Wehret den Anfängen

von Georg Kreisler

 

Als der große schwarze Bär

kam den Rhein geschwommen,

staunte ich nicht allzu sehr

und hab’s hingenommen.

 

Manche Leute schrien hurra,

doch die meisten waren

still und stumm und tralala,

wie seit vielen Jahren.

 

Zahm und zart und blind und taub

drehte man die Däumchen,

fiel zu Boden, wie das Laub

von den deutschen Bäumchen.

 

Auch der schwarze Bär war ganz

wohlgemut und heiter,

fraß nur rasch den kleinen Franz

und dann schwamm er weiter.

 

 

Als der schwarze Elefant

kam den Rhein geschwommen,

dachte ich: Wie interessant!

Und ich ließ ihn kommen.

 

Wieder sah man keinen Grund,

sich darum zu kümmern.

Alle hielten brav den Mund,

wollten nichts verschlimmern.

 

Und der schwarze Elefant

war entspannt und träge,

fraß den kleinen Ferdinand,

schwamm dann seiner Wege.

 

 

Als das schwarze Krokodil

kam den Rhein geschwommen,

da gefiel mir sein Profil

und ich rief: Willkommen!

 

Doch als es zum Fressen schritt,

diesmal Klein Gerlinde,

schrie das Volk: Jetzt Schluß damit!

Krokodil, verschwinde!

 

Und man schlug das Krokodil,

wollte es zerreißen,

doch das brachte nicht sehr viel.

Krokodile beißen.

 

Erst biß es den Hans ins Knie,

in den Kopf die Else,

und den Knut und die Sophie

biß es in die Hälse.

 

Dann verlor es jedes Maß,

tobte seine Wut aus,

und es fraß und fraß und fraß.

Ja, das ging nicht gut aus.

 

Aus dem Band „Zufällig in San Francisco. Unbeabsichtigte Gedichte“ von Georg Kreisler.

 

 

Russen wie wir

Von Markus Liske

Eigentlich bin ich ein Russe. Also nicht wirklich, aber mein Vater war Russe – allerdings auch nicht wirklich. Heute würde man wohl sagen, er war Ukraine-Deutscher. Doch als er geboren wurde, hieß das noch Sowjetbürger. Und Sowjetbürger hieß Russe, wenigstens in Deutschland und bis 1990.

Mag sein, er war kein vollwertiger Sowjetbürger, schließlich war er erst sieben Jahre alt, als er 1944 nach Deutschland umziehen musste, seine Eltern dagegen – die waren richtige Sowjetbürger. Mein Großvater hatte sogar in St. Petersburg studiert, das damals schon beziehungsweise noch Leningrad hieß. Und meine Großmutter, die war so sehr Sowjetbürgerin, dass sie 1935, als Stalin ihre zehn baptistischen Geschwister ins sonnige Sibirien verbringen ließ, lieber schnell ihrem Glauben abschwor und den jungen Lehrer heiratete, der eben aus Leningrad zurückgekehrt war.

Man kann die beiden also mit Fug und Recht als Russen bezeichnen. Wenngleich sie zu den wenigen Russen gehörten, die heimlich Hitler-Reden im Radio verfolgten, wie mir mein Vater erzählte. Aber abgesehen davon waren sie ziemlich typische Russen. Sie sprachen ja damals nicht mal Deutsch. Meine Großeltern konnten es zwar, auch wenn es bei ihnen „Deitsch“ hieß, mein Vater jedoch sprach ausschließlich Russisch und verweigerte sich der deutschen Sprache lange Zeit so erfolgreich, dass er noch heute manchmal unter Wortfindungsstörungen leidet.

Im Auffanglager bei Bremen, in das man sie 1944 brachte, fand er deshalb auch nicht so richtig Anschluss. Zum Glück beschäftigten die Bauern drumherum russische Zwangsarbeiter. Von denen lernte mein Vater natürlich auch kein Deutsch, aber Schach und eine Reihe toller Kartentricks, die er bis heute beherrscht. Die deutsche Sprache wurde ihm erst nach der Kapitulation eingeprügelt – von meiner russischen Großmutter und das so erfolgreich, dass er danach kein Russisch mehr konnte. Meine Großmutter wollte nämlich keine Russin mehr sein. „Die Russen sind dumm und faul und lassen alles verkommen“, lautete ihr Mantra, nur selten unterbrochen von meinem Großvater, der dann so was krächzte, wie: „Was du immer redest, Alice!“

Nicht, dass mein Großvater zu dieser Zeit noch Russe sein wollte, aber Deutscher wollte er, glaube ich, auch nicht sein. Mir schien er einfach nicht sein zu wollen. Zwar hatte er im Krieg nur einen Finger verloren und in der Kriegsgefangenschaft einen halben Magen, aber etwas weniger offensichtliches musste wohl auch kaputt gegangen sein. Seinen Lehrerberuf jedenfalls wollte er nie wieder ausüben und verabschiedete sich schon bald in eine Bettlägrigkeit, der er noch viele Jahre eisern treu bleiben sollte. Nur manchmal, wenn meine Großmutter in der Küche gegen die faulen Russen zeterte, grollte aus dem Schlafzimmer sein heiseres „Was du immer redest, Alice!“.

Als schließlich auch meine Großmutter verstorben war, fanden wir hinter einem Schrank im oberen Stockwerk ihre stattliche Sammlung von Vertriebenenzeitungen. Ich habe meine Großmutter nie wirklich durchschaut. Vielleicht ist es nicht möglich einen Menschen zu durchschauen, der selbst der Bettlägrigkeit des eigenen Gatten so gründlich misstraut. Andererseits war auch mein Großvater völlig undurchschaubar. Im Gegensatz zu seiner Frau sprach er nie über seine Herkunft, nie über Politik und schon gar nie über den Krieg. „Ein undurchsichtiges Volk, diese Russen“, dachte ich mir manchmal, obwohl das einzig wirklich Russische in ihrem Haus das Essen war. Und das wusste ich nicht.

Wie jedes Kind, sah ich Omas Art zu kochen als das bessere, das ursprüngliche Kochen an, mit dem die modischen Küchenexperimente meiner Mutter natürlich nicht mithalten konnten. Und da ich ja ein deutsches Kind war, waren die Piroggen, der Plow, der Rote-Beete-Salat und die saure Mehlsuppe von Oma natürlich deutsches – oder besser: deitsches – Kulturgut. Das Russische in unserer Familie fand für mich hauptsächlich in den Geschichten meines Vaters statt. Besonders liebte ich seine Erzählung vom Wolf. Der war mal eine ganze Nacht lang knurrend und geifernd um das Plumsklo herumgesprungen, auf dem mein fünfjähriger Vater in sibirischer Kälte um sein Leben zitterte. Jedenfalls war das die Ursprungsversion der Geschichte. In späteren Varianten wurden es erst mehrere Wölfe und dann ein ganzes Rudel, das von meinem Vater mit der Klobürste in die Flucht geschlagen wurde. Auch dies ein Hinweis auf die undurchsichtige Fremdartigkeit der Russen: Klobürsten auf Plumsklos! Aber entscheidend war natürlich der Wolf. Niemand außer mir hatte einen Vater, der schon mal mit einem Wolf gekämpft hatte. Wölfe waren unglaublich russisch.

Noch russischer waren nur die zehn Geschwister meiner Großmutter von denen immerhin drei Schwestern ab Mitte der Siebziger aus dem fernen Sibirien nach Bremen zogen. Tatsächlich kamen sie aus Kasachstan und Tadschikistan, aber dass es solche Länder gab, wusste man damals noch nicht. Genau wie meine Großmutter liefen sie den ganzen Tag in Plastik-Kittelschürzen herum, hatten zwar anfangs noch nicht Großmutters lilane Haare, dafür jedoch durchgängig goldene Zähne, die ich ein bisschen bedrohlich fand. Auch waren sie nicht so mürrisch wie meine Großeltern, sondern polternd und lustig. Besonders laut lachten sie, wenn sie von ihren erfrorenen Männern oder verhungerten Kinder drüben in Sibirien sprachen. Anschließend wurde geweint. Und nicht etwa mit stillen Tränchen, sondern laut heulend und mit ausladender russischer Gestik. Dann gab es Frischkäse-Piroggen, Oma schimpfte in der Küche über „diese Russen“ und Opa krächzte aus dem Schlafzimmer: „Was du immer redest, Alice!“ Das war meine Kindheit als Russe.

Leider zogen wir dann um und sahen die Familie fortan einzig an Weihnachten oder bei den Beerdigungen die nun jährlich anstanden. Am Ende lebte nur noch meine mürrische Großmutter, und weil niemand mehr „Was du immer redest!“ rief, schimpfte sie auch nicht mehr auf die Russen. Nur einmal, an Weihnachten 1989 war es, sie trug gerade den Nachtisch auf während der Kanzler aus dem Fernseher von der „Stunde der Deutschen“ sprach, hörte ich sie hinter mir murmeln: „Jetzt kommen die faulen Russen und machen alles kaputt!“ Da war ich ziemlich irritiert, hatte ich doch inzwischen lernen müssen, dass wir weder Russen noch Russland-Deutsche waren, sondern Ukraine-, Kasachstan- oder Tadjikistan-Deutsche, womit Russland für mich immer weiter nach Osten gerückt war, raus in die kalte sibirische Nacht. Die Vorstellung, ich hätte nun durch die Löcher in der Berliner Mauer direkten Zugang zu diesem Land, verwirrte mich so sehr, dass ich meine leckeren Piroggen zur Hälfte stehen ließ, nicht ahnend, dass ich den kommenden zwanzig Jahren keine mehr bekommen würde. Denn meine Großmutter starb wenig später, und meine geliebte Juschi kommt zwar aus diesem Land hinter der Mauer und hat hübsche slawische Wangenknochen, aber auch sie kann keine Piroggen machen, nur brandenburgischen Schichtkohl.

Russisch jedoch kann sie, was uns vor ein paar Jahren Jahren auf die Idee brachte, gemeinsam mit meinem Vater seine russische, also ukrainische, Heimat zu besuchen. Wir fuhren mit dem Zug, über Lemberg, das Lwow hieß, als es russisch war, und Lviv heißt, seit es ukrainisch ist. Dort auf dem Marktplatz bekam ich endlich wieder Frischkäse-Piroggen, und meine tapfer dolmetschende Juschi musste schnell feststellen, dass sie als Russin hier nicht sonderlich willkommen war, auch wenn ihre Familie ja eigentlich nur aus Polen stammte, zudem aus einem Polen, das seinerzeit deutsch gewesen war. Erst ein Russisch-Ukrainisch-Wörterbuch half ihr aus der Patsche.

Von Lemberg aus fuhren wir hinaus in die wolhynische Steppe, zu deutschen Dörfern in denen heute Ukrainer leben, die eigentlich umgesiedelte Russen sind. Die Dörfer bestanden aus winzigen weiß getünchten Katen und jedes Dorf gab es zweimal, einmal als ukrainisches und einmal als deutsches, also russisches. Letzteres war stets gut daran zu erkennen, dass die Häuschen hier in Reih und Glied standen. Außerdem befand sich in diesem Teil meist das Mahnmal für die Tschernobyl-Toten, weil im anderen Teil ja schon das Mahnmal für die Toten des „Großen, vaterländischen Krieges“ stand. Drumherum war Leere. Ein leeres, flaches Land unter einem leeren, grauen Himmel. Augenscheinlich hatte meine Großmutter nicht gelogen, als sie sagte, die Russen würden alles kaputtmachen, denn weder fanden wir die fruchtbaren Landschaften, von denen sie erzählt hatte, noch die großen mehrstöckigen Bauernhöfe, an die sich auch mein Vater zu erinnern glaubte. Die Russen hatten all das verschwinden lassen. Die großen Badeseen aus den Geschichten meines Vaters waren von ihnen zu Tümpeln geschrumpft worden, die dunklen Wolfswälder abgeholzt und die Hügel abgetragen. Ja, selbst den immer blauen Himmel hatten sie grau angemalt. Der Zerstörungstrieb der Russen war wohl stärker gewesen als ihre Faulheit.

Trotzdem fanden wir einige der Orte wieder. Großmutters Geburtsort „Neidarf“, also Neudorf, hieß nun Solodyri. Meines Vaters Geburtsort Ivanovich hieß Ivanovyci. Nur Nemyryntzi, wo er die ersten Kindheitsjahre verbrachte, hatte seinen Namen behalten. Und als wir dort am Ortsschild standen, winkte ein alter Mann von seinem Kutschbock herüber und fragte, ob wir Touristen seien. Juschi verneinte, denn schließlich hatte mein Vater hier ja schon mal gelebt. Der Alte humpelte durch die Felder auf uns zu, und als er erfuhr, dass wir aus Deutschland kamen, lachte er laut und klärte uns auf, dass heute der Jahrestag jenes Tages sei, an dem seinerzeit die Wehrmacht in Nemyryntzi einrückte. Noch lauter lachte er, als er unseren Namen erfuhr, denn mein Großvater war tatsächlich sein Lehrer gewesen, und auch an dessen kleinen Sohn, der mein Vater war, konnte er sich erinnern. Er lachte, als er mit uns über das alte Schulgelände lief, brüllte geradezu vor Lachen, als er uns die Schulmauer zeigte, an der sie damals von der Wehrmacht zu Selektion und Erschießung aufgestellt wurden und sein goldenes Gebiss funkelte prächtig dazu. Am Ende erfuhren wir noch, dass mein Großvater nach vollzogener Säuberung mit den Soldaten mitgegangen sei, um in der nahen Kreisstadt Bürgermeister zu werden.

Der Alte lachte immer noch, als er mit seiner Kutsche nach Hause zuckelte. Um dort dann laut zu heulen und Piroggen zu essen, nehme ich an.

Wir fuhren weiter nach Ruzhyn, wo mein stiller Großvater, wie wir nun wussten, nicht mehr Lehrer sondern Bürgermeister gewesen war. Auf der Suche nach dem Haus, in dem sie gelebt hatten, lernten wir einen freundlichen Juden kennen, was früher nicht erwähnenswert gewesen wäre, denn von den 5000 Einwohner – so erzählte er – seien seinerzeit mehr als die Hälfte Juden gewesen. Bevor mein Großvater hier Bürgermeister wurde. Heute lebten wieder fünf Juden in der Stadt, er könne uns gerne zu den Massengräbern in den Wäldern führen, wenn wir Lust hätten. Hatten wir nicht.

Auf dem Rückweg fiel meinem Vater noch eine Geschichte ein, eine, die er all die Jahre vergessen hatte. Es war die Geschichte eines kleinen jüdischen Jungen, der noch eine Zeit lang in den Wäldern gehaust hatte und von den deutschen und ukrainischen Kinder mit Essensresten versorgt wurde, bis ihn eines Tages ein Soldat vor den Augen meines Vaters erschoss. Auch eine Wolfsgeschichte, aber eine deutsche. Eine zu der man weder lachen noch heulen kann, und Piroggen gibt es dazu auch keine. Die bekamen wir erst an unserem letzten Abend wieder, als wir in der ukrainischen Hauptstadt Kiew zu Füßen eines gewaltigen sowjetischen Mutter-Heimat-Denkmals noch mal russisch essen gingen. Eine Balalaika-Band spielte Katjuscha, und eine Reisegruppe von rotchinesischen Geschäftsleuten, die jetzt nur noch chinesische Geschäftsleute waren, BOSS-Anzüge trugen und mit Sony-Camcordern fuchtelten, sang lautstark mit. Und als wir am Ende alle mit ein paar Flaschen Wodka zusammenrückten, da beschloss ich Russisch zu lernen. Oder Ukrainisch. Oder gleich Chinesisch. Bald. Oder irgendwann.

 

Der Text erschien erstmals in der taz vom 4.11.2016

 

 

 

 

 

Mein Ich ist vorpolitisch

Von Milo Rau

 

Liebe Jury, liebe Christina, sehr geehrte Damen und Herren,

aufgrund der Umstände habe ich es in den vergangenen Jahren leider nie geschafft, zum Stückemarkt in Berlin zu sein. Vor drei Jahren war ich in Zürich, um die „Zürcher Prozesse“ zu organisieren, vor zwei Jahren in Brüssel für die Endproben von „The Civil Wars“, vergangenes Jahr, als ich selbst in der Auswahljury saß, war ich in Zentralafrika unterwegs fürs „Kongo Tribunal“ – an dessen Berliner Teil dann übrigens Kathrin Röggla, die dieses Jahr Mitglied der Jury ist, als Gerichtsschreiberin teilnahm – und aktuell bin ich in Belgien, um mit 7 Kindern ein Stück vorzubereiten über den Pädophilen Marc Dutroux. Während Sie das hier hören, läuft gerade die Generalprobe.

Ich habe noch mal in die letztjährige Auswahl des Stückemarkts geschaut. Damals schrieb ich in der Festivalzeitung zur Bekanntgabe der von uns ausgewählten Texte und Projekte:

„Vielleicht ist das Jahr 2015 das Jahr, in dem der Autorbegriff sich endgültig von all den Fesseln befreit hat, die seine selbsternannten Verteidiger ihm immer wieder anzulegen versuchen. Projekt oder Stück, Verteidigung einer Form oder ihre Kritik: Mir scheint, wir sind an einem Punkt der Theatergeschichte angekommen, an dem das keine Rolle mehr spielt. Was soll man zum Beispiel über einen Daniel Cremer sagen, diesen verrückten, genialen Typen, der sich noch einmal voll gerüstet aufs Streitross der postmodernen Ironie setzt und mit dem „Talking Straight“ Festival tatsächlich ein ganzes Festival geschaffen hat, auf dem anhand einer erfundenen mitteleuropäischen Sprache das Theater und all seine Rituale (Publikumsgespräche, Ibsen-Adaptionen, sogar die Indie-Bands im Abendprogramm) in das überführt werden, was sie sind: kompletter Unsinn und erhaben ragende Gipfel der Weisheit der europäischen Urbevölkerung? Ist es nicht faszinierend, ja fast verstörend, dass im Jahr 2015 noch – oder wieder? – so tiefenentspannt geplottete und sprachlich klare Werke der Kapitalismuskritik entstehen wie „Hose Fahrrad Frau“ des Deutschen Stefan Wipplinger oder „Zersplittert“ von der Rumänin Alexandra Badea? Und sind „The State“ des Bulgaren Alexander Manuiloff oder „Another great year for fishing“ des Belgiers Tom Struyf nun klassisch oder avantgardistisch zu nennen, sind es die Arbeiten von Autor-Regisseuren oder von Autoren, die keine Regisseure mehr brauchen, sondern nur noch ein Publikum? Vollenden all diese Arbeiten ihr Genre oder verabschieden sie sich von ihm? Und falls zweites zutrifft: wohin? Und von welchem Genre überhaupt?“

Und ich fügte hinzu:

„Ich hoffe, dass unsere Auswahl einigermaßen repräsentativ ist für diesen (wie ich ebenfalls inständigst hoffe) Todesjahrgang der albernen Autoren-Diskussion, die den Stückemarkt schon so lange und völlig ohne Gewinn begleitet.“

Als ich die diesjährige Auswahl durchgeguckt habe – übrigens des 50. Jahrgangs seit der Verkündigung des „Tods des Autors“ in dem gleichnamigen Text von Roland Barthes aus dem Jahr 1967 – da wurde mir klar, dass meine Hoffnung wahr geworden ist: der Autor als normativer und im Kern auf Literatur abzielender Begriff ist tot, auferstanden ist er als eine Art Dachbegriff für alles Mögliche, was im Rahmen des Theaters stattfindet. Mehr, so denke ich, sollte er auch nicht sein. Es gibt 2016 im Rahmen des Stückemarkts drei szenische Lesungen und drei Performances, und ich habe den Eindruck, dass die Jury noch um einiges avantgardistischer entschieden hat als wir vor einem Jahr: Es ist nur ein Stück aus dem deutschsprachigen Raum dabei (und es handelt, so lese ich, vom Genozid an den Armeniern). Höchstens eines, vielleicht zwei der Projekte würde der normale Theatergänger (falls es ihn gibt) überhaupt noch als Theaterstück wahrnehmen, würde man es (was hoffentlich geschehen wird) auf diesen oder jenen Spielplan setzen.

Doch lassen Sie mich trotzdem, gewissermassen als Grabgesang anlässlich des 50. Jubiläums des Todes des Autors fragen: Was ist eigentlich ein Autor? Was ist einer, der ein Werk hervorbringt? Zu wem spricht dieser eine oder diese Gruppe? Und mit welcher Stimme?

 Es gibt ein Zitat von, glaube ich, Che Guevara, das ich sehr mag: „Die Geschichte findet uns dort, wo wir geboren wurden.“ Was mich persönlich angeht, so bin ich aufgewachsen in der Schweiz, und seit 15 Jahren lebe ich aus Gründen der Liebe und der Arbeit hauptsächlich in Deutschland und Belgien. Was bin ich also? Ich glaube, ich bin und ich bleibe ein Schweizer Autor. Es bleibt ein Teil schweizerischer Blindheit in dem, was ich tue. Schweizerischer Gier, schweizerischer Selbstgerechtigkeit, schweizerischer Kleinherzigkeit. Ich bin meinen Ängsten, meinen Vorurteilen, meinem Körper, meinem Land genauso ausgeliefert, wenn ich schreibe oder inszeniere oder reise, wie beim Einkaufen oder im Zustand des Träumens. Denn was ist ein Theaterstück anderes als das Zeugnis der Zufälle und Zwangsvorstellungen, die sich während der Proben herausgebildet und als besonders wirkungsmächtig erwiesen haben? Von den politischen und emotionalen Absichten, den Aversionen, aber auch vom Großmut der Beteiligten, die indirekt, verschleiert, in Sprech- und Spielweisen gehüllt, präsentiert werden und zweifellos den Beteiligten selbst unklar sind? Ist nicht jeder Inhalt, jede Form zufällig, nur ein kluges Alibi, um „in den Saft zu kommen“, wie die Schauspielerin Ursina Lardi so schön sagt? Kündet der Akt der Autorschaft nicht ausschliesslich von dem zutiefst menschlichen Bedürfnis, Liebe, Respekt und Klarheit zu erlangen für die kurze Dauer eines Abends, eines Buchs, eines Films? Warum spreche ich hier, warum hören Sie zu?

Worauf ich hinaus will: Ich weiß es nicht, und Sie wissen es vielleicht ein bisschen besser, aber auch nicht richtig. Wir wissen nicht, warum uns das, was wir hier gerade tun, wichtig ist, warum wir darauf beharren, warum wir auf dem Theater beharren. Aber wir tun es. Sollte man also die Triebkraft unserer Obsession nicht anerkennen als das, was sie ist: nämlich kindisch, blind, obsessiv, ja: vorpolitisch? Die seit einigen Jahren dogmatisch gewordene Forderung, dass der Künstler mit einer deutlichen und reinen Stimme zu sprechen habe, dass er der Gesellschaft vorangehen, sie zu provozieren, je nach seinem Charakter auf satirische, hysterische oder ernsthafte Art an ihre Grundwerte, ihre Geschichte, ihre Verbrechen, ihre Traditionen und ihre Entwicklungsmöglichkeiten erinnern soll, ist mir deshalb, so verständlich sie mir als Bürger ist, als Künstler unheimlich. Ich – das, was ich mein „Ich“ nennen will – ist völlig unpolitisch, denn dieses „Ich“ ist kein Subjekt, es ist ein Objekt. Wer spricht, wenn ich spreche, anderes als jene Konstellation, jener Körper, der in einem zufälligen Jahr, in einem zufälligen Land, von dem, was wir Geschichte nennen, überrascht wurde? An dem vielleicht morgen Krebs diagnostiziert wird, der vielleicht auf der nächsten Recherche-Reise von einem kongolesischen Millizionär oder einem Kämpfer des IS ermordet wird – und der diese Krankheit oder diesen Tod genauso hinnehmen wird und hinnehmen muss wie alles, was ihm widerfährt?

Wir haben uns daran gewöhnt zu behaupten – und ich denke, der Stückemarkt des Theatertreffens ist einer der exponierten Orte dieser Überzeugung in Europa –, dass die Idee einer von Könnerschaft und Begnadetheit befreiten Autorschaft, nachdem sie sich so lange im Dunkeln gedulden musste, der Durchbruch gelungen ist. Auch ich behaupte das, ich bestehe sogar darauf, denn ich hasse die billige, die von Stand und Biographie geschenkte Arroganz der Gebildeten und Ausgebildeten. Doch die Idee der Teilnahme und der Kunst als maximal offenen Ort des demokratischen Diskurses, so nützlich sie im Rahmen der Vernichtung des bürgerlichen Autorbegriffs war, ist dabei, diese Freiheit wieder einzugrenzen, ja: sie zu delegitimieren. Es ist nicht nötig – und im Übrigen auch nicht möglich –, dass wir, nachdem wir uns in 50jähriger Kleinarbeit vom Autor befreit haben, uns nun auch von seiner Blindheit, seiner Ziellosigkeit, seiner Zufälligkeit, seiner unendlichen Begrenztheit befreien. Denn vor jeder Sprache oder jeder Theaterpraxis, vor jeder Politik ist ein Autor, dieses sich selbst hervorbringende Wesen, nämlich nicht mehr als ein Symbol des Menschen: dieses zugleich bornierteste und vielfältigste Ding, das es gibt – dieses Durcheinander, diese Verlorenheit, die wir nur mit jenem beharrlichen geistigen Aktivismus parieren können, den wir Kunst nennen.

Was wäre aber ein systematischer, ein kollektiver und damit eben: politischer Ausgang aus dieser Verlorenheit? Was wäre das „Wir“, das das „Ich“, auf dem ich doch beharren will, rettet, es aufhebt, es zu mehr macht als einer moralischen Prüfung? Roland Barthes vergleicht in „Der Tod des Autors“ den Schreibenden – und fügen wir hinzu: den Inszenierenden, den Spielenden – mit einer Figur in der Tragödie, den Leser jedoch mit dem Betrachter dieser Tragödie. Der Leser – und fügen wir hinzu: der Zuschauer – ist es, schreibt Roland Barthes, der über die Blindheit des Autors oder Spielers, mit der dieser gewisse Themen verfolgt und andere nicht, der sich gerade so und nicht anders bewegt, der mit gerade diesen Worten und nicht jenen spricht – der also über all dies hinweg die tragische Stummheit des Autors vernimmt: Der, wenn ich spreche, das hört, wovon ich nicht spreche. Der meinen Akzent hört, meinen Haarschnitt und meine Müdigkeit sieht, der sich über meine Rechthaberei oder die Rechthaberei des Textes, den ich ablese, aufregt. Der intuitiv versteht, was mich als Schweizer, als Europäer, als Theatermacher, als Mann, als Produkt meines Milieus und meiner Biographie begrenzt, bedingt und gefangen nimmt. Es ist der Leser, es ist der Zuschauer, der den Überblick herstellt, der den Text oder das Stück und damit die Autorschaft erst politisiert, und zum Ereignis macht.

Womit ich zum Schluss zur Figur des Zuschauers, also des „Wir“, zur Frage der Öffentlichkeit und des Kollektivs komme. Das war zu erwarten: Die Bedeutung von dem, was wir mit „Autor“ meinen, der Streit um ihn wurde in den 50 Jahren seit Roland Barthes’ Essay von einer tragischen in eine demokratische, von einer erhabenen und hermetischen in eine Sphäre der Teilhabe überführt. Dieser Übergang lässt sich an der jährlich wiederkehrenden Diskussion um die Auswahl des Stückemarkts ablesen: Kaum jemand interessiert sich noch, um was es in den Projekten geht. Interessant ist, wer ihr Autor ist, woher also diese Projekte kommen, wie sie entstanden sind und auf welche Weise sie die Zuschauer ansprechen. Das ist gut so, aber gerade als Zuschauer sollten wir auf der Dialektik dieser Konzepte – also von Begriffen wie Projekt, Kollektiv, Wir – beharren und sie immer wieder neu herstellen. Nehmen wir zum Beispiel den Begriff des „Kollektivs“, wie er seit etwa 10 Jahren im Theater in Mode ist: Dem kleinbürgerlichen Bewusstsein gilt das Kollektiv an sich schon als demokratisch und damit per se als gut. Für mich jedoch ist die Kraft eines Kollektivs erst dann künstlerisch, wenn es in der Wirklichkeit nicht – oder noch nicht – vorkommt. Wenn es ein unmögliches, ein unerhörtes, ein unerfülltes Kollektiv ist. Wenn der Autor, um seine eigene tragische Blindheit zu überwinden, sich nicht einfach mit den Menschen zusammenschließt, die zufällig in der gleichen Institution oder dem gleichen Milieu arbeiten, also ihn in seinen Überzeugungen bloss multiplizieren, sondern sich auf die Suche macht nach Koautoren, die nicht vorgesehen sind von den Institutionen und ihrer Geschichte. Wenn er sich mit Leuten zusammenschließt, die maximal von ihm selbst entfernt sind, die ihn nicht verstehen, die vielleicht sogar seine Feinde sind. Die keine Ahnung von ihm haben, die ihn missbrauchen, ihn einspannen für ihre eigenen Pläne, ihn vor den Augen der Welt lächerlich machen und erniedrigen. Die ihm in Freundschaft oder in Hass verbunden sind oder einfach deshalb, weil ihr Kampf derselbe ist.

Ich habe am Anfang von ein paar Projekten gesprochen: vom „Kongo Tribunal“, das ich mit Minenarbeitern, Rebellen, Managern und Politikern in Afrika gemacht habe. „The Civil Wars“, das ich mit Salafisten und Schauspielern in Brüssel inszenierte und das sich vom maximal Politischen ins maximal Private wandelte, ohne dass ich es hätte verhindern können. „Die Zürcher Prozesse“, für die ich Schweizer Rechtsradikale und Linksintellektuelle in einem Prozess versammelte, nur um am Ende den Rechtsradikalen mit 6 zu einer Stimme zu unterliegen. Und aktuell das Pädophilie-Stück „Five Easy Pieces“, für das ich mit flämischen Kindern arbeite und das mir, über ein halbes Jahr hinweg, klar gemacht hat, warum es Theater gibt, wie beschränkt und doch machtvoll das Konzept der Einfühlung und der Figur ist, wie groß unsere Blindheit ist und wie berechtigt doch unsere Hoffnung auf Erlösung, auf eine gute Zukunft, auf Gerechtigkeit und Gemeinschaft. Nie habe ich mehr erfahren über Europa als im Nahen Osten oder in Zentralafrika. Und nie habe ich mehr darüber gelernt, was es heisst, eine Meinung zu haben, als in meinen inszenierten Auseinandersetzungen mit Rechtspopulisten.

Worauf ich hinauswill: Das Theater und unsere Gesellschaft zu schützen gegen ihre Feinde, die auch meine Feinde sind, kann nicht heißen, die ideologische Unvoreingenommenheit, die blanke Kindlichkeit des Theaters zu leugnen. Es kann nicht heißen, den Raum des Theaters einzuengen auf eine Gesinnungsübung, so gut und hilfreich diese auch sein mag, um die aktuelle Krise des zivilisatorischen Projekts Europa zu überstehen. Natürlich, am Ende des Tages muss man Haltung beziehen, am Ende des Tages mag man gezwungen sein, ein Manifest zu unterzeichnen, in den Untergrund zu gehen oder jene zu unterdrücken, die der eigenen Meinung entgegen stehen – denn mir ist sehr wohl klar, dass in jeder politischen Handlung ein Gutteil Stalinismus liegt, der Wunsch nach einer reinen Doktrin, befreit von aller Dummheit, allen Ängsten und aller Arroganz, die aber doch nur menschlich sind. Theater ist alles, es ist alle von uns, oder es ist nichts und niemand. Deshalb macht es – metaphorisch gesprochen – keinen Sinn, ein Shakespeare-Festival zu veranstalten und nur die nette Ophelia und die kritische Laientheatergruppe aus „Hamlet“ einzuladen, weil alle anderen Figuren offensichtlich eingebildete, elitäre, wirre, gewalttätige, infantile, bizarre und gestörte Arschlöcher sind. Kunst hinnehmen heißt akzeptieren, dass alles, was menschlich ist, zugleich zuviel ist, um es zu verstehen, und doch so unlösbar an seine Bedingungen und sein jeweiliges Wesen geknüpft, dass es tragisch durchschaubar ist und – ja, leider ist es so – auf die Nerven geht.

Doch was rede ich da? In der diesjährigen Jury sitzen ja keine Nur-Regisseure oder Nur-Schriftsteller oder Nur-Theoretiker oder Nur-Aktivisten – was alles allein schon viel wäre – sondern eben das, was ich selbst, nachdem der Autor ja tot ist, nun abschließend als Autor bezeichnen will: Menschen, die in immer neuen Zusammenhängen arbeiten und doch auf ihren ganz eigenen Wegen unterwegs sind. Jede und jeder Autor eines beeindruckenden Werks und darüber hinaus Menschen, die ich schätze und bewundere.

Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen mit der zweifellos grandiosen Auswahl, die Sie Ihnen in den nächsten Tagen präsentieren werden.

 

Rede, gehalten im Mai 2016 zur Eröffnung des Stückmarkts des Berliner Theatertreffens. Eine gekürzte Version erscheint am 6.9.2016 in der NZZ – Neue Zürcher Zeitung.

 

 

Scheinrealismus und literarische Analyse. Deutschsprachige Literatur in Auseinandersetzung mit der Kapitalismus-Krise

von Enno Stahl

Wie sieht unsere Welt heute aus? Chaotisch, überkomplex, dennoch wird sie durch Machtverhältnisse konstitutiert, auch wenn diese kaum zu durchschauen sind. Die globalen Wirtschaftsverflechtungen sind unentwirrbar, ein unvorstellbarer Kabelsalat, alles hängt voneinander ab, nichts ist mehr greifbar, alles scheint wild strudelnd in einem Orkus aus „Alternativlosigkeit“ zu entschwinden. Die Krise ist allgegenwärtig, die Krise ist zum Dauerzustand geworden, die Krise ist den Herrschenden von Nutzen, denn „souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet“ (Carl Schmitt).
Die Menschen begehren kaum dagegen auf, die große Mehrheit fügt sich in ihr Los als Marktteilnehmer, für ihre Disziplinierung sorgt sie selbst aus freien Stücken, eine neue Ökonomie hat sie durch scheinbare Partizipation zum Bestandteil ihrer Beherrschung werden lassen. In der kybernetisch-organisierten Gesellschaft „dient die Offenheit der Kontrolle, welche die Aufrechterhaltung der Prinzipien des Systems sichern soll“ (Hans-Christian Dany, Morgen werde ich Idiot. Kybernetik und Kontrollgesellschaft, Hamburg: Nautilus 2013, S. 54.). Selbst die allfälligen Protestbekundungen sind dem System längst als willkommene Möglichkeiten der Selbstoptimierung eingeschrieben. Es ist, als habe der altgediente „Entfremdungsbegriff“ eine neue Aktualität gewonnen, als dass er nun auf einen anderen Aggregatzustand inneren Gespaltenseins zu münzen sei.
Essenziell hat sich am Funktionsmodus der Entfremdung allerdings nicht viel geändert, auch heute noch kann man die Beschreibung Henri Lefebvres von 1957 gut nachvollziehen:
„Das Individuum erscheint angesichts der enormen Gewalt des Staates als winziges Körnchen, als Schatten. Es wird für sich selbst irrealer Schein; doch zugleich heiligt die politische Fiktion in einem absoluten Widerspruch den Privatmenschen, den egoistischen Einzelnen, den Träger persönlicher Interessen als höchste Realität.“ (Henri Lefebrve, Kritik des Alltagslebens, Kronberg/Ts.: Athenäum 1977, S. 98.) Auf diese Weise mystifiziere die bürgerliche Demokratie das Individuum, „indem sie ihm gleichzeitig einen Platz in der Sklaverei und in der Gemeinschaft, in der Realität und in der Fiktion zuweist.“ ( Ebd.)
Welche Rolle spielt hier nun die Literatur? Bzw. welche kann sie spielen, denn ist sie nicht zwangsläufig Bestandteil dieser Entfremdungsmechanismen, mithin Ursache und Wirkung zugleich? Lohnt es sich dann überhaupt noch, über die gesellschaftliche Funktion von Literatur zu reflektieren? Täte sie nicht besser daran, sich mit rein poetologischen Problemen zu befassen?
Ich denke nein. Ich denke, wenn Literatur sich nicht explizit in der Gesellschaft verankert, im doppelten Sinne, aus ihr kommend und in ihr wirkend, wenn sie nicht ihren Anteil überprüft am Immer-so-Weiterlaufen der Dinge, was ja nach Benjamin die eigentliche Katastrophe ist, wenn Literatur diese kritische Selbstbefragung ignoriert, ablehnt oder mit Blick auf die Vorrangigkeit innerästhetischer Revision hin verneint, hört sie auf Literatur zu sein. Dann wäre sie nur ein willfähriger Part des störungsfreien Regelkreislaufs, Sparte höhere Unterhaltung. Das desavouierte sie vor allen Gütekriterien ihrer Tradition und bedeutete die Preisgabe ihrer Essenz.
Für weite Teile (nicht nur) der deutschen Gegenwartsliteraten scheint das zu gelten. Dabei spielt das mangelnde Interesse der Lehrinstitute, Verwerter und Vermittler von Literatur an vehement kritischen Texten gewiss eine Rolle, das allein darf aber nicht als Entschuldigung gelten.
Fakt ist, nur sehr wenige nehmen momentan die Aufgabe an, sich literarisch gegen die globalen Zumutungen zur Wehr zu setzen. Viele weichen einer Auseinandersetzung schon dadurch aus, dass sie sich thematisch wie formal manisch auf die Vergangenheit fixieren, auf das Erinnern, das Hervorholen des Verdrängten, Vergessenen, Verloreren, als sei das die einzige Qualität, die einzige Kompetenz der Literatur, die Rückschau. „Passatistisch“ nannte das einst F.T. Marinetti, warum richtet das Gros der Autoren nur selten den Blick analytisch auf ihre soziale Gegenwart oder auf die Zukunft, um realistische Utopien oder Dystopien zu entwerfen?
Das ist umso erstaunlicher in einer Phase, die aus kontinuierlicher Gegenwart zu bestehen scheint, einem beständigen Recycling von Gegenwart, warum überlässt die Literatur Computer- und Telekommunikationsunternehmen den (fingierten) Anspruch, die Jetztzeit zu deuten und zu gestalten, die Zukunft visionär zu entwerfen, statt ihre eigenen „soft skills“ dagegen zu stellen?
Manche sagen, das sei die besondere Eigenschaft der Literatur, die Wiederentdeckung der Langsamkeit, einen Keil zu treiben in den hektischen Fortgang der Zeit. Aber ist das nicht ein ziemlich konservatives Feature? Wäre es nicht viel eher geraten, das Tempo der Zeit aufzunehmen oder gar zu übersteigern? Noch mehr Beschleunigung, noch mehr Tumult, um darin die verborgene Stagnation aufscheinen zu lassen, in Wahrheit ist die Gesellschaft nicht im Taumel, der verstetigte Wechsel ist nur Tünche, er verdeckt eine grassierende Stabilität sozialer, ökonomischer und ethischer Unbeweglichkeit. Die Visionen des Kapitalismus sind keine Visionen, sondern Verkaufsargumente. Die Beschleunigung neo-liberalen Wirtschaftens ist keine Geschwindigkeit, sondern Ideologie, sie verschleiert das Fortbestehen rückwärts gewandter Produktionsverhältnisse.
Reizniveau und Risikoschutz sind Optionen der Kontrollgesellschaft, um das reibungslose Funktionieren der Individuen sicherzustellen.
Sollte die Literatur nicht über all das hinweg gehen? Sollte die Literatur nicht die Verhältnisse zum Tanzen bringen „nicht vom Prozeß sich abwenden, sondern unaufhaltsam weitergehen, den Prozeß beschleunigen´“ (Deleuze/Guattari)?
Schon formal werden die meisten aktuellen Erzählwerke dem nicht gerecht, hier herrschen Blockade und Retroperspektive, linear durcherzählte Romane, vielleicht hier und da noch mit foreshadowings oder Rückblenden, aber stets einer homogenisierenden Totalität verpflichtet. Kaum jemand greift das Repertoire der historischen Avantgarde auf: harte Montage, Brüche, Realpartikel, innere Monologe, Multiperspektivik, die Aufgabe klassischer Narrative. Das sind keine Instrumente, um postmoderner Intertextualität zu frönen, sondern blanke Erfordernisse einer adäquaten Wirklichkeitsdarstellung. Unsere Gegenwart, unsere psychische Identität, politisch-mediale Ereignisse – sie sind nicht mehr linear, sondern zutiefst disparat, eruptiv und fragmentarisch. Das muss sich niederschlagen in Stil und Aufbau des literarischen Werkes, Atemlosigkeit, Dissonanzen, Schizophrenie, fortgeschrittene Formen und Erzählweisen, mittels derer allein eine kritisch-dekonstruierende Bestandsaufnahme und Bewertung unser Realität möglich wird.
Wir finden solche Formen besonders bei amerikanischen Autoren, David Foster Wallace, William Gaddis oder Mark Z. Danielewski. Hierzulande wären unter anderen Rainald Goetz, Reinhard Jirgl und einige der hier anwesenden Autoren zu nennen.
Häufig ist heute vom Realismus der deutschen Erzählliteratur die Rede, der Realismus sei vorherrschende Methode, formal wie inhaltlich. Gemeint ist damit vermutlich, dass zeitgenössische Werke sich heute für gewöhnlich an einer Romankonvention orientieren, die im 19. Jahrhundert ihre künstlerische Hochzeit erlebte, im letzten Jahrhundert dagegen zu einem literarischen Massenphänomen gerann. Doch kann das angesichts einer vollends veränderten, digital und medial segmentierten, wahrnehmungszerlöcherten Welt der richtige Bezugspunkt sein, um „realistische“ Aussagen über unsere Wirklichkeit zu treffen?
Sicher nicht. Ein aktueller Realismus muss sich komplexerer Gefüge bedienen, als die Mainstream-Literatur des vergangenen Jahrtausends sie liefert. Die meisten Betriebsautoren heute haben sich eingerichtet in einem „guten Handwerk“ amerikanischer Schreibschul-Tradition, ohne um eine eigene, wahrhaft jetztzeitige Form zu ringen oder Vorgaben zu zerstören, um daraus eigene Muster zu schaffen. Das aber war immer Privileg und Aufgabe der neuen Kunst.
Im Grunde ist es wenig verblüffend, dass ausgerechnet die „Ich“-Perspektive epidemisch grassiert: Wenn man nur „ich“ sagt, schreibt man aus der Optik des vereinzelten Individuums in der globalisierten Warengesellschaft, das in den Prozessen steht, und kann nur schwer hinter die Mechanismen dieser Strukturen blicken. Gerade die jüngere deutsche Erfolgsliteratur tendiert stark zu einem ungebrochen identifikatorischen Erzählen, sie entwickelt Stimmtöne, die den Leser amüsieren, einlullen und in den heimischen Fauteuil bugsieren möchten, hinter der wahren Härte der Realität hinkt sie erbarmungswürdig hinterher.
Nun könnte man einwenden, eigentlich machen die deutschen Autoren alles richtig, sie beschreiben halt die relativ friedvolle Situation in unserem Land.
Das aber wäre blauäugig, denn Auflösungserscheinungen gibt es hier genug, sie werden mühsam kaschiert, verewigte Wirtschaftskrise mit struktureller Arbeitslosigkeit, gerade auch von Jugendlichen (verdeckt von geschönten Statistiken und einem immensen Anteil von Arbeitsarmut), wachsende soziale Ungleichheit, Ausgrenzung ganzer Bevölkerungsteile, Perspektivlosigkeit, Salafismus, Rechtsradikalismus, das Bedrohungsszenario ist groß.
Dass solche Themen ausgespart bleiben, nährt den Verdacht, dass diese Autoren allein Sprachrohr jener Schicht sind, der sie selbst entstammen, welche die Widersprüche nicht am eigenen Leib erfährt. Das wäre schlimm genug, denn wenigstens die Literatur sollte sich eine Offenheit für alle sozialen Milieus bewahren, wenn es der Gesellschaft daran schon gebricht.
Doch selbst die Realität der bürgerlichen Kreise ist eine andere, als die deutsche Gegenwartsliteratur uns glauben machen will. Denn die Mittelschicht nimmt ja die Gefährdungen durchaus zur Kenntnis, sie wird zunehmend von Abstiegsängsten geplagt, die literarisch jedoch nur selten einen Niederschlag finden. Auch hier also entfernt sich die künstlerische Gestaltung von den Vorgaben der sozialen Wirklichkeit. Es geht ihr nicht um Aufdeckung, Sichtbarmachung, sondern allenthalben um ästhetische Seelsorge.
Diese unbestreitbare Kluft zwischen der gesellschaftlichen Realität und ihrer Darstellung in weiten Teilen der deutschen Literatur erweist, dass wir es hier mit einem Scheinrealismus zu tun haben, mit einem Realismus, der keiner ist, der die tatsächlichen Verwerfungen vielmehr bewusst ausblendet und damit den politisch Herrschenden bei ihrer Verdunkelungsarbeit assistiert [Hilfe leistet].
Zuletzt entstehen vereinzelt Bücher, die sich sozialen Fragen und ökonomischen Wandlungsprozessen zu widmen scheinen, zumindest andere Milieus in den Blick nehmen.
Bei näherer Beschäftigung erweist sich, dass soziale Realität hier oft nur abgebildet hier wird oder noch schlimmer: als bloßes Setting für einen Plot herhalten muss – beobachtbar zum Beispiel bei Kristof Magnussons „Krisenroman“, Das war ich nicht, dem hochgelobten 3000 EUR von Thomas Melle oder Clemens Meyers Coming-of-Age-Saga Als wir träumten.
Ein Thema anreißen, indem man es in eine Story verpackt (um die es dann eigentlich geht, zumeist eine mehr oder weniger verrückte Liebe) – das ist TATORT-Denken (Unlängst sehr schön selbstdekuvrierend von einem dieser Drehbuchautoren-Duos erläutert, die kundtaten, dass „sie kein klassisches Sozialdrama erzählen“ wollten, „sondern auf spannende Weise illustrieren, wie sich Kinderarmut (…) manifestiert.“, vgl.: So kommt Spannung in den Tatort, Mira Nagar im Interview mit Eva und Volker A. Zahn, online: http://www.shz.de/schleswig-holstein/kultur/so-kommt-die-spannung-in-den-kiel-tatort-id9307486.html, Zugriff: 10.4.2015); aber keine kritische Leistung.
Hier kommt zum Tragen, was Peter Hacks einst formulierte: „… der Zweck der Kunst ist nicht Nachricht über die Wirklichkeit. Der Zweck der Kunst ist Nachricht über eine Haltung, die man der Wirklichkeit gegenüber einnehmen kann.“ (Peter Hacks, Interview, in: Ders., Essais, Reclam: Leipzig 1984, S. 33.) Aus dieser Haltung heraus erfolgt die literarische Darstellung, die somit eine (vom Autor interpretierte/analysierte) Version der gesellschaftlichen Realität anbietet und so überhaupt erst kritisches Potenzial entfalten kann. Um eine blanke Abbildung der Wirklichkeit kann es heute also nicht mehr gehen, weder wirkungs- noch produktionsästhetisch. Diese schwierige, weil doppelt entfremdete Realität, in ihrem Sein wie in ihrem medialen Konterfei, muss hinterfragt und in einem heuristischen Prozess der Literatur als Material zugänglich gemacht werden.
Ein solcher – wie ich es genannt habe – „analytischer Realismus“ muss daher überhaupt nicht in landläufigem Sinne „realistisch“ sein und Wirklichkeit detailgetreu widerspiegeln, sondern kann als Groteske, als Sci-Fi-Fabel, ja als Fantasy-Text o.ä. auftreten, wenn nur Problemstellung und Positionierung der jetzigen Gesellschaft entnommen sind – ein gutes Beispiel dafür sind die futuristischen Romane Dietmar Daths.
Natürlich kann der scheinbar ungestaltete Alltag zum Sujet werden, mehr als in der Literatur dringen inzwischen vermehrt geradezu naturalistische Darstellungsweisen in internationale und auch deutsche Filme ein. Das ist insofern fruchtbar, als dass das Alltagsleben, die Entzweiung der Menschen mit ihrer Situation, die Kritik an den Verhältnissen bereits in sich birgt ( Henri Lefebvre, a.a.O, „So führt die Kritik des Alltagslebens zur Kritik des politischen Lebens, weil das Alltagsleben diese Kritik bereits enthält und ausbildet: es ist nämlich diese Kritik.“, S. 100.).
Wie ihre Autorinnen und Autoren sind auch literarische Figuren soziale Charaktere, kontextabhängig, gesellschaftlich geprägt. Diese ihre spezifische Sozialisation muss sich zeigen – und ihre Entfremdung. Wenn Lefebvres Formel noch zutreffen sollte, das Individuum ein irrealer Schein, was folgt daraus für die Romanfiguren, was für die ewigen Themen Liebe, Freundschaft, Identität?
Das könnte zum Beispiel bedeuten, dass man auch zu viel Sorgfalt in die individuelle Ausgestaltung der Figurenphysiognomie legen kann – Marcel Proust war schon, und Originalität heute ist ein Fetisch der warenproduzierenden Industrie, der vorrangig in Konsumpräferenzen seinen Ausdruck findet (siehe Popliteratur). Mitunter können durchaus beschränkte, „funktionelle Charaktere“ in ihrem Zusammenspiel eine gesellschaftliche Wahrheit besser aufscheinen lassen, ohne selbst als besonders prägnante Persönlichkeiten in Erscheinung zu treten.
Dies ist das Argument des Tänzers in Kleists „Marionettentheater“-Aufsatz: „Jede Bewegung, sagte er, hätte einen Schwerpunct, es wäre genug, diesen, in dem Inneren der Figuren, zu regieren; die Glieder, welche nichts als Pendel wären, folgten, ohne irgendein Zuthun, auf eine mechanische Weise von selbst.“ (Heinrich von Kleist, Ueber das Marionettentheater, in: Berliner Abendblätter, 1. Jg. [12.-15. Dezember 1810], Verlag Julius Hitzig, hier zitiert nach dem Reprint VMA Verlag, Wiesbaden 1980, S. 248.)
Auf dieselbe Weise kann der Autor die Figuren anhand ihrer gesellschaftlichen Bedingtheit bewegen, alles, was sie tun, denken und fühlen, resultiert daraus von alleine, schließlich hängen wir alle an irgendwelchen Fäden!
Sprachlich muss man, wenn man etwas dem Zeitrhythmus Entsprechendes schaffen will, weg von den Harmonien, die wohl gesetzten Bildern und Klangfarben hinter sich lassen, und übergehen zum Amorphen, Zerfallenen, den Synkopen.
Bestimmte Paraphrasen, metaphorischer Schmuck und Adjektivkonglomerate, sind überflüssig – viele Gegenstände besitzen in ihrer bloßen Benennung bereits ausreichend Realitätsgehalt. „Detaillismus“ ist eher an Stellen gefragt, wo er tatsächlich etwas Latentes zutage fördert. Selbstverständlich ist das kein Votum gegen Wortmächtigkeit und Formulierungsfreude, aber der realistischen Sprache tut Entschlackung gut. Und natürlich Tempo, Beschleunigung, eine Gehetztheit des Stils, womöglich bis zum Zerbrechen der Syntax an bestimmten Reiz- und Kulminationspunkten, wie schon im Expressionismus, doch nun unter den anderen Bedingungen eines sehr klaren Kalküls.
Der so konzipierte „analytische Realismus“ entspräche meines Erachtens den heutigen Bedingungen, er wäre zugleich ein „akzelerierter Realismus“, der es mit Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft zugleich aufnimmt, dieser sprunghaften, verstörenden Synchronizität aus kulturellen Großtaten und mittelalterlich anmutendem Terror, aus persönlicher Freiheit und totaler Überwachung, Entgrenzung, Entsublimierung, Ereignis- und Gefühlsformatierung.
Zu den Stoffen muss ich hier nicht viel sagen, denn die sind überall, sie liegen im wahrsten Sinne des Wortes in der Luft und buchstäblich auf der Straße. Um sie zu finden und zu verstehen, sie richtig ein- und anzuordnen, muss man natürlich raus aus dem stickigen Käfig des literarischen Betriebs, den Messen, Literaturfestivals, Dichterhäusern und Preislesungen, dazu muss man arbeiten, recherchieren, Archive konsultieren, sich selbst ein Bild machen, und Menschen treffen, immer wieder Menschen.

Der vorliegende Text ist die gekürzte Fassung eines gleichnamingen Textes aus dem Von Ingar Solty und Enno Stahl herausgegebenen Buch „Richtige Literatur im Falschen? Schriftsteller – Kapitalismus – Kritik“ in dem u.a. Ann Cotten, Annett Gröschner, Joachim Helfer, Thomas Meinecke, Norbert Niemann, Monika Rinck, Kathrin Röggla, Stefan Schmitzer, Erasmus Schöfer, Ingo Schulze, Michael Wildenhain und Raul Zelik über realistische Literatur diskutieren.

Manche Helden sind flügge (Kalendergeschichte)

(Die »Kalendergeschichten des rheinischen Widerstandsforschers« handeln von Individuen, selten kleinen Menschengruppen, die aufgestanden sind, um Ungerechtigkeiten und Zerstörungen zu verhindern. Oft auch, um Gefahren abzuwehren. Es sind Menschen, von deren Taten selten gesprochen wird. Manchmal berichten Schriftsteller davon, aber in den Geschichtsbüchern ist von Helden und Herrscherinnen, von großen Verbrechern oder Abenteurern zu lesen. In diesen Kalendergeschichten wird deshalb erzählt, wie Menschen den schlimmen Verhältnissen, die sie erleben müssen, trotzen.)

Am Rhein und an der Elbe wollten die deutschen Energiekonzerne und die Regierung in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts eine Perlenkette von Atomkraftwerken bauen. Über fünfzig sollten es werden. Das misslang, weil viele Menschen befürchteten, dass ein Reaktorunglück völlig unkalkulierbare Folgen für sie hätte. Weil sie die mörderische Energie der Atomspaltung, wie sie in Hiroshima und Nagasaki auf Menschen losgelassen worden war, nicht vergessen konnten, wehrten sie sich zu Zehntausenden gegen den Bau der technischen Monster und riskierten dabei oft ihre Freiheit und ihre Gesundheit. Dank ihres Widerstands konnte nur ein kleiner Teil der geplanten Reaktoren gebaut werden.

Ganz anders in Frankreich. Dort glaubten die Menschen den beschwichtigenden Versicherungen ihrer Ingenieure und Regierungen, dass sie jeden denkbaren Unfall in einem Atomkraftwerk sicher beherrschen könnten. So wurden ohne Widerstand der Bevölkerung über fünfzig Reaktoren errichtet. Das erste große Unglück mit einem explodierten Reaktor 1986 in Tschernobyl bewirkte da noch keine Änderung, weil es in der Sowjetunion geschah. Erst das massenmörderische Unglück in der japanischen Atomanlage in Fukushima zeigte aller Welt unmissverständlich, welche Gefahren in der Kernspaltung lauern. Auch in Frankreich ist eine Umweltschutzbewegung tätig, die Misstrauen gegen die von allen Regierungen gepriesene Sicherheit ihrer Atomkraftwerke sät.

Im Sommer 2012 startete einer der kühnen Aktivisten von Greenpeace namens Jean mit einem auf den Rücken geschnallten motorgetriebenen Propeller und einem Flugschirm in der Nähe des ostfranzösischen AKW Bugey, überflog in geringer Höhe das Werk und warf eine Rauchbombe auf eine der Reaktorkuppeln. Zweimal umkreiste er den Meiler und landete dann unbemerkt zwischen zwei Reaktorblöcken mitten in der angeblichen Hochsicherheitszone der Anlage. Ganze zehn Minuten wanderte er dort ungehindert umher, bis er auf Arbeiter traf, die ihn schließlich von der herbeigerufenen Polizei festnehmen ließen.

Das mutige Unternehmen wurde von einem unbemannten ferngesteuerten Fluggerät der Greenpeacer gefilmt, und dadurch wurde der Beweis dokumentiert, dass die französischen Atomkraftwerke gegen einen Angriff aus der Luft, entgegen den amtlichen Versicherungen, völlig ungeschützt sind.

 

Diese Geschichte wurde zuerst in der Jungen Welt vom 25.6.2016 veröffentlicht. Weitere dieser Geschichten finden sich im Band »Kalendergeschichten des rheinischen Widerstandsforschers«, der zum 85. Geburtstag von Erasmus Schöfer am 4. Juni im Berliner Verbrecher Verlag erschienen ist.

Dichter und Kämpfer

Von Erich Mühsam

 

Unrühmlich ist es, jung zu sterben.
Mein Tod wär sträflicher Verrat.
Ich bin der Freiheit ein Soldat
und muß ihr neue Kämpfer werben.

Und kann ich selbst die Schlacht nicht lenken,
seh selbst nicht mehr das bunte Jahr,
so soll doch meine Bundesschar
im Siege meines Rufs gedenken.

Drum will ich Mensch sein, um zu dichten,
will wecken, die voll Sehnsucht sind,
daß ich im Grab den Frieden find
des Schlafes nach erfüllten Pflichten.

Der Gesang der Vegetarier. Ein alkoholfreies Trinklied (Melodie »Immer langsam voran«)

Von Erich Mühsam

Wir essen Salat, ja wir essen Salat
Und essen Gemüse von früh bis spat.
Auch Früchte gehören zu unsrer Diät.
Was sonst noch wächst, wird alles verschmäht.
Wir essen Salat, ja wir essen Salat
Und essen Gemüse von früh bis spat.

Wir sonnen den Leib, ja wir sonnen den Leib,
Das ist unser einziger Zeitvertreib.
Doch manchmal spaddeln wir auch im Teich,
Das kräftigt den Körper und wäscht ihn zugleich
Wir sonnen den Leib und wir baden den Leib,
Das ist unser einziger Zeitvertreib.

Wir hassen das Fleisch, ja wir hassen das Fleisch
und die Milch und die Eier und lieben keusch.
Die Leichenfresser sind dumm und roh,
Das Schweinevieh – das ist ebenso.
Wir hassen das Fleisch, ja wir hassen das Fleisch
und die Milch und die Eier und lieben keusch.

Wir trinken keinen Sprit, nein wir trinken keinen Sprit,
Denn der wirkt verderblich auf das Gemüt.
Gemüse und Früchte sind flüssig genug,
Drum trinken wir nichts und sind doch sehr klug.
Wir trinken keinen Sprit, nein wir trinken keinen Sprit,
Denn der wirkt verderblich auf das Gemüt.

Wir rauchen nicht Taback, nein wir rauchen nicht Taback,
Das tut nur das scheussliche Sündenpack.
Wir setzen uns lieber auf das Gesäss
Und leben gesund und naturgemäss.
Wir rauchen nicht Taback, nein wir rauchen nicht Taback,
Das tut nur das scheussliche Sündenpack.

Wir essen Salat, ja wir essen Salat
Und essen Gemüse von früh bis spat.
Und schimpft ihr den Vegetarier einen Tropf,
So schmeissen wir euch eine Walnuss an den Kopf.
Wir essen Salat, ja wir essen Salat
Und essen Gemüse von früh bis spat.

Aus dem Band “Das seid ihr Hunde wert! Ein Lesebuch” von Erich Mühsam, herausgegeben von Manja Präkels und Markus Liske

Das dritte Lager, das dritte Bier, die dritte Republik

Von Markus Binder

 

Hofer ist der Posterboy der Kleinbürger

Sein Garten sauber wie sein Hemd

 

Sein Chef ein testosteronbetriebener Hysteriker

Vom Typ Peter Alexander

An dessen Seite ein Stichwortgeber

Reimt wie ein Schulanfänger

 

Sie bezeichnen sich frech

Und in dieser Hinsicht originell als

Erben von Kreisky

 

Erinnern wir uns kurz an Kreisky

Der mithilfe des Sturmscharkommandanten Peter

Kanzler wurde damals

 

Etliche Minister

Des sogenannten Sonnenkönigs

Waren schwere Ehemalige

 

Falls sie das nicht wussten

Lernen sie Geschichte

(Zitat Kreisky)

 

Das aktuelle Wahlergebnis wäre

Würden nur Frauen wählen

Bei weitem nicht so brutal ausgefallen

 

Helfen könnte offensichtlich

Den Männern endlich mal

Das Wählen zu verbieten

 

Mit Weihwasser und Energydrinks oder Alkohol

Saufen sie sich die Heimat wieder schön

Wir können wieder wandern gehn

 

Und falls uns etwas zustößt

Können wir immer noch schreien:

Die Flüchtlinge die Flüchtlinge

 

Fremde werden keine mehr genommen

Die Fremdenzimmer stehen leer

Fremd bleiben die Fremden

 

Das Gepflegte liegt den Österreichern

Sie pflegen seine Verteidigung

 

Das Verteidigungsbudget

Für Heimatpflege wird massiv erhöht werden

Wenn der Hofer mit seinem Stock das Pferd

Auf dem schon der ahnungslose Waldheim saß

Wieder auf Trab bringen wird

 

Die Sanktionen werden sie

Wie immer ungerecht finden

So wie beim letzten Mal

Eine internationale Verschwörung vermuten

 

Und so wie jeder Geisterfahrer

Alle anderen für Geisterfahrer halten

 

Sicher im Sattel

Gestärkt durch der einheimischen Männer

Gemüt Vorwärtsgaloppieren

 

Die Interessen der kleinen Leute vertreten

Die kleinen Leute haben anscheinend

keine Angst vor ihnen

Wo sie doch sonst vor allem Angst haben

 

Die internationale Verschwörung wird Hofer

Den Diesel für sein Dienstfahrzeug boykottieren

Er wird am Straßenrand stehen und

Die ganze weite Welt verfluchen

 

Doch junge kräftige Burschen

Gestärkt mit Bier und Alkopops

Werden kommen und ihn anschieben

Ins Zentrum der Macht

 

Wo sein aufgeputschter Chef

Sich schon positioniert hat

Peitschenschwingend

 

Dass den immer noch Dahinregierenden

Die Luft wegbleibt

Sie staunen über das was hier passiert

Wie konnte das geschehen

 

Wie konnten wir uns so verwählen

Bei unseren Exwählerinnen und Exwählern

 

Wo wir uns doch immer so gewählt

ausgedrückt haben

 

Warum habt ihr uns verlassen

Wir verstehen es nicht

Versteht ihr es?

 

Der Chef vom Hofer sagt

Wir sind die neue Mitte

Diese neue Mitte aber befindet sich so nah

am Abgrund

Dass einem schwindlig wird

 

Die neue Mitte

Gibt sich neutral

Sieht rundherum nur das Böse

Und ist selbst dessen Quelle

 

Wer zur neuen Mitte gehören will

Braucht jetzt eine Patriotennationenfahne

Und eine kräftige Stimme um mitgrölen zu können

 

Die neue Mitte zieht klare Grenzen gegen alle

Ist aber so wie alle Borderliner jederzeit

in der Lage

Jegliche Grenze zu überschreiten

 

Der Boulevard nicht zu übersehen

Heizt die Stimmung auf

Hauptsache Krach

Den lautesten Krach machen

Die Krachmacher vom dritten Lager

 

Die Regierung macht keinen Krach

Machen Beamte nicht

 

Beamte müssen brav bleiben

Haben was zu verlieren

Street credibility

 

Working class heroes going Ibiza

Jetzt billig bei Hofer – Reisen

Billiger als Billa

Nichts ist billiger als der Hausverstand

 

Und die hoch dekorierten

Funktionäre der Arbeiterklasse

Stehen alleine da

Verlassen auf der Gasse

 

Die Entpolitisierungswelle hat sie erfasst

Politik ist jetzt nur mehr so wie Fußball

oder Internet

 

Hauptsache es passiert irgendwas

 

Wenn es fad wird einfach weiterklicken

Regierung stürzen

Auflage erhöhen

 

Der Boulevard treibt die Auserwählten vor sich her

Sie sind dem Boulevard hörig

Sie denken der Boulevard würde die Wählenden

Zu ihren Gunsten beeinflussen

 

Deshalb sind sie so freundlich zu ihm

Funktioniert aber nicht

 

Was sie versprechen

Die falschen Freunde vom Boulevard

Können sie nicht halten

Die Macht Sie können nur den Mund nicht halten

Wegen der Auflage

 

Wirtschaftsbelebung

Durch Steigerung des Waffenverkaufs

(Nur so. Für daheim)

Führt zu Steigerung von Gewalt

 

Die Angst geht vom Volk aus

Die Gewalt geht von den Bewaffneten aus

Hauptgegner ist die eigene Angst

 

So bedrohen die Leute sich selbst

Durch die Wahl von Volksverhetzern

Zu ihren Vorgesetzten

 

Die Rechten gehen vom Volk aus

Das sie abstimmen lassen

Über die Paranoia

 

Die sie ihm groß an die Wand gemalt haben

Da können sie nur gewinnen

 

Der politische Diskont hat wieder Erfolg

Minus 90 Prozent Verantwortung

Plus 90 Prozent Hysterisierung

 

Das dritte Lager

Das dritte Bier

Die dritte Republik

 

Sie nehmen in Kauf

 

Weltweit Nazis genannt zu werden

 

Wenn nur der Hund nicht überfahren wird

 

Und das Eigenheim ihr Eigentum bleibt

 

 

 

So eine Gesellschaft

 

So eine Gemeinschaft

 

So eine Gemeinheit

 

So eine Gelegenheit

 

 

 

Kommt immer wieder

 

Denkt sich das Volk

 

Ob es will oder nicht

 

 

 

Österreich

 

Du Opfer

 

Dir ist nicht zu helfen

 

 

 

(13.5.2016)

 

 Zuerst erschienen in Der Standard, 13.05.2016

 

 

 

 

 

 

Ein deutscher Dichter bin ich einst gewesen

Von Max Herrmann-Neiße

Ein deutscher Dichter bin ich einst gewesen,
die Heimat klang in meiner Melodie,
ihr Leben war in meinem Lied zu lesen,
das mit ihr welkte und mit ihr gedieh.

Die Heimat hat mir Treue nicht gehalten,
sie gab sich ganz den bösen Trieben hin,
so kann ich nur ihr Traumbild noch gestalten,
der ich ihr trotzdem treu geblieben bin.

In fremder Ferne mal ich ihre Züge
zärtlich gedenkend mir mit Worten nah,
die Abendgiebel und die Schwalbenflüge
und alles Glück, das einst mir dort geschah.

Doch hier wird niemand meine Verse lesen,
ist nichts, was meiner Seele Sprache spricht;
ein deutscher Dichter bin ich einst gewesen,
jetzt ist mein Leben Spuk wie mein Gedicht.