Auf die Glückseligkeit der Menschen kommt es an

Von Erich Mühsam

Zuchthaus Ebrach, Montag, d. 9. Juni 1919

(…) Leider sind die Unabhängigen keineswegs so unabhängig, wie sie tun. Die Herren Haase, Kautsky und Barth haben uns nach Eisners Tod die ganze Kompromißsuppe, die uns jetzt im Magen liegt, eingebrockt. Und nun erläßt die Partei einen beweglichen Aufruf gegen die zentrifugalen Bestrebungen in Deutschland. Jetzt, wo es nur eins geben kann: die Zertrümmerung des Staats von Grund aus, die Zerrüttung seiner Wirtschaft so schnell wie möglich, damit nicht der etappenweise Einsturz noch viel mehr Opfer fordert – jetzt regen sie sich über die Pfälzer, Rheinländer etc. auf, die Sehnsucht haben, unter lebensmögliche Verhältnisse zu kommen. Das ist die marxistische Verblödung. Einheitsstaat! brüllen sie – die Spartakisten sind die Schlimmsten dabei – und wollen deshalb den alten Bismarckstaat retten, der je eher je lieber zusammengeschlagen gehört. Wenn die Menschen bloß zu der Einsicht kommen wollten, daß es völlig gleichgiltig ist, wo entlang die Staatsgrenzen laufen. Auf die Glückseligkeit der Menschen kommt es an, nicht auf die Art ihrer Einpferchung. Größtmögliche Bewegungsfreiheit des Einzelindividuums ist anzustreben, deshalb größtmögliche Selbständigkeit aller Gemeinden und föderative Verbindung der Bezirke, Länder und Reiche, bei der die Abgrenzung Nebensache, die Berücksichtigung der Eigenarten alles ist. Sie sind für das Rätesystem und für die Zentralisation. Wenn das kein Widerspruch in sich selbst ist, bin ich ein Esel. Lenin, dieser stramme Marxist, hat es schließlich eingesehen und den Lokalsowjets Autonomie gegeben.

Aber in Deutschland scheint es unmöglich zu sein, eine Dummheit auszulassen. Nun Landauer tot ist, werde ich der einzige sein, der den Weg der Revolution klar erkennt. Ob ich aber der Aufgabe gewachsen bin, die parteibesessenen Genossen aller revolutionären Richtungen auf diesen Weg zu drängen, ist eine bange Frage. Ich habe viel Schweres hinter mir in den letzten sieben Monaten – ich fürchte aber, daß ich das Schwerste noch vor mir habe. Aber stark sein ist alles.

(…)

Aus: Erich Mühsam, Tagebücher 6, 1919

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Wir sind Feinde auch hier im Gefängnis noch

Von Erich Mühsam

Niederschönenfeld, Montag, d. 25. Dezember 1922.

Mein viertes Festungs-Weihnachten. Gestern – am Heiligen Abend – war ich ernstlich krank. Ob’s vom Herzen ausgeht, dieser Zustand vollständiger hilfloser Schwäche, bei dem die Füße nicht tragen wollen und die Därme nichts halten mögen, oder ob eine Darmvergiftung Voraussetzung ist für die übrigen Erscheinungen, die mit Fieber, Schweißausbrüchen, Gürtelgefühl, allgemeinem Versagen der Physis – den Durchfall und Brechreiz begleiten, kann ich nicht beurteilen. Jedenfalls war der Zustand gestern wieder mal recht arg und verleidete mir das Fest gründlich, das im übrigen angenehmer verlief als im vorigen Jahr, wo die Duske-Schweinerei grade in Flor war. Ein Krach-Intermezzo gab es auch. Wir hatten – die weitaus große Mehrheit aller Genossen – zusammen einen Weihnachtsbaum von der Verwaltung bezogen (die ihn „äußerst billig“ für 200 Mark lieferte). Da man uns vorgestern wieder den nach Rain zu liegenden Gang des Stockwerks abgesperrt hat – die dort noch untergebrachten Genossen wurden in die Zellen Hartigs, Glaßers und Liebls verstaut, dessen Sachen man in eine Zelle des gesperrten Ganges schloß (woraus zu schließen ist, daß dieser Mann mindestens nicht vor dem Abgang eines weiteren Genossen wieder unter uns zu erwarten ist), konnte der Baum nur am Ende des Mittelgangs einen guten Patz finden. Daran nahm aber Egensperger Anstoß, und es gab großes Geschrei, weil man die 5 nicht um Erlaubnis gebeten habe. Das Ende vom Liede – ohne Keile ist es glücklicherweise abgegangen – war, daß Egensperger zum Vorstand zitiert wurde, der ihm mit Einzelhaft gedroht haben soll, von der er nur wegen des Weihnachtsfestes absehe, (übrigens ist Schiff vorgestern von seiner Einzelhaft wieder heraufgekommen). So war diese Tragödie denn glücklich beigelegt. Da die Ergiebigkeit der Weihnachtsgaben diesmal nicht so reichlich war wie früher, mußten wir die Idee, im größeren Kreise eine Fresserei zu machen, aufgeben. Unsere Tischgesellschaft (Toller, Klingelhöfer, Ringelmann, Weigand und ich) vereinigte sich jedoch zu einer Mahlzeit, die wir zum guten Teil durch Barkäufe ermöglichten. Doch gab es überraschendes Nebenwerk, da Klingelhöfer gebackene Schnecken beisteuern konnte und auch ein guter Schnaps vorhanden war. Der Hauptgang war paniertes Schnitzel und Nudeln. Wir haben Tanzmaier zur Teilnahme zugezogen. Ich selbst war kaum imstande, etwas zu mir zu nehmen und ging bald – kurz nach 7 Uhr – zu Bett, um nicht die fröhliche Stimmung der übrigen durch meine Klakrigkeit und mein zusammengesunkenes Dabeisitzen zu trüben. Das war recht ärgerlich, da bis ½ 11 Licht und Betrieb war und ich grade am meisten sonst unter dem Zwang leide, schon um 9 Uhr ins Bett zu müssen. Die Verwaltung benahm sich im allgemeinen in diesem Jahr toleranter als früher. Die Schnapsflaschen wurden im ganzen hinaufgegeben, und es wurde gestern und heute sogar die Post ausgegeben. – Die Hoffnungen auf Weihnachtsentlassungen sind fast alle zusammengebrochen. Die Genossen vom Mitteldeutschen Aufstand sind nach wie vor ohne die geringste Nachricht, was aus ihnen wird. Hingegen erhielt Daudistel grade noch am Tage vor Weihnachten – zur Erhöhung der Festtagsfreude – wieder die Ablehnung eines Gesuchs unter Hinweis auf die früher geltend gemachten Gründe, worunter sich auch der befand, daß der Tatbestand, auf den sich das Urteil stützte, auch angenommen, er sei unzutreffend gewesen, nichts zur Sache tue, die Höhe der Strafe (6 Jahre) wäre auch sonst angemessen erschienen. – Aber eine „Begnadigung“ ist doch erfolgt. Bedacht erhielt gestern die Mitteilung, daß er am 17. Januar auf Bewährungsfrist bis 1928 entlassen wird. Er rettet dadurch 1 Jahr 11 Monate. Zu dieser Eröffnung hat Bedacht einen schriftlichen und einen mündlichen Kommentar erhalten, von denen gesprochen werden muß. Die Entscheidung des Würzburger Volksgerichts ist ein Dokument von eminenter Wichtigkeit für uns, da die wahre Gesinnung der bayerischen Justiz noch in keinem amtlichen Aktenstück so durchsichtig niedergelegt ist. Zunächst schon wird die Bewährungsfrist diesmal ausdrücklich vom Wohlverhalten draußen abhängig gemacht und an die Bedingung geknüpft, B. müsse sich jeden „politischen Heraustretens“ enthalten. Er hat also nicht erst dann das Nachbrummen zu gewärtigen, falls er eine Neuverurteilung von mindestens 3 Monaten Freiheitsstrafe verwirkt, sondern schon bei jedem öffentlichen Auftreten, und Herr Hoffmann hat ihm das unten noch extra dahin ausgelegt, daß er noch nicht einmal eine Festrede auch nur in einer Gewerkschaftsversammlung halten dürfe, widrigenfalls er auf der Stelle verhaftet würde. Das Volksgericht führt dann die Gründe an, die es zu seiner Gnadenbezeigung bewogen hat, und da sagt es ganz offen heraus: Es ist glaubhaft gemacht, daß Bedacht von seinen extrem-radikalen Ansichten zurückgekommen sei, der Strafzweck sei also erreicht. – Früher schon hatte Kraus erklärt, man möge sich „bessern“, wie etwa jener Reichardt, dann sei der Strafzweck erreicht und er könne für bedingte Begnadigung eintreten. Jetzt ist diese Auffassung in einem Amtsschriftstück beglaubigt, und wir haben die ungeheuerliche Tatsache vor uns, daß als Strafzweck für die zu Ehrenhaft Verurteilten in Bayern die Brechung ihrer Gesinnung ausdrücklich von einem Gericht bestätigt ist. Dadurch erklärt sich alles. Selbstverständlich ist der gesamte Strafvollzug dem Strafzweck untergeordnet und angepaßt. Die ungeheuerliche Brutalität unsrer Behandlung, die vollständige Loslösung unsrer Gefangenschaftsformen von jeder Gesetzlichkeit, von jedem geschriebenen Recht, ihre gänzliche Einstellung auf Qualen und physisches Leiden soll unsre Überzeugungen ändern. Man traut unsern Charakteren nicht zu, auf die Dauer all den Folterungen gewachsen zu bleiben, die in steter Steigerung über uns verfügt werden, – und eben diese ständige Steigerung und Vermehrung der Qualen erweist sich nun als Folgerichtigkeit in einem klar erdachten System. Unsre Strafe ist nicht mehr Vergeltung – obwohl dem Rachebedürfnis der ausführenden Organe weitgehende Erfindungsfreiheit gewährt wird; sie ist Unschädlichmachung von Feinden. Wir sind Feinde auch hier im Gefängnis noch. Und nun wird auch die Sonderbehandlung Arcos als logische Konsequenz dieser Auffassung klar. Der Mann, der in der bayerischen Republik seine monarchistische Überzeugung in seinem Meuchelmord aktiv genug bekundet hat, hat bei den Sachwaltern dieser Republik den Beweis erbracht, daß er die erwünschte Gesinnung hat. Es gibt also auch keinen Strafzweck bei ihm mehr zu erreichen, und so wird die Strafe, zu der er der Form wegen verurteilt bleibt, an ihm in Formen vollstreckt, die sie als Strafe eliminieren. Wir stehn da Rechtsbegriffen gegenüber, die schon im alten Rom überholt waren. Wenn diese eklatanten Beweise der Sittenverwilderung in Bayern propagandistisch nur richtig ausgenützt werden! Mir ist das Erstaunlichste an alledem nur immer die vollständige Sinnesgleichheit der Rechtshüter in diesem Lande, für die die tollsten Rechtsbeugungen allesamt die größte Selbstverständlichkeit sind. Sehr interessant ist, was Hoffmann Bedacht noch mündlich zu alledem hinzugesetzt hat, und was Bedacht in voller Naivität erzählt, ohne zu merken, was für Ungeheuerlichkeiten er damit aufdeckt. Die Gnade, die ihm erwiesen werde, sei unermeßlich. Grade er habe sich schon während des Krieges mit den Verrätern verbunden, die das Unglück Deutschland vorbereiteten, also das schwerste Verbrechen gegen das Vaterland begangen, das denkbar ist (Bedacht wurde zu einer hohen Strafe verurteilt wegen Meuterei im Kriege, die 1918 amnestiert wurde. Die Refus, die Daudistel dauernd bekommt, dürften auch damit in Verbindung stehn, daß er bei dem Reichpietschunternehmen 1917 in Wilhelmshafen beteiligt und verurteilt war). Er, Bedacht, habe später sich dann wieder der Umsturzbewegung angeschlossen und damit neue schwere Schuld auf sich geladen, unter diesen Umständen sei also seine Entlassung ein Beweis ganz außergewöhnlicher Gnade etc. – Die Auffassung, daß die Strömungen, die während der Weltmetzelei schon den hoffnungslos verfahrenen Krieg zuende zu bringen suchten, verbrecherisch waren, ist so sehr Axiom bei diesen Menschen, die doch objektiv sein sollen von Berufs wegen, daß kein entfernter Gedanke sie jemals daran zweifeln läßt. Sie setzen als selbstverständlich voraus, daß wir selbst ebenfalls finden müssen, daß wir Verbrecher waren, als wir unsre letzte Hoffnung auf menschliche Zustände in der Revolution suchten. Der Gedanke gar, daß die Lage des deutschen Volks unnennbar viel glücklicher wäre, wenn die Revolution früher gekommen wäre, wenn eine der Ordnungswidrigkeiten in der Armee oder der Flotte zu einer wirklichen Sabotage des Kriegs geführt hätte, wenn schließlich die Konterrevolution von 1919 bezwungen worden und die Revolution zur wirklichen Erneuerung des sozialen Lebens geführt worden wäre, – dieser Gedanke liegt ihnen viel zu fern, als daß sie überhaupt begreifen könnten, daß jemand anders ihn haben könnte. Wer ihn aber hat, der ist für sie ein Verbrecher, der zu dem ausgesprochenen Zweck bestraft werden muß, daß er sich bessere und daß seine Überzeugungen gebrochen, also seine Seele durch Quälereien am Körper abgestumpft werde. Das sind die Rechtsbegriffe, die zur Zeit in Bayern Geltung haben und sich rückhaltlos auswirken. Diese Aufklärung hat mir die psychologische Einsicht in die Mentalität unsrer Kerkermeister außerordentlich vertieft, infolgedessen auch meinen subjektiven Groll gegen die Einzelnen gemildert, indem sie die objektive Unversöhnlichkeit in ihrer ganzen Schärfe aufgedeckt hat. Das Kapitel Klassenjustiz – das bedeutet, daß Menschen einer Welt von solchen einer andern, die garkeine Berührungspunkte mit jener hat, gerichtet werden – hat einen neuen Kommentar erhalten. Ich weiß jetzt sicherer als je, daß der Kampf gegen den Staat mit allen seinen Rechtsinstitutionen – ein Kampf, der noch garnicht eigentlich begonnen hat – sich in den Formen abspielen wird, die sich aus der Erkenntnis ergeben, daß die Gegenseite für Logik und Überredungsgründe ohne jegliches Organ ist. Der Beweis dafür ist unser Schicksal. Solange die Reaktion uns physisch in der Gewalt hat, wird sie nicht nachlassen uns zu peinigen, damit wir ihr auch psychisch unterliegen. Diese Erkenntnis ist nicht eben erhebend, wohl aber so nützlich, daß ich mit ihrer Gewinnung mit dem Weihnachtsertrag 1922 zufrieden bin.

 

Aus: „Tagebücher 12. 1922–1923“ von Erich Mühsam, herausgegeben von Chris Hirte und Conrad Piens

Siehe auch: www.muehsam-tagebuch.de

Große Koalition

Von Erich Mühsam

 

Die Reichspräsidenten-Komödie zunächst. Da war nach allerlei Gezottel und Gemächel endlich der Wahltermin auf den 3. Dezember festgelegt worden, und schon sollte der Werberummel für Ebert losgehn, denn kein andrer – dies las man in Sozi- wie in Bayernblättern – hat soviel Anspruch auf das Vertrauen des „Volks“ wie der durch seinen „Takt“ und durch sein vielfach bewiesenes Verständnis für Konterrevolutionäre und ausbeuterische Bestrebungen jeder Art hochbewährte Fritz. Aber plötzlich tauchten Schwierigkeiten auf. Die Stinnespartei, die bisher dauernd auf die Wahl hingedrängt hatte, fand, daß ihr Eintreten für Ebert am Ende doch auf einen Teil ihrer Gefolgschaft, der die Identität von Geschäft und Patriotismus noch nicht ganz begriffen hat, schlechten Eindruck machen könnte, fand andrerseits, daß jetzt grade nach der Einigung der Ditt- und Scheidemänner die Aufstellung eines Gegenkandidaten kaum aussichtsvoll sei, zumal eine bürgerliche Sammelkandidatur infolge der Nominierung Hindenburgs durch die Deutschnationalen nicht mehr möglich war, – und daß die Wahl Hindenburgs für ganz Stinnesien eine Katastrophe bedeuten müßte, mochten sie doch wieder ihren Getreuen nicht gradeheraus eingestehn, und so leiteten Stresemann und die Seinen eine Aktion ein, um die Verschiebung der Wahl auf einen für sie geeigneteren Zeitpunkt zu erreichen, gewannen auch Zentrum und Demokraten und Bayerische Volksparteiler dafür und mußten dann nur vor den Sozi zurück, die auf dem heiligen 3. Dezember bestanden und bei ihren 180 Reichstagssitzen mit den Stimmen der Deutschnationalen und Kommunisten die Mehrheit dafür gehabt hätten. Aber man fand wieder einmal ein wunderbares Kompromiß, ausgeheckt im Bregen Hermann Müllers, freudig aufgegriffen von den Stinnesmannen: es wird eine neue Verfassungsänderung mit ⅔ Mehrheit beschlossen; Ebert bleibt danach ohne Wahl Präsident bis zum 30. Juni 1925 und zwar „definitiver“ statt wie bisher als Platzhalter für sich selbst. Die gewaltige Mehrheit dafür – von Emminger bis Crispien – ist gesichert, und alle Ängste sind behoben. Die Deutschnationalen toben freilich und Escherich tritt trotz seiner Entthronung als der Retter in der Not mit einem offenen Brief an Ebert auf den Plan und ersucht ihn, sich zu dem Betrug nicht brauchen zu lassen. Er hat nämlich anscheinend nicht begriffen, worum das ganze Theater geht: um die endliche Herstellung der „großen Koalition“. Nachdem sie schon das wähleifrige „Volk“ um die schöne Aussicht, nach langer Pause mal wieder persönlich Politik machen zu dürfen, geprellt haben und somit schon ein unsauberes Geschäft miteinander besorgt haben, ist ja die Hauptschranke gefallen und die Regierung in die Lage versetzt, ohne das Eindringen von Grundsätzen gebundener Politiker befürchten zu müssen, sich zu vervollständigen, indem sie die Erweiterung nach „links“ etwa durch Hilferding durch die Übergabe einiger Ressorts an Stinnes-Beauftragte kompensiert. Bei dieser ganzen Groteskposse darf man auch das Verhalten unsrer lieben Parteikommunisten nicht übersehn. Man hätte vermuten können, diese rabiaten Gegner der bürgerlichen Gesellschaft, die den Ministerialismus der übrigen Sozialisten mit heißem Zorn verfolgen, würden sich nicht mit an die Krippe drängen, wenn der auf die Weimarer Verfassung zu vereidigende Präsident aller deutschen Koalitions- und Stinnes-Ministerien zu wählen ist. Aber – je nun: Charakter ist nur Eigensinn, sagt Paul Scheerbart.

 

Aus Tagebücher. Band 12, 1922 – 1923, Auszug aus dem Eintrag vom 21. Oktober 1922.

Siehe auch: www.muehsam-tagebuch.de

Mühsams letzte öffentliche Rede

Von Erich Mühsam

[…] Und ich sage euch, dass wir, die wir hier versammelt sind, uns alle
nicht wiedersehen. Wir sind eine Kompanie auf verlorenem Posten.
Aber wenn wir hundertmal in den Gefängnissen verrecken werden, so
müssen wir heute noch die Wahrheit sagen, hinausrufen, dass wir protestieren.
Wir sind dem Untergang geweiht. […]

Im Februar 1933 gehalten vor der Berliner oppositionellen Gruppe des
Schutzverbandes Deutscher Schriftsteller.
Aus dem Band “Das seid ihr Hunde wert! Ein Lesebuch” von Erich Mühsam, herausgegeben von Manja Präkels und Markus Liske

Deutsche im Ausland

Von Erich Mühsam

 

Mutter Germania gebar in legitimer Ehe mit dem Geiste der Zeit drei Söhne: den Konfektionsreisenden, den Oberlehrer und den Radfahrer. Da alle drei sich brav entwickelten, da sie ihre Kräfte üppig herausbildeten und sich ihres Wertes wohl bewusst waren, schickte Mama sie auf Reisen, wofür sich die Söhne im Lobe der guten Dame schier überbieten wollten. Leider hatte sich jedoch Mutter Germania auch einmal mit dem Geiste der Ewigkeit eingelassen, und diesem Bunde – Gott, man spricht ja nicht gerne davon – entspross der deutsche Künstler. Um nicht an ihre Schande gemahnt zu werden, hatte Frau Deutschland diesen illegitimen Sohn schon frühzeitig verstoßen – und das Unglück wollte, dass die Stiefbrüder im Auslande einander begegneten.

Hört zu, was der deutsche Künstler mir über die Begegnungen und die Anfechtungen, die sie für ihn im Gefolge hatten, erzählte:

Ich habe so viel vom Vater, begann er, und meine Mutter hat mich von jeher so schlecht behandelt, dass es Sie nicht wundernehmen wird, dass ich ein wenig kosmopolitisch gesinnt bin. Zwar liebe ich sehr die Sprache meiner Mutter, wenn sie auch von meinen Brüdern arg missbraucht wird und in ihrer Gewalt recht verblüht und kümmerlich aussieht – aber sie, die bei zarter Behandlung doch noch immer sehr verlockend, sehr reizvoll, sehr schmiegsam und hingebend ist, ist auch das einzige, was ich noch Liebenswertes aus meinem mütterlichen Erbteil zu ziehen weiß. Wohl steht meine Sehnsucht noch oft genug nach dem heimischen Erdboden: Immer wieder möchte ich als Dichter die Sprache waschen und putzen, um die Spuren der Vergewaltigungen zu verwischen, die meine Brüder an ihr verübt haben; immer wieder möchte ich als Maler das Heimatland von den Geschmacklosigkeiten säubern, mit denen sie es verunziert haben. Aber der Geruch ihrer Fußsohlen ist so abscheulich, das Gebrüll, mit dem sie im Lobe des Landes das Land entweihen, so viehisch, dass es mich nie lange daheim hält; dass es mich immer wieder hinaustreibt nach Italien oder Frankreich, nach Ländern, wo ich Menschen finde, die mit mir den Vater gemeinsam haben.

Kann ich dafür, dass ich diese Deutschen, für die ich keinen Funken brüderlicher Empfindung mehr verspüre, die mir zuwider sind, wie mir kein Zuluneger zuwider ist, und die mich in den Tod hassen, weil ich den guten Ruf ihrer Mutter kompromittiere – kann ich dafür, dass ich sie auch im Ausland sehen muss, dass sie mich auch hierher verfolgen, wo sie mich umso mehr ekeln, als sie hier mit ihrer schmierigen Patzigkeit im Bewusstsein ihres Wertes ganz besonders plump auftreten und zu Vergleichen mit den Leuten herausfordern, die der polygame Geist der Zeit mit anderen Nationalitäten gezeugt hat? Und doch kann das mütterliche Blut in mir noch nicht ganz abgestorben, nicht ganz erkaltet sein; sonst könnte ich mir das heiße Schamgefühl nicht erklären, das mich bei allen ihren Handlungen und Äußerungen schüttelt, und das doch wohl nur auf einer innerst empfundenen Solidarität mit diesen nach Wunsch gearteten Kindern meiner Mutter beruhen kann, um derentwillen sie mich verstoßen hat.

Siehe da, der Konfektionsreisende! Wie er seine Ware preiste. Wie meine geliebte, von ihm schmählich genotzüchtigte Sprache herhalten muss zum Preise seiner Wohlanständigkeit, die ihn ernährt. Er hausiert mit Lodenjoppen und Kunsturteilen. Und praktisch ist er – ich sage Ihnen! Stets trägt er sein Notizbuch in der Hand, in dem er jeden Pfennig bucht, den er ausgibt.

Nicht etwa, dass er wenig ausgäbe – oh, er sorgt aufs Üppigste für seine Verdauung. Er schmatzt seine Poularde mit so feistem Behagen herunter, dass jeder schon von ferne den deutschen Konfektionsreisenden in ihm erkennt. Aber er achtet wohl darauf, dass sein persönlichstes Recht an seinem Geld ihm nicht geschmälert werde. […]

Der Konfektionsreisende begegnete mir in vielerlei Gestalt – aber wenn ich ihn bat, mir zu helfen, dann verleugnete er niemals seine Eigenschaft, dann gab es in allen Fällen Abweisungen. Ich pumpte auch Franzosen, ganz fremde, an: niemals erfuhr ich von ihnen einen Refus. Ja, der Konfektionsreisende ist mein praktischer Stiefbruder. Er trägt seinen Reiseplan wohlgesichtet in der Tasche. Er weiß, was er laut Baedeker anzuschauen hat, und welcher Zug ihn in 6 Wochen daheim wieder abliefert. Er versäumt keine Kirche und kein Denkmal, das bei Baedeker einen Stern hat, am allerwenigsten aber die Abfahrt eines Eisenbahnzugs. Wenn er – meist in Gestalt eines jungvermählten Paares oder einer deutschen Ferienfamilie – eine Sehenswürdigkeit besucht, so lässt er sich von einem Führer leiten, hört aufmerksam zu, was der Mann sagt, bleibt vor jedem Gemälde eine halbe Minute stehen, geht im Tempo des Redeflusses des Cicerone von Kunstwerk zu Kunstwerk und verlässt nach Abladung des Trinkgeldes die Stätte der Kunst, ohne einen Blick zurückzuwerfen, froh, der Besuchspflicht entledigt zu sein. Aber sein Warenbestand hat sich vergrößert, er kann eine Partie Kenntnisse mehr feilhalten, und wenn er wieder bei Seinesgleichen ist, dann kann er mitreden: Ja, da bin ich auch gewesen! – und kann die tiefsinnigsten Urteile über die Kunstwerke, die er gesehen hat, mit großen Gebärden ins Schaufenster stellen.

Ich komme zum Stiefbruder Oberlehrer. Er erfreut sich im Auslande unter den Brüdern der weitesten Bekanntheit. Nur schade, dass man überall über ihn lacht. Seine Seele ist nämlich bucklig – darum ist er so komisch. Den Buckel, den seine Seele hat, nennt er Logik und Exaktheit. Der deutsche Oberlehrer ist gründlich und gebildet. Wissen Sie, ich will meiner Mutter Germania ja nicht zu nahe treten, aber manchmal hab ich sie im Verdacht, dass sie doch auch Beziehungen zum Geiste der Vorzeit unterhalten haben muss; sonst wüsste ich kaum, wie ich mir den deutschen Oberlehrer erklären soll. Ich halte ihn für den gefährlichsten der drei Brüder. Der Konfektionsreisende und der Radfahrer stinken nur; der Oberlehrer aber fleckt. Er steckt seine Nase inbrünstig in jeden vergessenen Stumpfsinn und wischt sie dann mit lautem Schnäuzen an unseren besten Kulturen ab. Er muss alles wissen, und wer alles wissen muss, der weiß alles besser. Wenn Sie im Auslande bewundernd vor einem herrlichen Tempel stehen und das Unglück will es, so kommt der deutsche Oberlehrer und setzt Ihnen in dreistündigem Vortrag auseinander, warum der linke Quaderstein am dritten Portal rechts im falschen Winkel behauen ist, und wieso es kommt, dass dieser Tempel gerade hier und nicht sieben Meter weiter östlich erbaut ist. Der Oberlehrer verleidet einem jeden Kunst-, jeden Naturgenuss, weil er alles glaubt, erklären zu müssen. Und er glaubt, alles erklären zu müssen, weil er verzweifelt, wenn er niemand erziehen kann. Er erzieht zu Kenntnissen, zu korrektem Betragen, zur Benutzung der Sinnesorgane, zur Tugend – oder auch zur Freiheitlichkeit, je nachdem, was er gerade für eine Spezies protegiert. Wie er seine Frau zur Korrektheit erzog, habe ich auch einmal in Florenz an einem der heißesten Tage, die mir in Erinnerung sind, belauscht. Die Dame bestellte in einem Café eine Eisschokolade. Ihr Gatte aber, der ein deutscher Universitätsprofessor, etwa aus Halle an der Saale, gewesen sein muss, belehrte sie: »Das wirst du nicht trinken! Du siehst doch, kein Mensch trinkt Eisschokolade. Das kann man wohl in Rom oder Neapel tun, aber in Florenz doch nicht mehr!« Als ich darauf vernehmlichen Tones Eisschokolade verlangte, warf er mir einen vernichtenden Blick zu. Er ist – diese Eigenschaft teilt er mit den beiden anderen Stiefbrüdern – stets mit sich zufrieden. Für alles Weltgeschehen hat er hinreichende Erklärungen, sodass ihm die Mirakel der Kunst und der Natur nichts anhaben können. Nur über sich selbst ist er ganz unorientiert. Er hat keine Ahnung, wie ekelhaft er ist, wenn er jedes Kunstwerk auf die Farbensubstanz studiert, mit der es gemalt ist, ohne irgendwelchen seelischen Nutzen daraus zu ziehen; er sieht nicht, welchen schönheitzerreißenden Eindruck seine Klumpfüße in die herrlichsten Gegenden treten; ihm kommt kein Gefühl dafür auf, wie grotesk sich seine Erscheinung im Vergleich zu den prächtigen Südeuropäern ausnimmt, die es verstehen, mit Genuss zu atmen. Dem Konfektionsreisenden kann man hier und da doch mal aus dem Wege gehen, – der Oberlehrer tritt einem überall auf die Zehen. Daher ist er der gefährlichste Sohn des Zeitgeistes.

Der Radfahrer ist der widerwärtigste. Er schwingt die schwarz-weiß-roten Dessous der Mutter Germania mit jubelnder Grazienverlassenheit durch die Lande. Er heult sein »Deutschland, Deutschland über alles« durch jeden stillen poetischen Bergwald, von jedem Kirchturm und von jeder Felsspitze. Das Öldruckbild seines Landesvaters tröstet ihn über alle Qualen der Langweile, die er beim pflichtgemäßen Besuch der Kunstgalerien erdulden musste. Er fragt nicht: Ist die Tour schön? Sondern: Ist da eine gute Fahrstraße? Findet er die Tour trotzdem schön, so rechnet er das sich als Verdienst an: »Ha!«, ruft er aus. »Das nenn ich noch ’ne Gegend!« und lacht dazu aus vollem und belegtem Halse. […]

Können Sie sich nun vorstellen, was ich, der Künstler, durch meine Stiefbrüder für Qualen erdulden muss? Im Auslande fortwährend unfreiwillig an den Spruch erinnert zu werden: Gedenke, dass du ein Deutscher bist! – das ist das tückischste aller Verhängnisse. Tapsig, flegelhaft, verbohrt, hinterhältig, geizig, unverschämt, kulturlos – das sind so die hervorstechendsten Eigenschaften derer, die man als seine Brüder betrachten soll. Das einzige nationale Gefühl, das ich mir im Auslande gewahrt habe, ist das nationale Schamgefühl. – – – So urteilte der illegitime Sohn der Mutter Germania über die Deutschen im Ausland.

 

Aus dem Band “Das seid ihr Hunde wert! Ein Lesebuch” von Erich Mühsam, herausgegeben von Manja Präkels und Markus Liske

Dichter und Kämpfer

Von Erich Mühsam

 

Unrühmlich ist es, jung zu sterben.
Mein Tod wär sträflicher Verrat.
Ich bin der Freiheit ein Soldat
und muß ihr neue Kämpfer werben.

Und kann ich selbst die Schlacht nicht lenken,
seh selbst nicht mehr das bunte Jahr,
so soll doch meine Bundesschar
im Siege meines Rufs gedenken.

Drum will ich Mensch sein, um zu dichten,
will wecken, die voll Sehnsucht sind,
daß ich im Grab den Frieden find
des Schlafes nach erfüllten Pflichten.

Der Gesang der Vegetarier. Ein alkoholfreies Trinklied (Melodie »Immer langsam voran«)

Von Erich Mühsam

Wir essen Salat, ja wir essen Salat
Und essen Gemüse von früh bis spat.
Auch Früchte gehören zu unsrer Diät.
Was sonst noch wächst, wird alles verschmäht.
Wir essen Salat, ja wir essen Salat
Und essen Gemüse von früh bis spat.

Wir sonnen den Leib, ja wir sonnen den Leib,
Das ist unser einziger Zeitvertreib.
Doch manchmal spaddeln wir auch im Teich,
Das kräftigt den Körper und wäscht ihn zugleich
Wir sonnen den Leib und wir baden den Leib,
Das ist unser einziger Zeitvertreib.

Wir hassen das Fleisch, ja wir hassen das Fleisch
und die Milch und die Eier und lieben keusch.
Die Leichenfresser sind dumm und roh,
Das Schweinevieh – das ist ebenso.
Wir hassen das Fleisch, ja wir hassen das Fleisch
und die Milch und die Eier und lieben keusch.

Wir trinken keinen Sprit, nein wir trinken keinen Sprit,
Denn der wirkt verderblich auf das Gemüt.
Gemüse und Früchte sind flüssig genug,
Drum trinken wir nichts und sind doch sehr klug.
Wir trinken keinen Sprit, nein wir trinken keinen Sprit,
Denn der wirkt verderblich auf das Gemüt.

Wir rauchen nicht Taback, nein wir rauchen nicht Taback,
Das tut nur das scheussliche Sündenpack.
Wir setzen uns lieber auf das Gesäss
Und leben gesund und naturgemäss.
Wir rauchen nicht Taback, nein wir rauchen nicht Taback,
Das tut nur das scheussliche Sündenpack.

Wir essen Salat, ja wir essen Salat
Und essen Gemüse von früh bis spat.
Und schimpft ihr den Vegetarier einen Tropf,
So schmeissen wir euch eine Walnuss an den Kopf.
Wir essen Salat, ja wir essen Salat
Und essen Gemüse von früh bis spat.

Aus dem Band “Das seid ihr Hunde wert! Ein Lesebuch” von Erich Mühsam, herausgegeben von Manja Präkels und Markus Liske

Gebt mir Schnaps

Von Erich Mühsam

 

 

Gebt mir Schnaps, nach dem meine Seele lechzt!

Gebt mir Schnaps, nach dem meine Kehle krächzt!

Dass sich Friede an meine Schuhe binde!

Dass die verfluchte Qual endlich Ruhe finde! …

Wie es mir durch die Kehle gluckt!

Wie es mir in der Seele juckt!

Ich will kein Bier; – ich will keinen Wein!

Schnaps will ich! Schnaps will meine Pein! – –

Verliebter Igel, sauf! sauf! sauf! –

Morgen wacht alle Qual wieder auf …

Gebt mir Schnaps!

 

Aus dem Band “Das seid ihr Hunde wert! Ein Lesebuch” von Erich Mühsam, herausgegeben von Manja Präkels und Markus Liske

Dies ist der Erde Nacht

Von Erich Mühsam

 

Dies ist der Erde Nacht,
Und Regen fällt hernieder.
Ich habe meine Lieder
Und Taten nicht vollbracht.

Die Welt ist voll Verdruss.
Kein Stern scheint meinem Wege.
Wenn ich mich niederlege,
Erwartet mich kein Kuss.

Rings schlafen weit im Kreis
die Menschen frei von Qualen.
Die ersten Sonnenstrahlen
Erwecken Not und Schweiß.

Vielleicht zeigt mir ein Traum
Mein Glück und das der Erde.
Ob er je Wahrheit werde, –
Ich wag‘s zu hoffen kaum.

 

Aus dem Band “Das seid ihr Hunde wert! Ein Lesebuch” von Erich Mühsam, herausgegeben von Manja Präkels und Markus Liske

 

 

 

Heilige Nacht

von Erich Mühsam

 

Geboren ward zu Bethlehem
ein Kindlein aus dem Stamme Sem.
Und ist es auch schon lange her,
seit’s in der Krippe lag,
so freun sich doch die Menschen sehr
bis auf den heutigen Tag.
Minister und Agrarier
Bourgeois und Proletarier –
es feiert jeder Arier
zu gleicher Zeit und überall
die Christgeburt im Rindviehstall.
(Das Volk allein, dem es geschah,
das feiert lieber Chanukka.)