Auf die Glückseligkeit der Menschen kommt es an

Von Erich Mühsam

Zuchthaus Ebrach, Montag, d. 9. Juni 1919

(…) Leider sind die Unabhängigen keineswegs so unabhängig, wie sie tun. Die Herren Haase, Kautsky und Barth haben uns nach Eisners Tod die ganze Kompromißsuppe, die uns jetzt im Magen liegt, eingebrockt. Und nun erläßt die Partei einen beweglichen Aufruf gegen die zentrifugalen Bestrebungen in Deutschland. Jetzt, wo es nur eins geben kann: die Zertrümmerung des Staats von Grund aus, die Zerrüttung seiner Wirtschaft so schnell wie möglich, damit nicht der etappenweise Einsturz noch viel mehr Opfer fordert – jetzt regen sie sich über die Pfälzer, Rheinländer etc. auf, die Sehnsucht haben, unter lebensmögliche Verhältnisse zu kommen. Das ist die marxistische Verblödung. Einheitsstaat! brüllen sie – die Spartakisten sind die Schlimmsten dabei – und wollen deshalb den alten Bismarckstaat retten, der je eher je lieber zusammengeschlagen gehört. Wenn die Menschen bloß zu der Einsicht kommen wollten, daß es völlig gleichgiltig ist, wo entlang die Staatsgrenzen laufen. Auf die Glückseligkeit der Menschen kommt es an, nicht auf die Art ihrer Einpferchung. Größtmögliche Bewegungsfreiheit des Einzelindividuums ist anzustreben, deshalb größtmögliche Selbständigkeit aller Gemeinden und föderative Verbindung der Bezirke, Länder und Reiche, bei der die Abgrenzung Nebensache, die Berücksichtigung der Eigenarten alles ist. Sie sind für das Rätesystem und für die Zentralisation. Wenn das kein Widerspruch in sich selbst ist, bin ich ein Esel. Lenin, dieser stramme Marxist, hat es schließlich eingesehen und den Lokalsowjets Autonomie gegeben.

Aber in Deutschland scheint es unmöglich zu sein, eine Dummheit auszulassen. Nun Landauer tot ist, werde ich der einzige sein, der den Weg der Revolution klar erkennt. Ob ich aber der Aufgabe gewachsen bin, die parteibesessenen Genossen aller revolutionären Richtungen auf diesen Weg zu drängen, ist eine bange Frage. Ich habe viel Schweres hinter mir in den letzten sieben Monaten – ich fürchte aber, daß ich das Schwerste noch vor mir habe. Aber stark sein ist alles.

(…)

Aus: Erich Mühsam, Tagebücher 6, 1919

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Das Sterben der Anderen

 

Von Markus Liske

 

Es ist ein altes Paradox: Menschen lieben Friedhöfe und unternehmen dennoch größte Anstrengungen, um nicht so bald auf einem zu liegen. Die eigene Sterblichkeit wird gemeinhin als beängstigend, das Sterben der Anderen dagegen auf sonderbare Art als beruhigend empfunden. Sicher, den Pariser Père Lachaise mit den Gräbern von Marcel Proust und Jim Morrisson besucht man eher aus touristischem Interesse, ebenso wie den Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin, wo Tucholsky, Brecht und Eisler liegen. Aber was bringt die Leute dazu, über den Friedhof Britz II zu spazieren oder den Wiesbadener Südfriedhof? Ist es die außergewöhnliche Zutraulichkeit der Vögel und Eichhörnchen, die sehr genau zu wissen scheinen, dass ihnen hier von Menschenhand keine Gefahr droht? Oder ist es die spezifische Stille? Ersteres erscheint mir plausibel, letzteres eher nicht.

Ich erinnere mich noch gut daran, wie meine Frau und ich einmal über den St.-Nikolai-Friedhof im Prenzlauer Berg wandelten und vor dem rührend schlichten Grab eines „Willi Weihnacht“ von Meisen überfallen wurden, die sich, in der fälschlichen Annahme wir wollten sie füttern, auf unsere zum Rauchen erhobenen Hände setzten. Das war überaus possierlich, von Stille allerdings keine Spur. Denn wie überall im Prenzlauer Berg, wurde auch hier massiv gebaut. Rund um den Friedhof entstanden die üblichen für die meisten Berliner unerschwinglichen Eigentumswohnungen, mal als Vergewaltigung gründerzeitlicher Altbauten, mal als Neubau in jenem allgegenwärtigen aber bisher namenlosen Stil, den ich an dieser Stelle Kulissendeppizismus taufen möchte. Und so, wie die zuziehenden neureichen Kleinfamilien, deren Fenster zur Straße weisen, zuverlässig alles wegklagen, was den Bezirk einst prägte, also Kneipen, Clubs und Spätshops, so wurde den Bewohnern der hinteren Wohnungen hier schon bald der tägliche Blick aufs Gräberfeld unangenehm. Nachdem die neuen Hausgemeinschaften also mithilfe ihrer Anwälte die vormals belebte Straße in ein Art Friedhof verwandelt hatten, begannen sie damit, auch den tatsächlichen Friedhof in „eine Art Friedhof“ zu verwandeln.

Heute sind weite Teile des Areals ein sogenannter „Leisepark“. Zwar durften ein paar besonders malerisch überwucherte Grabsteine stehenbleiben, aber ein Friedhof ist es nun nicht mehr. Und auch die Meisen und Eichhörnchen gehen lieber wieder auf Abstand, wurde doch ein Teil des Geländes zu einem Spielplatz für die verzogenen Blagen der Zuzügler gemacht. Um diesen Park also tatsächlich als „leise“ empfinden zu können, muss man wohl schon selber Kinder haben, will sagen: jener für Eltern typischen auditiven Störung unterliegen, die das Kreischen Minderjähriger zuverlässig ausblendet und dafür das Geräusch von aneinanderstoßenden Biergläsern unerträglich macht.

Nun könnte man sagen: Besser so als anders. Schließlich plant der Senat bereits, ganze Siedlungen auf Friedhöfen zu errichten, um so dem innerstädtischen Wohnungsmangel entgegen zu wirken. Der Dorotheenstädtische Friedhof wird davon natürlich nicht betroffen sein, ebenso wenig wie Kriegsgräber oder solche, die schon mehrere Jahrhunderte auf dem Buckel haben. Aber dort, wo ausschließlich die im Laufe der letzten siebzig Jahre an Krebs oder Infarkt verschiedenen Ernst und Erna Kalmutzke verbuddelt wurden, wird es mit der Ruhe der Toten bald vorbei sein, und das ist nicht nur in Berlin so. Zwar gibt es nicht überall Wohnungsnot unter den Lebenden, unter den Toten aber schon. Es ist dies vor allem ein mathematisches Problem: Hätte jeder Mensch auf Erden ein Anrecht auf die Unantastbarkeit seines Grabes, wäre unser Planet schon bald ein einziger Friedhof. Deshalb werden Gräber nur für begrenzte Zeit vermietet. In der Regel zahlen das die Kinder, bestenfalls noch die Enkel. Danach ist Schluss, und eine neue Leiche darf einziehen. Die ursprüngliche Idee also, mittels Grabstein ewiglich an den Verstorbenen zu erinnern, ist längst perdu.

Kein Wunder, dass sich heute 75 Prozent der Menschen für eine Feuerbestattung entscheiden und viele von ihnen nicht mal mehr ein Urnengrab wollen, sondern ihre Asche irgendwo verstreuen lassen. Man könnte das vernünftig nennen, aber einen Haken hat die Sache doch: Wenn von den bereits vorhandenen Gräbern nur die bleiben, denen aufgrund von Alter des Steins, Prominenz des Insassen oder Tod infolge von Krieg und Vernichtungen eine erhöhte Pietät zuerkannt wird, dann wird die Welt in der wir heute leben eines Tages völlig verschwunden sein.

Aus ästhetischer Perspektive mag das als geringer Verlust erscheinen. Wer würde sie schon vermissen, all die von miserablen Bildhauern lustlos hingehackten Engelsfiguren aus Marmorimitat? Aber der Historiker in mir stört sich dennoch an dieser doppelten Vergänglichkeit. „Sollen ruhig alle Billy-Wegwerfregale in der Recyclingtonne landen!“, ruft dieser ewige Grantler. „Sollen die kulissendeppizistischen Eigenheimsurrogate schnellstmöglich Weltraumbahnhöfen weichen und alle Smarts und Twingos zu Bierbüchsen werden! Aber ist es wirklich in unserem Sinne, wenn die Kinder der Zukunft denken, der Tod sei etwas, was 1945 abgeschafft wurde?!“

Andererseits: Wahrscheinlich denken sie das ohnehin schon, wenn sie sich beim Rumtollen auf dem „Leisepark“ ihre Milchzähne an Grabsteinen des 19. Jahrhunderts ausschlagen. Wie sollte es auch anders sein, wo doch schon ihre Eltern das Sterben der Anderen nur noch als Belästigung empfinden?

Insofern muss ich mich wohl korrigieren: Nicht alle Menschen lieben Friedhöfe. Ja, es werden immer weniger. So, wie man heute glaubt, die Armut abzuschaffen, wenn man die Armen aus der Stadt drängt, so versucht man den Tod zu besiegen, indem man Friedhöfe planiert. Der Historiker in mir kann da schimpfen, wie er will. Ändern kann er nichts und muss sich mit dem Gedanken trösten, dass dem finalen Nichtgewesensein dieser geschichtsverachtenden Generation neureicher iPhone-Techno-Ökos eine höhere Gerechtigkeit innewohnt. Schade nur um Ernst und Erna Kalmutzke. Und um Willi Weihnacht natürlich.

 

„Das Sterben der Anderen“ erschien im Oktober 2014 als „Liskes Kolumne“ im Magazin Leben & Tod

 

Wir sind Feinde auch hier im Gefängnis noch

Von Erich Mühsam

Niederschönenfeld, Montag, d. 25. Dezember 1922.

Mein viertes Festungs-Weihnachten. Gestern – am Heiligen Abend – war ich ernstlich krank. Ob’s vom Herzen ausgeht, dieser Zustand vollständiger hilfloser Schwäche, bei dem die Füße nicht tragen wollen und die Därme nichts halten mögen, oder ob eine Darmvergiftung Voraussetzung ist für die übrigen Erscheinungen, die mit Fieber, Schweißausbrüchen, Gürtelgefühl, allgemeinem Versagen der Physis – den Durchfall und Brechreiz begleiten, kann ich nicht beurteilen. Jedenfalls war der Zustand gestern wieder mal recht arg und verleidete mir das Fest gründlich, das im übrigen angenehmer verlief als im vorigen Jahr, wo die Duske-Schweinerei grade in Flor war. Ein Krach-Intermezzo gab es auch. Wir hatten – die weitaus große Mehrheit aller Genossen – zusammen einen Weihnachtsbaum von der Verwaltung bezogen (die ihn „äußerst billig“ für 200 Mark lieferte). Da man uns vorgestern wieder den nach Rain zu liegenden Gang des Stockwerks abgesperrt hat – die dort noch untergebrachten Genossen wurden in die Zellen Hartigs, Glaßers und Liebls verstaut, dessen Sachen man in eine Zelle des gesperrten Ganges schloß (woraus zu schließen ist, daß dieser Mann mindestens nicht vor dem Abgang eines weiteren Genossen wieder unter uns zu erwarten ist), konnte der Baum nur am Ende des Mittelgangs einen guten Patz finden. Daran nahm aber Egensperger Anstoß, und es gab großes Geschrei, weil man die 5 nicht um Erlaubnis gebeten habe. Das Ende vom Liede – ohne Keile ist es glücklicherweise abgegangen – war, daß Egensperger zum Vorstand zitiert wurde, der ihm mit Einzelhaft gedroht haben soll, von der er nur wegen des Weihnachtsfestes absehe, (übrigens ist Schiff vorgestern von seiner Einzelhaft wieder heraufgekommen). So war diese Tragödie denn glücklich beigelegt. Da die Ergiebigkeit der Weihnachtsgaben diesmal nicht so reichlich war wie früher, mußten wir die Idee, im größeren Kreise eine Fresserei zu machen, aufgeben. Unsere Tischgesellschaft (Toller, Klingelhöfer, Ringelmann, Weigand und ich) vereinigte sich jedoch zu einer Mahlzeit, die wir zum guten Teil durch Barkäufe ermöglichten. Doch gab es überraschendes Nebenwerk, da Klingelhöfer gebackene Schnecken beisteuern konnte und auch ein guter Schnaps vorhanden war. Der Hauptgang war paniertes Schnitzel und Nudeln. Wir haben Tanzmaier zur Teilnahme zugezogen. Ich selbst war kaum imstande, etwas zu mir zu nehmen und ging bald – kurz nach 7 Uhr – zu Bett, um nicht die fröhliche Stimmung der übrigen durch meine Klakrigkeit und mein zusammengesunkenes Dabeisitzen zu trüben. Das war recht ärgerlich, da bis ½ 11 Licht und Betrieb war und ich grade am meisten sonst unter dem Zwang leide, schon um 9 Uhr ins Bett zu müssen. Die Verwaltung benahm sich im allgemeinen in diesem Jahr toleranter als früher. Die Schnapsflaschen wurden im ganzen hinaufgegeben, und es wurde gestern und heute sogar die Post ausgegeben. – Die Hoffnungen auf Weihnachtsentlassungen sind fast alle zusammengebrochen. Die Genossen vom Mitteldeutschen Aufstand sind nach wie vor ohne die geringste Nachricht, was aus ihnen wird. Hingegen erhielt Daudistel grade noch am Tage vor Weihnachten – zur Erhöhung der Festtagsfreude – wieder die Ablehnung eines Gesuchs unter Hinweis auf die früher geltend gemachten Gründe, worunter sich auch der befand, daß der Tatbestand, auf den sich das Urteil stützte, auch angenommen, er sei unzutreffend gewesen, nichts zur Sache tue, die Höhe der Strafe (6 Jahre) wäre auch sonst angemessen erschienen. – Aber eine „Begnadigung“ ist doch erfolgt. Bedacht erhielt gestern die Mitteilung, daß er am 17. Januar auf Bewährungsfrist bis 1928 entlassen wird. Er rettet dadurch 1 Jahr 11 Monate. Zu dieser Eröffnung hat Bedacht einen schriftlichen und einen mündlichen Kommentar erhalten, von denen gesprochen werden muß. Die Entscheidung des Würzburger Volksgerichts ist ein Dokument von eminenter Wichtigkeit für uns, da die wahre Gesinnung der bayerischen Justiz noch in keinem amtlichen Aktenstück so durchsichtig niedergelegt ist. Zunächst schon wird die Bewährungsfrist diesmal ausdrücklich vom Wohlverhalten draußen abhängig gemacht und an die Bedingung geknüpft, B. müsse sich jeden „politischen Heraustretens“ enthalten. Er hat also nicht erst dann das Nachbrummen zu gewärtigen, falls er eine Neuverurteilung von mindestens 3 Monaten Freiheitsstrafe verwirkt, sondern schon bei jedem öffentlichen Auftreten, und Herr Hoffmann hat ihm das unten noch extra dahin ausgelegt, daß er noch nicht einmal eine Festrede auch nur in einer Gewerkschaftsversammlung halten dürfe, widrigenfalls er auf der Stelle verhaftet würde. Das Volksgericht führt dann die Gründe an, die es zu seiner Gnadenbezeigung bewogen hat, und da sagt es ganz offen heraus: Es ist glaubhaft gemacht, daß Bedacht von seinen extrem-radikalen Ansichten zurückgekommen sei, der Strafzweck sei also erreicht. – Früher schon hatte Kraus erklärt, man möge sich „bessern“, wie etwa jener Reichardt, dann sei der Strafzweck erreicht und er könne für bedingte Begnadigung eintreten. Jetzt ist diese Auffassung in einem Amtsschriftstück beglaubigt, und wir haben die ungeheuerliche Tatsache vor uns, daß als Strafzweck für die zu Ehrenhaft Verurteilten in Bayern die Brechung ihrer Gesinnung ausdrücklich von einem Gericht bestätigt ist. Dadurch erklärt sich alles. Selbstverständlich ist der gesamte Strafvollzug dem Strafzweck untergeordnet und angepaßt. Die ungeheuerliche Brutalität unsrer Behandlung, die vollständige Loslösung unsrer Gefangenschaftsformen von jeder Gesetzlichkeit, von jedem geschriebenen Recht, ihre gänzliche Einstellung auf Qualen und physisches Leiden soll unsre Überzeugungen ändern. Man traut unsern Charakteren nicht zu, auf die Dauer all den Folterungen gewachsen zu bleiben, die in steter Steigerung über uns verfügt werden, – und eben diese ständige Steigerung und Vermehrung der Qualen erweist sich nun als Folgerichtigkeit in einem klar erdachten System. Unsre Strafe ist nicht mehr Vergeltung – obwohl dem Rachebedürfnis der ausführenden Organe weitgehende Erfindungsfreiheit gewährt wird; sie ist Unschädlichmachung von Feinden. Wir sind Feinde auch hier im Gefängnis noch. Und nun wird auch die Sonderbehandlung Arcos als logische Konsequenz dieser Auffassung klar. Der Mann, der in der bayerischen Republik seine monarchistische Überzeugung in seinem Meuchelmord aktiv genug bekundet hat, hat bei den Sachwaltern dieser Republik den Beweis erbracht, daß er die erwünschte Gesinnung hat. Es gibt also auch keinen Strafzweck bei ihm mehr zu erreichen, und so wird die Strafe, zu der er der Form wegen verurteilt bleibt, an ihm in Formen vollstreckt, die sie als Strafe eliminieren. Wir stehn da Rechtsbegriffen gegenüber, die schon im alten Rom überholt waren. Wenn diese eklatanten Beweise der Sittenverwilderung in Bayern propagandistisch nur richtig ausgenützt werden! Mir ist das Erstaunlichste an alledem nur immer die vollständige Sinnesgleichheit der Rechtshüter in diesem Lande, für die die tollsten Rechtsbeugungen allesamt die größte Selbstverständlichkeit sind. Sehr interessant ist, was Hoffmann Bedacht noch mündlich zu alledem hinzugesetzt hat, und was Bedacht in voller Naivität erzählt, ohne zu merken, was für Ungeheuerlichkeiten er damit aufdeckt. Die Gnade, die ihm erwiesen werde, sei unermeßlich. Grade er habe sich schon während des Krieges mit den Verrätern verbunden, die das Unglück Deutschland vorbereiteten, also das schwerste Verbrechen gegen das Vaterland begangen, das denkbar ist (Bedacht wurde zu einer hohen Strafe verurteilt wegen Meuterei im Kriege, die 1918 amnestiert wurde. Die Refus, die Daudistel dauernd bekommt, dürften auch damit in Verbindung stehn, daß er bei dem Reichpietschunternehmen 1917 in Wilhelmshafen beteiligt und verurteilt war). Er, Bedacht, habe später sich dann wieder der Umsturzbewegung angeschlossen und damit neue schwere Schuld auf sich geladen, unter diesen Umständen sei also seine Entlassung ein Beweis ganz außergewöhnlicher Gnade etc. – Die Auffassung, daß die Strömungen, die während der Weltmetzelei schon den hoffnungslos verfahrenen Krieg zuende zu bringen suchten, verbrecherisch waren, ist so sehr Axiom bei diesen Menschen, die doch objektiv sein sollen von Berufs wegen, daß kein entfernter Gedanke sie jemals daran zweifeln läßt. Sie setzen als selbstverständlich voraus, daß wir selbst ebenfalls finden müssen, daß wir Verbrecher waren, als wir unsre letzte Hoffnung auf menschliche Zustände in der Revolution suchten. Der Gedanke gar, daß die Lage des deutschen Volks unnennbar viel glücklicher wäre, wenn die Revolution früher gekommen wäre, wenn eine der Ordnungswidrigkeiten in der Armee oder der Flotte zu einer wirklichen Sabotage des Kriegs geführt hätte, wenn schließlich die Konterrevolution von 1919 bezwungen worden und die Revolution zur wirklichen Erneuerung des sozialen Lebens geführt worden wäre, – dieser Gedanke liegt ihnen viel zu fern, als daß sie überhaupt begreifen könnten, daß jemand anders ihn haben könnte. Wer ihn aber hat, der ist für sie ein Verbrecher, der zu dem ausgesprochenen Zweck bestraft werden muß, daß er sich bessere und daß seine Überzeugungen gebrochen, also seine Seele durch Quälereien am Körper abgestumpft werde. Das sind die Rechtsbegriffe, die zur Zeit in Bayern Geltung haben und sich rückhaltlos auswirken. Diese Aufklärung hat mir die psychologische Einsicht in die Mentalität unsrer Kerkermeister außerordentlich vertieft, infolgedessen auch meinen subjektiven Groll gegen die Einzelnen gemildert, indem sie die objektive Unversöhnlichkeit in ihrer ganzen Schärfe aufgedeckt hat. Das Kapitel Klassenjustiz – das bedeutet, daß Menschen einer Welt von solchen einer andern, die garkeine Berührungspunkte mit jener hat, gerichtet werden – hat einen neuen Kommentar erhalten. Ich weiß jetzt sicherer als je, daß der Kampf gegen den Staat mit allen seinen Rechtsinstitutionen – ein Kampf, der noch garnicht eigentlich begonnen hat – sich in den Formen abspielen wird, die sich aus der Erkenntnis ergeben, daß die Gegenseite für Logik und Überredungsgründe ohne jegliches Organ ist. Der Beweis dafür ist unser Schicksal. Solange die Reaktion uns physisch in der Gewalt hat, wird sie nicht nachlassen uns zu peinigen, damit wir ihr auch psychisch unterliegen. Diese Erkenntnis ist nicht eben erhebend, wohl aber so nützlich, daß ich mit ihrer Gewinnung mit dem Weihnachtsertrag 1922 zufrieden bin.

 

Aus: „Tagebücher 12. 1922–1923“ von Erich Mühsam, herausgegeben von Chris Hirte und Conrad Piens

Siehe auch: www.muehsam-tagebuch.de

Große Koalition

Von Erich Mühsam

 

Die Reichspräsidenten-Komödie zunächst. Da war nach allerlei Gezottel und Gemächel endlich der Wahltermin auf den 3. Dezember festgelegt worden, und schon sollte der Werberummel für Ebert losgehn, denn kein andrer – dies las man in Sozi- wie in Bayernblättern – hat soviel Anspruch auf das Vertrauen des „Volks“ wie der durch seinen „Takt“ und durch sein vielfach bewiesenes Verständnis für Konterrevolutionäre und ausbeuterische Bestrebungen jeder Art hochbewährte Fritz. Aber plötzlich tauchten Schwierigkeiten auf. Die Stinnespartei, die bisher dauernd auf die Wahl hingedrängt hatte, fand, daß ihr Eintreten für Ebert am Ende doch auf einen Teil ihrer Gefolgschaft, der die Identität von Geschäft und Patriotismus noch nicht ganz begriffen hat, schlechten Eindruck machen könnte, fand andrerseits, daß jetzt grade nach der Einigung der Ditt- und Scheidemänner die Aufstellung eines Gegenkandidaten kaum aussichtsvoll sei, zumal eine bürgerliche Sammelkandidatur infolge der Nominierung Hindenburgs durch die Deutschnationalen nicht mehr möglich war, – und daß die Wahl Hindenburgs für ganz Stinnesien eine Katastrophe bedeuten müßte, mochten sie doch wieder ihren Getreuen nicht gradeheraus eingestehn, und so leiteten Stresemann und die Seinen eine Aktion ein, um die Verschiebung der Wahl auf einen für sie geeigneteren Zeitpunkt zu erreichen, gewannen auch Zentrum und Demokraten und Bayerische Volksparteiler dafür und mußten dann nur vor den Sozi zurück, die auf dem heiligen 3. Dezember bestanden und bei ihren 180 Reichstagssitzen mit den Stimmen der Deutschnationalen und Kommunisten die Mehrheit dafür gehabt hätten. Aber man fand wieder einmal ein wunderbares Kompromiß, ausgeheckt im Bregen Hermann Müllers, freudig aufgegriffen von den Stinnesmannen: es wird eine neue Verfassungsänderung mit ⅔ Mehrheit beschlossen; Ebert bleibt danach ohne Wahl Präsident bis zum 30. Juni 1925 und zwar „definitiver“ statt wie bisher als Platzhalter für sich selbst. Die gewaltige Mehrheit dafür – von Emminger bis Crispien – ist gesichert, und alle Ängste sind behoben. Die Deutschnationalen toben freilich und Escherich tritt trotz seiner Entthronung als der Retter in der Not mit einem offenen Brief an Ebert auf den Plan und ersucht ihn, sich zu dem Betrug nicht brauchen zu lassen. Er hat nämlich anscheinend nicht begriffen, worum das ganze Theater geht: um die endliche Herstellung der „großen Koalition“. Nachdem sie schon das wähleifrige „Volk“ um die schöne Aussicht, nach langer Pause mal wieder persönlich Politik machen zu dürfen, geprellt haben und somit schon ein unsauberes Geschäft miteinander besorgt haben, ist ja die Hauptschranke gefallen und die Regierung in die Lage versetzt, ohne das Eindringen von Grundsätzen gebundener Politiker befürchten zu müssen, sich zu vervollständigen, indem sie die Erweiterung nach „links“ etwa durch Hilferding durch die Übergabe einiger Ressorts an Stinnes-Beauftragte kompensiert. Bei dieser ganzen Groteskposse darf man auch das Verhalten unsrer lieben Parteikommunisten nicht übersehn. Man hätte vermuten können, diese rabiaten Gegner der bürgerlichen Gesellschaft, die den Ministerialismus der übrigen Sozialisten mit heißem Zorn verfolgen, würden sich nicht mit an die Krippe drängen, wenn der auf die Weimarer Verfassung zu vereidigende Präsident aller deutschen Koalitions- und Stinnes-Ministerien zu wählen ist. Aber – je nun: Charakter ist nur Eigensinn, sagt Paul Scheerbart.

 

Aus Tagebücher. Band 12, 1922 – 1923, Auszug aus dem Eintrag vom 21. Oktober 1922.

Siehe auch: www.muehsam-tagebuch.de

Nacht in der Emigration

Von Max Herrmann-Neiße

 

Nachts bin ich ganz allein im Weltenraum,
fern allen Freunden, die mich längst vergaßen.
Die sieben Stock, hoch über Londons Straßen:

Die Katze mir zu Füßen hat die Ruh
als ihr Gehäus. Die Frau an meiner Seite
schloß sich im Schlaf wie eine Blume zu,
ihr Atem nur gibt sanft mir das Geleite.

Da draußen sind die Sterne und der Mond
und werden unser Leben überdauern.
Nachtwandlerisch umschleicht mein Wunsch die Mauern,
dem Frieden fremd, der hinter ihnen wohnt.

Und alle Laute, die das Dunkel haucht,
verwandeln jäh sich in ein kurzes Schweigen.
Dann taumle ich benommen und verbraucht
ins Frühlicht, dessen Züge bleich sich zeigen.

Mühsams letzte öffentliche Rede

Von Erich Mühsam

[…] Und ich sage euch, dass wir, die wir hier versammelt sind, uns alle
nicht wiedersehen. Wir sind eine Kompanie auf verlorenem Posten.
Aber wenn wir hundertmal in den Gefängnissen verrecken werden, so
müssen wir heute noch die Wahrheit sagen, hinausrufen, dass wir protestieren.
Wir sind dem Untergang geweiht. […]

Im Februar 1933 gehalten vor der Berliner oppositionellen Gruppe des
Schutzverbandes Deutscher Schriftsteller.
Aus dem Band “Das seid ihr Hunde wert! Ein Lesebuch” von Erich Mühsam, herausgegeben von Manja Präkels und Markus Liske

«Cemetery of Splendour» von Apichatpong Weerasethakul

 

Von Philipp Stadelmaier

«Sometimes movies don’t really represent a concrete reality. They are more about our existence, our memories.» Apichatpong Weerasethakul

Lange Zeit über war das Kino eine Kunst des Träumens. Ihre Meister hiessen Minnelli und Fellini, Buñuel und Ruiz, Bergman und Lynch. Diese Kunst des Träumens bestand aus dem Geträumten: aus den Défilés der Traumbilder und -figuren, aus den Emanationen und Umschriften des Unbewussten in der Sphäre des Sichtbaren. Das Kino von Apichatpong

Weerasethakul ist ein anderes: nicht das des Geträumten, sondern der Träumenden. Ein Kino des Schlafs. Hier haben sich die Traumbilder in die Tiefe des Schlafs zurückgezogen, ist das Traumgeschehen auf seine äusserste Rinde reduziert: auf die Bilder von Schlafenden. Diese sehen wir, nicht aber das, was sie träumen. Das Kino ist hier nicht mehr die Bühne der

Träume – sondern ihr Grab.

Cemetery of Splendour ist ein solches Grab der Träume. Und dieses ist zunächst ein Grab von Königen, jahrtausendealt und tief verborgen unter der Erde auf dem Gebiet einer alten Schule im Norden Thailands. Soldaten waren hier angerückt, um Leitungen unter der Erde zu verlegen. Nun liegen sie, befallen von einer geheimnisvollen Krankheit, die sie tief schlafen lässt, im alten Klassenzimmer. Ab und an wachen sie auf, um bald darauf wieder das Bewusstsein zu verlieren. Jen, die den Angehörigen der Soldaten Krimskrams verkauft, beginnt, einen der Soldaten zu pflegen, und erfährt von zwei Göttinnen, an deren Schrein sie gebetet hat, den Grund für das Leiden: Die Könige, die hier begraben liegen, rauben den Soldaten ihre Energie, um sie für ihre Kriege zu benutzen, die sie bis heute fortführen: «Sie schlagen sich auch jetzt noch, in diesem Moment.» Die Soldaten träumen, aber wir sehen ihre Träume nie, weil sie im Grab der Könige verschwinden – geträumt wird immer anderswo.

Die Schlafenden halten im Traum aber Kontakt zu dieser örtlichen und zeitlichen Ferne der einstigen Könige, ihrer Kriege, Paläste und Friedhöfe. Und eine Frau mit medialen Fähigkeiten hält wiederum Kontakt zu den Schlafenden, deren Erlebnisse sie den anderen

berichtet, ohne dass sie dem Zuschauer je erscheinen würden. Im zweiten Teil des Films übernimmt sie dann den Geist des Soldaten, um Jen in einem Wäldchen hinter der Schule durch die unsichtbaren Ruinen des alten Palastes zu führen. Da man den Traum und das

Ferne nie sieht, rückt das Ferne ins Nahe, entsteht also ein Kontinuum aus Nahem und Fernem, Anwesendem und Abwesendem, Lebenden und Geistern, Gegenwart und Vergangenheit, Menschen und Göttern, Körper und Geist.

Wie in Uncle Boonmee Who Can Recall His Past Lives (2010), wo ein Sterbender in Kontakt mit den Geistern seines Lebens und seiner brutalen Vergangenheit beim Militär trat, ist dieses Kontinuum vor allem eines der Macht zwischen den Königen von einst und dem Militär, das heute in Thailand herrscht. Auch ist es jenes einer Gemeinschaft, die von dieser Macht gezeichnet ist, denn Weerasethakuls Figuren sind immer Leidende: Jen hat ein geschwollenes Bein, ein anderer hat Würmer, die Soldaten die Schlafkrankheit. Der Schlaf erscheint als die einzige Freiheit in einem Land, wo das Militär alles kontrolliert, während das Medium und die Verbindung des Entfernten dieser Macht eine neue, subkutane Gemeinschaft entgegenstellt. Die Leitungen, die unter der Erde des Krankenhauses verlegt werden, sind ebenso ein Geheimprojekt des Militärs wie neue Möglichkeiten der Kommunikation. Am Ende sagen sich Jen und der Soldat, sie hätten gegenseitig ihre Träume gesehen.

Nun bleibt aber die Macht ebenso wie der «Widerstand» gegen sie ohne Bild, sind sie doch selbst nur anderswo geträumte, bilderlose Träume. Die Kommunikationskabel bleiben unsichtbar; man sieht von Anfang bis Ende nur einen Bagger beim Umgraben der Erde. Was die Menschen untereinander verbindet, ist ebenso verborgen wie das Vorhaben des Militärs.

Dieses ist «so geheim, dass es vor aller Augen statthat», wie es am Ende heisst. Der Bagger schaufelt nur weiter an diesem Grab für die Träume, in das hinein diese entfliehen und verschwinden. Das Traumbild, das stets weit entfernt ist, erscheint auch nicht durch Montage zweier weit voneinander entfernter Bilder, wie bei Jean-Luc Godard. Es entsteht einzig und allein aus Entspannung. So scheint der Film wie auf einer Bilderrolle aufgezeichnet, die alles zusammenhält und sich gleichsam entrollt, entspannt, so wie der Film in zwei Teile (oder gar Filme) zerfällt: Wie in Tropical Malady oder Uncle Boonmee folgt einer Konzentration auf

Innenräume ein Ausflug ins Draussen. Nach den Szenen im Krankenhaus führt das Medium Jen durch den unsichtbaren Palast im Wald hinter der Schule. «Siehst du? Roter Marmor», sagt sie ihr, während die Kamera mürbes Laub auf dem Waldboden zeigt. Das Traumbild entsteht allein im Erschlaffen der Gegenwart, so wie das Laub in seinem Mürbsein schlaff wird und aufhört, nur Bild von diesem Laub zu sein. Und allein diese Entspannung beinhaltet die Politik, aus der heraus oder zu der hin der Film aufwachen lässt: zu einer Politik des Laubes.

Der Ort dieses «entspannten» Traumbilds ist das Kino selbst. Hierhin gehen Jen und der Soldat in der Mitte des Films, wenn dieser also in zwei Teile zerfällt – womit das Kino selbst diese «Bilderrolle» ebenso zusammenhält wie entrollt. Von einer nur zur unteren Hälfte sichtbaren Leinwand verschwinden bald die Bilder eines Trailers und machen einer weissen Leinwand Platz. Es folgt ein Schnitt in den Schlafsaal, der von einer Phalanx von Schlaflampen in wechselndes Farblicht getaucht wird, wonach der wieder eingeschlafene Soldat aus dem Saal getragen wird und die Rolltreppen des Multiplexkinos sich mit dem Schlafsaal überlagern. Der Farbwechsel der Lampen, die surrenden Deckenventilatoren und die Rolltreppen bilden diese minimale, entspannte Bewegung, in der sich im Ruhenden das verborgene Traumgeschehen abzeichnet. Das Kino ist kein Ort der sichtbaren Traumbilder mehr – sondern ein Ort des Schlafs. Ebenso bilden die Röhrenlampen die Kehrseite eines Spektakels des Sichtbaren. Sie strahlen weniger Licht aus, als dass sie es beinhalten. Sie stülpen es auf seine nächtliche Seite um, machen das Licht zum Ding. Sie zeichnen die Träume der Schlafenden in den Raum: ihre äussere, nächtliche, schläfrige Seite.

Weerasethakuls Film erhellt damit eine Zeit, in der die Träume im Kino immer mehr zu Oberflächen und Dingen werden (wie all die Apparate, die die Bilder heute jenseits der dunklen Säle verstreuen). Zuletzt war in The Neon Demon von Nicolas Wending Refn die Schönheit «ein Ding», und in Spielbergs The BFG sind Träume umherschwirrende Farbkugeln. Weerasethakuls Kino ist in dieser Hinsicht das kostbarste. Er schickt den Zuschauer ins Kino wie in die Schule, die der Krankensaal ja früher war. Hier lernt man aber nicht das Aufwachen aus dem Traum, um die schlechten Illusionen zu überkommen, sondern hier lernt man zu schlafen, und (wie es ein Meditationslehrer hier einmal formuliert) im Schlaf zu wachen. Um den schlafenden Dingen wie im Schlaf ihr verborgenes Traumleben abzulesen. Wir müssen lernen, Filme wie im Schlaf zu sehen. Um wach zu sein, wenn mürbes Laub von rosa Marmor träumt.

 

Der Text erschien zuerst im Filmbulletin, Ausgabe 5,  am 16. Juli 2016.

Deutsche im Ausland

Von Erich Mühsam

 

Mutter Germania gebar in legitimer Ehe mit dem Geiste der Zeit drei Söhne: den Konfektionsreisenden, den Oberlehrer und den Radfahrer. Da alle drei sich brav entwickelten, da sie ihre Kräfte üppig herausbildeten und sich ihres Wertes wohl bewusst waren, schickte Mama sie auf Reisen, wofür sich die Söhne im Lobe der guten Dame schier überbieten wollten. Leider hatte sich jedoch Mutter Germania auch einmal mit dem Geiste der Ewigkeit eingelassen, und diesem Bunde – Gott, man spricht ja nicht gerne davon – entspross der deutsche Künstler. Um nicht an ihre Schande gemahnt zu werden, hatte Frau Deutschland diesen illegitimen Sohn schon frühzeitig verstoßen – und das Unglück wollte, dass die Stiefbrüder im Auslande einander begegneten.

Hört zu, was der deutsche Künstler mir über die Begegnungen und die Anfechtungen, die sie für ihn im Gefolge hatten, erzählte:

Ich habe so viel vom Vater, begann er, und meine Mutter hat mich von jeher so schlecht behandelt, dass es Sie nicht wundernehmen wird, dass ich ein wenig kosmopolitisch gesinnt bin. Zwar liebe ich sehr die Sprache meiner Mutter, wenn sie auch von meinen Brüdern arg missbraucht wird und in ihrer Gewalt recht verblüht und kümmerlich aussieht – aber sie, die bei zarter Behandlung doch noch immer sehr verlockend, sehr reizvoll, sehr schmiegsam und hingebend ist, ist auch das einzige, was ich noch Liebenswertes aus meinem mütterlichen Erbteil zu ziehen weiß. Wohl steht meine Sehnsucht noch oft genug nach dem heimischen Erdboden: Immer wieder möchte ich als Dichter die Sprache waschen und putzen, um die Spuren der Vergewaltigungen zu verwischen, die meine Brüder an ihr verübt haben; immer wieder möchte ich als Maler das Heimatland von den Geschmacklosigkeiten säubern, mit denen sie es verunziert haben. Aber der Geruch ihrer Fußsohlen ist so abscheulich, das Gebrüll, mit dem sie im Lobe des Landes das Land entweihen, so viehisch, dass es mich nie lange daheim hält; dass es mich immer wieder hinaustreibt nach Italien oder Frankreich, nach Ländern, wo ich Menschen finde, die mit mir den Vater gemeinsam haben.

Kann ich dafür, dass ich diese Deutschen, für die ich keinen Funken brüderlicher Empfindung mehr verspüre, die mir zuwider sind, wie mir kein Zuluneger zuwider ist, und die mich in den Tod hassen, weil ich den guten Ruf ihrer Mutter kompromittiere – kann ich dafür, dass ich sie auch im Ausland sehen muss, dass sie mich auch hierher verfolgen, wo sie mich umso mehr ekeln, als sie hier mit ihrer schmierigen Patzigkeit im Bewusstsein ihres Wertes ganz besonders plump auftreten und zu Vergleichen mit den Leuten herausfordern, die der polygame Geist der Zeit mit anderen Nationalitäten gezeugt hat? Und doch kann das mütterliche Blut in mir noch nicht ganz abgestorben, nicht ganz erkaltet sein; sonst könnte ich mir das heiße Schamgefühl nicht erklären, das mich bei allen ihren Handlungen und Äußerungen schüttelt, und das doch wohl nur auf einer innerst empfundenen Solidarität mit diesen nach Wunsch gearteten Kindern meiner Mutter beruhen kann, um derentwillen sie mich verstoßen hat.

Siehe da, der Konfektionsreisende! Wie er seine Ware preiste. Wie meine geliebte, von ihm schmählich genotzüchtigte Sprache herhalten muss zum Preise seiner Wohlanständigkeit, die ihn ernährt. Er hausiert mit Lodenjoppen und Kunsturteilen. Und praktisch ist er – ich sage Ihnen! Stets trägt er sein Notizbuch in der Hand, in dem er jeden Pfennig bucht, den er ausgibt.

Nicht etwa, dass er wenig ausgäbe – oh, er sorgt aufs Üppigste für seine Verdauung. Er schmatzt seine Poularde mit so feistem Behagen herunter, dass jeder schon von ferne den deutschen Konfektionsreisenden in ihm erkennt. Aber er achtet wohl darauf, dass sein persönlichstes Recht an seinem Geld ihm nicht geschmälert werde. […]

Der Konfektionsreisende begegnete mir in vielerlei Gestalt – aber wenn ich ihn bat, mir zu helfen, dann verleugnete er niemals seine Eigenschaft, dann gab es in allen Fällen Abweisungen. Ich pumpte auch Franzosen, ganz fremde, an: niemals erfuhr ich von ihnen einen Refus. Ja, der Konfektionsreisende ist mein praktischer Stiefbruder. Er trägt seinen Reiseplan wohlgesichtet in der Tasche. Er weiß, was er laut Baedeker anzuschauen hat, und welcher Zug ihn in 6 Wochen daheim wieder abliefert. Er versäumt keine Kirche und kein Denkmal, das bei Baedeker einen Stern hat, am allerwenigsten aber die Abfahrt eines Eisenbahnzugs. Wenn er – meist in Gestalt eines jungvermählten Paares oder einer deutschen Ferienfamilie – eine Sehenswürdigkeit besucht, so lässt er sich von einem Führer leiten, hört aufmerksam zu, was der Mann sagt, bleibt vor jedem Gemälde eine halbe Minute stehen, geht im Tempo des Redeflusses des Cicerone von Kunstwerk zu Kunstwerk und verlässt nach Abladung des Trinkgeldes die Stätte der Kunst, ohne einen Blick zurückzuwerfen, froh, der Besuchspflicht entledigt zu sein. Aber sein Warenbestand hat sich vergrößert, er kann eine Partie Kenntnisse mehr feilhalten, und wenn er wieder bei Seinesgleichen ist, dann kann er mitreden: Ja, da bin ich auch gewesen! – und kann die tiefsinnigsten Urteile über die Kunstwerke, die er gesehen hat, mit großen Gebärden ins Schaufenster stellen.

Ich komme zum Stiefbruder Oberlehrer. Er erfreut sich im Auslande unter den Brüdern der weitesten Bekanntheit. Nur schade, dass man überall über ihn lacht. Seine Seele ist nämlich bucklig – darum ist er so komisch. Den Buckel, den seine Seele hat, nennt er Logik und Exaktheit. Der deutsche Oberlehrer ist gründlich und gebildet. Wissen Sie, ich will meiner Mutter Germania ja nicht zu nahe treten, aber manchmal hab ich sie im Verdacht, dass sie doch auch Beziehungen zum Geiste der Vorzeit unterhalten haben muss; sonst wüsste ich kaum, wie ich mir den deutschen Oberlehrer erklären soll. Ich halte ihn für den gefährlichsten der drei Brüder. Der Konfektionsreisende und der Radfahrer stinken nur; der Oberlehrer aber fleckt. Er steckt seine Nase inbrünstig in jeden vergessenen Stumpfsinn und wischt sie dann mit lautem Schnäuzen an unseren besten Kulturen ab. Er muss alles wissen, und wer alles wissen muss, der weiß alles besser. Wenn Sie im Auslande bewundernd vor einem herrlichen Tempel stehen und das Unglück will es, so kommt der deutsche Oberlehrer und setzt Ihnen in dreistündigem Vortrag auseinander, warum der linke Quaderstein am dritten Portal rechts im falschen Winkel behauen ist, und wieso es kommt, dass dieser Tempel gerade hier und nicht sieben Meter weiter östlich erbaut ist. Der Oberlehrer verleidet einem jeden Kunst-, jeden Naturgenuss, weil er alles glaubt, erklären zu müssen. Und er glaubt, alles erklären zu müssen, weil er verzweifelt, wenn er niemand erziehen kann. Er erzieht zu Kenntnissen, zu korrektem Betragen, zur Benutzung der Sinnesorgane, zur Tugend – oder auch zur Freiheitlichkeit, je nachdem, was er gerade für eine Spezies protegiert. Wie er seine Frau zur Korrektheit erzog, habe ich auch einmal in Florenz an einem der heißesten Tage, die mir in Erinnerung sind, belauscht. Die Dame bestellte in einem Café eine Eisschokolade. Ihr Gatte aber, der ein deutscher Universitätsprofessor, etwa aus Halle an der Saale, gewesen sein muss, belehrte sie: »Das wirst du nicht trinken! Du siehst doch, kein Mensch trinkt Eisschokolade. Das kann man wohl in Rom oder Neapel tun, aber in Florenz doch nicht mehr!« Als ich darauf vernehmlichen Tones Eisschokolade verlangte, warf er mir einen vernichtenden Blick zu. Er ist – diese Eigenschaft teilt er mit den beiden anderen Stiefbrüdern – stets mit sich zufrieden. Für alles Weltgeschehen hat er hinreichende Erklärungen, sodass ihm die Mirakel der Kunst und der Natur nichts anhaben können. Nur über sich selbst ist er ganz unorientiert. Er hat keine Ahnung, wie ekelhaft er ist, wenn er jedes Kunstwerk auf die Farbensubstanz studiert, mit der es gemalt ist, ohne irgendwelchen seelischen Nutzen daraus zu ziehen; er sieht nicht, welchen schönheitzerreißenden Eindruck seine Klumpfüße in die herrlichsten Gegenden treten; ihm kommt kein Gefühl dafür auf, wie grotesk sich seine Erscheinung im Vergleich zu den prächtigen Südeuropäern ausnimmt, die es verstehen, mit Genuss zu atmen. Dem Konfektionsreisenden kann man hier und da doch mal aus dem Wege gehen, – der Oberlehrer tritt einem überall auf die Zehen. Daher ist er der gefährlichste Sohn des Zeitgeistes.

Der Radfahrer ist der widerwärtigste. Er schwingt die schwarz-weiß-roten Dessous der Mutter Germania mit jubelnder Grazienverlassenheit durch die Lande. Er heult sein »Deutschland, Deutschland über alles« durch jeden stillen poetischen Bergwald, von jedem Kirchturm und von jeder Felsspitze. Das Öldruckbild seines Landesvaters tröstet ihn über alle Qualen der Langweile, die er beim pflichtgemäßen Besuch der Kunstgalerien erdulden musste. Er fragt nicht: Ist die Tour schön? Sondern: Ist da eine gute Fahrstraße? Findet er die Tour trotzdem schön, so rechnet er das sich als Verdienst an: »Ha!«, ruft er aus. »Das nenn ich noch ’ne Gegend!« und lacht dazu aus vollem und belegtem Halse. […]

Können Sie sich nun vorstellen, was ich, der Künstler, durch meine Stiefbrüder für Qualen erdulden muss? Im Auslande fortwährend unfreiwillig an den Spruch erinnert zu werden: Gedenke, dass du ein Deutscher bist! – das ist das tückischste aller Verhängnisse. Tapsig, flegelhaft, verbohrt, hinterhältig, geizig, unverschämt, kulturlos – das sind so die hervorstechendsten Eigenschaften derer, die man als seine Brüder betrachten soll. Das einzige nationale Gefühl, das ich mir im Auslande gewahrt habe, ist das nationale Schamgefühl. – – – So urteilte der illegitime Sohn der Mutter Germania über die Deutschen im Ausland.

 

Aus dem Band “Das seid ihr Hunde wert! Ein Lesebuch” von Erich Mühsam, herausgegeben von Manja Präkels und Markus Liske

Virtuelles Theater

Hollywoodstars schweben alleine durchs Weltall, und die alten Kinogeister haben sich in digitale Pokémon verwandelt. Wie Filme auf die Einsamkeit des Menschen vor dem Display reagieren.

Von Philipp Stadelmaier

Auf den ersten Blick sind es ganz typische Paris-Fotos. Schnappschüsse in Schwarz-weiß von öffentlichen Plätzen der Stadt, vor allem von Parks wie dem Jardin du Luxembourg oder dem Buttes-Chaumont. Leute stehen herum, sitzen, laufen, mal alleine, mal in Gruppen. Aber was zunächst gewöhnlich erscheint, ist auf den zweiten Blick eher unheimlich: Jeder starrt wie gebannt auf sein Smartphone, als würde er irgendetwas suchen. Als würden die Handys die Menschen durch ein geheimes Territorium lotsen, das mit der sichtbaren Welt nichts mehr zu tun hat, als würde ein unsichtbares Kraftfeld ihre Bewegungen choreografieren.

Die Fotos entstanden diesen Sommer. Da war der deutsche Fotograf Thomas Dworzak, der in Paris lebt, gerade von einer längeren Reise zurückgekehrt. Er war von dem seltsamen Verhalten in seiner Umgebung so verblüfft, dass er sofort zu fotografieren begann. Das von Dworzak dokumentierte Phänomen, das nicht nur in Paris zu beobachten war und sich wie ein digitales Virus in der ganzen Welt ausgebreitet hat, ist das Smartphone-Spiel Pokémon Go. Darin werden digitale Monsterfiguren per GPS-Navigation überall auf der Welt an bestimmte Orte projiziert. Findet man eines, so taucht es wie ein Phantom im Bild der Handykamera auf: ein digital animiertes Monster, welches das Bild der wirklichen Welt überlagert und vom Spieler „gefangen“ werden kann. An besonders populären Orten gibt es besonders außergewöhnliche Monster zu finden, sodass eine Stadt wie Paris nicht nur viele Sehenswürdigkeiten, sondern auch exquisite Pokémon zu bieten hat.

Das Faszinierende an Dworzaks Fotografien ist nun, dass sie von einer großen Vereinsamung und Vereinzelung zeugen. Da geht die eine Gruppe einen Weg entlang, während eine andere herumsitzt, ohne dass sie miteinander irgendetwas zu tun zu haben scheinen, ebenso wenig wie die Mitglieder jeder einzelnen Gruppe untereinander. Auf anderen Aufnahmen sind nur wenige Personen zu sehen, vereinzelt, verstreut. Und dann sind da jene zwei Männer, die sich auf einem Parkweg direkt gegenüberstehen – und sich dennoch nicht einmal zu bemerken scheinen. Denn all diese Menschen schauen nur auf ihre Smartphones, auf der Suche nach Monstern, und hören auf, für die anderen zu existieren.

Dworzaks Bilder zeigen eine Welt, in der sich jedes Band zwischen den Menschen vaporisiert hat, in dem Moment, in dem sie alle in derselben digitalen Sphäre angekommen sind und denselben Pokémon nachjagen. Man könnte einwenden, dass durch Spiele wie Pokémon und alle möglichen sozialen Medien heute viel mehr kommuniziert wird als früher, was auch richtig ist. Aber Dvorzaks Fotos positionieren sich jenseits der digitalen Sphäre und betrachten diese von außen. Sie zeigen, anders als einige Screenshots des Spiels, die der Fotograf auch gemacht hat, nicht das Spiel selbst, sondern seinen Effekt auf die Körper der Spieler. Auf diese Weise dokumentiert er die Art, wie die Produktion, die Verteilung und der Konsum von Bildern unser Verhalten grundlegend verändert hat: Jeder scheint ganz in sich selbst versunken zu sein, gebeugt über den eigenen Bildschirm. Während Dworzak diese Vereinzelung in einer Welt der personalisierten Medien fotografisch dokumentiert, gab es in den vergangenen Jahren auch viele Filme, die das fürs Kino geleistet haben. Gerade eine globale Bildproduktionsmaschine wie Hollywood kann natürlich kaum anders, als früher oder später auf solche globalen Entwicklungen zu reagieren. So gab es zuletzt vermehrt Filme, die ihre Hauptfiguren vollkommen isolierten. Sandra Bullock sauste in „Gravity“ die meiste Zeit allein im All herum, und Tom Hanks war in „Captain Philips“ auf hoher See ebenso auf sich allein gestellt wie Robert Redford in „All is Lost“, einer einzigen One-Man-Show im Überleben. Auch in den Weltraumabenteuern „Interstellar“ und „Der Marsianer“ ging es äußerst einsam zu: Jessica Chastain, die in beiden Filmen mitspielt, ist nie zur gleichen Zeit am gleichen Ort wie die anderen Stars, Matthew McConaughey und Matt Damon, die jeweils in einem anderen Teil des Weltraums gestrandet waren. Die Stars teilen sich zwar einen Film, aber nie dasselbe Bild. Um unsere Gegenwart zu beschreiben, ist der Weltraum der rechte Ort: Jeder lebt in seiner eigenen Welt, ist um Welten vom anderen getrennt.

Die Parks, die Statuen und die alten Gemäuer, welche die Pokémon-Spieler bei Dworzak durchstreifen, erinnern aber nicht nur an aktuelle Blockbuster, sondern vor allem an einen viel älteren Film: „Letztes Jahr in Marienbad“(1961) von Alain Resnais. Ein rätselhafter Film in Schwarzweiß, in dem die Figuren durch das Labyrinth eines prunkvollen Palastes und eines Parks wandeln. Ohne dass sie wissen, wer sie sind, was sie miteinander verbindet, und ob sie sich von früher kennen oder nicht. In „Interstellar“ und „Der Marsianer“ wird die Distanz zwischen den Getrennten meist irgendwie überbrückt: durch die Liebe zwischen Vater und Tochter, durch das Vertrauen in Technik und Fortschritt. Wenn die Figuren aber bei Resnais vereinzelt wirken, dann verbinden sie einzig die Geister von früher, die ihre entrückten Bewegungen bestimmen und sie führen wie Spielfiguren in einem merkwürdigen Spiel.

Auch Dowrzaks Spieler wirken wie Spielfiguren, gesteuert von außen, ohne Verbindung untereinander, gelenkt von Geistern, den Pokémon, die in der Realität unsichtbar sind, präsent nur auf dem Handy. In Dworzaks Fotografien sind die Pokémon omnipräsent, obwohl sie unsichtbar bleiben. Neben diesen digitalen Geistern gibt es aber auch hier die Geister des Vergangenen, die schon den Film von Resnais heimgesucht haben.

Die Geister der wirklichen, der historischen Welt, die durch das nostalgische Schwarz-Weiß seiner Aufnahmen evoziert werden. Bei seinen Recherchen hat Dworzak festgestellt, dass viele der sogenannten Poké-Stops an historischen Orten liegen: an einem Holocaust Memorial, auf einem Soldatenfriedhof oder vor dem Pariser Club Bataclan, der durch die Anschläge vom 13. November 2015 traurige Berühmtheit erlangte.

Die Geister der wirklichen Toten scheinen also Konkurrenz bekommen zu haben von diesen anderen Geistern, den Pokémon, die sie überlagern, von ihnen ablenken, mit ihnen konkurrieren. Die Pokémon-Geister enthüllen zwar mancherorts die Geister der Opfer der Geschichte bis in die Gegenwart. Aber indem die bunten Fabelwesen vor ihnen aufpoppen und Faxen machen, verbannen sie diese auch zurück ins Dunkel. Während bei Resnais die Vergangenheit nicht mehr entschlüsselt werden konnte, wirkt bei Dworzak die äußere Welt und ihre Geschichte eher wie eine verlassene Ruine. Als sei sie nur noch Kulisse für ein virtuelles Theater, das die Pokémon-Spieler meist achtlos durchwandern, ohne noch auf ihre Geister zu achten.

Wenn Dworzak eine Welt zeigt, in der jeder seinen eigenen Geistern hinterherzujagen scheint, dann kann die Empathie nicht mehr nur allein den Geistern der wirklichen Toten gehören. Es gibt heute einfach zu viele fantastische, digitale Geister. Mal sind die Spieler fasziniert von ihrem Pokémon-Fund, mal von der schockhaften Erkenntnis wirklicher vergangener Gräuel, und wenn das Mitleid mit den Geistern der wirklichen Toten auch sicher nicht verschwunden ist, so hat es sich doch entscheidend relativiert. Dworzaks Bilder lassen von einem Remake von „Letztes Jahr in Marienbad“ träumen, in dem ein Kampf zwischen „wirklichen“ und digitalen Geistern um die Aufmerksamkeit der Lebenden stattfindet. Um deutlich zu machen, dass die „Augmented Reality“, die erweiterte digitale Realität, immer auch die Sphäre einer verringerten Realität ist, in der wir uns heute alle bewegen.

Der Text erschien zuerst in der Süddeutschen Zeitung am 13. Oktober 2016.