Das Sterben der Anderen

 

Von Markus Liske

 

Es ist ein altes Paradox: Menschen lieben Friedhöfe und unternehmen dennoch größte Anstrengungen, um nicht so bald auf einem zu liegen. Die eigene Sterblichkeit wird gemeinhin als beängstigend, das Sterben der Anderen dagegen auf sonderbare Art als beruhigend empfunden. Sicher, den Pariser Père Lachaise mit den Gräbern von Marcel Proust und Jim Morrisson besucht man eher aus touristischem Interesse, ebenso wie den Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin, wo Tucholsky, Brecht und Eisler liegen. Aber was bringt die Leute dazu, über den Friedhof Britz II zu spazieren oder den Wiesbadener Südfriedhof? Ist es die außergewöhnliche Zutraulichkeit der Vögel und Eichhörnchen, die sehr genau zu wissen scheinen, dass ihnen hier von Menschenhand keine Gefahr droht? Oder ist es die spezifische Stille? Ersteres erscheint mir plausibel, letzteres eher nicht.

Ich erinnere mich noch gut daran, wie meine Frau und ich einmal über den St.-Nikolai-Friedhof im Prenzlauer Berg wandelten und vor dem rührend schlichten Grab eines „Willi Weihnacht“ von Meisen überfallen wurden, die sich, in der fälschlichen Annahme wir wollten sie füttern, auf unsere zum Rauchen erhobenen Hände setzten. Das war überaus possierlich, von Stille allerdings keine Spur. Denn wie überall im Prenzlauer Berg, wurde auch hier massiv gebaut. Rund um den Friedhof entstanden die üblichen für die meisten Berliner unerschwinglichen Eigentumswohnungen, mal als Vergewaltigung gründerzeitlicher Altbauten, mal als Neubau in jenem allgegenwärtigen aber bisher namenlosen Stil, den ich an dieser Stelle Kulissendeppizismus taufen möchte. Und so, wie die zuziehenden neureichen Kleinfamilien, deren Fenster zur Straße weisen, zuverlässig alles wegklagen, was den Bezirk einst prägte, also Kneipen, Clubs und Spätshops, so wurde den Bewohnern der hinteren Wohnungen hier schon bald der tägliche Blick aufs Gräberfeld unangenehm. Nachdem die neuen Hausgemeinschaften also mithilfe ihrer Anwälte die vormals belebte Straße in ein Art Friedhof verwandelt hatten, begannen sie damit, auch den tatsächlichen Friedhof in „eine Art Friedhof“ zu verwandeln.

Heute sind weite Teile des Areals ein sogenannter „Leisepark“. Zwar durften ein paar besonders malerisch überwucherte Grabsteine stehenbleiben, aber ein Friedhof ist es nun nicht mehr. Und auch die Meisen und Eichhörnchen gehen lieber wieder auf Abstand, wurde doch ein Teil des Geländes zu einem Spielplatz für die verzogenen Blagen der Zuzügler gemacht. Um diesen Park also tatsächlich als „leise“ empfinden zu können, muss man wohl schon selber Kinder haben, will sagen: jener für Eltern typischen auditiven Störung unterliegen, die das Kreischen Minderjähriger zuverlässig ausblendet und dafür das Geräusch von aneinanderstoßenden Biergläsern unerträglich macht.

Nun könnte man sagen: Besser so als anders. Schließlich plant der Senat bereits, ganze Siedlungen auf Friedhöfen zu errichten, um so dem innerstädtischen Wohnungsmangel entgegen zu wirken. Der Dorotheenstädtische Friedhof wird davon natürlich nicht betroffen sein, ebenso wenig wie Kriegsgräber oder solche, die schon mehrere Jahrhunderte auf dem Buckel haben. Aber dort, wo ausschließlich die im Laufe der letzten siebzig Jahre an Krebs oder Infarkt verschiedenen Ernst und Erna Kalmutzke verbuddelt wurden, wird es mit der Ruhe der Toten bald vorbei sein, und das ist nicht nur in Berlin so. Zwar gibt es nicht überall Wohnungsnot unter den Lebenden, unter den Toten aber schon. Es ist dies vor allem ein mathematisches Problem: Hätte jeder Mensch auf Erden ein Anrecht auf die Unantastbarkeit seines Grabes, wäre unser Planet schon bald ein einziger Friedhof. Deshalb werden Gräber nur für begrenzte Zeit vermietet. In der Regel zahlen das die Kinder, bestenfalls noch die Enkel. Danach ist Schluss, und eine neue Leiche darf einziehen. Die ursprüngliche Idee also, mittels Grabstein ewiglich an den Verstorbenen zu erinnern, ist längst perdu.

Kein Wunder, dass sich heute 75 Prozent der Menschen für eine Feuerbestattung entscheiden und viele von ihnen nicht mal mehr ein Urnengrab wollen, sondern ihre Asche irgendwo verstreuen lassen. Man könnte das vernünftig nennen, aber einen Haken hat die Sache doch: Wenn von den bereits vorhandenen Gräbern nur die bleiben, denen aufgrund von Alter des Steins, Prominenz des Insassen oder Tod infolge von Krieg und Vernichtungen eine erhöhte Pietät zuerkannt wird, dann wird die Welt in der wir heute leben eines Tages völlig verschwunden sein.

Aus ästhetischer Perspektive mag das als geringer Verlust erscheinen. Wer würde sie schon vermissen, all die von miserablen Bildhauern lustlos hingehackten Engelsfiguren aus Marmorimitat? Aber der Historiker in mir stört sich dennoch an dieser doppelten Vergänglichkeit. „Sollen ruhig alle Billy-Wegwerfregale in der Recyclingtonne landen!“, ruft dieser ewige Grantler. „Sollen die kulissendeppizistischen Eigenheimsurrogate schnellstmöglich Weltraumbahnhöfen weichen und alle Smarts und Twingos zu Bierbüchsen werden! Aber ist es wirklich in unserem Sinne, wenn die Kinder der Zukunft denken, der Tod sei etwas, was 1945 abgeschafft wurde?!“

Andererseits: Wahrscheinlich denken sie das ohnehin schon, wenn sie sich beim Rumtollen auf dem „Leisepark“ ihre Milchzähne an Grabsteinen des 19. Jahrhunderts ausschlagen. Wie sollte es auch anders sein, wo doch schon ihre Eltern das Sterben der Anderen nur noch als Belästigung empfinden?

Insofern muss ich mich wohl korrigieren: Nicht alle Menschen lieben Friedhöfe. Ja, es werden immer weniger. So, wie man heute glaubt, die Armut abzuschaffen, wenn man die Armen aus der Stadt drängt, so versucht man den Tod zu besiegen, indem man Friedhöfe planiert. Der Historiker in mir kann da schimpfen, wie er will. Ändern kann er nichts und muss sich mit dem Gedanken trösten, dass dem finalen Nichtgewesensein dieser geschichtsverachtenden Generation neureicher iPhone-Techno-Ökos eine höhere Gerechtigkeit innewohnt. Schade nur um Ernst und Erna Kalmutzke. Und um Willi Weihnacht natürlich.

 

„Das Sterben der Anderen“ erschien im Oktober 2014 als „Liskes Kolumne“ im Magazin Leben & Tod

 

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Sein und Nichtsein

Von Markus Liske

Es gibt unzählige Vorstellungen von einem Leben nach dem Tod. Mancher sieht sich die Harfe klampfend auf Wolken rumlungern, andere träumen davon, sich zünftig mit 72 Jungfrauen zu verlustieren, und wieder andere wollen lieber aus Kuhaugen blinzeln. Und dann ist da noch die dystopische Variante, nach der wir halbverfault aus den Gräbern steigen und, gierig auf Menschenfleisch, über die letzten noch lebenden Mitbürger herfallen. So weit mir bekannt ist, gab es jedoch nie einen Propheten, der geweissagt hätte, dass wir im Leben nach dem Tod Online-Banking machen, Selbstvermarktung über Facebook betreiben, mit Billigfliegern um die Welt jetten und versuchen, uns mit einer möglichst originellen Konsumgüterauswahl Individualität vorzugaukeln. Insofern muss ich wohl – so unwahrscheinlich mir das auch vor drei Jahrzehnten erschien – davon ausgehen, dass ich mich weiterhin im Leben vor dem Tod befinde. Fraglich bleibt, wie dieses Leben auf so falsche Bahnen geraten konnte.

Zwar war die Generation, der ich zuzurechnen bin, also jene, die ihre Teenagerzeit in den Achtzigern des vergangenen Jahrhunderts verlebte, stets von ihrer finalen Auslöschung noch vor dem Jahr 2000 überzeugt, aber dennoch agierte sie meist so, als könne es noch eine Rettung geben. Die beängstigende Umweltstudie »Global 2000« hatten wir seinerzeit als Schulbuch anschaffen müssen (sie steht noch heute irgendwo hinten unten in meinem Bücherschrank), auf jedem Spind prangten Anti-Atomkraft-Aufkleber und zu den großen Friedensdemos gingen wir Arm in Arm mit unseren Lehrern. Im Deutschunterricht lasen wir »1984« von George Orwell und diskutierten darüber, wie gefährlich nah uns die BKA-Rasterfahndung gegen den RAF-Terrorismus schon an eine solche Überwachungsgesellschaft herangeführt hatte. Und um das nahende Weltende auch auf emotionaler Ebene fest in uns zu verankern, bekamen wir Aufsatzthemen wie dieses: »In 24 Stunden geht die Welt unter. Was tust du? Beschreibe in Präsens und Ich-Form.« Gedanken an Sex waren immer auch Gedanken an Aids, obwohl unsere Angst davor im Nachhinein unlogisch erscheint, erwarteten wir doch ohnehin tagtäglich den alles verzehrenden Atomblitz. Aber, wie gesagt, wir verhielten uns eben ganz so, als könnten wir mit persönlichem Gutsein das Ende noch abwenden. Diese fixe (und ziemlich protestantische) Idee bildete auch die Basis für unseren spezifischen Antiamerikanismus. Keineswegs machten wir uns Illusionen über das, was uns die Sowjetunion als Kommunismus oder die DDR als Sozialismus präsentierte. »Nach drüben« wollten wir sicher nicht, aber eine der beiden Seiten würde kapitulieren müssen, um die Katastrophe abzuwenden, und da wir uns nun einmal westlich der Mauer befanden, sahen wir uns verpflichtet, der Kapitulation des Westens das Wort zu reden. So verstanden wir Johnny Rottens »I’m looking over the wall and they’re looking at me!«

Was am No-Future-Punk der späten Siebziger lustiger, hedonistischer Aufbruch gewesen war, dem sich die Kids in ambivalenter Ironie hingaben, war für uns feierlicher Ernst.

Im Nachhinein sind bekanntlich viele klüger. Aber niemand hätte in den Achtzigern vorhergesagt, dass eines Tages ein grüner Außenminister zum ersten Kriegseinsatz der Bundeswehr blasen oder dass einer der RAF-Anwälte als Innenminister Zeitungsredaktionen durchsuchen lassen und die Vorratsdatenspeicherung vorantreiben würde. Ja, es wäre einem, trotz aller Abscheu gegen die Sozialdemokratie, nicht mal eingefallen, dass ein SPD-Kanzler den Sozialstaat westdeutscher Prägung beerdigen könnte. Und schon gar wäre keiner auf den Gedanken gekommen, dass die nachfolgenden Generationen mittels Facebook, WhatsApp und Co. freiwillig einer fröhlich bunten Version des Orwell‘schen Überwachungsstaats den Weg bereiten würden oder dass ein Friedensnobelpreisträger 25 Jahre nach dem offiziellen Ende des »Gleichgewichts des Schreckens« die in Deutschland stationierten Atomwaffen modernisieren lassen könnte, ohne damit Massendemonstrationen auszulösen.

Es gibt eine Kluft zwischen dieser neuen Welt und jener, in der wir aufwuchsen, eine Zeit, in der im globalen Maße politische Weichen neu gestellt, Perspektiven verschoben und neue Entwicklungslinien initiiert wurden – das sind die neunziger Jahre, welche im kollektiven Gedächtnis zumeist wie eine diffuse Leerstelle erscheinen. Wir erinnern uns an sie, wenn mal wieder Flüchtlingsheime angezündet werden und die Kommentatoren raunen, das sei ja »wie damals in Rostock«. Oder wenn uns in Gesprächen über die »Balkan-Route« mal das Wort »Jugoslawien« entfleucht und Jüngere uns verständnislos anblicken. Wenn Soziologen versuchen, die Generationen Y oder Z zu definieren, und uns darüber wieder einfällt, dass es da mal eine Generation X gab, die wir sein sollten und die den Beinamen »Lost Generation« angeheftet bekam. Es war der Schriftsteller Douglas Coupland, der diesen Ausdruck populär machte – im Jahr 1991.

In den Neunzigern sind wir unseren Tod gestorben, wenngleich auf ganz andere Weise als erwartet. Wir starben ihn, als wir anlässlich der »Wir sind ein Volk!«-Parolen gegen die Schimäre eines »Vierten Reichs« demonstrierten, ohne die ganz reale, nämlich vor allem ökonomische Gefahr zu sehen, die dieses neue Deutschland für Europa bedeuten würde. Wir starben ihn, als uns irgendwann nach Mölln oder Solingen klar wurde, dass die neue Avantgarde an den Schulhöfen nicht mehr links, sondern rechts war. Wir starben ihn, als US-Präsident George Bush d. Ä. seinen von uns ursprünglich abgelehnten Golfkrieg, die aufständischen Kurden der Vernichtung durch Saddam Hussein überlassend, vorzeitig beendete und wir im Zuge dessen merkten, dass wir plötzlich keine Pazifisten mehr waren. Vor allem aber starben wir unseren Tod, als uns klar wurde, dass es dieses Generationen-Wir überhaupt nicht gab und nie gegeben hatte, dass es wie jeder andere Wir-Begriff nur eine Konstruktion war, die sich spätestens mit dem Auseinanderbrechen der Sowjetunion und Bushs »New World Order«-Rede 1991 als obsolet erwies.

Von einem Tag auf den anderen schüttelten nun selbst im engeren Freundeskreis die ersten ihre Angst vorm Atomtod – den einzigen wirklichen Kitt unserer Wir-Konstruktion – ab und generierten Karrierepläne aus Studiengängen, die sie einst nur gewählt hatten, um darin möglichst kommod die Zeit bis zum Weltende abzusitzen. Auf Partys, auf denen wir gestern noch gemeinsam »Das letzte Biest am Himmel« von den Neubauten mitgesungen hatten (»Im Osten auf/Der Osten ist rot/Im Westen unter«), war plötzlich sowohl weltpolitisch als auch persönlich »die Zukunft« zum Hauptthema geworden. Und bei denen, die da nicht mittun konnten, wurde viel über Depressionen gesprochen, jedenfalls bis nachts um zwei. Dann ging man tanzen – in einen dieser Technoclubs, die plötzlich überall aus dem Boden schossen.

Wenn ich heute Dokus über diese frühe Technozeit sehe, bin ich immer wieder verwundert, wie unterschiedlich Menschen dieselben Bilder wahrnehmen können. In meinem Umfeld hatte Techno seinerzeit absolut nichts mit Lebensfreude zu tun – nur mit überbordendem Nihilismus, den eine scheinbar neue Droge als zeitweilige Lebensgrundhaltung erträglich machte. In Wirklichkeit hatte es MDMA schon bei den Hippies gegeben, nur war seine Wirkung – das Ausschütten von Glückshormonen – diesen fröhlichen Weltveränderern im Vergleich zu LSD reichlich platt erschienen. Zu Recht. Man musste schon ordentlich düster gesinnt sein, um grundloses Glücklichsein als neue Wunderdroge zu begreifen.

In meinem persönlichen und vom Generationskonstrukt befreiten Rückblick jedenfalls erscheint die Technozeit der Neunziger als eine Art Fegefeuer für Zukunftslose. Das Leben nach dem Tod begann sich mir erst stufenweise zu enthüllen: Als die Love Parade dank erlebnishungriger Berlin-Touristen mit grüngefärbten Schnauzbärten 1997 erstmalig die Millionenmarke knackte. Als die Wirkung der Pillen immer schwächer wurde und immer schneller nachließ. Als die Generation meiner vor Weltgewissen triefenden Lehrer, zu Apologeten des freien Marktes mutiert, 1998 die Regierung übernahm. Als ich merkte, dass ich ebenso gut was Vernünftiges tun könnte in diesem unerwarteten Simulakrum einer Zukunft, das seither kontinuierlich aus dem Wechselspiel frei flottierender Fragmente verschiedenster Vergangenheiten eine scheinbar ewige Gegenwart konstruiert. Leben zum Beispiel.

Der Text erschien erstmals in der Wochenzeitung Jungle World vom 25.08.2016.

 

Russen wie wir

Von Markus Liske

Eigentlich bin ich ein Russe. Also nicht wirklich, aber mein Vater war Russe – allerdings auch nicht wirklich. Heute würde man wohl sagen, er war Ukraine-Deutscher. Doch als er geboren wurde, hieß das noch Sowjetbürger. Und Sowjetbürger hieß Russe, wenigstens in Deutschland und bis 1990.

Mag sein, er war kein vollwertiger Sowjetbürger, schließlich war er erst sieben Jahre alt, als er 1944 nach Deutschland umziehen musste, seine Eltern dagegen – die waren richtige Sowjetbürger. Mein Großvater hatte sogar in St. Petersburg studiert, das damals schon beziehungsweise noch Leningrad hieß. Und meine Großmutter, die war so sehr Sowjetbürgerin, dass sie 1935, als Stalin ihre zehn baptistischen Geschwister ins sonnige Sibirien verbringen ließ, lieber schnell ihrem Glauben abschwor und den jungen Lehrer heiratete, der eben aus Leningrad zurückgekehrt war.

Man kann die beiden also mit Fug und Recht als Russen bezeichnen. Wenngleich sie zu den wenigen Russen gehörten, die heimlich Hitler-Reden im Radio verfolgten, wie mir mein Vater erzählte. Aber abgesehen davon waren sie ziemlich typische Russen. Sie sprachen ja damals nicht mal Deutsch. Meine Großeltern konnten es zwar, auch wenn es bei ihnen „Deitsch“ hieß, mein Vater jedoch sprach ausschließlich Russisch und verweigerte sich der deutschen Sprache lange Zeit so erfolgreich, dass er noch heute manchmal unter Wortfindungsstörungen leidet.

Im Auffanglager bei Bremen, in das man sie 1944 brachte, fand er deshalb auch nicht so richtig Anschluss. Zum Glück beschäftigten die Bauern drumherum russische Zwangsarbeiter. Von denen lernte mein Vater natürlich auch kein Deutsch, aber Schach und eine Reihe toller Kartentricks, die er bis heute beherrscht. Die deutsche Sprache wurde ihm erst nach der Kapitulation eingeprügelt – von meiner russischen Großmutter und das so erfolgreich, dass er danach kein Russisch mehr konnte. Meine Großmutter wollte nämlich keine Russin mehr sein. „Die Russen sind dumm und faul und lassen alles verkommen“, lautete ihr Mantra, nur selten unterbrochen von meinem Großvater, der dann so was krächzte, wie: „Was du immer redest, Alice!“

Nicht, dass mein Großvater zu dieser Zeit noch Russe sein wollte, aber Deutscher wollte er, glaube ich, auch nicht sein. Mir schien er einfach nicht sein zu wollen. Zwar hatte er im Krieg nur einen Finger verloren und in der Kriegsgefangenschaft einen halben Magen, aber etwas weniger offensichtliches musste wohl auch kaputt gegangen sein. Seinen Lehrerberuf jedenfalls wollte er nie wieder ausüben und verabschiedete sich schon bald in eine Bettlägrigkeit, der er noch viele Jahre eisern treu bleiben sollte. Nur manchmal, wenn meine Großmutter in der Küche gegen die faulen Russen zeterte, grollte aus dem Schlafzimmer sein heiseres „Was du immer redest, Alice!“.

Als schließlich auch meine Großmutter verstorben war, fanden wir hinter einem Schrank im oberen Stockwerk ihre stattliche Sammlung von Vertriebenenzeitungen. Ich habe meine Großmutter nie wirklich durchschaut. Vielleicht ist es nicht möglich einen Menschen zu durchschauen, der selbst der Bettlägrigkeit des eigenen Gatten so gründlich misstraut. Andererseits war auch mein Großvater völlig undurchschaubar. Im Gegensatz zu seiner Frau sprach er nie über seine Herkunft, nie über Politik und schon gar nie über den Krieg. „Ein undurchsichtiges Volk, diese Russen“, dachte ich mir manchmal, obwohl das einzig wirklich Russische in ihrem Haus das Essen war. Und das wusste ich nicht.

Wie jedes Kind, sah ich Omas Art zu kochen als das bessere, das ursprüngliche Kochen an, mit dem die modischen Küchenexperimente meiner Mutter natürlich nicht mithalten konnten. Und da ich ja ein deutsches Kind war, waren die Piroggen, der Plow, der Rote-Beete-Salat und die saure Mehlsuppe von Oma natürlich deutsches – oder besser: deitsches – Kulturgut. Das Russische in unserer Familie fand für mich hauptsächlich in den Geschichten meines Vaters statt. Besonders liebte ich seine Erzählung vom Wolf. Der war mal eine ganze Nacht lang knurrend und geifernd um das Plumsklo herumgesprungen, auf dem mein fünfjähriger Vater in sibirischer Kälte um sein Leben zitterte. Jedenfalls war das die Ursprungsversion der Geschichte. In späteren Varianten wurden es erst mehrere Wölfe und dann ein ganzes Rudel, das von meinem Vater mit der Klobürste in die Flucht geschlagen wurde. Auch dies ein Hinweis auf die undurchsichtige Fremdartigkeit der Russen: Klobürsten auf Plumsklos! Aber entscheidend war natürlich der Wolf. Niemand außer mir hatte einen Vater, der schon mal mit einem Wolf gekämpft hatte. Wölfe waren unglaublich russisch.

Noch russischer waren nur die zehn Geschwister meiner Großmutter von denen immerhin drei Schwestern ab Mitte der Siebziger aus dem fernen Sibirien nach Bremen zogen. Tatsächlich kamen sie aus Kasachstan und Tadschikistan, aber dass es solche Länder gab, wusste man damals noch nicht. Genau wie meine Großmutter liefen sie den ganzen Tag in Plastik-Kittelschürzen herum, hatten zwar anfangs noch nicht Großmutters lilane Haare, dafür jedoch durchgängig goldene Zähne, die ich ein bisschen bedrohlich fand. Auch waren sie nicht so mürrisch wie meine Großeltern, sondern polternd und lustig. Besonders laut lachten sie, wenn sie von ihren erfrorenen Männern oder verhungerten Kinder drüben in Sibirien sprachen. Anschließend wurde geweint. Und nicht etwa mit stillen Tränchen, sondern laut heulend und mit ausladender russischer Gestik. Dann gab es Frischkäse-Piroggen, Oma schimpfte in der Küche über „diese Russen“ und Opa krächzte aus dem Schlafzimmer: „Was du immer redest, Alice!“ Das war meine Kindheit als Russe.

Leider zogen wir dann um und sahen die Familie fortan einzig an Weihnachten oder bei den Beerdigungen die nun jährlich anstanden. Am Ende lebte nur noch meine mürrische Großmutter, und weil niemand mehr „Was du immer redest!“ rief, schimpfte sie auch nicht mehr auf die Russen. Nur einmal, an Weihnachten 1989 war es, sie trug gerade den Nachtisch auf während der Kanzler aus dem Fernseher von der „Stunde der Deutschen“ sprach, hörte ich sie hinter mir murmeln: „Jetzt kommen die faulen Russen und machen alles kaputt!“ Da war ich ziemlich irritiert, hatte ich doch inzwischen lernen müssen, dass wir weder Russen noch Russland-Deutsche waren, sondern Ukraine-, Kasachstan- oder Tadjikistan-Deutsche, womit Russland für mich immer weiter nach Osten gerückt war, raus in die kalte sibirische Nacht. Die Vorstellung, ich hätte nun durch die Löcher in der Berliner Mauer direkten Zugang zu diesem Land, verwirrte mich so sehr, dass ich meine leckeren Piroggen zur Hälfte stehen ließ, nicht ahnend, dass ich den kommenden zwanzig Jahren keine mehr bekommen würde. Denn meine Großmutter starb wenig später, und meine geliebte Juschi kommt zwar aus diesem Land hinter der Mauer und hat hübsche slawische Wangenknochen, aber auch sie kann keine Piroggen machen, nur brandenburgischen Schichtkohl.

Russisch jedoch kann sie, was uns vor ein paar Jahren Jahren auf die Idee brachte, gemeinsam mit meinem Vater seine russische, also ukrainische, Heimat zu besuchen. Wir fuhren mit dem Zug, über Lemberg, das Lwow hieß, als es russisch war, und Lviv heißt, seit es ukrainisch ist. Dort auf dem Marktplatz bekam ich endlich wieder Frischkäse-Piroggen, und meine tapfer dolmetschende Juschi musste schnell feststellen, dass sie als Russin hier nicht sonderlich willkommen war, auch wenn ihre Familie ja eigentlich nur aus Polen stammte, zudem aus einem Polen, das seinerzeit deutsch gewesen war. Erst ein Russisch-Ukrainisch-Wörterbuch half ihr aus der Patsche.

Von Lemberg aus fuhren wir hinaus in die wolhynische Steppe, zu deutschen Dörfern in denen heute Ukrainer leben, die eigentlich umgesiedelte Russen sind. Die Dörfer bestanden aus winzigen weiß getünchten Katen und jedes Dorf gab es zweimal, einmal als ukrainisches und einmal als deutsches, also russisches. Letzteres war stets gut daran zu erkennen, dass die Häuschen hier in Reih und Glied standen. Außerdem befand sich in diesem Teil meist das Mahnmal für die Tschernobyl-Toten, weil im anderen Teil ja schon das Mahnmal für die Toten des „Großen, vaterländischen Krieges“ stand. Drumherum war Leere. Ein leeres, flaches Land unter einem leeren, grauen Himmel. Augenscheinlich hatte meine Großmutter nicht gelogen, als sie sagte, die Russen würden alles kaputtmachen, denn weder fanden wir die fruchtbaren Landschaften, von denen sie erzählt hatte, noch die großen mehrstöckigen Bauernhöfe, an die sich auch mein Vater zu erinnern glaubte. Die Russen hatten all das verschwinden lassen. Die großen Badeseen aus den Geschichten meines Vaters waren von ihnen zu Tümpeln geschrumpft worden, die dunklen Wolfswälder abgeholzt und die Hügel abgetragen. Ja, selbst den immer blauen Himmel hatten sie grau angemalt. Der Zerstörungstrieb der Russen war wohl stärker gewesen als ihre Faulheit.

Trotzdem fanden wir einige der Orte wieder. Großmutters Geburtsort „Neidarf“, also Neudorf, hieß nun Solodyri. Meines Vaters Geburtsort Ivanovich hieß Ivanovyci. Nur Nemyryntzi, wo er die ersten Kindheitsjahre verbrachte, hatte seinen Namen behalten. Und als wir dort am Ortsschild standen, winkte ein alter Mann von seinem Kutschbock herüber und fragte, ob wir Touristen seien. Juschi verneinte, denn schließlich hatte mein Vater hier ja schon mal gelebt. Der Alte humpelte durch die Felder auf uns zu, und als er erfuhr, dass wir aus Deutschland kamen, lachte er laut und klärte uns auf, dass heute der Jahrestag jenes Tages sei, an dem seinerzeit die Wehrmacht in Nemyryntzi einrückte. Noch lauter lachte er, als er unseren Namen erfuhr, denn mein Großvater war tatsächlich sein Lehrer gewesen, und auch an dessen kleinen Sohn, der mein Vater war, konnte er sich erinnern. Er lachte, als er mit uns über das alte Schulgelände lief, brüllte geradezu vor Lachen, als er uns die Schulmauer zeigte, an der sie damals von der Wehrmacht zu Selektion und Erschießung aufgestellt wurden und sein goldenes Gebiss funkelte prächtig dazu. Am Ende erfuhren wir noch, dass mein Großvater nach vollzogener Säuberung mit den Soldaten mitgegangen sei, um in der nahen Kreisstadt Bürgermeister zu werden.

Der Alte lachte immer noch, als er mit seiner Kutsche nach Hause zuckelte. Um dort dann laut zu heulen und Piroggen zu essen, nehme ich an.

Wir fuhren weiter nach Ruzhyn, wo mein stiller Großvater, wie wir nun wussten, nicht mehr Lehrer sondern Bürgermeister gewesen war. Auf der Suche nach dem Haus, in dem sie gelebt hatten, lernten wir einen freundlichen Juden kennen, was früher nicht erwähnenswert gewesen wäre, denn von den 5000 Einwohner – so erzählte er – seien seinerzeit mehr als die Hälfte Juden gewesen. Bevor mein Großvater hier Bürgermeister wurde. Heute lebten wieder fünf Juden in der Stadt, er könne uns gerne zu den Massengräbern in den Wäldern führen, wenn wir Lust hätten. Hatten wir nicht.

Auf dem Rückweg fiel meinem Vater noch eine Geschichte ein, eine, die er all die Jahre vergessen hatte. Es war die Geschichte eines kleinen jüdischen Jungen, der noch eine Zeit lang in den Wäldern gehaust hatte und von den deutschen und ukrainischen Kinder mit Essensresten versorgt wurde, bis ihn eines Tages ein Soldat vor den Augen meines Vaters erschoss. Auch eine Wolfsgeschichte, aber eine deutsche. Eine zu der man weder lachen noch heulen kann, und Piroggen gibt es dazu auch keine. Die bekamen wir erst an unserem letzten Abend wieder, als wir in der ukrainischen Hauptstadt Kiew zu Füßen eines gewaltigen sowjetischen Mutter-Heimat-Denkmals noch mal russisch essen gingen. Eine Balalaika-Band spielte Katjuscha, und eine Reisegruppe von rotchinesischen Geschäftsleuten, die jetzt nur noch chinesische Geschäftsleute waren, BOSS-Anzüge trugen und mit Sony-Camcordern fuchtelten, sang lautstark mit. Und als wir am Ende alle mit ein paar Flaschen Wodka zusammenrückten, da beschloss ich Russisch zu lernen. Oder Ukrainisch. Oder gleich Chinesisch. Bald. Oder irgendwann.

 

Der Text erschien erstmals in der taz vom 4.11.2016