Untertöne für Untertanen

Von Manja Präkels

Isolieren, denunzieren, abschieben – die geplante Kasernierung von Flüchtlingen untergräbt deren Grundrechte. Die CSU erhofft sich freilich genau davon den Sieg bei der Landtagswahl in Bayern.

Es ist ein Vorhaben von höchster Priorität. Im Herbst sollen die ersten von Union und SPD im Koalitionsvertrag vereinbarten sogenannten Anker-Zentren eröffnet werden. AnkER steht für „Ankunft, Entscheidung, Rückführung“. Da klingt die „strategische Topmanagement-Beratung auf höchstem Niveau“ des Beratungsunternehmens McKinsey durch, die auch vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) in Anspruch genommen wird. Was es bedeutet: Bis zu 1.500 Geflüchtete pro Zentrum sollen für die gesamte Dauer ihrer Antragsprüfung kaserniert werden. Erst mit positivem Asylbescheid erfolgt die Verteilung auf Städte und Gemeinden. Wer keinen erhält, wird direkt abgeschoben. Diese schnelle und vor allem der Wahrnehmung der Zivilgesellschaft entzogene Abschiebung ist das Hauptziel der neuen hochgesicherten Lagerhaft, die sich „Bleibepflicht“ nennt. Außerdem sollen hier alle zuständigen Behörden unter einem Dach arbeiten und so die Verfahren beschleunigen. Je nach „Bleibeperspektive“ sind dennoch Aufenthalte von bis zu 24 Monaten möglich.

Wer wissen möchte, wie es in den Anker-Zentren aussehen wird, dem sei ein Besuch in der „Aufnahmeeinrichtung Oberfranken“ (AEO) in Bamberg oder im „Transitzentrum“ Machning/Ingolstadt empfohlen. Beide funktionieren bereits weitgehend nach demselben Prinzip. Die Zustände dort sind aus Perspektive der Flüchtlinge als verheerend zu bezeichnen. Sie sind mit verschärfter Residenzpflicht hinter Stacheldraht isoliert, von Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und Bildungsmöglichkeiten ausgeschlossen. Türen können nicht abgeschlossen werden, die Zimmer werden regelmäßig von Security-Mitarbeitern durchsucht, und um der gesetzlichen Schulpflicht für Kinder genüge zu tun, gibt es reduzierte Unterrichtseinheiten direkt im Lager.

Schon in der letzten Großen Koalition hatte die CSU auf gesicherte Massenunterkünfte als Generallösung gesetzt. Damals scheiterte sie noch am Widerstand der SPD. Nun, da die Anker-Zentren auf Bundesebene Regierungswille sind, ist Widerstand in den Ländern gefragt. Und tatsächlich artikuliert sich hier und dort vorsichtiger Unmut. So wundern sich etwa Mitarbeiter der Saarländischen Aufnahmestelle im Städtchen Lebach laut über die Ankündigung ihres Ministerpräsident Tobias Hans (CDU), in der Pilotphase mitzuwirken. Selbst als 2015 bis zu 5.000 Geflüchtete in Zelten campieren mussten, hätte man sich stets auf die Akzeptanz der Menschen vor Ort verlassen können. Es gibt dort weder Zäune, noch Kontrollen. Kein Bedarf an systemischer Veränderung. 600 Kilometer weiter östlich hält Sachsens Integrationsministerin Petra Köpping (SPD) die Pläne ihrer Landesregierung gar für eine Gefährdung der Inneren Sicherheit. Man müsse darauf achten, Bundes- oder Landespolizisten „in solchen selbst geschaffenen Gefährdungspunkten nicht zu verheizen.“ Ähnlich sieht es Mecklenburg-Vorpommerns Innenminister Lorenz Caffier (CDU): Die Kapazität von 1.000 bis 1.500 Flüchtlingen sei „zu hoch, da es bei dieser Größe viel Konfliktpotenzial geben könnte“. In solchen Kritiken schwingt stets ein hässlicher Unterton mit. Schließlich ist auch die AfD der Ansicht, dass die neuen Massenunterkünfte „den Frieden in der Region gefährden“ könnten und plädiert deshalb dafür, sie ins Ausland oder wenigstens in unmittelbare Grenzlage zu verlegen.

Und weil weiterhin die Devise gilt, die AfD sei nur zu besiegen, indem man ihre Themen übernimmt, traut sich kaum ein Landespolitiker neben Sicherheitsaspekten auch den „massiven Eingriff in die Grund- und Menschenrechte“ zu kritisieren, den die Landesflüchtlingsräte in den Anker-Zentren sehen.

Nur aus der CSU gibt es keine Untertöne mehr. Begeistert von der eigenen Regierungspotenz pöbelt man in zünftiger Offenheit fröhlich vor sich hin. Etwa am Beispiel Ellwangen, wo sich Migranten mit einem jungen Mann aus Togo solidarisierten und kurzfristig dessen Verhaftung verhinderten. Der 23jährige sollte nach der Dublin-Verordnung, also ohne inhaltliche Prüfung seines Asylantrages, nach Italien überstellt werden. Dort leben nach Angaben der „Ärzte ohne Grenzen“ bereits jetzt Tausende wohnungslose Geflüchtete unter unmenschlichen Bedingungen am Rande der Gesellschaft. „Unser Protest war bestimmt, aber zu jedem Zeitpunkt friedlich“, erklärten die ungehorsamen Mitbewohner anschließend. Für Bundesinnen- und Heimatminister Horst Seehofer war es dennoch ein „Schlag ins Gesicht der rechtstreuen Bevölkerung“. Dass diese prompt zurückschlug, indem sie dem Anwalt des jungen Togoers Morddrohungen schickte, wurde indes von CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt übertönt, der eine veritable Verschwörung herbeifantasierte: „Die Anti-Abschiebe-Industrie nutzt die Mittel des Rechtsstaates, um ihn durch eine bewusst herbeigeführte Überlastung von innen heraus zu bekämpfen.“ Tatsächlich ist wohl eher das Gegenteil der Fall, denn viele Negativbescheide des BAMF scheinen weniger der Rechtslage als politischem Druck zu folgen. Anders ist kaum zu erklären, dass 2017 rund 44 Prozent der Verfahren gegen BAMF-Bescheide zugunsten der Asylbewerber ausgingen. Wie hoch wohl die Fehlerquote in den neuen Anker-Zentren sein wird? Wir werden es vielleicht nie erfahren. Schließlich soll die Isolation der Asylbewerber auch die Rechtsberatung erschweren, während gleichzeitig die zivilgesellschaftlichen Akteure der einst von Angela Merkel ausgerufenen Willkommenskultur mit immer neuen Abschreckungsmaßnahmen traktiert werden. Wie im Fall einer Gießener Gruppe von Flüchtlingspaten, die nun vom Job-Center für den Unterhalt ihrer Schützlinge zur Kasse gebeten werden.

Mit den Anker-Zentren soll solch solidarisches Handeln von vorneherein unterbunden werden. Unklar ist aber noch, wer die Lager sichern und kontrollieren soll. Seehofer sieht diese Aufgabe bei der Bundespolizei. Deren Gewerkschaften sind gar nicht begeistert von der Idee. „Mit uns nicht“, erklärte beispielsweise Jörg Radek, Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP), die ein zehnseitiges Schreiben zum Thema an die Bundestagsfraktionen von CDU, SPD, Linken und Grünen verschickte. Unter anderem heißt es darin, die Anker-Zentren seien mit dem deutschen Recht unvereinbar. Eine „Haft ohne richterlichen Vorbehalt“ würde gegen Artikel 104 des Grundgesetzes verstoßen. Auch bringe die „Internierung oder Freiheitsentziehung“ letztlich keine schnelleren Asyl-Entscheidungen. Davon abgesehen wolle man nicht zur „Lager-Polizei“ werden, so Radek.

Seehofer dürften solche Einwände einerlei sein. Er hat mit dem Thema Ankerzentren vor allem eines klargestellt: Wer CSU wählt, wählt Abschiebung. Das freut den deutschen Untertan: Dem jüngsten »ARD-Deutschlandttrend« zufolge hat der CSU-Vorsitzende bei der Zufriedenheit der Wählerschaft im Vergleich zum März zwölf Prozentpunkte hinzugewonnen und liegt nun bei satten 47 Prozent. Angst machen, Stimmen fischen, denunzieren. Rechts von der CSU die Wand. Die nächste Wahl steht an.

 

Zuerst erschienen in der Wochenzeitung Jungle World, Ausgabe 20/2018

 

 

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Im schönsten Wiesengrunde

von Manja Präkels

„Hitler kaputt.“- im Mai 1945 hatte die Rote Armee die Schlacht um Berlin für sich entschieden. Neunundvierzig Jahre später, im Sommer 1994, verließen die letzten Soldaten der Westgruppe der Truppen Ostdeutschland, vielfältige Erinnerungen an Freund- und Feindschaften hinterlassend.

 

Anfrage an den Sender Jerewan: Stimmt es, dass der Kapitalismus am Abgrund steht?

Antwort: Im Prinzip ja, aber wir sind bereits einen Schritt weiter.

 

Als Victor Ivanovich Nikitin, gemeinsam mit dem Alexandrov-Ensemble beim Friedenskonzert im August 1948 am Berliner Gendarmenmarkt Im schönsten Wiesengrunde anstimmte, weinte die zerstörte Stadt. „Unter jedem Dach ein Ach“ hieß es damals. Und dort, an diesem Sommertag im Schutt mag mancher still für sich gedacht haben, dass es nun endgültig vorbei sei, mit dem Krieg. Für den Moment war „der Russe“ kein Feind mehr, sondern dieser großartige Sänger, der sich die Mühe machte, den Deutschen ein Lied vorzusingen, in ihrer Sprache. Das Konzert wurde im Radio übertragen und erreichte so Millionen Ohren. Meine Großmutter heulte, wenn sie nur daran dachte. Aber zum Heulen war ihr eigentlich immer zumute, wenn sie vom Krieg und seinen Folgen sprach.

An einem sonnigen Nachmittag war es auch, sie saß auf ihrer blauen Plüschcouch und strickte an einem Westover, dass sie mir von ihrer Freundin erzählte: „Die sind jede Nacht über sie drüber.“ Irgendwann sei die Freundin auf der Flucht zurückgeblieben. „Zum Sterben“, erklärte meine Oma, ohne dass ich danach gefragt hätte. „Mich haben sie verschont, ich hatte ja das Kind dabei. Die waren sehr kinderlieb.“ Ich war zwölf und verstand diese Geschichte als eines unserer vielen, kleinen Geheimnisse. Später, als sie meiner Schweigsamkeit gewiss war, erzählte sie mir von einem jungen Soldaten: „Ein Russe, noch grün hinter den Ohren.“ Sie saß mit dem dreijährigen Jungen, der Mama zu ihr sagte, aber nicht ihr Sohn, sondern eine der vielen Kriegswaisen war, in einem Berliner Keller, versuchte Nahrung aufzutreiben, zu überleben und herauszufinden, wo ihre Familie geblieben war, ob und wo die Eltern und Geschwister noch lebten. „Da war eine Eckkneipe. Gab’s immer Freitag was zum Essen.“ Meine Oma hatte einen Verehrer unter den dort Beschäftigten. „Hinter der Theke war so eine Luke, da ging’s steil runter zu die Fässer.“ Sie lockten den Jungen mit Zigaretten. „Dann haben die ihn da runtergeschmissen und am nächsten Tag gab es Kaninchenfleisch.“ Die Oma strickte, heulte und ihre Tränen tropften auf die Wolle. Ich schwieg verwirrt und ging erst mal an die frische Luft.

In meiner Kindheit gab es jede Menge Russen. Riesige Waldareale waren abgesperrt und nicht nur Pilzsammler fluchten über die Zäune, Mauern und Verbote. Die militärische Nutzung großer Teile der Fläche hat in Brandenburg Tradition, was es nicht besser macht, im Gegenteil. Kasernenkomplexe und Truppenübungsplätze auf märkischem Sand, daran gewöhnt sich kein Bauer und wenn, dann nur, weil er davon profitiert. Der Unterschied zwischen der offiziellen DDR-Lesart und dem tatsächlichen Verhältnis zu den kasernierten „Russen“ konnte kaum größer sein. Nur wir Kinder bewunderten die Soldaten in ihren Parade-Uniformen, dem mehrstimmigen Gesang, ihren glänzenden Instrumenten und Waffen. Zum Tag der Befreiung gab es schulfrei, wir konnten die Zeremonie verfolgen und den Tag im Mai unter freiem Himmel verbringen, statt drinnen, beim Matheunterricht. Bei jedem Salutschuß freuten wir uns diebisch auf die anschließende Suche nach den leeren Patronenhülsen.

Am 7. Oktober 1974, ich befand mich schon im Anflug auf die Erde, meine Mutter kämpfte mit den ersten Wehen, war die Verfassung der DDR um Artikel 6, Absatz 2 ergänzt worden:

„Die Deutsche Demokratische Republik ist für immer und unwiderruflich mit der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken verbündet. Das enge und brüderliche Bündnis mit ihr garantiert dem Volk der Deutschen Demokratischen Republik das weitere Voranschreiten auf dem Wege des Sozialismus und des Friedens.“

„Freundschaft!“, riefen die tiefen Stimmen der FDJ’ler beim Fahnenappell. Wir Pioniere piepsten: „Immer bereit!“ Das klang erhebend, so aus sechshundert Kehlen, doch es bedeutete nichts. Die deutsch-sowjetische Freundschaft in ein Gesetz zu gießen, hieß letztlich, sie aufzugeben. Das galt für beide Seiten.

Die Lehrerin versuchte uns zu überzeugen, dass die DDR genauso ein Land wäre wie unseres, nur ein bisschen Probleme mit Berlin-West hätte sie und eine schwierige Grammatik, dennoch sei das immer noch besser als zum Beispiel Ungarn, wo von Grammatik überhaupt nicht die Rede sein könne. Jedoch blieben all diese Versuche des sowjetischen Bildungssystems, uns das sozialistische Brudervolk in seiner ganzen natürlichen Attraktivität, mit seinen zwar zahlreichen, aber wenig störenden Schwächen zu zeigen, ohne großen Erfolg.

Das erzählt der ukrainische Dichter Sergij Zhadan, Jahrgang 1974, der, wie viele Kinder im Vielvölkerstaat Deutsch als Fremdsprache lernte, so, wie wir in Russisch unterrichtet wurden.

 „Wie heißt du?“, spielten wir die Dialoge im Deutschunterricht nach.

„Ich heiße Hans“.

„Was ist dein Hobby?“

„Mein Hobby ist Sport. Und wie heißt du?“

„Ich heiße Marta“, antwortete die Klassenkameradin.

„Was ist dein Hobby?“

„Mein Hobby ist auch Sport.“

Ein Gespräch zwischen Menschen, die sich offenbar abgrundtief misstrauen.

Auch wir paukten die Vokabeln, bildeten sinnlose Sätze und imaginierten ein Gegenüber ohne Konturen. Der Sowjetbürger war ein unbekanntes Wesen, dem die Russischlehrerin und der ein oder andere Vater schon mal an der „Trasse der Freundschaft“ begegnet waren, aber sonst? Wir spürten die Militärkolonnen regelmäßig vorbeifahren, hörten das Geschirr in den Anbauwänden tanzen und manchmal knallte es nachts, vom Wald her. „Die Russen“, hieß es dann und: „Das arme Schwein.“ Aber was das bedeuten sollte? „Das arme Schwein“, hörte ich die Leute auch rufen, nachdem ein Militärfahrzeug mitten am Tag in ein Wohnhaus hineingedonnert war. Gegenüber arbeitete damals meine Großmutter in einem Obst- und Gemüseladen der HO. Sie war als eine der ersten vor Ort und sorgte sich sehr um Frau Krüger, in deren Wohnzimmer nun das Russenfahrzeug stand. Frau Krüger war unverletzt geblieben. Sie würde nur nie wieder angstfrei Fernsehen können, der Fahrer aber, ein junger Kasache, war auf der Stelle tot.

Ein andermal hielt quietschend und hupend ein grüner Planwagen vor unserer Haustür. Sechs Soldaten saßen an Deck, gestikulierten und lachten mit ihren Steppengesichtern. Schließlich schmissen sie unseren Hund, einen Ausbrecherkönig, der seit Tagen vermisst wurde, in den Hof. Er winselte kurz und verkroch sich in seiner Hütte. Mein Vater, in deutsch-sowjetischen Geschäften erfahren, reichte dem Trupp eine Flasche Goldkrone auf die Ladefläche. Fröhliches Gejohle. Mit quietschenden Reifen fuhr die Mannschaft wieder zurück ihre Kaserne. Druschba. Es dauerte volle drei Tage, bis sich der Hund wieder seiner eigentlichen Bestimmung besann und erneut davon rannte.

Beim Angeln konnte es passieren, dass die Fische morgens mit aufgeblähten, weißen Bäuchen am Ufer trieben. Dann hatten „die Russen“ wieder irgendwelchen Dreck in den See abgelassen. Wir Kinder zuckten mit den Achseln und bauten eben Buden am Waldrand, wo kyrillische Buchstaben, in Birkenborken eingeritzt, unsere Neugierde weckten, wie Grüße aus einer fremden Welt.

Jede der uns umgebenden Kasernenanlagen hatte ein Loch im Zaun, durch das unsere Väter, Onkels, die großen Brüder und Schwestern mit leeren Händen hinein- und mit gefüllten Taschen wieder herauskrabbelten. Der Handel blühte, mein geschäftstüchtiger Vater machte sich Freunde jenseits des Zauns und unversehens erreichte uns eine Einladung, zum Essen, bei einer der Offiziersfamilien. Ungläubig durchschritten wir das Treiben in der Militärstadt, beobachteten marschierende Soldaten, Jungpioniere mit Schleifen im Haar, Offiziersgattinnen auf dem Weg zum Friseur. Da waren sie ja, die Sowjetbürger, direkt bei uns im Wald! Das Essen war eine Wucht. Irritierender noch als den allgegenwärtigen Geruch von Knoblauch empfand ich den verschwenderischen Umgang unserer Gastgeber mit Butter: Zerlassene Butter, geschlagene Butter, geschnittene Butter, Butter in, auf und um alle Gänge herum. Das Hüftgold der Gastgeberin, ihr glockenhelles Lachen bleiben mir unvergessen.

Ein paar Wochen später donnerte ein Jagdflugzeug der „Russen“ gegen den denkmalgeschützten Wasserturm am Ortseingang. Pilot tot, Turm kaputt. Der Anfang vom Ende.

Am Nachmittag des 19. November 1988 begann Silke Hasselmann, Moderatorin beim   Jugendradio DT 64, ihre Sendung mit der Bemerkung: „Ein Sputnik ist heute abgestürzt.“

Für einen kurzen Moment schien es noch einmal, als wehe ein frisches Lüftchen über die Äcker, als gäbe es doch einen Tropfen Blut in der ollen Mumie der deutsch-sowjetischen Freundschaft: „Von der Sowjetunion lernen heißt siegen lernen!“. In Schwerin konterten aufmerksame Zeitgenossen das Verbot der Sputnik-Ausgabe, die unter anderem den Hitler-Stalin-Pakt zum Thema hatte, indem sie einen zur Erinnerung an den Sieg der Roten Armee umfunktionierten T-34-Panzer bepinselten: „Befreit uns noch mal!“ und „Perestroik(a)“.

Friedensmessen. Montagsdemos. Mauerfall. Jubel. Die Welt lag nun im Westen. Noch im April 1989 war der Kosmonaut Krikaljow als Held der Sowjetunion dekoriert worden. Er flog erneut ins All und erfuhr dort vom Zusammenbruch seines Landes. Die Turbulenzen auf der Erde sorgten dafür, daß er unfreiwillig länger bleiben musste. „Unsere hauptsächliche Sorge war, unser Programm abzuarbeiten. Wir haben zwar ab und zu Nachrichten bekommen, aber wir wollten einfach nur ordentliche Arbeit abliefern.“ So klang er, der letzte Sowjetmensch.

Am 6. Juli 1990 sah sich DDR-Verteidigungsminister Rainer Eppelmann erstmals gezwungen, von Gewalttaten gegen sowjetische Militärs zu berichten. Die Zusammenstöße seien nur darum glimpflich verlaufen, weil Offiziere ihren Soldaten vorher die Waffen weggenommen hatten.

Die Illustrationen in den Schulbüchern zeigten die Bürger der DDR als sorglose Männer in geckenhaften karierten Sakkos oder aber als lächelnde Fräuleins mit gewagter Frisur. Außerdem waren in den Fibeln eine Unzahl von Schülern abgebildet, kaum aber ältere Menschen, aus dem einfachen Grunde, weil die Menschen in der DDR nicht alterten, sondern sich auf lange Zeit ihren frischen Geist und biegsamen Körper bewahrten. Wie Elfen. Oder Zombies.

Die Rote Armee war besiegt und die Nazis zurückgekehrt. Sie stiegen nicht aus Gräbern, vielmehr schienen sich ihre Geister der Körper und Köpfe ihrer Enkel und Urenkelinnen bemächtigt zu haben. Sie schmissen Molotow-Cocktails über Kasernentore, jagten uniformierte und zivile „Russen“ in rasender Wut aus Gaststätten und Diskotheken, verprügelten sie, zündeten sie an, warfen Leute aus Fenstern. Ihre Omis und Opis sangen derweil heulend Im schönsten Wiesengrunde bei den Treffen der neu gegründeten Landsmannschaften, wo überhaupt viel geweint wurde. Meine Großmutter fand, dass sich das nicht gehörte, so in der Öffentlichkeit. Sie starb in der Anonymität eines Krankenhauses. Wenigstens war es ein kleines Krankenhaus am Waldrand. Ich bilde mir ein, sie konnte die Piepmätze noch singen hören, und die singen bekanntermaßen überall gleich.

Am 31. August 1994 schien wieder die Sonne überm Gendarmenmarkt, strahlend. Schön. Es hieß, Genosse Jelzin sei nicht ganz nüchtern gewesen. Wollte man ihm das verübeln? Nach 49 Jahren verließen die letzten der einst etwa 550 000 Personen umfassenden Streitmacht auf deutschem Boden das Land. Manöverdonner und illegaler Müllverkippung zum Trotze hinterließen sie gigantische Areale vollkommen unberührter Natur, mit in Europa als ausgestorben geltenden Arten. „Im schönsten Wiesengrunde“ leben nun Wiedehopf und Wolf, Rotbauchunke und Fischotter, Heidschnucke und Ziegenmelker, Italienische Schönschrecke, Dünen-Springspinne, Erdeule, Bläuling und Widderchen fröhlich vor sich hin.

Zum Abschied trug die Ehrenformation der russischen Streitkräfte ein neues, ein anderes Lied vor: „Deutschland, wir reichen Dir die Hand / Und kehren zurück ins Vaterland / Die Heimat ist empfangsbereit, / Wir bleiben Freunde allezeit.“

Schlimmer kann man es nicht beschreiben.

 

Quellen:

– Verfassung der DDR

– Serhij Zhadan in einer Rede vom 15. Februar 2010 http://www.burgtheater.at/Content.Node2/home/ueber_uns/aktuelles/Zhadan_DEformatiert.pdf

 

Zuerst erschienen in der Zeitschrift telegraph 2013

 

 

Auf die Glückseligkeit der Menschen kommt es an

Von Erich Mühsam

Zuchthaus Ebrach, Montag, d. 9. Juni 1919

(…) Leider sind die Unabhängigen keineswegs so unabhängig, wie sie tun. Die Herren Haase, Kautsky und Barth haben uns nach Eisners Tod die ganze Kompromißsuppe, die uns jetzt im Magen liegt, eingebrockt. Und nun erläßt die Partei einen beweglichen Aufruf gegen die zentrifugalen Bestrebungen in Deutschland. Jetzt, wo es nur eins geben kann: die Zertrümmerung des Staats von Grund aus, die Zerrüttung seiner Wirtschaft so schnell wie möglich, damit nicht der etappenweise Einsturz noch viel mehr Opfer fordert – jetzt regen sie sich über die Pfälzer, Rheinländer etc. auf, die Sehnsucht haben, unter lebensmögliche Verhältnisse zu kommen. Das ist die marxistische Verblödung. Einheitsstaat! brüllen sie – die Spartakisten sind die Schlimmsten dabei – und wollen deshalb den alten Bismarckstaat retten, der je eher je lieber zusammengeschlagen gehört. Wenn die Menschen bloß zu der Einsicht kommen wollten, daß es völlig gleichgiltig ist, wo entlang die Staatsgrenzen laufen. Auf die Glückseligkeit der Menschen kommt es an, nicht auf die Art ihrer Einpferchung. Größtmögliche Bewegungsfreiheit des Einzelindividuums ist anzustreben, deshalb größtmögliche Selbständigkeit aller Gemeinden und föderative Verbindung der Bezirke, Länder und Reiche, bei der die Abgrenzung Nebensache, die Berücksichtigung der Eigenarten alles ist. Sie sind für das Rätesystem und für die Zentralisation. Wenn das kein Widerspruch in sich selbst ist, bin ich ein Esel. Lenin, dieser stramme Marxist, hat es schließlich eingesehen und den Lokalsowjets Autonomie gegeben.

Aber in Deutschland scheint es unmöglich zu sein, eine Dummheit auszulassen. Nun Landauer tot ist, werde ich der einzige sein, der den Weg der Revolution klar erkennt. Ob ich aber der Aufgabe gewachsen bin, die parteibesessenen Genossen aller revolutionären Richtungen auf diesen Weg zu drängen, ist eine bange Frage. Ich habe viel Schweres hinter mir in den letzten sieben Monaten – ich fürchte aber, daß ich das Schwerste noch vor mir habe. Aber stark sein ist alles.

(…)

Aus: Erich Mühsam, Tagebücher 6, 1919

Das Sterben der Anderen

 

Von Markus Liske

 

Es ist ein altes Paradox: Menschen lieben Friedhöfe und unternehmen dennoch größte Anstrengungen, um nicht so bald auf einem zu liegen. Die eigene Sterblichkeit wird gemeinhin als beängstigend, das Sterben der Anderen dagegen auf sonderbare Art als beruhigend empfunden. Sicher, den Pariser Père Lachaise mit den Gräbern von Marcel Proust und Jim Morrisson besucht man eher aus touristischem Interesse, ebenso wie den Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin, wo Tucholsky, Brecht und Eisler liegen. Aber was bringt die Leute dazu, über den Friedhof Britz II zu spazieren oder den Wiesbadener Südfriedhof? Ist es die außergewöhnliche Zutraulichkeit der Vögel und Eichhörnchen, die sehr genau zu wissen scheinen, dass ihnen hier von Menschenhand keine Gefahr droht? Oder ist es die spezifische Stille? Ersteres erscheint mir plausibel, letzteres eher nicht.

Ich erinnere mich noch gut daran, wie meine Frau und ich einmal über den St.-Nikolai-Friedhof im Prenzlauer Berg wandelten und vor dem rührend schlichten Grab eines „Willi Weihnacht“ von Meisen überfallen wurden, die sich, in der fälschlichen Annahme wir wollten sie füttern, auf unsere zum Rauchen erhobenen Hände setzten. Das war überaus possierlich, von Stille allerdings keine Spur. Denn wie überall im Prenzlauer Berg, wurde auch hier massiv gebaut. Rund um den Friedhof entstanden die üblichen für die meisten Berliner unerschwinglichen Eigentumswohnungen, mal als Vergewaltigung gründerzeitlicher Altbauten, mal als Neubau in jenem allgegenwärtigen aber bisher namenlosen Stil, den ich an dieser Stelle Kulissendeppizismus taufen möchte. Und so, wie die zuziehenden neureichen Kleinfamilien, deren Fenster zur Straße weisen, zuverlässig alles wegklagen, was den Bezirk einst prägte, also Kneipen, Clubs und Spätshops, so wurde den Bewohnern der hinteren Wohnungen hier schon bald der tägliche Blick aufs Gräberfeld unangenehm. Nachdem die neuen Hausgemeinschaften also mithilfe ihrer Anwälte die vormals belebte Straße in ein Art Friedhof verwandelt hatten, begannen sie damit, auch den tatsächlichen Friedhof in „eine Art Friedhof“ zu verwandeln.

Heute sind weite Teile des Areals ein sogenannter „Leisepark“. Zwar durften ein paar besonders malerisch überwucherte Grabsteine stehenbleiben, aber ein Friedhof ist es nun nicht mehr. Und auch die Meisen und Eichhörnchen gehen lieber wieder auf Abstand, wurde doch ein Teil des Geländes zu einem Spielplatz für die verzogenen Blagen der Zuzügler gemacht. Um diesen Park also tatsächlich als „leise“ empfinden zu können, muss man wohl schon selber Kinder haben, will sagen: jener für Eltern typischen auditiven Störung unterliegen, die das Kreischen Minderjähriger zuverlässig ausblendet und dafür das Geräusch von aneinanderstoßenden Biergläsern unerträglich macht.

Nun könnte man sagen: Besser so als anders. Schließlich plant der Senat bereits, ganze Siedlungen auf Friedhöfen zu errichten, um so dem innerstädtischen Wohnungsmangel entgegen zu wirken. Der Dorotheenstädtische Friedhof wird davon natürlich nicht betroffen sein, ebenso wenig wie Kriegsgräber oder solche, die schon mehrere Jahrhunderte auf dem Buckel haben. Aber dort, wo ausschließlich die im Laufe der letzten siebzig Jahre an Krebs oder Infarkt verschiedenen Ernst und Erna Kalmutzke verbuddelt wurden, wird es mit der Ruhe der Toten bald vorbei sein, und das ist nicht nur in Berlin so. Zwar gibt es nicht überall Wohnungsnot unter den Lebenden, unter den Toten aber schon. Es ist dies vor allem ein mathematisches Problem: Hätte jeder Mensch auf Erden ein Anrecht auf die Unantastbarkeit seines Grabes, wäre unser Planet schon bald ein einziger Friedhof. Deshalb werden Gräber nur für begrenzte Zeit vermietet. In der Regel zahlen das die Kinder, bestenfalls noch die Enkel. Danach ist Schluss, und eine neue Leiche darf einziehen. Die ursprüngliche Idee also, mittels Grabstein ewiglich an den Verstorbenen zu erinnern, ist längst perdu.

Kein Wunder, dass sich heute 75 Prozent der Menschen für eine Feuerbestattung entscheiden und viele von ihnen nicht mal mehr ein Urnengrab wollen, sondern ihre Asche irgendwo verstreuen lassen. Man könnte das vernünftig nennen, aber einen Haken hat die Sache doch: Wenn von den bereits vorhandenen Gräbern nur die bleiben, denen aufgrund von Alter des Steins, Prominenz des Insassen oder Tod infolge von Krieg und Vernichtungen eine erhöhte Pietät zuerkannt wird, dann wird die Welt in der wir heute leben eines Tages völlig verschwunden sein.

Aus ästhetischer Perspektive mag das als geringer Verlust erscheinen. Wer würde sie schon vermissen, all die von miserablen Bildhauern lustlos hingehackten Engelsfiguren aus Marmorimitat? Aber der Historiker in mir stört sich dennoch an dieser doppelten Vergänglichkeit. „Sollen ruhig alle Billy-Wegwerfregale in der Recyclingtonne landen!“, ruft dieser ewige Grantler. „Sollen die kulissendeppizistischen Eigenheimsurrogate schnellstmöglich Weltraumbahnhöfen weichen und alle Smarts und Twingos zu Bierbüchsen werden! Aber ist es wirklich in unserem Sinne, wenn die Kinder der Zukunft denken, der Tod sei etwas, was 1945 abgeschafft wurde?!“

Andererseits: Wahrscheinlich denken sie das ohnehin schon, wenn sie sich beim Rumtollen auf dem „Leisepark“ ihre Milchzähne an Grabsteinen des 19. Jahrhunderts ausschlagen. Wie sollte es auch anders sein, wo doch schon ihre Eltern das Sterben der Anderen nur noch als Belästigung empfinden?

Insofern muss ich mich wohl korrigieren: Nicht alle Menschen lieben Friedhöfe. Ja, es werden immer weniger. So, wie man heute glaubt, die Armut abzuschaffen, wenn man die Armen aus der Stadt drängt, so versucht man den Tod zu besiegen, indem man Friedhöfe planiert. Der Historiker in mir kann da schimpfen, wie er will. Ändern kann er nichts und muss sich mit dem Gedanken trösten, dass dem finalen Nichtgewesensein dieser geschichtsverachtenden Generation neureicher iPhone-Techno-Ökos eine höhere Gerechtigkeit innewohnt. Schade nur um Ernst und Erna Kalmutzke. Und um Willi Weihnacht natürlich.

 

„Das Sterben der Anderen“ erschien im Oktober 2014 als „Liskes Kolumne“ im Magazin Leben & Tod

 

Wir sind Feinde auch hier im Gefängnis noch

Von Erich Mühsam

Niederschönenfeld, Montag, d. 25. Dezember 1922.

Mein viertes Festungs-Weihnachten. Gestern – am Heiligen Abend – war ich ernstlich krank. Ob’s vom Herzen ausgeht, dieser Zustand vollständiger hilfloser Schwäche, bei dem die Füße nicht tragen wollen und die Därme nichts halten mögen, oder ob eine Darmvergiftung Voraussetzung ist für die übrigen Erscheinungen, die mit Fieber, Schweißausbrüchen, Gürtelgefühl, allgemeinem Versagen der Physis – den Durchfall und Brechreiz begleiten, kann ich nicht beurteilen. Jedenfalls war der Zustand gestern wieder mal recht arg und verleidete mir das Fest gründlich, das im übrigen angenehmer verlief als im vorigen Jahr, wo die Duske-Schweinerei grade in Flor war. Ein Krach-Intermezzo gab es auch. Wir hatten – die weitaus große Mehrheit aller Genossen – zusammen einen Weihnachtsbaum von der Verwaltung bezogen (die ihn „äußerst billig“ für 200 Mark lieferte). Da man uns vorgestern wieder den nach Rain zu liegenden Gang des Stockwerks abgesperrt hat – die dort noch untergebrachten Genossen wurden in die Zellen Hartigs, Glaßers und Liebls verstaut, dessen Sachen man in eine Zelle des gesperrten Ganges schloß (woraus zu schließen ist, daß dieser Mann mindestens nicht vor dem Abgang eines weiteren Genossen wieder unter uns zu erwarten ist), konnte der Baum nur am Ende des Mittelgangs einen guten Patz finden. Daran nahm aber Egensperger Anstoß, und es gab großes Geschrei, weil man die 5 nicht um Erlaubnis gebeten habe. Das Ende vom Liede – ohne Keile ist es glücklicherweise abgegangen – war, daß Egensperger zum Vorstand zitiert wurde, der ihm mit Einzelhaft gedroht haben soll, von der er nur wegen des Weihnachtsfestes absehe, (übrigens ist Schiff vorgestern von seiner Einzelhaft wieder heraufgekommen). So war diese Tragödie denn glücklich beigelegt. Da die Ergiebigkeit der Weihnachtsgaben diesmal nicht so reichlich war wie früher, mußten wir die Idee, im größeren Kreise eine Fresserei zu machen, aufgeben. Unsere Tischgesellschaft (Toller, Klingelhöfer, Ringelmann, Weigand und ich) vereinigte sich jedoch zu einer Mahlzeit, die wir zum guten Teil durch Barkäufe ermöglichten. Doch gab es überraschendes Nebenwerk, da Klingelhöfer gebackene Schnecken beisteuern konnte und auch ein guter Schnaps vorhanden war. Der Hauptgang war paniertes Schnitzel und Nudeln. Wir haben Tanzmaier zur Teilnahme zugezogen. Ich selbst war kaum imstande, etwas zu mir zu nehmen und ging bald – kurz nach 7 Uhr – zu Bett, um nicht die fröhliche Stimmung der übrigen durch meine Klakrigkeit und mein zusammengesunkenes Dabeisitzen zu trüben. Das war recht ärgerlich, da bis ½ 11 Licht und Betrieb war und ich grade am meisten sonst unter dem Zwang leide, schon um 9 Uhr ins Bett zu müssen. Die Verwaltung benahm sich im allgemeinen in diesem Jahr toleranter als früher. Die Schnapsflaschen wurden im ganzen hinaufgegeben, und es wurde gestern und heute sogar die Post ausgegeben. – Die Hoffnungen auf Weihnachtsentlassungen sind fast alle zusammengebrochen. Die Genossen vom Mitteldeutschen Aufstand sind nach wie vor ohne die geringste Nachricht, was aus ihnen wird. Hingegen erhielt Daudistel grade noch am Tage vor Weihnachten – zur Erhöhung der Festtagsfreude – wieder die Ablehnung eines Gesuchs unter Hinweis auf die früher geltend gemachten Gründe, worunter sich auch der befand, daß der Tatbestand, auf den sich das Urteil stützte, auch angenommen, er sei unzutreffend gewesen, nichts zur Sache tue, die Höhe der Strafe (6 Jahre) wäre auch sonst angemessen erschienen. – Aber eine „Begnadigung“ ist doch erfolgt. Bedacht erhielt gestern die Mitteilung, daß er am 17. Januar auf Bewährungsfrist bis 1928 entlassen wird. Er rettet dadurch 1 Jahr 11 Monate. Zu dieser Eröffnung hat Bedacht einen schriftlichen und einen mündlichen Kommentar erhalten, von denen gesprochen werden muß. Die Entscheidung des Würzburger Volksgerichts ist ein Dokument von eminenter Wichtigkeit für uns, da die wahre Gesinnung der bayerischen Justiz noch in keinem amtlichen Aktenstück so durchsichtig niedergelegt ist. Zunächst schon wird die Bewährungsfrist diesmal ausdrücklich vom Wohlverhalten draußen abhängig gemacht und an die Bedingung geknüpft, B. müsse sich jeden „politischen Heraustretens“ enthalten. Er hat also nicht erst dann das Nachbrummen zu gewärtigen, falls er eine Neuverurteilung von mindestens 3 Monaten Freiheitsstrafe verwirkt, sondern schon bei jedem öffentlichen Auftreten, und Herr Hoffmann hat ihm das unten noch extra dahin ausgelegt, daß er noch nicht einmal eine Festrede auch nur in einer Gewerkschaftsversammlung halten dürfe, widrigenfalls er auf der Stelle verhaftet würde. Das Volksgericht führt dann die Gründe an, die es zu seiner Gnadenbezeigung bewogen hat, und da sagt es ganz offen heraus: Es ist glaubhaft gemacht, daß Bedacht von seinen extrem-radikalen Ansichten zurückgekommen sei, der Strafzweck sei also erreicht. – Früher schon hatte Kraus erklärt, man möge sich „bessern“, wie etwa jener Reichardt, dann sei der Strafzweck erreicht und er könne für bedingte Begnadigung eintreten. Jetzt ist diese Auffassung in einem Amtsschriftstück beglaubigt, und wir haben die ungeheuerliche Tatsache vor uns, daß als Strafzweck für die zu Ehrenhaft Verurteilten in Bayern die Brechung ihrer Gesinnung ausdrücklich von einem Gericht bestätigt ist. Dadurch erklärt sich alles. Selbstverständlich ist der gesamte Strafvollzug dem Strafzweck untergeordnet und angepaßt. Die ungeheuerliche Brutalität unsrer Behandlung, die vollständige Loslösung unsrer Gefangenschaftsformen von jeder Gesetzlichkeit, von jedem geschriebenen Recht, ihre gänzliche Einstellung auf Qualen und physisches Leiden soll unsre Überzeugungen ändern. Man traut unsern Charakteren nicht zu, auf die Dauer all den Folterungen gewachsen zu bleiben, die in steter Steigerung über uns verfügt werden, – und eben diese ständige Steigerung und Vermehrung der Qualen erweist sich nun als Folgerichtigkeit in einem klar erdachten System. Unsre Strafe ist nicht mehr Vergeltung – obwohl dem Rachebedürfnis der ausführenden Organe weitgehende Erfindungsfreiheit gewährt wird; sie ist Unschädlichmachung von Feinden. Wir sind Feinde auch hier im Gefängnis noch. Und nun wird auch die Sonderbehandlung Arcos als logische Konsequenz dieser Auffassung klar. Der Mann, der in der bayerischen Republik seine monarchistische Überzeugung in seinem Meuchelmord aktiv genug bekundet hat, hat bei den Sachwaltern dieser Republik den Beweis erbracht, daß er die erwünschte Gesinnung hat. Es gibt also auch keinen Strafzweck bei ihm mehr zu erreichen, und so wird die Strafe, zu der er der Form wegen verurteilt bleibt, an ihm in Formen vollstreckt, die sie als Strafe eliminieren. Wir stehn da Rechtsbegriffen gegenüber, die schon im alten Rom überholt waren. Wenn diese eklatanten Beweise der Sittenverwilderung in Bayern propagandistisch nur richtig ausgenützt werden! Mir ist das Erstaunlichste an alledem nur immer die vollständige Sinnesgleichheit der Rechtshüter in diesem Lande, für die die tollsten Rechtsbeugungen allesamt die größte Selbstverständlichkeit sind. Sehr interessant ist, was Hoffmann Bedacht noch mündlich zu alledem hinzugesetzt hat, und was Bedacht in voller Naivität erzählt, ohne zu merken, was für Ungeheuerlichkeiten er damit aufdeckt. Die Gnade, die ihm erwiesen werde, sei unermeßlich. Grade er habe sich schon während des Krieges mit den Verrätern verbunden, die das Unglück Deutschland vorbereiteten, also das schwerste Verbrechen gegen das Vaterland begangen, das denkbar ist (Bedacht wurde zu einer hohen Strafe verurteilt wegen Meuterei im Kriege, die 1918 amnestiert wurde. Die Refus, die Daudistel dauernd bekommt, dürften auch damit in Verbindung stehn, daß er bei dem Reichpietschunternehmen 1917 in Wilhelmshafen beteiligt und verurteilt war). Er, Bedacht, habe später sich dann wieder der Umsturzbewegung angeschlossen und damit neue schwere Schuld auf sich geladen, unter diesen Umständen sei also seine Entlassung ein Beweis ganz außergewöhnlicher Gnade etc. – Die Auffassung, daß die Strömungen, die während der Weltmetzelei schon den hoffnungslos verfahrenen Krieg zuende zu bringen suchten, verbrecherisch waren, ist so sehr Axiom bei diesen Menschen, die doch objektiv sein sollen von Berufs wegen, daß kein entfernter Gedanke sie jemals daran zweifeln läßt. Sie setzen als selbstverständlich voraus, daß wir selbst ebenfalls finden müssen, daß wir Verbrecher waren, als wir unsre letzte Hoffnung auf menschliche Zustände in der Revolution suchten. Der Gedanke gar, daß die Lage des deutschen Volks unnennbar viel glücklicher wäre, wenn die Revolution früher gekommen wäre, wenn eine der Ordnungswidrigkeiten in der Armee oder der Flotte zu einer wirklichen Sabotage des Kriegs geführt hätte, wenn schließlich die Konterrevolution von 1919 bezwungen worden und die Revolution zur wirklichen Erneuerung des sozialen Lebens geführt worden wäre, – dieser Gedanke liegt ihnen viel zu fern, als daß sie überhaupt begreifen könnten, daß jemand anders ihn haben könnte. Wer ihn aber hat, der ist für sie ein Verbrecher, der zu dem ausgesprochenen Zweck bestraft werden muß, daß er sich bessere und daß seine Überzeugungen gebrochen, also seine Seele durch Quälereien am Körper abgestumpft werde. Das sind die Rechtsbegriffe, die zur Zeit in Bayern Geltung haben und sich rückhaltlos auswirken. Diese Aufklärung hat mir die psychologische Einsicht in die Mentalität unsrer Kerkermeister außerordentlich vertieft, infolgedessen auch meinen subjektiven Groll gegen die Einzelnen gemildert, indem sie die objektive Unversöhnlichkeit in ihrer ganzen Schärfe aufgedeckt hat. Das Kapitel Klassenjustiz – das bedeutet, daß Menschen einer Welt von solchen einer andern, die garkeine Berührungspunkte mit jener hat, gerichtet werden – hat einen neuen Kommentar erhalten. Ich weiß jetzt sicherer als je, daß der Kampf gegen den Staat mit allen seinen Rechtsinstitutionen – ein Kampf, der noch garnicht eigentlich begonnen hat – sich in den Formen abspielen wird, die sich aus der Erkenntnis ergeben, daß die Gegenseite für Logik und Überredungsgründe ohne jegliches Organ ist. Der Beweis dafür ist unser Schicksal. Solange die Reaktion uns physisch in der Gewalt hat, wird sie nicht nachlassen uns zu peinigen, damit wir ihr auch psychisch unterliegen. Diese Erkenntnis ist nicht eben erhebend, wohl aber so nützlich, daß ich mit ihrer Gewinnung mit dem Weihnachtsertrag 1922 zufrieden bin.

 

Aus: „Tagebücher 12. 1922–1923“ von Erich Mühsam, herausgegeben von Chris Hirte und Conrad Piens

Siehe auch: www.muehsam-tagebuch.de

Große Koalition

Von Erich Mühsam

 

Die Reichspräsidenten-Komödie zunächst. Da war nach allerlei Gezottel und Gemächel endlich der Wahltermin auf den 3. Dezember festgelegt worden, und schon sollte der Werberummel für Ebert losgehn, denn kein andrer – dies las man in Sozi- wie in Bayernblättern – hat soviel Anspruch auf das Vertrauen des „Volks“ wie der durch seinen „Takt“ und durch sein vielfach bewiesenes Verständnis für Konterrevolutionäre und ausbeuterische Bestrebungen jeder Art hochbewährte Fritz. Aber plötzlich tauchten Schwierigkeiten auf. Die Stinnespartei, die bisher dauernd auf die Wahl hingedrängt hatte, fand, daß ihr Eintreten für Ebert am Ende doch auf einen Teil ihrer Gefolgschaft, der die Identität von Geschäft und Patriotismus noch nicht ganz begriffen hat, schlechten Eindruck machen könnte, fand andrerseits, daß jetzt grade nach der Einigung der Ditt- und Scheidemänner die Aufstellung eines Gegenkandidaten kaum aussichtsvoll sei, zumal eine bürgerliche Sammelkandidatur infolge der Nominierung Hindenburgs durch die Deutschnationalen nicht mehr möglich war, – und daß die Wahl Hindenburgs für ganz Stinnesien eine Katastrophe bedeuten müßte, mochten sie doch wieder ihren Getreuen nicht gradeheraus eingestehn, und so leiteten Stresemann und die Seinen eine Aktion ein, um die Verschiebung der Wahl auf einen für sie geeigneteren Zeitpunkt zu erreichen, gewannen auch Zentrum und Demokraten und Bayerische Volksparteiler dafür und mußten dann nur vor den Sozi zurück, die auf dem heiligen 3. Dezember bestanden und bei ihren 180 Reichstagssitzen mit den Stimmen der Deutschnationalen und Kommunisten die Mehrheit dafür gehabt hätten. Aber man fand wieder einmal ein wunderbares Kompromiß, ausgeheckt im Bregen Hermann Müllers, freudig aufgegriffen von den Stinnesmannen: es wird eine neue Verfassungsänderung mit ⅔ Mehrheit beschlossen; Ebert bleibt danach ohne Wahl Präsident bis zum 30. Juni 1925 und zwar „definitiver“ statt wie bisher als Platzhalter für sich selbst. Die gewaltige Mehrheit dafür – von Emminger bis Crispien – ist gesichert, und alle Ängste sind behoben. Die Deutschnationalen toben freilich und Escherich tritt trotz seiner Entthronung als der Retter in der Not mit einem offenen Brief an Ebert auf den Plan und ersucht ihn, sich zu dem Betrug nicht brauchen zu lassen. Er hat nämlich anscheinend nicht begriffen, worum das ganze Theater geht: um die endliche Herstellung der „großen Koalition“. Nachdem sie schon das wähleifrige „Volk“ um die schöne Aussicht, nach langer Pause mal wieder persönlich Politik machen zu dürfen, geprellt haben und somit schon ein unsauberes Geschäft miteinander besorgt haben, ist ja die Hauptschranke gefallen und die Regierung in die Lage versetzt, ohne das Eindringen von Grundsätzen gebundener Politiker befürchten zu müssen, sich zu vervollständigen, indem sie die Erweiterung nach „links“ etwa durch Hilferding durch die Übergabe einiger Ressorts an Stinnes-Beauftragte kompensiert. Bei dieser ganzen Groteskposse darf man auch das Verhalten unsrer lieben Parteikommunisten nicht übersehn. Man hätte vermuten können, diese rabiaten Gegner der bürgerlichen Gesellschaft, die den Ministerialismus der übrigen Sozialisten mit heißem Zorn verfolgen, würden sich nicht mit an die Krippe drängen, wenn der auf die Weimarer Verfassung zu vereidigende Präsident aller deutschen Koalitions- und Stinnes-Ministerien zu wählen ist. Aber – je nun: Charakter ist nur Eigensinn, sagt Paul Scheerbart.

 

Aus Tagebücher. Band 12, 1922 – 1923, Auszug aus dem Eintrag vom 21. Oktober 1922.

Siehe auch: www.muehsam-tagebuch.de

Nacht in der Emigration

Von Max Herrmann-Neiße

 

Nachts bin ich ganz allein im Weltenraum,
fern allen Freunden, die mich längst vergaßen.
Die sieben Stock, hoch über Londons Straßen:

Die Katze mir zu Füßen hat die Ruh
als ihr Gehäus. Die Frau an meiner Seite
schloß sich im Schlaf wie eine Blume zu,
ihr Atem nur gibt sanft mir das Geleite.

Da draußen sind die Sterne und der Mond
und werden unser Leben überdauern.
Nachtwandlerisch umschleicht mein Wunsch die Mauern,
dem Frieden fremd, der hinter ihnen wohnt.

Und alle Laute, die das Dunkel haucht,
verwandeln jäh sich in ein kurzes Schweigen.
Dann taumle ich benommen und verbraucht
ins Frühlicht, dessen Züge bleich sich zeigen.

Mühsams letzte öffentliche Rede

Von Erich Mühsam

[…] Und ich sage euch, dass wir, die wir hier versammelt sind, uns alle
nicht wiedersehen. Wir sind eine Kompanie auf verlorenem Posten.
Aber wenn wir hundertmal in den Gefängnissen verrecken werden, so
müssen wir heute noch die Wahrheit sagen, hinausrufen, dass wir protestieren.
Wir sind dem Untergang geweiht. […]

Im Februar 1933 gehalten vor der Berliner oppositionellen Gruppe des
Schutzverbandes Deutscher Schriftsteller.
Aus dem Band “Das seid ihr Hunde wert! Ein Lesebuch” von Erich Mühsam, herausgegeben von Manja Präkels und Markus Liske

«Cemetery of Splendour» von Apichatpong Weerasethakul

 

Von Philipp Stadelmaier

«Sometimes movies don’t really represent a concrete reality. They are more about our existence, our memories.» Apichatpong Weerasethakul

Lange Zeit über war das Kino eine Kunst des Träumens. Ihre Meister hiessen Minnelli und Fellini, Buñuel und Ruiz, Bergman und Lynch. Diese Kunst des Träumens bestand aus dem Geträumten: aus den Défilés der Traumbilder und -figuren, aus den Emanationen und Umschriften des Unbewussten in der Sphäre des Sichtbaren. Das Kino von Apichatpong

Weerasethakul ist ein anderes: nicht das des Geträumten, sondern der Träumenden. Ein Kino des Schlafs. Hier haben sich die Traumbilder in die Tiefe des Schlafs zurückgezogen, ist das Traumgeschehen auf seine äusserste Rinde reduziert: auf die Bilder von Schlafenden. Diese sehen wir, nicht aber das, was sie träumen. Das Kino ist hier nicht mehr die Bühne der

Träume – sondern ihr Grab.

Cemetery of Splendour ist ein solches Grab der Träume. Und dieses ist zunächst ein Grab von Königen, jahrtausendealt und tief verborgen unter der Erde auf dem Gebiet einer alten Schule im Norden Thailands. Soldaten waren hier angerückt, um Leitungen unter der Erde zu verlegen. Nun liegen sie, befallen von einer geheimnisvollen Krankheit, die sie tief schlafen lässt, im alten Klassenzimmer. Ab und an wachen sie auf, um bald darauf wieder das Bewusstsein zu verlieren. Jen, die den Angehörigen der Soldaten Krimskrams verkauft, beginnt, einen der Soldaten zu pflegen, und erfährt von zwei Göttinnen, an deren Schrein sie gebetet hat, den Grund für das Leiden: Die Könige, die hier begraben liegen, rauben den Soldaten ihre Energie, um sie für ihre Kriege zu benutzen, die sie bis heute fortführen: «Sie schlagen sich auch jetzt noch, in diesem Moment.» Die Soldaten träumen, aber wir sehen ihre Träume nie, weil sie im Grab der Könige verschwinden – geträumt wird immer anderswo.

Die Schlafenden halten im Traum aber Kontakt zu dieser örtlichen und zeitlichen Ferne der einstigen Könige, ihrer Kriege, Paläste und Friedhöfe. Und eine Frau mit medialen Fähigkeiten hält wiederum Kontakt zu den Schlafenden, deren Erlebnisse sie den anderen

berichtet, ohne dass sie dem Zuschauer je erscheinen würden. Im zweiten Teil des Films übernimmt sie dann den Geist des Soldaten, um Jen in einem Wäldchen hinter der Schule durch die unsichtbaren Ruinen des alten Palastes zu führen. Da man den Traum und das

Ferne nie sieht, rückt das Ferne ins Nahe, entsteht also ein Kontinuum aus Nahem und Fernem, Anwesendem und Abwesendem, Lebenden und Geistern, Gegenwart und Vergangenheit, Menschen und Göttern, Körper und Geist.

Wie in Uncle Boonmee Who Can Recall His Past Lives (2010), wo ein Sterbender in Kontakt mit den Geistern seines Lebens und seiner brutalen Vergangenheit beim Militär trat, ist dieses Kontinuum vor allem eines der Macht zwischen den Königen von einst und dem Militär, das heute in Thailand herrscht. Auch ist es jenes einer Gemeinschaft, die von dieser Macht gezeichnet ist, denn Weerasethakuls Figuren sind immer Leidende: Jen hat ein geschwollenes Bein, ein anderer hat Würmer, die Soldaten die Schlafkrankheit. Der Schlaf erscheint als die einzige Freiheit in einem Land, wo das Militär alles kontrolliert, während das Medium und die Verbindung des Entfernten dieser Macht eine neue, subkutane Gemeinschaft entgegenstellt. Die Leitungen, die unter der Erde des Krankenhauses verlegt werden, sind ebenso ein Geheimprojekt des Militärs wie neue Möglichkeiten der Kommunikation. Am Ende sagen sich Jen und der Soldat, sie hätten gegenseitig ihre Träume gesehen.

Nun bleibt aber die Macht ebenso wie der «Widerstand» gegen sie ohne Bild, sind sie doch selbst nur anderswo geträumte, bilderlose Träume. Die Kommunikationskabel bleiben unsichtbar; man sieht von Anfang bis Ende nur einen Bagger beim Umgraben der Erde. Was die Menschen untereinander verbindet, ist ebenso verborgen wie das Vorhaben des Militärs.

Dieses ist «so geheim, dass es vor aller Augen statthat», wie es am Ende heisst. Der Bagger schaufelt nur weiter an diesem Grab für die Träume, in das hinein diese entfliehen und verschwinden. Das Traumbild, das stets weit entfernt ist, erscheint auch nicht durch Montage zweier weit voneinander entfernter Bilder, wie bei Jean-Luc Godard. Es entsteht einzig und allein aus Entspannung. So scheint der Film wie auf einer Bilderrolle aufgezeichnet, die alles zusammenhält und sich gleichsam entrollt, entspannt, so wie der Film in zwei Teile (oder gar Filme) zerfällt: Wie in Tropical Malady oder Uncle Boonmee folgt einer Konzentration auf

Innenräume ein Ausflug ins Draussen. Nach den Szenen im Krankenhaus führt das Medium Jen durch den unsichtbaren Palast im Wald hinter der Schule. «Siehst du? Roter Marmor», sagt sie ihr, während die Kamera mürbes Laub auf dem Waldboden zeigt. Das Traumbild entsteht allein im Erschlaffen der Gegenwart, so wie das Laub in seinem Mürbsein schlaff wird und aufhört, nur Bild von diesem Laub zu sein. Und allein diese Entspannung beinhaltet die Politik, aus der heraus oder zu der hin der Film aufwachen lässt: zu einer Politik des Laubes.

Der Ort dieses «entspannten» Traumbilds ist das Kino selbst. Hierhin gehen Jen und der Soldat in der Mitte des Films, wenn dieser also in zwei Teile zerfällt – womit das Kino selbst diese «Bilderrolle» ebenso zusammenhält wie entrollt. Von einer nur zur unteren Hälfte sichtbaren Leinwand verschwinden bald die Bilder eines Trailers und machen einer weissen Leinwand Platz. Es folgt ein Schnitt in den Schlafsaal, der von einer Phalanx von Schlaflampen in wechselndes Farblicht getaucht wird, wonach der wieder eingeschlafene Soldat aus dem Saal getragen wird und die Rolltreppen des Multiplexkinos sich mit dem Schlafsaal überlagern. Der Farbwechsel der Lampen, die surrenden Deckenventilatoren und die Rolltreppen bilden diese minimale, entspannte Bewegung, in der sich im Ruhenden das verborgene Traumgeschehen abzeichnet. Das Kino ist kein Ort der sichtbaren Traumbilder mehr – sondern ein Ort des Schlafs. Ebenso bilden die Röhrenlampen die Kehrseite eines Spektakels des Sichtbaren. Sie strahlen weniger Licht aus, als dass sie es beinhalten. Sie stülpen es auf seine nächtliche Seite um, machen das Licht zum Ding. Sie zeichnen die Träume der Schlafenden in den Raum: ihre äussere, nächtliche, schläfrige Seite.

Weerasethakuls Film erhellt damit eine Zeit, in der die Träume im Kino immer mehr zu Oberflächen und Dingen werden (wie all die Apparate, die die Bilder heute jenseits der dunklen Säle verstreuen). Zuletzt war in The Neon Demon von Nicolas Wending Refn die Schönheit «ein Ding», und in Spielbergs The BFG sind Träume umherschwirrende Farbkugeln. Weerasethakuls Kino ist in dieser Hinsicht das kostbarste. Er schickt den Zuschauer ins Kino wie in die Schule, die der Krankensaal ja früher war. Hier lernt man aber nicht das Aufwachen aus dem Traum, um die schlechten Illusionen zu überkommen, sondern hier lernt man zu schlafen, und (wie es ein Meditationslehrer hier einmal formuliert) im Schlaf zu wachen. Um den schlafenden Dingen wie im Schlaf ihr verborgenes Traumleben abzulesen. Wir müssen lernen, Filme wie im Schlaf zu sehen. Um wach zu sein, wenn mürbes Laub von rosa Marmor träumt.

 

Der Text erschien zuerst im Filmbulletin, Ausgabe 5,  am 16. Juli 2016.