Die achtziger Jahre versprachen uns Endlichkeit – Ich müsste tot sein

Ich weiß genau: Ich sollte tot sein. Das war mein Schicksal. Das wusste ich zehn Jahe lang, von 1980 bis 1990, es ist mir versprochen worden. Dennoch kann ich diesen Text schreiben. Und ich kann sagen, wer mir das Versprechen gegeben hat. Das war die Welt.

Die nämlich geriet spätestens am 22. Oktober 1983 aus den Fugen, nicht nur für Konservative. Die an diesem Tage stattfindende Friedensdemonstration im Bonner Hofgarten mobilisierte Menschenmassen ungeahnten Ausmaßes, knapp eine halbe Million Menschen protestierten allein dort gegen Atomwaffen und Aufrüstung. Der ehemalige sozialdemokratische Bundeskanzler Willy Brandt rief auf der Tribüne: »Wir brauchen in Deutschland nicht mehr Mittel zur Massenvernichtung, wir brauchen weniger.« Und Tausende applaudierten.

Sein Satz war nicht der originellste Beitrag zum Thema, doch er hatte immense Wirkung. Schließlich hatte Brandts Nachfolger und Parteifreund, Helmut Schmidt, erst wenige Jahre ­zuvor gemeinsam mit dem britischen Premierminister James Callaghan den damaligen US-Präsidenten Jimmy Carter dazu gedrängt, die sogenannte Nachrüstung von Mittelstreckenraketen in Westeuropa zu forcieren – um der vermeintlichen nuklearen Übermacht der Sowjetunion ein großes Waffenarsenal entgegensetzen zu können. Auch der nächste Kanzler, Helmut Kohl, stand zu diesen Plänen. Doch an diesem kühlen Herbsttag waren plötzlich in ganz Deutschland über eine Million Menschen auf der Straße, um gegen die Atomwaffen zu demonstrieren. Jahre später berichtete Wolfgang Schäuble, noch immer empört, welch großen Einfluss dieser Massenauflauf auf die Politik hatte. Weitere Nachrüstungs­pläne wurden erstmal auf Eis gelegt.

Dennoch wussten alle Menschen, dass die Sprengkraft der Atomwaffen, über die die damals fünf Atommächte bereits verfügten, allemal hinreichen würde, um die Oberfläche der Erde gleich mehrmals hintereinander zu zerstören. Und alle wussten, wie leicht es passieren kann: Filme wie »Terminator« (1984) oder »War Games« (1983) spielten mit der Idee, dass die Computer eines Tages selbst die Macht übernehmen – und die Menschheit mithilfe der Atomwaffen ausrotten. Atomkriegs­filme wie »The Day After« (1983) oder »Threads« (1984), und der kitschige Zeichentrickfilm »When the Wind Blows« (1986) waren große Publikumserfolge und ließen eine gesellschaftliche Diskussion darüber entstehen, was nach einem Atomkrieg sein werde.

Ich war damals gerade in der Pubertät. In meiner erzkonservativ geführten Schule wurde eine Ausstellung gezeigt, die mir vor Augen führte, was passierte, sollte eine sowjetische Atomrakete auf dem Flughafen in der Nachbarschaft einschlagen, auf dem die britische Rheinarmee ihre Jagdbomber stationiert hatte. Ich hätte, so wusste ich schon mit 15, Verbrennungen dritten Grades zu erleiden, der Lichtblitz würde mich, sollte ich nicht rechtzeitig irgendwo Deckung finden, blenden, wenn nicht verbrennen, der nachfolgende Fallout brächte mir die Strahlenkrankheit, und sollte ich selbst diesem sicheren Tod entgehen, so wäre es spätestens der nukleare Winter, der mich schließlich dahinsiechen ließe. Das wusste ich. Und ich wusste dank der vielen Nachrichtensendungen und den Berichten in den Zeitungen und Zeitschriften auch, dass eine sowjetische Attacke auf diesen verhältnismäßig unbedeutenden Militärflughafen nicht unwahrscheinlich war.

»Believe me when I say to you / I hope the Russians love their children too«, sang Sting, dieser Distinktionsdarsteller für Kulturlose, so voller Inbrunst, dass ich es auch hoffte. Doch was half es? Es musste nur ein verrückter US-Präsident mit dem roten Knopf spielen, ein russischer General die Kontrolle verlieren oder ein selbstständig denkender Computer die Macht übernehmen und schon wären wir alle – meine Eltern, der Bruder, die Nachbarn, meine Freunde, meine Geliebten (die nichts von meiner Liebe ahnten) – alle, alle wären futschikato. Verdunstet, verbrannt, vom Krebs zerfressen und schließlich im ewigen Winter verhungert.

Alle, gleich welche politischen Ansichten sie pflegten, beschäftigten sich daher mit dem Atomtod, alle dachten über Hiroshima nach. Und natürlich waren »der Russe« und »der Ami«, je nach politischer Vorliebe, eh schon bald »so weit«. Der Nachbar überlegte, sich einen Bunker in den Garten oder in den Keller zu bauen und sich Konservenbüchsen in Hülle und Fülle zuzulegen. Vielleicht wäre nach ein paar Monaten ja doch alles wieder irgendwie fein. Hoffnung stirbt auch hier zuletzt.

Wir Kinder aber wussten, dass wir tot sein würden, mit Mitte zwanzig oder Anfang dreißig, denn schließlich waren da nicht nur die oben beschriebenen Gefahren, nein, da waren ja auch noch die Gefahren durch das Material an sich: Raketen rosten, Sprengköpfe zerfallen, und es gab nicht mal genug Salzminen, in denen der atomare Abfall, den die zivile Nutzung mit sich brachte, gelagert werden konnte.
Wir waren also Leichen auf Urlaub. Man weiß im Alter von 13 oder 14 Jahren nicht ganz genau, was es heißt, sein Leben zu verlieren, doch weiß man schon, dass es keine Freude ist. Und wenn man die Mischung aus Gleichgültigkeit und Panik betrachtete, die die Erwachsenen umtrieb, wurde einem nicht wohler zumute. Dass ein »Gleichgewicht der Abschreckung« auf Dauer nicht halten würde, das war uns ebenfalls klar. Dennoch überdeckt der Alltag viele Fragen, man musste ja auch verliebt sein und Hausaufgaben machen, man lebte mit der Todesdrohung, lebte allerdings kaum danach. Doch dann bekamen wir es Ende April 1986 nochmal knüppeldicke.

In Block 4 des Atomkraftwerks Tschernobyl nahe der ukrainischen Stadt Prypjat kam es zum sogenannten Super-GAU, der super war, da es ja bereits im Westen wie im Osten schon lauter größtanzunehmende Atomunfälle gegeben hatte. Nun aber explodierte der Reaktor des Lenin-Kraftwerks und setzte Unmengen von Schadstoffen frei. Zwar war die Medienpolitik der Sow­jetunion wie immer sehr uninformativ, doch bald hatten es alle verstanden – von Osten her näherte sich nicht etwa »der Russe«, von dem die alten Landseropas noch immer fabulierten, wenn sie genug Schnaps getrunken hatten, sondern eine Wolke voller radioaktiver Stoffe, die auf ganz Europa herabregneten.

Nun konnten wir das Wort Halbwertszeit konkret kennenlernen, lernten von Gemüsesorten, die nicht mehr genießbar waren, da sich Schadstoffe in ihnen ansammelten, und von Pilzen, die vielleicht nie wieder genießbar seien, da sie geradezu als Schadstoffmagnet funktionierten. Aber, das lernten wir auch, war es damit getan? War es nicht vielmehr so, dass die ­Katastrophe von Tschernobyl noch lange nachwirken würde, dass wir alle mit einem wesentlich gestiegenen Krebsrisiko zu kämpfen hätten und dass zudem die Sowjets vielleicht nun doch böse agierten, da sie einen nicht geringen Teil der eigenen Bevölkerung verseucht hatten und sich um ihren Abschreckungsausgleich sorgen mussten.

Schließlich hörten wir in all den Jahren noch vom sauren Regen, vom ­bösartigen Borkenkäfer, von Umweltschändern und Rheinverseuchern, von Verklappung und ungenießbarem Grundwasser, von krebserregenden ­Lebensmitteln und von der völligen Verwüstung Afrikas, der der Hungertod von Millionen folgen würde.

Das Interessante ist: Vieles von dem, vor dem da gewarnt und gemahnt wurde, ist tatsächlich eingetreten, vieles jedoch auch nicht. Doch selbst wenn Afrika weiter verwüstet wird, selbst wenn die Flüsse weiterhin verdreckt sind, selbst wenn die Ressource Wasser peu à peu verlorengeht – heute hat man andere Sorgen. Aus der Angst vor dem Tod, der 1983 eine Million Deutsche auf die Straße brachte, die eine grüne Partei erstarken und die Biomärkte expandieren ließ, ist eine Angst um das Ich geworden, das ja eigentlich gar nicht mehr hier sein dürfte. Dieses aber gilt es zu retten mitsamt seinem bisschen Geld, das viele nicht angespart haben, da sie eh dachten, bald ist alles passé. Daher expandieren die Fitnessstudios (und die Biomärkte), daher werden die Grünen gewählt (von Mittelschichtlern), daher tragen die Flüchtlinge an allem die Schuld, was jetzt nicht mehr alte Bundesrepublik ist.

Denn die Angst vor dem Tod ist die Angst um sich selbst, selbst wenn man um seine Familie fürchtet, fürchtet man vor allem das Alleinesein. Insofern half die Todesangst der achtziger Jahre sehr dabei, die Gesellschaft in eine Ansammlung von selbstsüchtigen Einzelkämpfern zu verwandeln, denen ihr eigener Arsch wichtiger ist als ihr Kopf. Und die Atomkraftwerke, die Atomraketen, die Umweltkatastrophen? Wer weiß, vielleicht lösen sie ihr Versprechen ja doch noch – verspätet – ein.

Der Text erschien erstmals in der Wochenzeitung Jungle World vom 25.08.2016.

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Sein und Nichtsein

Von Markus Liske

Es gibt unzählige Vorstellungen von einem Leben nach dem Tod. Mancher sieht sich die Harfe klampfend auf Wolken rumlungern, andere träumen davon, sich zünftig mit 72 Jungfrauen zu verlustieren, und wieder andere wollen lieber aus Kuhaugen blinzeln. Und dann ist da noch die dystopische Variante, nach der wir halbverfault aus den Gräbern steigen und, gierig auf Menschenfleisch, über die letzten noch lebenden Mitbürger herfallen. So weit mir bekannt ist, gab es jedoch nie einen Propheten, der geweissagt hätte, dass wir im Leben nach dem Tod Online-Banking machen, Selbstvermarktung über Facebook betreiben, mit Billigfliegern um die Welt jetten und versuchen, uns mit einer möglichst originellen Konsumgüterauswahl Individualität vorzugaukeln. Insofern muss ich wohl – so unwahrscheinlich mir das auch vor drei Jahrzehnten erschien – davon ausgehen, dass ich mich weiterhin im Leben vor dem Tod befinde. Fraglich bleibt, wie dieses Leben auf so falsche Bahnen geraten konnte.

Zwar war die Generation, der ich zuzurechnen bin, also jene, die ihre Teenagerzeit in den Achtzigern des vergangenen Jahrhunderts verlebte, stets von ihrer finalen Auslöschung noch vor dem Jahr 2000 überzeugt, aber dennoch agierte sie meist so, als könne es noch eine Rettung geben. Die beängstigende Umweltstudie »Global 2000« hatten wir seinerzeit als Schulbuch anschaffen müssen (sie steht noch heute irgendwo hinten unten in meinem Bücherschrank), auf jedem Spind prangten Anti-Atomkraft-Aufkleber und zu den großen Friedensdemos gingen wir Arm in Arm mit unseren Lehrern. Im Deutschunterricht lasen wir »1984« von George Orwell und diskutierten darüber, wie gefährlich nah uns die BKA-Rasterfahndung gegen den RAF-Terrorismus schon an eine solche Überwachungsgesellschaft herangeführt hatte. Und um das nahende Weltende auch auf emotionaler Ebene fest in uns zu verankern, bekamen wir Aufsatzthemen wie dieses: »In 24 Stunden geht die Welt unter. Was tust du? Beschreibe in Präsens und Ich-Form.« Gedanken an Sex waren immer auch Gedanken an Aids, obwohl unsere Angst davor im Nachhinein unlogisch erscheint, erwarteten wir doch ohnehin tagtäglich den alles verzehrenden Atomblitz. Aber, wie gesagt, wir verhielten uns eben ganz so, als könnten wir mit persönlichem Gutsein das Ende noch abwenden. Diese fixe (und ziemlich protestantische) Idee bildete auch die Basis für unseren spezifischen Antiamerikanismus. Keineswegs machten wir uns Illusionen über das, was uns die Sowjetunion als Kommunismus oder die DDR als Sozialismus präsentierte. »Nach drüben« wollten wir sicher nicht, aber eine der beiden Seiten würde kapitulieren müssen, um die Katastrophe abzuwenden, und da wir uns nun einmal westlich der Mauer befanden, sahen wir uns verpflichtet, der Kapitulation des Westens das Wort zu reden. So verstanden wir Johnny Rottens »I’m looking over the wall and they’re looking at me!«

Was am No-Future-Punk der späten Siebziger lustiger, hedonistischer Aufbruch gewesen war, dem sich die Kids in ambivalenter Ironie hingaben, war für uns feierlicher Ernst.

Im Nachhinein sind bekanntlich viele klüger. Aber niemand hätte in den Achtzigern vorhergesagt, dass eines Tages ein grüner Außenminister zum ersten Kriegseinsatz der Bundeswehr blasen oder dass einer der RAF-Anwälte als Innenminister Zeitungsredaktionen durchsuchen lassen und die Vorratsdatenspeicherung vorantreiben würde. Ja, es wäre einem, trotz aller Abscheu gegen die Sozialdemokratie, nicht mal eingefallen, dass ein SPD-Kanzler den Sozialstaat westdeutscher Prägung beerdigen könnte. Und schon gar wäre keiner auf den Gedanken gekommen, dass die nachfolgenden Generationen mittels Facebook, WhatsApp und Co. freiwillig einer fröhlich bunten Version des Orwell‘schen Überwachungsstaats den Weg bereiten würden oder dass ein Friedensnobelpreisträger 25 Jahre nach dem offiziellen Ende des »Gleichgewichts des Schreckens« die in Deutschland stationierten Atomwaffen modernisieren lassen könnte, ohne damit Massendemonstrationen auszulösen.

Es gibt eine Kluft zwischen dieser neuen Welt und jener, in der wir aufwuchsen, eine Zeit, in der im globalen Maße politische Weichen neu gestellt, Perspektiven verschoben und neue Entwicklungslinien initiiert wurden – das sind die neunziger Jahre, welche im kollektiven Gedächtnis zumeist wie eine diffuse Leerstelle erscheinen. Wir erinnern uns an sie, wenn mal wieder Flüchtlingsheime angezündet werden und die Kommentatoren raunen, das sei ja »wie damals in Rostock«. Oder wenn uns in Gesprächen über die »Balkan-Route« mal das Wort »Jugoslawien« entfleucht und Jüngere uns verständnislos anblicken. Wenn Soziologen versuchen, die Generationen Y oder Z zu definieren, und uns darüber wieder einfällt, dass es da mal eine Generation X gab, die wir sein sollten und die den Beinamen »Lost Generation« angeheftet bekam. Es war der Schriftsteller Douglas Coupland, der diesen Ausdruck populär machte – im Jahr 1991.

In den Neunzigern sind wir unseren Tod gestorben, wenngleich auf ganz andere Weise als erwartet. Wir starben ihn, als wir anlässlich der »Wir sind ein Volk!«-Parolen gegen die Schimäre eines »Vierten Reichs« demonstrierten, ohne die ganz reale, nämlich vor allem ökonomische Gefahr zu sehen, die dieses neue Deutschland für Europa bedeuten würde. Wir starben ihn, als uns irgendwann nach Mölln oder Solingen klar wurde, dass die neue Avantgarde an den Schulhöfen nicht mehr links, sondern rechts war. Wir starben ihn, als US-Präsident George Bush d. Ä. seinen von uns ursprünglich abgelehnten Golfkrieg, die aufständischen Kurden der Vernichtung durch Saddam Hussein überlassend, vorzeitig beendete und wir im Zuge dessen merkten, dass wir plötzlich keine Pazifisten mehr waren. Vor allem aber starben wir unseren Tod, als uns klar wurde, dass es dieses Generationen-Wir überhaupt nicht gab und nie gegeben hatte, dass es wie jeder andere Wir-Begriff nur eine Konstruktion war, die sich spätestens mit dem Auseinanderbrechen der Sowjetunion und Bushs »New World Order«-Rede 1991 als obsolet erwies.

Von einem Tag auf den anderen schüttelten nun selbst im engeren Freundeskreis die ersten ihre Angst vorm Atomtod – den einzigen wirklichen Kitt unserer Wir-Konstruktion – ab und generierten Karrierepläne aus Studiengängen, die sie einst nur gewählt hatten, um darin möglichst kommod die Zeit bis zum Weltende abzusitzen. Auf Partys, auf denen wir gestern noch gemeinsam »Das letzte Biest am Himmel« von den Neubauten mitgesungen hatten (»Im Osten auf/Der Osten ist rot/Im Westen unter«), war plötzlich sowohl weltpolitisch als auch persönlich »die Zukunft« zum Hauptthema geworden. Und bei denen, die da nicht mittun konnten, wurde viel über Depressionen gesprochen, jedenfalls bis nachts um zwei. Dann ging man tanzen – in einen dieser Technoclubs, die plötzlich überall aus dem Boden schossen.

Wenn ich heute Dokus über diese frühe Technozeit sehe, bin ich immer wieder verwundert, wie unterschiedlich Menschen dieselben Bilder wahrnehmen können. In meinem Umfeld hatte Techno seinerzeit absolut nichts mit Lebensfreude zu tun – nur mit überbordendem Nihilismus, den eine scheinbar neue Droge als zeitweilige Lebensgrundhaltung erträglich machte. In Wirklichkeit hatte es MDMA schon bei den Hippies gegeben, nur war seine Wirkung – das Ausschütten von Glückshormonen – diesen fröhlichen Weltveränderern im Vergleich zu LSD reichlich platt erschienen. Zu Recht. Man musste schon ordentlich düster gesinnt sein, um grundloses Glücklichsein als neue Wunderdroge zu begreifen.

In meinem persönlichen und vom Generationskonstrukt befreiten Rückblick jedenfalls erscheint die Technozeit der Neunziger als eine Art Fegefeuer für Zukunftslose. Das Leben nach dem Tod begann sich mir erst stufenweise zu enthüllen: Als die Love Parade dank erlebnishungriger Berlin-Touristen mit grüngefärbten Schnauzbärten 1997 erstmalig die Millionenmarke knackte. Als die Wirkung der Pillen immer schwächer wurde und immer schneller nachließ. Als die Generation meiner vor Weltgewissen triefenden Lehrer, zu Apologeten des freien Marktes mutiert, 1998 die Regierung übernahm. Als ich merkte, dass ich ebenso gut was Vernünftiges tun könnte in diesem unerwarteten Simulakrum einer Zukunft, das seither kontinuierlich aus dem Wechselspiel frei flottierender Fragmente verschiedenster Vergangenheiten eine scheinbar ewige Gegenwart konstruiert. Leben zum Beispiel.

Der Text erschien erstmals in der Wochenzeitung Jungle World vom 25.08.2016.

 

Anbruch der Wirklichkeit. Vor 40 Jahren erschien Maxie Wanders „Guten Morgen, du Schöne“

von Karsten Krampitz

 

„Da ist es endlich“, jubelte der Südwestfunk, „ein Buch von Frauen über Frauen, das Maßstäbe setzt.“ Die neue Form der Schwesterlichkeit, die da von drüben käme, lasse sich nicht in Westpaketen aufwiegen. Das ewige Manko jeder Kunst, ihre Künstlichkeit, in diesem Buch schien es vergessen zu sein. Nicht um Erbauung oder Erziehung ging es, sondern schlicht um Erfahrung – der Anbruch der Wirklichkeit in der Literatur.

Maxie Wanders „Guten Morgen, du Schöne“ war einmal das vielleicht berühmteste Werk der DDR-Literatur. In ihm erzählen neunzehn Frauen im Alter von 16 bis 92 Jahren von ihrem Hunger nach Leben, ihrer Sehnsucht und der Verständnislosigkeit der Männer. Noch im Erscheinungsjahr 1977 verkaufte es sich über 60.000 Mal. Eine Schallplatte folgte und etliche Theateradaptionen. 1980 war „Guten Morgen, du Schöne“ in der DDR der meistgespielte Text unter den Stücken ostdeutscher Dramatiker, noch vor Peter Hacks und Heiner Müller. Dabei hatte die Autorin eigentlich nichts weiter getan als zuzuhören und die Interviews zu Monologen zu verdichten. Doch die Selbstauskunft der Maxie Wander fehlte nur scheinbar, so Christa Wolf in ihrem Vorwort: „… aber sie ist ja anwesend, und keineswegs bloß passiv, aufnehmend, vermittelnd.“ Mehr noch als Sarah Kirsch, die 1973 mit der „Pantherfrau“ erstmals in der DDR die Methode der literarischen Bearbeitung von Tonbandprotokollen angewandt hatte, bereicherte Maxie Wander die Texte um das eigene Bild, das sie sich von den Frauen gemacht hatte. Dies erhebt sie über den Verdacht des profanen Journalismus: Aus Protokollen waren literarische Porträts geworden. Einem Seismograf gleich nahm Maxie Wander die Zeichen der Zeit auf. Die in Wien geborene Ehefrau des jüdischen Schriftstellers Fred Wander besaß die Gabe, einem ihr bis dahin fremden Menschen in größter Aufgeschlossenheit gegenüberzutreten.

Eigene Erfahrungen werden es ihr erleichtert haben, sich in die Krisen anderer hineinzuversetzen. Hatte sie doch bei einem Unfall ihre zehnjährige Tochter verloren; noch während der Arbeit an dem Buch war sie unheilbar an Krebs erkrankt, dem sie 44-jährig im November 1977 erlag. In „Guten Morgen, du Schöne“ sagt Ruth: „Ich möchte jemanden haben, zu dem ich beten kann: Lieber Ichweißnichtwas, lass mich noch ein wenig glücklich sein. Ich zahle dir jeden Preis.“ So ist jedes Kapitel auch ein Zwiegespräch der Autorin mit sich selbst. Da redet Rosi von einer Fernsehsendung, in der es um angeblich typisch weibliche Eigenschaften ging, Passivität, Narzissmus, Gehorsam, um dann trocken anzumerken: „Ich bin also ein Mann, dem nur das Stückchen Schwanz fehlt.“ An anderer Stelle polemisiert Rosi gegen „gewisse Frauenrechtlerinnen, die wie die Wilden schießen, weil man es ihnen erlaubt hat, die über ihre Männer schimpfen, weil sie ihnen den Abwasch nicht abnehmen oder die Scheißwindeln von den Kindern.“

Dass Maxie Wander ein ebenso undogmatisches wie hedonistisches Verständnis von der Emanzipation der Frau hatte, macht ihr Buch heute so wichtig. Jede der Frauen spricht zuerst für sich, verteidigt ihr Recht auf Individualität – in einer Deutlichkeit, die für DDR-Verhältnisse neu und so gut wie einmalig war. So erzählt die 23-jährige Barbara von ihrem Nachbarn, der aus dem Strafvollzug entlassen worden war: Manchmal sei der junge Mann zu ihr gekommen, weil er gemerkt habe, „ich bin auch allein“. Barbara, von Beruf Grafikerin, gab ihm Stift und Papier: „Hat vorher nie gezeichnet, fand das blöd und hat auf einmal Gefängnisfenster gezeichnet, richtig mit Perspektive und so.“ Eines Nachts stand er vor ihrer Tür und fragte, ob er bei ihr schlafen dürfe, sich einfach neben ihr Bett legen. „Ich war so blöd, ich hab nein gesagt. Und da hat er den Gashahn aufgedreht, in derselben Nacht. Wollte nicht mehr allein sein.“ So manche Leser werden sich im Jahr 1 nach Biermann staunend die Augen gerieben haben, als Barbara erzählte, ihr Nachbar habe in seinen Bildern wohl nicht nur die Gefängnisfenster gemeint, „für ihn war alles ein Gefängnis, sein ganzes Leben, aus dem er nicht herausgekommen ist. Ich hätte sehen müssen, was er da zeichnet.“

Der enorme Erfolg von „Guten Morgen, du Schöne“ lässt sich nur mit einem außerliterarischem Interesse erklären: mit der Funktion der DDR-Literatur als Ersatzöffentlichkeit. Zwischen dem Frauenbild der Zeitschrift „Für Dich“ – die berufstätige Mutter führt den Haushalt und engagiert sich zudem gesellschaftlich – und dem tatsächlichen Alltag lagen Welten. Nicht so bei Maxi Wander; bei ihr mussten die Frauen nicht funktionieren. „Guten Morgen, du Schöne“ liest sich als eine einzige, sehr poetische Gegendarstellung – der Einklang von Literatur und Leben. Wobei die Schriftstellerin den materiellen Sorgen und Wünschen der Frauen keinerlei Gehör schenkte. Niemand muss in ihrem Buch vor einem Laden anstehen, zehn Jahre auf einen Neuwagen warten oder Handwerker bestechen. Auch die sozialistische Arbeitswelt ließ Maxie Wander nahezu außen vor – ein Grund für ihren Erfolg im Westen.

Dabei hatte etliche Jahre zuvor noch ein Martin Walser beklagt, dass die Arbeiterschaft in der Literatur vorkäme wie Gänseblümchen und Ägypter. „Arbeiter kommen in ihr vor. Mehr nicht. Hier, in diesem Buch, kommen sie zu Wort.“ Walser meinte Erika Runges „Bottroper Protokolle“, für die er 1968 das Vorwort beisteuerte. Wollte die Kommunistin Erika Runge mit ihrer Dokumentation über die Schließung einer Zeche im Ruhrgebiet eine ganze Klasse von Menschen emanzipieren, emanzipierte die Kommunistin Wander das Individuum von der Klasse. Hier, Jetzt und Ich sind die Postulate in „Guten Morgen, du Schöne“ – erschienen in einer Zeit, als noch nicht alle Utopien tot waren und man schon ein besserer Mensch war, wenn man nur die besseren Bücher gelesen hatte.

Der Zeitgeist heute ist ein anderer, und auch die Protokoll-Literatur ist eine andere: In Kathrin Rögglas „wir schlafen nicht“ mutiert der Mensch zum animal laborum. Ihr Buch sammelt Berichte aus der Consulting-Branche, der neuen Arbeitswelt jenseits betrieblicher Mitbestimmung, Krankengeld und geregeltem Feierabend. Die „key account managerin“, der „it-supporter“ oder der „senior associate“ erscheinen als Prototypen des neuen Kapitalismus. Mit ihrer codierten Sprache, dem ständigen „workflow“, „multi tasking“ und all den „kick-off-meetings“ verraten sie ihre Sprachlosigkeit – in einer Welt, in der man ständig online ist, in der es keine Ruhe gibt und auch keine Träume. Bei Maxie Wander war das noch anders. „Was ist?“ fragt die 92-jährige Julia auf der letzten Seite. „Bist du schon müde? Dann machen wir Schluss, mein Kind.“

 

Der Aufsatz erschien erstmals vor zehn Jahren in der Berliner Zeitung und wurde nur in der Überschrift verändert.

Beim Ausmisten der Aufkleber

Von Philip Meinhold

 

Zum ersten Mal seit zwanzig Jahren ziehe ich um. Und dazu gehört es, auszumisten. Meine Freundin behauptet, ich sei ein Messi – was übertrieben ist. Aber ich gebe zu: Es fällt mir schwer, mich von Dingen zu trennen, an denen mein Herz mal hing.

Da sind meine Kicker-Sonderhefte zu den Fußballweltmeisterschaften, meine Stapel mit Zeitungsartikeln und meine Sammlung von Musikkassetten. Was habe ich diese Europa-Kassetten geliebt! Von den Fußballer-Autogrammkarten der frühen achtziger Jahre habe ich meiner Freundin noch gar nichts erzählt.

Ich nehme mir meine Aufkleber-Sammlung vor, die ich als Kind in mühevoller Kleinarbeit angelegt habe. Es sind mehrere Hundert Sticker, die ich nicht wie üblich auf Möbel und Türen klebte, sondern ordentlich in einer Schublade hortete. Die letzten zwanzig Jahre haben sie in einem Karton im Keller überdauert; nun schütte ich sie auf dem Teppich aus, sie erscheinen mir wunderschön und geradezu lebenswichtig. Mit jedem Aufkleber, den ich in die Hand nehme, ist es, als würde ich eine Madeleine in einen Tee tunken.

Da sind die aus den Micky-Maus-Heften mit lustigen Sprüchen, da sind die Werbeaufkleber, die ich auf Funkausstellung und Grüner Woche ergatterte. Da sind die Autoaufkleber mit Fußball-Wappen, die es als Trostpreis auf dem Rummel gab; da sind jene, die ich mir in einem Klimbim-Laden namens Klinkert kaufte, in den ich als Grundschüler mein Taschengeld trug: ein Gerippe mit dem Slogan „Rauchen macht schlank“; ein Autoaufkleber mit der Aufschrift: „Überholen sie ruhig, ich kaufe ihren Schrott auf!“ Es kann kein Zufall sein, dass die Klinkerts pleitegingen, nachdem ich in die Pubertät kam.

„Was machst du da? Bist du verrückt geworden?“, fragt meine Freundin. Auf dem Teppich haben sich kleine Stapel gebildet. „Ich sortier sie nach Themen“, antworte ich.

Da sind die politischen Sticker: „Atomkraft todsicher“, „Sonne statt Reagan“, „Stell Dir vor, es ist Krieg – und nur Kohl geht hin“, die Weissagung der Cree darf nicht fehlen. Ein Aufkleber der SPD mit dem Konterfei Hans-Jochen Vogels: „Mit nem Vogel lebt sich’s besser“; einer der CDU: „Wir lassen uns nicht ‚verapeln‘ “.

Ein Stapel bildet so etwas wie eine Chronik des untergegangenen Westberlin: Werbeaufkleber des Berliner Luft- und Badeparadies „Blub“, das mittlerweile abgebrannt ist, der Mitfahrzentrale am Zoo sowie des Blue Moon, in dem wir später Docs und Bomberjacken kauften.

Ich nehme einen Sticker der Alternativen Liste in die Hand, den ich 1985 auf ihrer Wahlparty im Metropol kaufte: Ich war vierzehn, auf der Bühne sang George Kranz seinen Welthit „Din Daa Daa“, und die AL zog mit 10,6 Prozent ins Abgeordnetenhaus ein: „Gegen die Arroganz der Mächtigen!“

Ich packe die Aufkleber in den Karton zurück, zusammen mit dem Kicker-Sonderheft der WM 1982 und den Europa-Kassetten. „Und, was machst du damit?“, fragt meine Freundin. „Na, aufheben“, sage ich. Für einen Abend im Altersheim.

 

Zuerst erschienen in der taz am 28. 3. 2017

Prost Pazifismus

Von Frédéric Valin

Das Leben des Menschen ist kurz. Wer sich betrinken will, hat keine Zeit zu verlieren. (Arno Schmidt ) Trinker sind Pazifisten, sie können gar nicht anders. Sie haben es im Blut, und „es“ meint hier den Alkohol. Als Joseph Kessel in den 50ern Amerika besuchte, um eine Artikelserie über die Anonymen Alkoholiker in New York zu schreiben, traf er recht oft auf Abstinente, die mit dem Trinken aufhörten, weil sie ihre Musterung nicht bestanden hatten (und entsprechend nicht nach Europa fahren durften, um dort umzukommen).

Wer säuft, ist für den Krieg ungeeignet, Charles Bukowski wurde 1943 wegen Untauglichkeit wieder nach Hause geschickt, und Dylan Thomas, König der Säufer und Kriegsgegner bis ins Mark, kam derart rotzbesoffen zu seiner Musterung, dass man beschloss, ihn nicht in die Normandie zu schicken, um sich da von der Wehrmacht totschießen zu lassen. Wenn wir heute ihre viel zu frühen Tode beklagen (1) – , vergessen wir also gerne, dass der Alkohol ihnen sehr wahrscheinlich eher ein paar Jahre geschenkt hat. Das ist Ironie.

Wie der griechische Dichter Anakreon, seines Zeichens der erste von vielen literarischen Säufern, zu sagen pflegte: Es ist besser, betrunken auf dem Boden zu liegen als tot. Er starb 495 v. Chr., da war er 85 Jahre alt, als er sich an einer Traube verschluckte. Wäre er beim Wein geblieben, wäre er vielleicht heute noch am Leben.

(1) Insbesondere bei Dylan Thomas, der knapp 39-jährig in New York an seiner letzten Bestellung eingegangen sein soll. Es seien wohl an die 18 Whiskey gewesen, die er an jenem Tag trank, dann: Alkoholvergiftung, fünf Tage Koma, Exitus. Seine letzten Worte waren: „Ich glaube, das war Rekord.“

Auszug aus „Trinken gehen“ von Frédéric Valin, erschienen im Frohmann Verlag.

Leserohrenglück

Von Giwi Margwelaschwili

 

In der Gedichtwelt singt eine Nachtigall. Begeistert hören dies alle Gedichtweltpersonen und horchen glücklich lächelnd in die Richtung der kleinen Sängerin.

Nur der Leser, der mit auf der schönen, grünen Gedichtweltwiese sitzt, ist missgelaunt. Er ist sogar sehr verbittert. Und dem Untröstlichen ist nicht zu helfen. Er kann ja den Gesang nicht direkt erleben. Er kann ihn nur lesen.

Das merkt die kleine Sängerin. Um jetzt auch dem Leser hörbar zu werden, strengt sie ihr Kehlchen ganz besonders an und singt und singt und singt und stirbt auf ihrem höchsten und schönsten Ton.

In der Gedichtwelt hat man nichts gemerkt, denn die Nachtigall sang ja im Versteck. Man glaubt dort, sie sei bloß verstummt, und bedauert die immer länger werdende Pause des Konzerts.

Der Leser aber ist ganz sprachlos vor Glück. Man bedenke: Er hat eine Gedichtweltnachtigall einfach so, ganz ohne Buchstaben, unmittelbar vernehmen können.

 

Eine Geschichte aus dem Band “Das Leseleben” von Giwi Margwelaschwili

Ausgehängt in Totenköpfen

Von Giwi Margwelaschwili

 

Gedichte sind Wortbilder oder Satzgemälde, die nur in Leserköpfen aus- und vorgestellt werden können. Früher betrug die normale Wahrnehmungszeit für Derartiges gewöhnlich ein paar Bewußtseinssekunden pro Bild. Heute ist das nun leider schon die Aus- und Vorstellungsdauer für ganze Wortbildergalerien.

»Wir können heute nichts mehr ausstellen und also auch nichts mehr vorstellen«, klagte neulich bekümmert ein guter, alter Wortbildmaler. »Unsere Bilder hängen wie in toten Köpfen.«

 

Eine Geschichte aus “Das Leseleben” von Giwi Margwelaschwili

 

Wehret den Anfängen

von Georg Kreisler

 

Als der große schwarze Bär

kam den Rhein geschwommen,

staunte ich nicht allzu sehr

und hab’s hingenommen.

 

Manche Leute schrien hurra,

doch die meisten waren

still und stumm und tralala,

wie seit vielen Jahren.

 

Zahm und zart und blind und taub

drehte man die Däumchen,

fiel zu Boden, wie das Laub

von den deutschen Bäumchen.

 

Auch der schwarze Bär war ganz

wohlgemut und heiter,

fraß nur rasch den kleinen Franz

und dann schwamm er weiter.

 

 

Als der schwarze Elefant

kam den Rhein geschwommen,

dachte ich: Wie interessant!

Und ich ließ ihn kommen.

 

Wieder sah man keinen Grund,

sich darum zu kümmern.

Alle hielten brav den Mund,

wollten nichts verschlimmern.

 

Und der schwarze Elefant

war entspannt und träge,

fraß den kleinen Ferdinand,

schwamm dann seiner Wege.

 

 

Als das schwarze Krokodil

kam den Rhein geschwommen,

da gefiel mir sein Profil

und ich rief: Willkommen!

 

Doch als es zum Fressen schritt,

diesmal Klein Gerlinde,

schrie das Volk: Jetzt Schluß damit!

Krokodil, verschwinde!

 

Und man schlug das Krokodil,

wollte es zerreißen,

doch das brachte nicht sehr viel.

Krokodile beißen.

 

Erst biß es den Hans ins Knie,

in den Kopf die Else,

und den Knut und die Sophie

biß es in die Hälse.

 

Dann verlor es jedes Maß,

tobte seine Wut aus,

und es fraß und fraß und fraß.

Ja, das ging nicht gut aus.

 

Aus dem Band „Zufällig in San Francisco. Unbeabsichtigte Gedichte“ von Georg Kreisler.

 

 

Russen wie wir

Von Markus Liske

Eigentlich bin ich ein Russe. Also nicht wirklich, aber mein Vater war Russe – allerdings auch nicht wirklich. Heute würde man wohl sagen, er war Ukraine-Deutscher. Doch als er geboren wurde, hieß das noch Sowjetbürger. Und Sowjetbürger hieß Russe, wenigstens in Deutschland und bis 1990.

Mag sein, er war kein vollwertiger Sowjetbürger, schließlich war er erst sieben Jahre alt, als er 1944 nach Deutschland umziehen musste, seine Eltern dagegen – die waren richtige Sowjetbürger. Mein Großvater hatte sogar in St. Petersburg studiert, das damals schon beziehungsweise noch Leningrad hieß. Und meine Großmutter, die war so sehr Sowjetbürgerin, dass sie 1935, als Stalin ihre zehn baptistischen Geschwister ins sonnige Sibirien verbringen ließ, lieber schnell ihrem Glauben abschwor und den jungen Lehrer heiratete, der eben aus Leningrad zurückgekehrt war.

Man kann die beiden also mit Fug und Recht als Russen bezeichnen. Wenngleich sie zu den wenigen Russen gehörten, die heimlich Hitler-Reden im Radio verfolgten, wie mir mein Vater erzählte. Aber abgesehen davon waren sie ziemlich typische Russen. Sie sprachen ja damals nicht mal Deutsch. Meine Großeltern konnten es zwar, auch wenn es bei ihnen „Deitsch“ hieß, mein Vater jedoch sprach ausschließlich Russisch und verweigerte sich der deutschen Sprache lange Zeit so erfolgreich, dass er noch heute manchmal unter Wortfindungsstörungen leidet.

Im Auffanglager bei Bremen, in das man sie 1944 brachte, fand er deshalb auch nicht so richtig Anschluss. Zum Glück beschäftigten die Bauern drumherum russische Zwangsarbeiter. Von denen lernte mein Vater natürlich auch kein Deutsch, aber Schach und eine Reihe toller Kartentricks, die er bis heute beherrscht. Die deutsche Sprache wurde ihm erst nach der Kapitulation eingeprügelt – von meiner russischen Großmutter und das so erfolgreich, dass er danach kein Russisch mehr konnte. Meine Großmutter wollte nämlich keine Russin mehr sein. „Die Russen sind dumm und faul und lassen alles verkommen“, lautete ihr Mantra, nur selten unterbrochen von meinem Großvater, der dann so was krächzte, wie: „Was du immer redest, Alice!“

Nicht, dass mein Großvater zu dieser Zeit noch Russe sein wollte, aber Deutscher wollte er, glaube ich, auch nicht sein. Mir schien er einfach nicht sein zu wollen. Zwar hatte er im Krieg nur einen Finger verloren und in der Kriegsgefangenschaft einen halben Magen, aber etwas weniger offensichtliches musste wohl auch kaputt gegangen sein. Seinen Lehrerberuf jedenfalls wollte er nie wieder ausüben und verabschiedete sich schon bald in eine Bettlägrigkeit, der er noch viele Jahre eisern treu bleiben sollte. Nur manchmal, wenn meine Großmutter in der Küche gegen die faulen Russen zeterte, grollte aus dem Schlafzimmer sein heiseres „Was du immer redest, Alice!“.

Als schließlich auch meine Großmutter verstorben war, fanden wir hinter einem Schrank im oberen Stockwerk ihre stattliche Sammlung von Vertriebenenzeitungen. Ich habe meine Großmutter nie wirklich durchschaut. Vielleicht ist es nicht möglich einen Menschen zu durchschauen, der selbst der Bettlägrigkeit des eigenen Gatten so gründlich misstraut. Andererseits war auch mein Großvater völlig undurchschaubar. Im Gegensatz zu seiner Frau sprach er nie über seine Herkunft, nie über Politik und schon gar nie über den Krieg. „Ein undurchsichtiges Volk, diese Russen“, dachte ich mir manchmal, obwohl das einzig wirklich Russische in ihrem Haus das Essen war. Und das wusste ich nicht.

Wie jedes Kind, sah ich Omas Art zu kochen als das bessere, das ursprüngliche Kochen an, mit dem die modischen Küchenexperimente meiner Mutter natürlich nicht mithalten konnten. Und da ich ja ein deutsches Kind war, waren die Piroggen, der Plow, der Rote-Beete-Salat und die saure Mehlsuppe von Oma natürlich deutsches – oder besser: deitsches – Kulturgut. Das Russische in unserer Familie fand für mich hauptsächlich in den Geschichten meines Vaters statt. Besonders liebte ich seine Erzählung vom Wolf. Der war mal eine ganze Nacht lang knurrend und geifernd um das Plumsklo herumgesprungen, auf dem mein fünfjähriger Vater in sibirischer Kälte um sein Leben zitterte. Jedenfalls war das die Ursprungsversion der Geschichte. In späteren Varianten wurden es erst mehrere Wölfe und dann ein ganzes Rudel, das von meinem Vater mit der Klobürste in die Flucht geschlagen wurde. Auch dies ein Hinweis auf die undurchsichtige Fremdartigkeit der Russen: Klobürsten auf Plumsklos! Aber entscheidend war natürlich der Wolf. Niemand außer mir hatte einen Vater, der schon mal mit einem Wolf gekämpft hatte. Wölfe waren unglaublich russisch.

Noch russischer waren nur die zehn Geschwister meiner Großmutter von denen immerhin drei Schwestern ab Mitte der Siebziger aus dem fernen Sibirien nach Bremen zogen. Tatsächlich kamen sie aus Kasachstan und Tadschikistan, aber dass es solche Länder gab, wusste man damals noch nicht. Genau wie meine Großmutter liefen sie den ganzen Tag in Plastik-Kittelschürzen herum, hatten zwar anfangs noch nicht Großmutters lilane Haare, dafür jedoch durchgängig goldene Zähne, die ich ein bisschen bedrohlich fand. Auch waren sie nicht so mürrisch wie meine Großeltern, sondern polternd und lustig. Besonders laut lachten sie, wenn sie von ihren erfrorenen Männern oder verhungerten Kinder drüben in Sibirien sprachen. Anschließend wurde geweint. Und nicht etwa mit stillen Tränchen, sondern laut heulend und mit ausladender russischer Gestik. Dann gab es Frischkäse-Piroggen, Oma schimpfte in der Küche über „diese Russen“ und Opa krächzte aus dem Schlafzimmer: „Was du immer redest, Alice!“ Das war meine Kindheit als Russe.

Leider zogen wir dann um und sahen die Familie fortan einzig an Weihnachten oder bei den Beerdigungen die nun jährlich anstanden. Am Ende lebte nur noch meine mürrische Großmutter, und weil niemand mehr „Was du immer redest!“ rief, schimpfte sie auch nicht mehr auf die Russen. Nur einmal, an Weihnachten 1989 war es, sie trug gerade den Nachtisch auf während der Kanzler aus dem Fernseher von der „Stunde der Deutschen“ sprach, hörte ich sie hinter mir murmeln: „Jetzt kommen die faulen Russen und machen alles kaputt!“ Da war ich ziemlich irritiert, hatte ich doch inzwischen lernen müssen, dass wir weder Russen noch Russland-Deutsche waren, sondern Ukraine-, Kasachstan- oder Tadjikistan-Deutsche, womit Russland für mich immer weiter nach Osten gerückt war, raus in die kalte sibirische Nacht. Die Vorstellung, ich hätte nun durch die Löcher in der Berliner Mauer direkten Zugang zu diesem Land, verwirrte mich so sehr, dass ich meine leckeren Piroggen zur Hälfte stehen ließ, nicht ahnend, dass ich den kommenden zwanzig Jahren keine mehr bekommen würde. Denn meine Großmutter starb wenig später, und meine geliebte Juschi kommt zwar aus diesem Land hinter der Mauer und hat hübsche slawische Wangenknochen, aber auch sie kann keine Piroggen machen, nur brandenburgischen Schichtkohl.

Russisch jedoch kann sie, was uns vor ein paar Jahren Jahren auf die Idee brachte, gemeinsam mit meinem Vater seine russische, also ukrainische, Heimat zu besuchen. Wir fuhren mit dem Zug, über Lemberg, das Lwow hieß, als es russisch war, und Lviv heißt, seit es ukrainisch ist. Dort auf dem Marktplatz bekam ich endlich wieder Frischkäse-Piroggen, und meine tapfer dolmetschende Juschi musste schnell feststellen, dass sie als Russin hier nicht sonderlich willkommen war, auch wenn ihre Familie ja eigentlich nur aus Polen stammte, zudem aus einem Polen, das seinerzeit deutsch gewesen war. Erst ein Russisch-Ukrainisch-Wörterbuch half ihr aus der Patsche.

Von Lemberg aus fuhren wir hinaus in die wolhynische Steppe, zu deutschen Dörfern in denen heute Ukrainer leben, die eigentlich umgesiedelte Russen sind. Die Dörfer bestanden aus winzigen weiß getünchten Katen und jedes Dorf gab es zweimal, einmal als ukrainisches und einmal als deutsches, also russisches. Letzteres war stets gut daran zu erkennen, dass die Häuschen hier in Reih und Glied standen. Außerdem befand sich in diesem Teil meist das Mahnmal für die Tschernobyl-Toten, weil im anderen Teil ja schon das Mahnmal für die Toten des „Großen, vaterländischen Krieges“ stand. Drumherum war Leere. Ein leeres, flaches Land unter einem leeren, grauen Himmel. Augenscheinlich hatte meine Großmutter nicht gelogen, als sie sagte, die Russen würden alles kaputtmachen, denn weder fanden wir die fruchtbaren Landschaften, von denen sie erzählt hatte, noch die großen mehrstöckigen Bauernhöfe, an die sich auch mein Vater zu erinnern glaubte. Die Russen hatten all das verschwinden lassen. Die großen Badeseen aus den Geschichten meines Vaters waren von ihnen zu Tümpeln geschrumpft worden, die dunklen Wolfswälder abgeholzt und die Hügel abgetragen. Ja, selbst den immer blauen Himmel hatten sie grau angemalt. Der Zerstörungstrieb der Russen war wohl stärker gewesen als ihre Faulheit.

Trotzdem fanden wir einige der Orte wieder. Großmutters Geburtsort „Neidarf“, also Neudorf, hieß nun Solodyri. Meines Vaters Geburtsort Ivanovich hieß Ivanovyci. Nur Nemyryntzi, wo er die ersten Kindheitsjahre verbrachte, hatte seinen Namen behalten. Und als wir dort am Ortsschild standen, winkte ein alter Mann von seinem Kutschbock herüber und fragte, ob wir Touristen seien. Juschi verneinte, denn schließlich hatte mein Vater hier ja schon mal gelebt. Der Alte humpelte durch die Felder auf uns zu, und als er erfuhr, dass wir aus Deutschland kamen, lachte er laut und klärte uns auf, dass heute der Jahrestag jenes Tages sei, an dem seinerzeit die Wehrmacht in Nemyryntzi einrückte. Noch lauter lachte er, als er unseren Namen erfuhr, denn mein Großvater war tatsächlich sein Lehrer gewesen, und auch an dessen kleinen Sohn, der mein Vater war, konnte er sich erinnern. Er lachte, als er mit uns über das alte Schulgelände lief, brüllte geradezu vor Lachen, als er uns die Schulmauer zeigte, an der sie damals von der Wehrmacht zu Selektion und Erschießung aufgestellt wurden und sein goldenes Gebiss funkelte prächtig dazu. Am Ende erfuhren wir noch, dass mein Großvater nach vollzogener Säuberung mit den Soldaten mitgegangen sei, um in der nahen Kreisstadt Bürgermeister zu werden.

Der Alte lachte immer noch, als er mit seiner Kutsche nach Hause zuckelte. Um dort dann laut zu heulen und Piroggen zu essen, nehme ich an.

Wir fuhren weiter nach Ruzhyn, wo mein stiller Großvater, wie wir nun wussten, nicht mehr Lehrer sondern Bürgermeister gewesen war. Auf der Suche nach dem Haus, in dem sie gelebt hatten, lernten wir einen freundlichen Juden kennen, was früher nicht erwähnenswert gewesen wäre, denn von den 5000 Einwohner – so erzählte er – seien seinerzeit mehr als die Hälfte Juden gewesen. Bevor mein Großvater hier Bürgermeister wurde. Heute lebten wieder fünf Juden in der Stadt, er könne uns gerne zu den Massengräbern in den Wäldern führen, wenn wir Lust hätten. Hatten wir nicht.

Auf dem Rückweg fiel meinem Vater noch eine Geschichte ein, eine, die er all die Jahre vergessen hatte. Es war die Geschichte eines kleinen jüdischen Jungen, der noch eine Zeit lang in den Wäldern gehaust hatte und von den deutschen und ukrainischen Kinder mit Essensresten versorgt wurde, bis ihn eines Tages ein Soldat vor den Augen meines Vaters erschoss. Auch eine Wolfsgeschichte, aber eine deutsche. Eine zu der man weder lachen noch heulen kann, und Piroggen gibt es dazu auch keine. Die bekamen wir erst an unserem letzten Abend wieder, als wir in der ukrainischen Hauptstadt Kiew zu Füßen eines gewaltigen sowjetischen Mutter-Heimat-Denkmals noch mal russisch essen gingen. Eine Balalaika-Band spielte Katjuscha, und eine Reisegruppe von rotchinesischen Geschäftsleuten, die jetzt nur noch chinesische Geschäftsleute waren, BOSS-Anzüge trugen und mit Sony-Camcordern fuchtelten, sang lautstark mit. Und als wir am Ende alle mit ein paar Flaschen Wodka zusammenrückten, da beschloss ich Russisch zu lernen. Oder Ukrainisch. Oder gleich Chinesisch. Bald. Oder irgendwann.

 

Der Text erschien erstmals in der taz vom 4.11.2016

 

 

 

 

 

Mein Ich ist vorpolitisch

Von Milo Rau

 

Liebe Jury, liebe Christina, sehr geehrte Damen und Herren,

aufgrund der Umstände habe ich es in den vergangenen Jahren leider nie geschafft, zum Stückemarkt in Berlin zu sein. Vor drei Jahren war ich in Zürich, um die „Zürcher Prozesse“ zu organisieren, vor zwei Jahren in Brüssel für die Endproben von „The Civil Wars“, vergangenes Jahr, als ich selbst in der Auswahljury saß, war ich in Zentralafrika unterwegs fürs „Kongo Tribunal“ – an dessen Berliner Teil dann übrigens Kathrin Röggla, die dieses Jahr Mitglied der Jury ist, als Gerichtsschreiberin teilnahm – und aktuell bin ich in Belgien, um mit 7 Kindern ein Stück vorzubereiten über den Pädophilen Marc Dutroux. Während Sie das hier hören, läuft gerade die Generalprobe.

Ich habe noch mal in die letztjährige Auswahl des Stückemarkts geschaut. Damals schrieb ich in der Festivalzeitung zur Bekanntgabe der von uns ausgewählten Texte und Projekte:

„Vielleicht ist das Jahr 2015 das Jahr, in dem der Autorbegriff sich endgültig von all den Fesseln befreit hat, die seine selbsternannten Verteidiger ihm immer wieder anzulegen versuchen. Projekt oder Stück, Verteidigung einer Form oder ihre Kritik: Mir scheint, wir sind an einem Punkt der Theatergeschichte angekommen, an dem das keine Rolle mehr spielt. Was soll man zum Beispiel über einen Daniel Cremer sagen, diesen verrückten, genialen Typen, der sich noch einmal voll gerüstet aufs Streitross der postmodernen Ironie setzt und mit dem „Talking Straight“ Festival tatsächlich ein ganzes Festival geschaffen hat, auf dem anhand einer erfundenen mitteleuropäischen Sprache das Theater und all seine Rituale (Publikumsgespräche, Ibsen-Adaptionen, sogar die Indie-Bands im Abendprogramm) in das überführt werden, was sie sind: kompletter Unsinn und erhaben ragende Gipfel der Weisheit der europäischen Urbevölkerung? Ist es nicht faszinierend, ja fast verstörend, dass im Jahr 2015 noch – oder wieder? – so tiefenentspannt geplottete und sprachlich klare Werke der Kapitalismuskritik entstehen wie „Hose Fahrrad Frau“ des Deutschen Stefan Wipplinger oder „Zersplittert“ von der Rumänin Alexandra Badea? Und sind „The State“ des Bulgaren Alexander Manuiloff oder „Another great year for fishing“ des Belgiers Tom Struyf nun klassisch oder avantgardistisch zu nennen, sind es die Arbeiten von Autor-Regisseuren oder von Autoren, die keine Regisseure mehr brauchen, sondern nur noch ein Publikum? Vollenden all diese Arbeiten ihr Genre oder verabschieden sie sich von ihm? Und falls zweites zutrifft: wohin? Und von welchem Genre überhaupt?“

Und ich fügte hinzu:

„Ich hoffe, dass unsere Auswahl einigermaßen repräsentativ ist für diesen (wie ich ebenfalls inständigst hoffe) Todesjahrgang der albernen Autoren-Diskussion, die den Stückemarkt schon so lange und völlig ohne Gewinn begleitet.“

Als ich die diesjährige Auswahl durchgeguckt habe – übrigens des 50. Jahrgangs seit der Verkündigung des „Tods des Autors“ in dem gleichnamigen Text von Roland Barthes aus dem Jahr 1967 – da wurde mir klar, dass meine Hoffnung wahr geworden ist: der Autor als normativer und im Kern auf Literatur abzielender Begriff ist tot, auferstanden ist er als eine Art Dachbegriff für alles Mögliche, was im Rahmen des Theaters stattfindet. Mehr, so denke ich, sollte er auch nicht sein. Es gibt 2016 im Rahmen des Stückemarkts drei szenische Lesungen und drei Performances, und ich habe den Eindruck, dass die Jury noch um einiges avantgardistischer entschieden hat als wir vor einem Jahr: Es ist nur ein Stück aus dem deutschsprachigen Raum dabei (und es handelt, so lese ich, vom Genozid an den Armeniern). Höchstens eines, vielleicht zwei der Projekte würde der normale Theatergänger (falls es ihn gibt) überhaupt noch als Theaterstück wahrnehmen, würde man es (was hoffentlich geschehen wird) auf diesen oder jenen Spielplan setzen.

Doch lassen Sie mich trotzdem, gewissermassen als Grabgesang anlässlich des 50. Jubiläums des Todes des Autors fragen: Was ist eigentlich ein Autor? Was ist einer, der ein Werk hervorbringt? Zu wem spricht dieser eine oder diese Gruppe? Und mit welcher Stimme?

 Es gibt ein Zitat von, glaube ich, Che Guevara, das ich sehr mag: „Die Geschichte findet uns dort, wo wir geboren wurden.“ Was mich persönlich angeht, so bin ich aufgewachsen in der Schweiz, und seit 15 Jahren lebe ich aus Gründen der Liebe und der Arbeit hauptsächlich in Deutschland und Belgien. Was bin ich also? Ich glaube, ich bin und ich bleibe ein Schweizer Autor. Es bleibt ein Teil schweizerischer Blindheit in dem, was ich tue. Schweizerischer Gier, schweizerischer Selbstgerechtigkeit, schweizerischer Kleinherzigkeit. Ich bin meinen Ängsten, meinen Vorurteilen, meinem Körper, meinem Land genauso ausgeliefert, wenn ich schreibe oder inszeniere oder reise, wie beim Einkaufen oder im Zustand des Träumens. Denn was ist ein Theaterstück anderes als das Zeugnis der Zufälle und Zwangsvorstellungen, die sich während der Proben herausgebildet und als besonders wirkungsmächtig erwiesen haben? Von den politischen und emotionalen Absichten, den Aversionen, aber auch vom Großmut der Beteiligten, die indirekt, verschleiert, in Sprech- und Spielweisen gehüllt, präsentiert werden und zweifellos den Beteiligten selbst unklar sind? Ist nicht jeder Inhalt, jede Form zufällig, nur ein kluges Alibi, um „in den Saft zu kommen“, wie die Schauspielerin Ursina Lardi so schön sagt? Kündet der Akt der Autorschaft nicht ausschliesslich von dem zutiefst menschlichen Bedürfnis, Liebe, Respekt und Klarheit zu erlangen für die kurze Dauer eines Abends, eines Buchs, eines Films? Warum spreche ich hier, warum hören Sie zu?

Worauf ich hinaus will: Ich weiß es nicht, und Sie wissen es vielleicht ein bisschen besser, aber auch nicht richtig. Wir wissen nicht, warum uns das, was wir hier gerade tun, wichtig ist, warum wir darauf beharren, warum wir auf dem Theater beharren. Aber wir tun es. Sollte man also die Triebkraft unserer Obsession nicht anerkennen als das, was sie ist: nämlich kindisch, blind, obsessiv, ja: vorpolitisch? Die seit einigen Jahren dogmatisch gewordene Forderung, dass der Künstler mit einer deutlichen und reinen Stimme zu sprechen habe, dass er der Gesellschaft vorangehen, sie zu provozieren, je nach seinem Charakter auf satirische, hysterische oder ernsthafte Art an ihre Grundwerte, ihre Geschichte, ihre Verbrechen, ihre Traditionen und ihre Entwicklungsmöglichkeiten erinnern soll, ist mir deshalb, so verständlich sie mir als Bürger ist, als Künstler unheimlich. Ich – das, was ich mein „Ich“ nennen will – ist völlig unpolitisch, denn dieses „Ich“ ist kein Subjekt, es ist ein Objekt. Wer spricht, wenn ich spreche, anderes als jene Konstellation, jener Körper, der in einem zufälligen Jahr, in einem zufälligen Land, von dem, was wir Geschichte nennen, überrascht wurde? An dem vielleicht morgen Krebs diagnostiziert wird, der vielleicht auf der nächsten Recherche-Reise von einem kongolesischen Millizionär oder einem Kämpfer des IS ermordet wird – und der diese Krankheit oder diesen Tod genauso hinnehmen wird und hinnehmen muss wie alles, was ihm widerfährt?

Wir haben uns daran gewöhnt zu behaupten – und ich denke, der Stückemarkt des Theatertreffens ist einer der exponierten Orte dieser Überzeugung in Europa –, dass die Idee einer von Könnerschaft und Begnadetheit befreiten Autorschaft, nachdem sie sich so lange im Dunkeln gedulden musste, der Durchbruch gelungen ist. Auch ich behaupte das, ich bestehe sogar darauf, denn ich hasse die billige, die von Stand und Biographie geschenkte Arroganz der Gebildeten und Ausgebildeten. Doch die Idee der Teilnahme und der Kunst als maximal offenen Ort des demokratischen Diskurses, so nützlich sie im Rahmen der Vernichtung des bürgerlichen Autorbegriffs war, ist dabei, diese Freiheit wieder einzugrenzen, ja: sie zu delegitimieren. Es ist nicht nötig – und im Übrigen auch nicht möglich –, dass wir, nachdem wir uns in 50jähriger Kleinarbeit vom Autor befreit haben, uns nun auch von seiner Blindheit, seiner Ziellosigkeit, seiner Zufälligkeit, seiner unendlichen Begrenztheit befreien. Denn vor jeder Sprache oder jeder Theaterpraxis, vor jeder Politik ist ein Autor, dieses sich selbst hervorbringende Wesen, nämlich nicht mehr als ein Symbol des Menschen: dieses zugleich bornierteste und vielfältigste Ding, das es gibt – dieses Durcheinander, diese Verlorenheit, die wir nur mit jenem beharrlichen geistigen Aktivismus parieren können, den wir Kunst nennen.

Was wäre aber ein systematischer, ein kollektiver und damit eben: politischer Ausgang aus dieser Verlorenheit? Was wäre das „Wir“, das das „Ich“, auf dem ich doch beharren will, rettet, es aufhebt, es zu mehr macht als einer moralischen Prüfung? Roland Barthes vergleicht in „Der Tod des Autors“ den Schreibenden – und fügen wir hinzu: den Inszenierenden, den Spielenden – mit einer Figur in der Tragödie, den Leser jedoch mit dem Betrachter dieser Tragödie. Der Leser – und fügen wir hinzu: der Zuschauer – ist es, schreibt Roland Barthes, der über die Blindheit des Autors oder Spielers, mit der dieser gewisse Themen verfolgt und andere nicht, der sich gerade so und nicht anders bewegt, der mit gerade diesen Worten und nicht jenen spricht – der also über all dies hinweg die tragische Stummheit des Autors vernimmt: Der, wenn ich spreche, das hört, wovon ich nicht spreche. Der meinen Akzent hört, meinen Haarschnitt und meine Müdigkeit sieht, der sich über meine Rechthaberei oder die Rechthaberei des Textes, den ich ablese, aufregt. Der intuitiv versteht, was mich als Schweizer, als Europäer, als Theatermacher, als Mann, als Produkt meines Milieus und meiner Biographie begrenzt, bedingt und gefangen nimmt. Es ist der Leser, es ist der Zuschauer, der den Überblick herstellt, der den Text oder das Stück und damit die Autorschaft erst politisiert, und zum Ereignis macht.

Womit ich zum Schluss zur Figur des Zuschauers, also des „Wir“, zur Frage der Öffentlichkeit und des Kollektivs komme. Das war zu erwarten: Die Bedeutung von dem, was wir mit „Autor“ meinen, der Streit um ihn wurde in den 50 Jahren seit Roland Barthes’ Essay von einer tragischen in eine demokratische, von einer erhabenen und hermetischen in eine Sphäre der Teilhabe überführt. Dieser Übergang lässt sich an der jährlich wiederkehrenden Diskussion um die Auswahl des Stückemarkts ablesen: Kaum jemand interessiert sich noch, um was es in den Projekten geht. Interessant ist, wer ihr Autor ist, woher also diese Projekte kommen, wie sie entstanden sind und auf welche Weise sie die Zuschauer ansprechen. Das ist gut so, aber gerade als Zuschauer sollten wir auf der Dialektik dieser Konzepte – also von Begriffen wie Projekt, Kollektiv, Wir – beharren und sie immer wieder neu herstellen. Nehmen wir zum Beispiel den Begriff des „Kollektivs“, wie er seit etwa 10 Jahren im Theater in Mode ist: Dem kleinbürgerlichen Bewusstsein gilt das Kollektiv an sich schon als demokratisch und damit per se als gut. Für mich jedoch ist die Kraft eines Kollektivs erst dann künstlerisch, wenn es in der Wirklichkeit nicht – oder noch nicht – vorkommt. Wenn es ein unmögliches, ein unerhörtes, ein unerfülltes Kollektiv ist. Wenn der Autor, um seine eigene tragische Blindheit zu überwinden, sich nicht einfach mit den Menschen zusammenschließt, die zufällig in der gleichen Institution oder dem gleichen Milieu arbeiten, also ihn in seinen Überzeugungen bloss multiplizieren, sondern sich auf die Suche macht nach Koautoren, die nicht vorgesehen sind von den Institutionen und ihrer Geschichte. Wenn er sich mit Leuten zusammenschließt, die maximal von ihm selbst entfernt sind, die ihn nicht verstehen, die vielleicht sogar seine Feinde sind. Die keine Ahnung von ihm haben, die ihn missbrauchen, ihn einspannen für ihre eigenen Pläne, ihn vor den Augen der Welt lächerlich machen und erniedrigen. Die ihm in Freundschaft oder in Hass verbunden sind oder einfach deshalb, weil ihr Kampf derselbe ist.

Ich habe am Anfang von ein paar Projekten gesprochen: vom „Kongo Tribunal“, das ich mit Minenarbeitern, Rebellen, Managern und Politikern in Afrika gemacht habe. „The Civil Wars“, das ich mit Salafisten und Schauspielern in Brüssel inszenierte und das sich vom maximal Politischen ins maximal Private wandelte, ohne dass ich es hätte verhindern können. „Die Zürcher Prozesse“, für die ich Schweizer Rechtsradikale und Linksintellektuelle in einem Prozess versammelte, nur um am Ende den Rechtsradikalen mit 6 zu einer Stimme zu unterliegen. Und aktuell das Pädophilie-Stück „Five Easy Pieces“, für das ich mit flämischen Kindern arbeite und das mir, über ein halbes Jahr hinweg, klar gemacht hat, warum es Theater gibt, wie beschränkt und doch machtvoll das Konzept der Einfühlung und der Figur ist, wie groß unsere Blindheit ist und wie berechtigt doch unsere Hoffnung auf Erlösung, auf eine gute Zukunft, auf Gerechtigkeit und Gemeinschaft. Nie habe ich mehr erfahren über Europa als im Nahen Osten oder in Zentralafrika. Und nie habe ich mehr darüber gelernt, was es heisst, eine Meinung zu haben, als in meinen inszenierten Auseinandersetzungen mit Rechtspopulisten.

Worauf ich hinauswill: Das Theater und unsere Gesellschaft zu schützen gegen ihre Feinde, die auch meine Feinde sind, kann nicht heißen, die ideologische Unvoreingenommenheit, die blanke Kindlichkeit des Theaters zu leugnen. Es kann nicht heißen, den Raum des Theaters einzuengen auf eine Gesinnungsübung, so gut und hilfreich diese auch sein mag, um die aktuelle Krise des zivilisatorischen Projekts Europa zu überstehen. Natürlich, am Ende des Tages muss man Haltung beziehen, am Ende des Tages mag man gezwungen sein, ein Manifest zu unterzeichnen, in den Untergrund zu gehen oder jene zu unterdrücken, die der eigenen Meinung entgegen stehen – denn mir ist sehr wohl klar, dass in jeder politischen Handlung ein Gutteil Stalinismus liegt, der Wunsch nach einer reinen Doktrin, befreit von aller Dummheit, allen Ängsten und aller Arroganz, die aber doch nur menschlich sind. Theater ist alles, es ist alle von uns, oder es ist nichts und niemand. Deshalb macht es – metaphorisch gesprochen – keinen Sinn, ein Shakespeare-Festival zu veranstalten und nur die nette Ophelia und die kritische Laientheatergruppe aus „Hamlet“ einzuladen, weil alle anderen Figuren offensichtlich eingebildete, elitäre, wirre, gewalttätige, infantile, bizarre und gestörte Arschlöcher sind. Kunst hinnehmen heißt akzeptieren, dass alles, was menschlich ist, zugleich zuviel ist, um es zu verstehen, und doch so unlösbar an seine Bedingungen und sein jeweiliges Wesen geknüpft, dass es tragisch durchschaubar ist und – ja, leider ist es so – auf die Nerven geht.

Doch was rede ich da? In der diesjährigen Jury sitzen ja keine Nur-Regisseure oder Nur-Schriftsteller oder Nur-Theoretiker oder Nur-Aktivisten – was alles allein schon viel wäre – sondern eben das, was ich selbst, nachdem der Autor ja tot ist, nun abschließend als Autor bezeichnen will: Menschen, die in immer neuen Zusammenhängen arbeiten und doch auf ihren ganz eigenen Wegen unterwegs sind. Jede und jeder Autor eines beeindruckenden Werks und darüber hinaus Menschen, die ich schätze und bewundere.

Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen mit der zweifellos grandiosen Auswahl, die Sie Ihnen in den nächsten Tagen präsentieren werden.

 

Rede, gehalten im Mai 2016 zur Eröffnung des Stückmarkts des Berliner Theatertreffens. Eine gekürzte Version erscheint am 6.9.2016 in der NZZ – Neue Zürcher Zeitung.