Beim Ausmisten der Aufkleber

Von Philip Meinhold

 

Zum ersten Mal seit zwanzig Jahren ziehe ich um. Und dazu gehört es, auszumisten. Meine Freundin behauptet, ich sei ein Messi – was übertrieben ist. Aber ich gebe zu: Es fällt mir schwer, mich von Dingen zu trennen, an denen mein Herz mal hing.

Da sind meine Kicker-Sonderhefte zu den Fußballweltmeisterschaften, meine Stapel mit Zeitungsartikeln und meine Sammlung von Musikkassetten. Was habe ich diese Europa-Kassetten geliebt! Von den Fußballer-Autogrammkarten der frühen achtziger Jahre habe ich meiner Freundin noch gar nichts erzählt.

Ich nehme mir meine Aufkleber-Sammlung vor, die ich als Kind in mühevoller Kleinarbeit angelegt habe. Es sind mehrere Hundert Sticker, die ich nicht wie üblich auf Möbel und Türen klebte, sondern ordentlich in einer Schublade hortete. Die letzten zwanzig Jahre haben sie in einem Karton im Keller überdauert; nun schütte ich sie auf dem Teppich aus, sie erscheinen mir wunderschön und geradezu lebenswichtig. Mit jedem Aufkleber, den ich in die Hand nehme, ist es, als würde ich eine Madeleine in einen Tee tunken.

Da sind die aus den Micky-Maus-Heften mit lustigen Sprüchen, da sind die Werbeaufkleber, die ich auf Funkausstellung und Grüner Woche ergatterte. Da sind die Autoaufkleber mit Fußball-Wappen, die es als Trostpreis auf dem Rummel gab; da sind jene, die ich mir in einem Klimbim-Laden namens Klinkert kaufte, in den ich als Grundschüler mein Taschengeld trug: ein Gerippe mit dem Slogan „Rauchen macht schlank“; ein Autoaufkleber mit der Aufschrift: „Überholen sie ruhig, ich kaufe ihren Schrott auf!“ Es kann kein Zufall sein, dass die Klinkerts pleitegingen, nachdem ich in die Pubertät kam.

„Was machst du da? Bist du verrückt geworden?“, fragt meine Freundin. Auf dem Teppich haben sich kleine Stapel gebildet. „Ich sortier sie nach Themen“, antworte ich.

Da sind die politischen Sticker: „Atomkraft todsicher“, „Sonne statt Reagan“, „Stell Dir vor, es ist Krieg – und nur Kohl geht hin“, die Weissagung der Cree darf nicht fehlen. Ein Aufkleber der SPD mit dem Konterfei Hans-Jochen Vogels: „Mit nem Vogel lebt sich’s besser“; einer der CDU: „Wir lassen uns nicht ‚verapeln‘ “.

Ein Stapel bildet so etwas wie eine Chronik des untergegangenen Westberlin: Werbeaufkleber des Berliner Luft- und Badeparadies „Blub“, das mittlerweile abgebrannt ist, der Mitfahrzentrale am Zoo sowie des Blue Moon, in dem wir später Docs und Bomberjacken kauften.

Ich nehme einen Sticker der Alternativen Liste in die Hand, den ich 1985 auf ihrer Wahlparty im Metropol kaufte: Ich war vierzehn, auf der Bühne sang George Kranz seinen Welthit „Din Daa Daa“, und die AL zog mit 10,6 Prozent ins Abgeordnetenhaus ein: „Gegen die Arroganz der Mächtigen!“

Ich packe die Aufkleber in den Karton zurück, zusammen mit dem Kicker-Sonderheft der WM 1982 und den Europa-Kassetten. „Und, was machst du damit?“, fragt meine Freundin. „Na, aufheben“, sage ich. Für einen Abend im Altersheim.

 

Zuerst erschienen in der taz am 28. 3. 2017

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Prost Pazifismus

Von Frédéric Valin

Das Leben des Menschen ist kurz. Wer sich betrinken will, hat keine Zeit zu verlieren. (Arno Schmidt ) Trinker sind Pazifisten, sie können gar nicht anders. Sie haben es im Blut, und „es“ meint hier den Alkohol. Als Joseph Kessel in den 50ern Amerika besuchte, um eine Artikelserie über die Anonymen Alkoholiker in New York zu schreiben, traf er recht oft auf Abstinente, die mit dem Trinken aufhörten, weil sie ihre Musterung nicht bestanden hatten (und entsprechend nicht nach Europa fahren durften, um dort umzukommen).

Wer säuft, ist für den Krieg ungeeignet, Charles Bukowski wurde 1943 wegen Untauglichkeit wieder nach Hause geschickt, und Dylan Thomas, König der Säufer und Kriegsgegner bis ins Mark, kam derart rotzbesoffen zu seiner Musterung, dass man beschloss, ihn nicht in die Normandie zu schicken, um sich da von der Wehrmacht totschießen zu lassen. Wenn wir heute ihre viel zu frühen Tode beklagen (1) – , vergessen wir also gerne, dass der Alkohol ihnen sehr wahrscheinlich eher ein paar Jahre geschenkt hat. Das ist Ironie.

Wie der griechische Dichter Anakreon, seines Zeichens der erste von vielen literarischen Säufern, zu sagen pflegte: Es ist besser, betrunken auf dem Boden zu liegen als tot. Er starb 495 v. Chr., da war er 85 Jahre alt, als er sich an einer Traube verschluckte. Wäre er beim Wein geblieben, wäre er vielleicht heute noch am Leben.

(1) Insbesondere bei Dylan Thomas, der knapp 39-jährig in New York an seiner letzten Bestellung eingegangen sein soll. Es seien wohl an die 18 Whiskey gewesen, die er an jenem Tag trank, dann: Alkoholvergiftung, fünf Tage Koma, Exitus. Seine letzten Worte waren: „Ich glaube, das war Rekord.“

Auszug aus „Trinken gehen“ von Frédéric Valin, erschienen im Frohmann Verlag.