Klassenkameradin.

„Was ist dein Hobby?“

„Mein Hobby ist auch Sport.“

Ein Gespräch zwischen Menschen, die sich offenbar abgrundtief misstrauen.

Auch wir paukten die Vokabeln, bildeten sinnlose Sätze und imaginierten ein Gegenüber ohne Konturen. Der Sowjetbürger war ein unbekanntes Wesen, dem die Russischlehrerin und der ein oder andere Vater schon mal an der „Trasse der Freundschaft“ begegnet waren, aber sonst? Wir spürten die Militärkolonnen regelmäßig vorbeifahren, hörten das Geschirr in den Anbauwänden tanzen und manchmal knallte es nachts, vom Wald her. „Die Russen“, hieß es dann und: „Das arme Schwein.“ Aber was das bedeuten sollte? „Das arme Schwein“, hörte ich die Leute auch rufen, nachdem ein Militärfahrzeug mitten am Tag in ein Wohnhaus hineingedonnert war. Gegenüber arbeitete damals meine Großmutter in einem Obst- und Gemüseladen der HO. Sie war als eine der ersten vor Ort und sorgte sich sehr um Frau Krüger, in deren Wohnzimmer nun das Russenfahrzeug stand. Frau Krüger war unverletzt geblieben. Sie würde nur nie wieder angstfrei Fernsehen können, der Fahrer aber, ein junger Kasache, war auf der Stelle tot.

Ein andermal hielt quietschend und hupend ein grüner Planwagen vor unserer Haustür. Sechs Soldaten saßen an Deck, gestikulierten und lachten mit ihren Steppengesichtern. Schließlich schmissen sie unseren Hund, einen Ausbrecherkönig, der seit Tagen vermisst wurde, in den Hof. Er winselte kurz und verkroch sich in seiner Hütte. Mein Vater, in deutsch-sowjetischen Geschäften erfahren, reichte dem Trupp eine Flasche Goldkrone auf die Ladefläche. Fröhliches Gejohle. Mit quietschenden Reifen fuhr die Mannschaft wieder zurück ihre Kaserne. Druschba. Es dauerte volle drei Tage, bis sich der Hund wieder seiner eigentlichen Bestimmung besann und erneut davon rannte.

Beim Angeln konnte es passieren, dass die Fische morgens mit aufgeblähten, weißen Bäuchen am Ufer trieben. Dann hatten „die Russen“ wieder irgendwelchen Dreck in den See abgelassen. Wir Kinder zuckten mit den Achseln und bauten eben Buden am Waldrand, wo kyrillische Buchstaben, in Birkenborken eingeritzt, unsere Neugierde weckten, wie Grüße aus einer fremden Welt.

Jede der uns umgebenden Kasernenanlagen hatte ein Loch im Zaun, durch das unsere Väter, Onkels, die großen Brüder und Schwestern mit leeren Händen hinein- und mit gefüllten Taschen wieder herauskrabbelten. Der Handel blühte, mein geschäftstüchtiger Vater machte sich Freunde jenseits des Zauns und unversehens erreichte uns eine Einladung, zum Essen, bei einer der Offiziersfamilien. Ungläubig durchschritten wir das Treiben in der Militärstadt, beobachteten marschierende Soldaten, Jungpioniere mit Schleifen im Haar, Offiziersgattinnen auf dem Weg zum Friseur. Da waren sie ja, die Sowjetbürger, direkt bei uns im Wald! Das Essen war eine Wucht. Irritierender noch als den allgegenwärtigen Geruch von Knoblauch empfand ich den verschwenderischen Umgang unserer Gastgeber mit Butter: Zerlassene Butter, geschlagene Butter, geschnittene Butter, Butter in, auf und um alle Gänge herum. Das Hüftgold der Gastgeberin, ihr glockenhelles Lachen bleiben mir unvergessen.

Ein paar Wochen später donnerte ein Jagdflugzeug der „Russen“ gegen den denkmalgeschützten Wasserturm am Ortseingang. Pilot tot, Turm kaputt. Der Anfang vom Ende.

Am Nachmittag des 19. November 1988 begann Silke Hasselmann, Moderatorin beim   Jugendradio DT 64, ihre Sendung mit der Bemerkung: „Ein Sputnik ist heute abgestürzt.“

Für einen kurzen Moment schien es noch einmal, als wehe ein frisches Lüftchen über die Äcker, als gäbe es doch einen Tropfen Blut in der ollen Mumie der deutsch-sowjetischen Freundschaft: „Von der Sowjetunion lernen heißt siegen lernen!“. In Schwerin konterten aufmerksame Zeitgenossen das Verbot der Sputnik-Ausgabe, die unter anderem den Hitler-Stalin-Pakt zum Thema hatte, indem sie einen zur Erinnerung an den Sieg der Roten Armee umfunktionierten T-34-Panzer bepinselten: „Befreit uns noch mal!“ und „Perestroik(a)“.

Friedensmessen. Montagsdemos. Mauerfall. Jubel. Die Welt lag nun im Westen. Noch im April 1989 war der Kosmonaut Krikaljow als Held der Sowjetunion dekoriert worden. Er flog erneut ins All und erfuhr dort vom Zusammenbruch seines Landes. Die Turbulenzen auf der Erde sorgten dafür, daß er unfreiwillig länger bleiben musste. „Unsere hauptsächliche Sorge war, unser Programm abzuarbeiten. Wir haben zwar ab und zu Nachrichten bekommen, aber wir wollten einfach nur ordentliche Arbeit abliefern.“ So klang er, der letzte Sowjetmensch.

Am 6. Juli 1990 sah sich DDR-Verteidigungsminister Rainer Eppelmann erstmals gezwungen, von Gewalttaten gegen sowjetische Militärs zu berichten. Die Zusammenstöße seien nur darum glimpflich verlaufen, weil Offiziere ihren Soldaten vorher die Waffen weggenommen hatten.

Die Illustrationen in den Schulbüchern zeigten die Bürger der DDR als sorglose Männer in geckenhaften karierten Sakkos oder aber als lächelnde Fräuleins mit gewagter Frisur. Außerdem waren in den Fibeln eine Unzahl von Schülern abgebildet, kaum aber ältere Menschen, aus dem einfachen Grunde, weil die Menschen in der DDR nicht alterten, sondern sich auf lange Zeit ihren frischen Geist und biegsamen Körper bewahrten. Wie Elfen. Oder Zombies.

Die Rote Armee war besiegt und die Nazis zurückgekehrt. Sie stiegen nicht aus Gräbern, vielmehr schienen sich ihre Geister der Körper und Köpfe ihrer Enkel und Urenkelinnen bemächtigt zu haben. Sie schmissen Molotow-Cocktails über Kasernentore, jagten uniformierte und zivile „Russen“ in rasender Wut aus Gaststätten und Diskotheken, verprügelten sie, zündeten sie an, warfen Leute aus Fenstern. Ihre Omis und Opis sangen derweil heulend Im schönsten Wiesengrunde bei den Treffen der neu gegründeten Landsmannschaften, wo überhaupt viel geweint wurde. Meine Großmutter fand, dass sich das nicht gehörte, so in der Öffentlichkeit. Sie starb in der Anonymität eines Krankenhauses. Wenigstens war es ein kleines Krankenhaus am Waldrand. Ich bilde mir ein, sie konnte die Piepmätze noch singen hören, und die singen bekanntermaßen überall gleich.

Am 31. August 1994 schien wieder die Sonne überm Gendarmenmarkt, strahlend. Schön. Es hieß, Genosse Jelzin sei nicht ganz nüchtern gewesen. Wollte man ihm das verübeln? Nach 49 Jahren verließen die letzten der einst etwa 550 000 Personen umfassenden Streitmacht auf deutschem Boden das Land. Manöverdonner und illegaler Müllverkippung zum Trotze hinterließen sie gigantische Areale vollkommen unberührter Natur, mit in Europa als ausgestorben geltenden Arten. „Im schönsten Wiesengrunde“ leben nun Wiedehopf und Wolf, Rotbauchunke und Fischotter, Heidschnucke und Ziegenmelker, Italienische Schönschrecke, Dünen-Springspinne, Erdeule, Bläuling und Widderchen fröhlich vor sich hin.

Zum Abschied trug die Ehrenformation der russischen Streitkräfte ein neues, ein anderes Lied vor: „Deutschland, wir reichen Dir die Hand / Und kehren zurück ins Vaterland / Die Heimat ist empfangsbereit, / Wir bleiben Freunde allezeit.“

Schlimmer kann man es nicht beschreiben.

 

Quellen:

– Verfassung der DDR

– Serhij Zhadan in einer Rede vom 15. Februar 2010 http://www.burgtheater.at/Content.Node2/home/ueber_uns/aktuelles/Zhadan_DEformatiert.pdf

 

Zuerst erschienen in der Zeitschrift telegraph 2013

 

 

Zukunft in Ruinen – Der Kommunismus hat nicht gesiegt

Von Manja Präkels

In meiner Kindheit gab es eine vielbeschworene Zukunft – den Kommunismus – und einen klaren Feind – den Kapitalismus. Jeden Mittwoch heulten die Sirenen vom Spritzenhaus des Feuerwehrplatzes. Punkt ein Uhr schwoll der Ton an, hielt ein paar Sekunden und schwoll wieder ab. Wenn der Angriff käme, sollten alle Bescheid wissen, gefechtsbereit sein oder in Deckung gehen. Und da kaum einer im Besitz eines privaten Telefonanschlusses war, mahnte uns eben der wöchentliche Probealarm zu Wachsamkeit. Meine Schule lag in einem Neubaugebiet und war ebenfalls mit einer Sirene ausgestattet. Im Herbst 1983, wir lernten gerade »Frieden« in Schönschrift zu schreiben, brach das Geheule schon vormittags los, aber diesmal hielt es lange und dröhnte bedrohlich: Angriff! Versiert verteilte unsere Klassenlehrerin jene Masken, die wir an einem sonnigen Pioniernachmittag während unseres dritten Schuljahres angefertigt hatten. Antreten! Abmarsch!

Wir hatten die Feinstrumpfhosen unserer Mütter zerschnitten, eine begehrte Mangelware in der DDR. Umso ehrfurchtsvoller trugen wir ihre vielfach geflickten Schätze nun zur Gefahrenabwehr um Mund und Nase. Einige meiner Mitschüler erkannte ich gar nicht wieder, andere fürchteten sich und weinten. »Das ist doch gar kein echter Atombombenangriff«, tröstete unsere Klassenlehrerin. Wir marschierten in den Keller eines nahegelegenen Blocks der nach Marianne Grunthal benannten Hauptstraße. Die Antifaschistin war 1945 in Schwerin nur zwei Stunden vor Eintreffen amerikanischer Truppen von SS-Männern erhängt worden. Sie hatte vom Tod Hitlers erfahren und lauthals »Gottsei­dank, jetzt gibt es Frieden!« gerufen und war daraufhin von einem weniger friedliebenden Ohrenzeugen verraten worden. Doch daran dachten wir nicht, als wir eng an eng und immer stärker nach Luft ringend in dem kahlen Keller saßen. Eher an Hiroshima, den Atompilz und Menschen, denen die Haut von den Leibern fällt. Schon ein Jahr später, 1984, wurde ich in der Pionierrepublik »Wilhelm Pieck« aufgeklärt: Die USA hatten unter Ronald Reagan mit dem Aufbau eines Abwehrschirms gegen Interkontinentalraketen begonnen. In der BRD. Gleich drüben. Die Sprengköpfe zielten direkt auf uns. SDI, »Star Wars«, diese verbrecherischen Imperialisten wollten die endgültige Vernichtung aller fortschrittlichen Kräfte. Doch nur über unsere winzigen Leichen!

Das Bedrückende an diesem Szenario wich mit den Jahren einer gewissen Gewöhnung. Es löste sich bei mir in dem Maße auf, in dem ich darin unterrichtet wurde, Granaten weit zu werfen und mit dem Großkalibergewehr entfernte Ziele punktgenau zu treffen. Wenn ich diesen schicksalhaften Kampf der gesamten Menschheit schon mit meinem Leben bezahlen müsste, dann könnte ich mich wenigstens wehren und den einen oder anderen Feind mit ins Grab nehmen. Vorwärts und nicht vergessen! Kurz vor den Winterferien marschierten wir dann in den nahegelegenen Wald zum »Manöver Schneeflocke«, wo uns uniformierte Männer und Frauen bei stürmischen Winden geduldig beibrachten, mit Karte und Kompass umzugehen, Bäume zu bestimmen und Fährten zu verfolgen – eben alles, was es braucht, um im Partisanenkampf gegen einen übermächtigen Feind zu bestehen.

»Selbstschuss und ein Minenfeld, damit es uns hier gut gefällt/in unserem schönen Staat «, brüllten etwa zur gleichen Zeit die Fans der Punkband Namenlos lautstark in den Himmel über Ostberlin. Wegen »öffentlicher Herabwürdigung staatlicher Organe« landeten die Volljährigen unter den Bandmitgliedern im Gefängnis. Genosse Mielke, Chef der Staatssicherheit, hatte allen Diensteinheiten höchstpersönlich »Härte gegen den Punk« befohlen. Die kleine, aber wachsende Szene wurde unnachgiebig verfolgt, als »asozial« oder »faschistisch« diffamiert und bespitzelt.

Von alldem ahnte ich in meiner Pionierwelt nichts. Wenngleich die bleierne Glocke von Stagnation und Resignation spürbar auch über unserer Provinzstadt lag, die Parolen mit jeder Wiederholung an Gewicht verloren, das rote Fahnenmeer am Ersten Mai die enttäuschten Gesichter der Werktätigen nicht mehr zu überstrahlen vermochte.

Genau darauf zielte der opponierende Teil der Jugend ja: »Too much future«. Die Zukunft, die ihnen – bildhaft in Form von Zeittafeln, die unübersehbar in den Unterrichtsräumen hingen – gebetsmühlenartig versprochen worden war, hatte längst die Gegenwart verschluckt. Und es lag kein Trost mehr in ihr. Nur noch ewiges Vertrösten. Das Warten auf den Himmel hatte sich als tägliche Hölle aus Langeweile und Arbeit entpuppt. »Wer die Jugend hat, hat die Zukunft.« Das wussten schon die Nazis. Aber Otze, Pepsi, Grit und Ameise hatten keine Lust mehr, artig zu sein. Jana, Michael, Speiche und Fleck wollten keiner Partei als Kampfreserve dienen. Sie verweigerten den Gehorsam, fanden Zuflucht in Kirchenräumen und Dorfdiscos. Auf dem Weg dorthin passierten sie auch unsere Kleinstadt und ich staunte nicht schlecht über die Möglichkeit, drei miteinander verhakte Sicherheitsnadeln durch eine rosige Wange zu stechen. Ein Bild, das mich so wenig loslassen sollte, wie die Glocke der Lethargie dem Supergau von Tschernobyl am 26. April 1986 standzuhalten vermochte.
»Nach der TASS-Meldung über eine Havarie im Kernkraftwerk Tschernobyl wurden keine Werte der Radioaktivität gemessen, die eine Gesundheitsgefährdung hervorrufen können.« (Meldung des DDR-Rundfunks vom 30. April, also vier Tage nach dem Unfall).
Die tödliche Gefahr war konkret und wehte mit dem Wind von Osten her zu uns hinüber. Im Versuch, der Bevölkerung dies zu verschweigen, wurden letzte Reste an Glaubwürdigkeit mit den 800 000 Liquidatoren, der Stadt Prypjat und einem Viertel Weißrusslands verstrahlt. Für die meisten.

Ende der Achtziger hörte ich endlich Punk – Ostpunk, Westpunk, New Wave – und war elektrisiert. Die Sendung »Parocktikum« des Jugendsenders DT64 gab unangepassten, subversiven, seit mehr als einem Jahrzehnt ungehörten Klängen endlich eine Chance. Ein paar der Ost-Punker hatten sich inzwischen nach Westen abgesetzt, andere sich der wachsenden Naziszene angeschlossen. Sie setzten dem gefühlten »Too much future« die Zombierealität mit Hitler-Büsten und SS-Devotionalien geschmückter Jugendzimmer entgegen, während sich in Berlin noch einmal die Kampfreserven marschierender Pioniere und FDJler zum Fackelmarsch formierten. »40 Jahre Deutsche Demokratische Republik«, so lautete die letzte aller Losungen. Für mich war es die erste Nacht in Ostberlin, draußen, in einer Massenunterkunft im neu entstandenen Hellersdorf, während die Stadt in ihrem Inneren brannte.

Das System war zusammengebrochen. Binnen eines Jahres, die Aussichten waren für Momente so strahlend klar und gut wie nie erschienen, verkleinerte sich der Horizont wieder auf Arbeitsplätze, Kontostände, Wohnorte. Idiotenland. Als ich 1990, zehn Jahre nach Erscheinen der Platte, auf der Fahrt durch zerfallene ostdeutsche Landschaften Fehlfarbens »Ich schau mich um und seh nur Ruinen« hörte, entbehrte das jeder Ironie. »Was ich haben will, das krieg ich nicht. Und was ich kriegen kann, das gefällt mir nicht.« Paul, das war der Versicherungsvertreter vor dem Rathaus in Fulda, wo er einen Stand aufgebaut hatte, um uns Zonis zu begrüßen, indem er uns in Grund und Boden duzte. Die blankgeputzten Straßen und pittoresken Innenstädte des Westens wirkten angsteinflößend. Dieser gelebte Tod war schön und vollendete sich im Bild der blonden Frühstücksfamilie, die für die Rama-Werbung in die Kamera strahlte. Hineinschießen. Kaputtmachen. So sahen die spontanen Impulse aus. Stattdessen kaufte ich im gutsortierten Plattenladen »Standing on a Beach« von The Cure. Und ging tanzen.

Die Zeit flog weiter. Die Reichen wurden reicher. Die Deutschen deutscher. Jedenfalls mancherorts. Doch alles kann sich ändern. Unwahrscheinliches geschieht. Auch, wenn es scheint, als sei die Zukunft nun der Totalität von ­Gegenwart zum Opfer gefallen. Kein Durchdringen. Der Feind mauert. Weltweit. Aktuell empfiehlt uns die Regierung in ihrem ersten Konzept zur zivilen Verteidigung seit 1989: »… einen individuellen Vorrat an Lebensmitteln von zehn Tagen vorzuhalten.« Abschied von morgen? Wohl kaum.

Keine Hoffnung zu haben, ist kein Grund zu verzweifeln. Die Bedrohungen aller Zeiten schweben über uns wie Drohnen über der Wüste. Die Widerständigen aller Zeiten stellen sich dagegen. Auf ihre Weise.

 

Der Text erschien erstmals in der Wochenzeitung Jungle World vom 25.08.2016.