Nacht in der Emigration

Von Max Herrmann-Neiße

 

Nachts bin ich ganz allein im Weltenraum,
fern allen Freunden, die mich längst vergaßen.
Die sieben Stock, hoch über Londons Straßen:

Die Katze mir zu Füßen hat die Ruh
als ihr Gehäus. Die Frau an meiner Seite
schloß sich im Schlaf wie eine Blume zu,
ihr Atem nur gibt sanft mir das Geleite.

Da draußen sind die Sterne und der Mond
und werden unser Leben überdauern.
Nachtwandlerisch umschleicht mein Wunsch die Mauern,
dem Frieden fremd, der hinter ihnen wohnt.

Und alle Laute, die das Dunkel haucht,
verwandeln jäh sich in ein kurzes Schweigen.
Dann taumle ich benommen und verbraucht
ins Frühlicht, dessen Züge bleich sich zeigen.

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Ein deutscher Dichter bin ich einst gewesen

Von Max Herrmann-Neiße

Ein deutscher Dichter bin ich einst gewesen,
die Heimat klang in meiner Melodie,
ihr Leben war in meinem Lied zu lesen,
das mit ihr welkte und mit ihr gedieh.

Die Heimat hat mir Treue nicht gehalten,
sie gab sich ganz den bösen Trieben hin,
so kann ich nur ihr Traumbild noch gestalten,
der ich ihr trotzdem treu geblieben bin.

In fremder Ferne mal ich ihre Züge
zärtlich gedenkend mir mit Worten nah,
die Abendgiebel und die Schwalbenflüge
und alles Glück, das einst mir dort geschah.

Doch hier wird niemand meine Verse lesen,
ist nichts, was meiner Seele Sprache spricht;
ein deutscher Dichter bin ich einst gewesen,
jetzt ist mein Leben Spuk wie mein Gedicht.

Dein Haar hat Lieder, die ich liebe

Von Max Herrmann-Neiße

Dein Haar hat Lieder, die ich liebe,
und sanfte Abende am Meer –
O glückte mir die Welt! O bliebe
mein Tag nicht stets unselig leer!

So kann ich nichts, als matt verlegen
vertrösten oder wehe tun,
und von den wundersamsten Wegen
bleibt mir der Staub nur auf den Schuhn.

Und meine Träume sind wie Diebe,
und meine Freuden frieren sehr –
dein Haar hat Lieder, die ich liebe,
und sanfte Abende am Meer.

Nach dem Fest

Von Max Herrmann-Neiße

 

Nun ist das Fest gefeiert,
getrunken ist der Wein,
liegt wieder schwarz umschleiert
der Talisman im Schrein.

Erloschen ist das Lachen,
verwelkt der Blumenstrauß,
die stummen Stuben machen
das Haus zum Trauerhaus.

Kein Wunsch ist drin geblieben,
der Gutes mir erbat;
die mich mit Worten lieben,
vergaßen auf die Tat.

Was ich erwartet habe,
hat niemand mir beschert;
es war die schönste Gabe nicht,
was mein Herz begehrt.

Aus den Gefangenschaften
hat niemand mich befreit.
An jeder Wohltat haften
die Flüche dieser Zeit.

Da sich des Festes Schimmer
im Üblichen verlor,
ist alles wieder schlimmer,
als je zuvor.

 

Geschrieben 1936 im Londoner Exil

Heimatlos

Von Max Herrmann-Neiße

Wir ohne Heimat irren so verloren
und sinnlos durch der Fremde Labyrinth.
Die Eingebornen plaudern vor den Toren
vertraut im abendlichen Sommerwind.
Er macht den Fenstervorhang flüchtig wehen
und läßt uns in die lang entbehrte Ruh
des sichren Friedens einer Stube sehen
und schließt sie vor uns grausam wieder zu.
Die herrenlosen Katzen in den Gassen,
die Bettler, nächtigend im nassen Gras,
sind nicht so ausgestoßen und verlassen
wie jeder, der ein Heimatglück besaß
und hat es ohne seine Schuld verloren
und irrt jetzt durch der Fremde Labyrinth.
Die Eingebornen träumen vor den Toren
und wissen nicht, daß wir ihr Schatten sind.

Zerfallen mit mir und der Welt, mehr als je

Von Max Herrmann-Neiße

An Friedrich Grieger
Berlin, 2. April 1920

Lieber Fritz Grieger,
haben Sie schönsten Dank für Ihren Brief! Gradeso, wie Sie mir’s berichteten, dachte ich mir, daß es in Neisse zugeht. Schade! Solange es dort so militärisch ist, hab’ ich natürlich keine Lust hinzukommen. Überhaupt kriege ich immer mehr Angst vor einem Aufenthalt in Neisse, ich weiß eigentlich nicht, wieso, aber die Erinnerungsbilder daran nehmen in letzter Zeit stets einen so trostlosen Schein an. Dabei möchte ich eigentlich, nun der Frühling da ist, irgendwo in die Natur fahren und einmal ein bißchen für mich allein sein und da aus dem geplanten Drama was wirklich Ausgearbeitetes machen – aber wohin soll ich nur? Äußerlich gut aufgehoben müßte ich da auch sein, weil mir vor einem Logis bei Fremden graut – und auch dieser Wunsch ist eigentlich zwiespältig, denn andrerseits fühl ich mich hier in meiner Wohnung endlich ein bißchen heimisch und geborgen, wir haben jetzt umgeräumt, das Schlafzimmer als Wohnzimmer genommen und umgekehrt, ja, wenn ich mir nur meine Stube so mitwohin nehmen könnte, so ist alles mit einer Reise etc. sehr ungewiß. – Als der Putsch begann (der Kapp-Putsch, Anm. d. Red.), war ich in Magdeburg, wo ich mit gutem Erfolge vorlas, auch schon aus dem neuen Roman, und ich ein paar freundliche Menschen kennenlernte, die mich mit rührender Betulichkeit aufnahmen. Mit dem letzten Zuge kam ich dann noch nach Berlin zurück, wo Leni sich gottlob wieder besser befand – nur ein Husten ist noch bis heutigen Tages geblieben. Was ich innerlich hier während der Tage der Militärwillkür gelitten habe, können Sie sich denken. Das Äußerliche war dagegen ein Pappenstiel: ich war 12 Tage ohne jede Beleuchtung und Garkochmöglichkeit, ging immer abends zu Fuß bis hinein ins Romanische Café, was eigne Beleuchtung hatte, und kehrte dann in der Nacht durch die stockdunklen Strassen wieder zurück. Und gerade auf diesen Wanderungen durch die unsichre Dunkelheit wurden mir viel Verse. – Nun bin ich wieder viel in Theatern, und warte meinerseits auf den günstigen Moment für die Inangriffnahme meines neuen Dramas. Über den neuen Roman und Versband hab’ ich noch keinen Bescheid vom Verlag, ebenso über den Einakter nicht. Der Vertrag mit dem Intimen Theater Nürnberg wegen „Albine und Aujust“ ist unterzeichnet, aber sie geben es erst in der Winterspielzeit und haben laut Vertrag bis 30. April 1921 damit Zeit. Bis dahin kann sich vieles ändern und ich längst vermodert sein. Von „Cajetan Schaltermann“ laufen die Korrekturen noch, das dauert also auch noch eine Weile. Vom Novellenbändchen sind die ersten Korrekturen jetzt erledigt. Aber Wien ist ja nicht so eilig. – Übrigens kann das schon stimmen, daß die Graber sich irrte und es sich um eine Äußerung der „Schlesischen Zeitung“ handelt, aber auch die kam mir nicht zu Gesicht, und ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie ermitteln könnten, welche Nummer das war, daß ich sie mir beschaffen kann. – Schade, daß Sie die Osterferien nicht herkommen konnten! Gern wäre ich wieder mal mit Ihnen oder Hauke zusammen, der läßt garnichts mehr hören, ach, ich brauchte sehr so einen Menschen hier, wie Sie oder Hauke. Ich bin nämlich wieder mal innerlich sehr herunter und zerfallen mit mir und der Welt, mehr als je. Hauke sprach doch mal davon, mit seiner Mutter ganz hierher überzusiedeln, wird daraus nichts mehr? Ich möchte mal für ein paar Wochen so eine Art Abseitsgehäus für mich haben, wo mir irgendwie die Traulichkeit des Notwendigen gewährleistet ist und ich in Ruhe mein Drama herauskristallisieren kann. Schade, daß die mir lieb sind in Neisse sitzen müssen, ich habe jetzt so ein Grauen vor Neisse wie vor etwas Muffigem, und nur die Wege rings um es und die blühenden Bäume und Berge bauen ihre Lockungen in meine Träume. Ach, hier ist ja nicht in den Frühling hinauszukommen, und ich fühl ihn doch so stark als draußen vorhanden, das ist eine Qual. Voriges Jahr noch klagte ich die Fron bei Fischer an, mich um meinen Frühling zu bringen, und was mich heuer um den Frühling bringt, das trifft mich noch schlimmer, weil es nicht zu fassen ist, ich weiß eigentlich garnicht, was es ist, aber ich kann halt nicht hinaus, und vielleicht bin ich es selber. Die Natur und ich, wir sind da auf eine hundsföttische Weise auseinander gekommen und brauchen einander doch so blutnotwendig, das heißt ich brauche sie! Wissen Sie nicht einen Ort, wo wir Ihre großen Ferien zusammen verbringen könnten? Wann sind sie dieses Jahr? Zunächst aber wünsche ich Ihnen von Herzen den schönsten Erfolg fürs Examen, damit Sie dann bald aus Neisse rauskommen, und recht ungestörte Ostertage in Sonne und Freiheit, und grüße Sie herzlichst als
Ihr Max Herrmann

Auch Leni läßt grüßen. Und grüßen Sie bitte Fritz Hauke!

Entnommen dem Band “Briefe 1” von Max Hermann-Neiße, herausgegeben von Klaus Völker und Michael Prinz

Nacht im Stadtpark

Von Max Herrmann-Neiße

Ein schmales Mädchen ist sehr liebevoll
zu einem Leutnant, der verloren stöhnt.
Ein Korpsstudent mokiert sich, frech, verwöhnt,
und eine schiefe Schnepfe kreischt wie toll.

Ein Refrendar bemüht sich ohne Glück
um eine Kellnerin, die Geld begehrt.
Ein Abgeblitzter macht im Dunkel kehrt,
und eine Nutte schwebt zerzaust zurück.

Zwei Unbestimmte prügeln einen Herrn.
Mit Uniformen zankt ein Zivilist.
Ein Jüngling merkt, dass er betrogen ist
und zwei Verschmolzne haben schnell sich gern.

Ein starker Bolzen und ein Musketier
sind ganz in eine graue Bank verwebt.
Ein Gent an einem Ladenfräulein klebt,
ein greiser Onkel schnuppert geil und stier.

Ein Weib mit bloßem Kopf wird sehr gemein,
ein Louis lauert steif und rührt sich nicht.
Ein Frechdachs leuchtet jeder ins Gesicht,
und ein Kommis umfasst ein weiches Bein.

Es raschelt in den Sträuchern ungewiss
und etwas tappt auf einen steifen Hut.
Die Bäche liegen still wie schwarzes Blut,
und Bäume fallen aus der Finsternis.

Ein Johlen rollt die Straße hin und stirbt,
ein Wurf ins Wasser, irgendwo, ganz dumpf,
ein Mauerwerk wächst wie ein Riesenrumpf,
ein unbekanntes Tier erwacht und zirpt.

Zwei Männer flüstern einen finstern Plan,
ein welkes Wesen wehrt sich hoffnungslos,
ein Schüler hat ein Bahnerweib im Schoß,
im Teich zieht schwer ein ruheloser Schwan.

Und Sterne stolpern in die tiefe Nacht,
und Obdachlose liegen wie erstarrt,
und bleiern hängt der Mond, und hohl und hart
glotzt breit ein Turm, verstockt und ungeschlacht.

Ein deutscher Dichter bin ich einst gewesen

Von Max Herrmann-Neisse

Ein deutscher Dichter bin ich einst gewesen,
die Heimat klang in meiner Melodie,
ihr Leben war in meinem Lied zu lesen,
das mit ihr welkte und mit ihr gedieh.

Die Heimat hat mir Treue nicht gehalten,
sie gab sich ganz den bösen Trieben hin,
so kann ich nur ihr Traumbild noch gestalten,
der ich ihr trotzdem treu geblieben bin.

In fremder Ferne mal ich ihre Züge
zärtlich gedenkend mir mit Worten nah,
die Abendgiebel und die Schwalbenflüge
und alles Glück, das einst mir dort geschah.

Doch hier wird niemand meine Verse lesen,
ist nichts, was meiner Seele Sprache spricht;
ein deutscher Dichter bin ich einst gewesen,
jetzt ist mein Leben Spuk wie mein Gedicht.