Sein und Nichtsein

Von Markus Liske

Es gibt unzählige Vorstellungen von einem Leben nach dem Tod. Mancher sieht sich die Harfe klampfend auf Wolken rumlungern, andere träumen davon, sich zünftig mit 72 Jungfrauen zu verlustieren, und wieder andere wollen lieber aus Kuhaugen blinzeln. Und dann ist da noch die dystopische Variante, nach der wir halbverfault aus den Gräbern steigen und, gierig auf Menschenfleisch, über die letzten noch lebenden Mitbürger herfallen. So weit mir bekannt ist, gab es jedoch nie einen Propheten, der geweissagt hätte, dass wir im Leben nach dem Tod Online-Banking machen, Selbstvermarktung über Facebook betreiben, mit Billigfliegern um die Welt jetten und versuchen, uns mit einer möglichst originellen Konsumgüterauswahl Individualität vorzugaukeln. Insofern muss ich wohl – so unwahrscheinlich mir das auch vor drei Jahrzehnten erschien – davon ausgehen, dass ich mich weiterhin im Leben vor dem Tod befinde. Fraglich bleibt, wie dieses Leben auf so falsche Bahnen geraten konnte.

Zwar war die Generation, der ich zuzurechnen bin, also jene, die ihre Teenagerzeit in den Achtzigern des vergangenen Jahrhunderts verlebte, stets von ihrer finalen Auslöschung noch vor dem Jahr 2000 überzeugt, aber dennoch agierte sie meist so, als könne es noch eine Rettung geben. Die beängstigende Umweltstudie »Global 2000« hatten wir seinerzeit als Schulbuch anschaffen müssen (sie steht noch heute irgendwo hinten unten in meinem Bücherschrank), auf jedem Spind prangten Anti-Atomkraft-Aufkleber und zu den großen Friedensdemos gingen wir Arm in Arm mit unseren Lehrern. Im Deutschunterricht lasen wir »1984« von George Orwell und diskutierten darüber, wie gefährlich nah uns die BKA-Rasterfahndung gegen den RAF-Terrorismus schon an eine solche Überwachungsgesellschaft herangeführt hatte. Und um das nahende Weltende auch auf emotionaler Ebene fest in uns zu verankern, bekamen wir Aufsatzthemen wie dieses: »In 24 Stunden geht die Welt unter. Was tust du? Beschreibe in Präsens und Ich-Form.« Gedanken an Sex waren immer auch Gedanken an Aids, obwohl unsere Angst davor im Nachhinein unlogisch erscheint, erwarteten wir doch ohnehin tagtäglich den alles verzehrenden Atomblitz. Aber, wie gesagt, wir verhielten uns eben ganz so, als könnten wir mit persönlichem Gutsein das Ende noch abwenden. Diese fixe (und ziemlich protestantische) Idee bildete auch die Basis für unseren spezifischen Antiamerikanismus. Keineswegs machten wir uns Illusionen über das, was uns die Sowjetunion als Kommunismus oder die DDR als Sozialismus präsentierte. »Nach drüben« wollten wir sicher nicht, aber eine der beiden Seiten würde kapitulieren müssen, um die Katastrophe abzuwenden, und da wir uns nun einmal westlich der Mauer befanden, sahen wir uns verpflichtet, der Kapitulation des Westens das Wort zu reden. So verstanden wir Johnny Rottens »I’m looking over the wall and they’re looking at me!«

Was am No-Future-Punk der späten Siebziger lustiger, hedonistischer Aufbruch gewesen war, dem sich die Kids in ambivalenter Ironie hingaben, war für uns feierlicher Ernst.

Im Nachhinein sind bekanntlich viele klüger. Aber niemand hätte in den Achtzigern vorhergesagt, dass eines Tages ein grüner Außenminister zum ersten Kriegseinsatz der Bundeswehr blasen oder dass einer der RAF-Anwälte als Innenminister Zeitungsredaktionen durchsuchen lassen und die Vorratsdatenspeicherung vorantreiben würde. Ja, es wäre einem, trotz aller Abscheu gegen die Sozialdemokratie, nicht mal eingefallen, dass ein SPD-Kanzler den Sozialstaat westdeutscher Prägung beerdigen könnte. Und schon gar wäre keiner auf den Gedanken gekommen, dass die nachfolgenden Generationen mittels Facebook, WhatsApp und Co. freiwillig einer fröhlich bunten Version des Orwell‘schen Überwachungsstaats den Weg bereiten würden oder dass ein Friedensnobelpreisträger 25 Jahre nach dem offiziellen Ende des »Gleichgewichts des Schreckens« die in Deutschland stationierten Atomwaffen modernisieren lassen könnte, ohne damit Massendemonstrationen auszulösen.

Es gibt eine Kluft zwischen dieser neuen Welt und jener, in der wir aufwuchsen, eine Zeit, in der im globalen Maße politische Weichen neu gestellt, Perspektiven verschoben und neue Entwicklungslinien initiiert wurden – das sind die neunziger Jahre, welche im kollektiven Gedächtnis zumeist wie eine diffuse Leerstelle erscheinen. Wir erinnern uns an sie, wenn mal wieder Flüchtlingsheime angezündet werden und die Kommentatoren raunen, das sei ja »wie damals in Rostock«. Oder wenn uns in Gesprächen über die »Balkan-Route« mal das Wort »Jugoslawien« entfleucht und Jüngere uns verständnislos anblicken. Wenn Soziologen versuchen, die Generationen Y oder Z zu definieren, und uns darüber wieder einfällt, dass es da mal eine Generation X gab, die wir sein sollten und die den Beinamen »Lost Generation« angeheftet bekam. Es war der Schriftsteller Douglas Coupland, der diesen Ausdruck populär machte – im Jahr 1991.

In den Neunzigern sind wir unseren Tod gestorben, wenngleich auf ganz andere Weise als erwartet. Wir starben ihn, als wir anlässlich der »Wir sind ein Volk!«-Parolen gegen die Schimäre eines »Vierten Reichs« demonstrierten, ohne die ganz reale, nämlich vor allem ökonomische Gefahr zu sehen, die dieses neue Deutschland für Europa bedeuten würde. Wir starben ihn, als uns irgendwann nach Mölln oder Solingen klar wurde, dass die neue Avantgarde an den Schulhöfen nicht mehr links, sondern rechts war. Wir starben ihn, als US-Präsident George Bush d. Ä. seinen von uns ursprünglich abgelehnten Golfkrieg, die aufständischen Kurden der Vernichtung durch Saddam Hussein überlassend, vorzeitig beendete und wir im Zuge dessen merkten, dass wir plötzlich keine Pazifisten mehr waren. Vor allem aber starben wir unseren Tod, als uns klar wurde, dass es dieses Generationen-Wir überhaupt nicht gab und nie gegeben hatte, dass es wie jeder andere Wir-Begriff nur eine Konstruktion war, die sich spätestens mit dem Auseinanderbrechen der Sowjetunion und Bushs »New World Order«-Rede 1991 als obsolet erwies.

Von einem Tag auf den anderen schüttelten nun selbst im engeren Freundeskreis die ersten ihre Angst vorm Atomtod – den einzigen wirklichen Kitt unserer Wir-Konstruktion – ab und generierten Karrierepläne aus Studiengängen, die sie einst nur gewählt hatten, um darin möglichst kommod die Zeit bis zum Weltende abzusitzen. Auf Partys, auf denen wir gestern noch gemeinsam »Das letzte Biest am Himmel« von den Neubauten mitgesungen hatten (»Im Osten auf/Der Osten ist rot/Im Westen unter«), war plötzlich sowohl weltpolitisch als auch persönlich »die Zukunft« zum Hauptthema geworden. Und bei denen, die da nicht mittun konnten, wurde viel über Depressionen gesprochen, jedenfalls bis nachts um zwei. Dann ging man tanzen – in einen dieser Technoclubs, die plötzlich überall aus dem Boden schossen.

Wenn ich heute Dokus über diese frühe Technozeit sehe, bin ich immer wieder verwundert, wie unterschiedlich Menschen dieselben Bilder wahrnehmen können. In meinem Umfeld hatte Techno seinerzeit absolut nichts mit Lebensfreude zu tun – nur mit überbordendem Nihilismus, den eine scheinbar neue Droge als zeitweilige Lebensgrundhaltung erträglich machte. In Wirklichkeit hatte es MDMA schon bei den Hippies gegeben, nur war seine Wirkung – das Ausschütten von Glückshormonen – diesen fröhlichen Weltveränderern im Vergleich zu LSD reichlich platt erschienen. Zu Recht. Man musste schon ordentlich düster gesinnt sein, um grundloses Glücklichsein als neue Wunderdroge zu begreifen.

In meinem persönlichen und vom Generationskonstrukt befreiten Rückblick jedenfalls erscheint die Technozeit der Neunziger als eine Art Fegefeuer für Zukunftslose. Das Leben nach dem Tod begann sich mir erst stufenweise zu enthüllen: Als die Love Parade dank erlebnishungriger Berlin-Touristen mit grüngefärbten Schnauzbärten 1997 erstmalig die Millionenmarke knackte. Als die Wirkung der Pillen immer schwächer wurde und immer schneller nachließ. Als die Generation meiner vor Weltgewissen triefenden Lehrer, zu Apologeten des freien Marktes mutiert, 1998 die Regierung übernahm. Als ich merkte, dass ich ebenso gut was Vernünftiges tun könnte in diesem unerwarteten Simulakrum einer Zukunft, das seither kontinuierlich aus dem Wechselspiel frei flottierender Fragmente verschiedenster Vergangenheiten eine scheinbar ewige Gegenwart konstruiert. Leben zum Beispiel.

Der Text erschien erstmals in der Wochenzeitung Jungle World vom 25.08.2016.

 

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